Teil 2 - Kapitel 36

19. September 2015 3.30 Uhr Punta Arenas Bürogebäude am Hafen

Erik wollte gerade das Treppenhaus betreten und Mandolino folgen, da sah er im Augenwinkel eine Photographie an der Wand im Büro hängen. Er packte Pet, der mit den Hunden vor ihm ging, an der Schulter und zerrte ihn zurück. "Was siehst du da für ein Foto hängen?" Pet schaute in die angegeben Richtung. "Da hängt ein Bild von dir und zwar in Uniform." Pet wollte schon weitergehen, bis ihm auf einmal bewusst wurde, was das bedeutete. Am anderen Ende der Welt hing ein Bild von Erik an der Wand in einem Büro am Hafen? Pet und Erik gingen auf das Bild zu. Es war eindeutig Erik auf dem Bild in einer Uniform der Marine. "So was hatte ich noch nie an," meinte Erik sichtlich erstaunt über sein Konterfei hinter der kleinen Bilderglasscheibe. "Aber da stimmt was nicht? Schau mal, da am Ohr sehe ich eine Narbe, das Ohrläppchen ist eingerissen. Bei mir aber nicht. Habe ich einen Zwillingsbruder oder so was? Oder wurde ich gar schon geklont? Und hierhergebracht in der Hoffnung, dass hier niemand herkommt, der das Original kennt." Die anderen waren zusammen mit Mandolino nun zu ihnen gestoßen und hatten sich um das Bild versammelt." Sie deutete auf das Bild und dann auf Erik.

"Carlo Mendes Erikson, mio tio, mein Onkel, das bist du vor fünf Jahren." Erik schüttelte den Kopf. "Nein ich bin Erik Erikson, nicht Carlo Mendes Erikson!" Mandolino schaute ihn ganz erstaunt an. Sie sprach nun auf Englisch weiter. "Du bist nicht Carlo Mendes Erikson? Du sieht aber dem Mann auf dem Bild sehr ähnlich. Entschuldige bitte. Ich dachte du bist der Schwager meines Vaters, den wir seit gestern erwartet haben. Ich dachte, du solltest mich aus der Bar abholen, weil mein Vater mal wieder nicht konnte. Wie bist du in die Bar gekommen und warum hast du mir gesagt, dass ich zum Hafen kommen soll?" Erik überlegte kurz. "Wir haben in der Bar nach dem Weg zum Hafen gefragt und du bist dann mitgekommen. Ich glaube, das alles ist ein ziemlich verrückter Zufall. Ich sehe deinem Onkel aber auch wirklich sehr ähnlich und er heißt auch noch wie ich - Erikson. Vielleicht bin ich ja wirklich mit ihm verwandt. Aber nun haben wir das Missverständnis geklärt und ich glaube, wir gehen jetzt besser. Wir wollen in den Hafen, dort liegt unser Schiff, die Blauzahn." Mandolino ließ sie alle zur Haustüre hinaus und zum Abschluss fragte sie noch, wo denn die Blauzahn liege und wie lange wir noch hier  sein würden? Juris erklärte alles und dann waren die Herren mit den beiden Vierbeinern wieder auf der Straße. Inzwischen war es noch kälter geworden und sie beeilten sich, zum Schiff zu kommen, das sie schon aus einiger Entfernung sahen. An Bord war noch Licht und offensichtlich wurden sie erwartet. Lars stand an der Gangway, als sie angelaufen kamen und mit erhobenen Zeigfinger bedeutete er ihnen, dass er mit ihrem langen Fernbleiben nicht einverstanden war. Juris erklärte den wartenden Piraten alles. Sogar die etwas verworrenen Geschichte mit dem Doppelgänger von Erik. Erst um kurz nach 5.00 Uhr war Ruhe an Bord und alle lagen in ihren Kojen. Erik lag noch einige Zeit wach und grübelte darüber nach, welcher seiner Vorfahren hier nach Südamerika ausgewandert sein könnte. Er fand keine Antwort und schlief endlich ein.    

 

Am Morgen um 10.00  Uhr wurde Erik von Marc geweckt. "Du stehst unten an der Gangway und willst raufkommen. Soll ich dich raufkommen lassen oder willst du draußen bleiben?" Erik reagiert etwas gereizt darauf. "Hör mal zu, du Hilfsnormanne, ich bin ich und das da draußen ist vielleicht ein Alien oder ein Klon. Bitte ihn rauf, ich ziehe mich an und bin gleich in der Messe." Marc, der Hilfsnormanne zog sich gedemütigt zurück und führe die Besucher in die Messe. Carlo Mendes Erikson sah genauso aus wie Erik. Begleitet wurde er von Mandolino.

 

Als sich die zwei Eriksons gegenüber standen, erschraken sie beide sichtlich. Sie sahen wirklich aus wie Zwillingen, nur dass das linke Ohr von Carlo eine lange Narbe zierte. Die größte Unterscheidung waren allerdings die Stimmen. Carlos Stimme war wesentlich höher als die von Erik und seine Hände waren nicht so mit Schwielen bedeckt. Was dann aber passierte, versetzte alle Anwesenden in Erstaunen. Die beiden Riesen umarmten sich spontan und klopften sich zärtlich auf den Rücken. Dann verschwanden die beiden in Eriks Kajüte. Mandolinoi blieb etwas hilflos zurück. Otto nahm sich ihrer an und sie machten es sich auf der Brücke bequem und plauderten. 

 

Nach einer Stunde war der Besuch beendet. Carlo und Mandolino verabschiedeten sich von der Mannschaft und verschwanden wieder. Alle warteten gespannt auf Erik in der Messe, was er denn  zu berichten hatte. Als er eintrat, merkte er sofort, dass man einige Antworten von ihm erwartete. Erst setzte er sich vollkommen gelangweilt wirkend hin und wartete. Lars war der Erste, dem der Geduldsfaden riss. "Jetzt erzähle uns schon, was das mit Carlo auf sich hat. Seid ihr nun verwandt oder nicht?" Erik grinste vor sich hin und nickte ganz vorsichtig, bevor er antwortete. "Ja, offensichtlich sind wir verwandt. Carlos Mutter war eine Cousine meines Vaters und sein Vater ist ihm nicht bekannt. Er ist knapp sechs Monate jünger als ich und in Dänemark geboren. Seine Mutter ist nach seiner Aussage von der Insel weggegangen, weil sie eine Affäre mit jemandem hatte, mit dem sie keine Affäre hätte haben dürfen. Klingt sehr dürftig, was mir Carlo da erzählt hat, aber wie gehen beide davon aus, dass wir so was wie Halbbrüder sind. Klären könnten wir das eventuell über einen Gentest. Wir überlegen uns das beide bis morgen ob wir das wollen oder ob man die Vergangenheit einfach ruhen lassen sollte. Ich wollte es eigentlich schon wissen, Carlo ist sich noch nicht sicher. Wenn er Nein sagt, dann lassen wir das mit dem Gentest." Keiner bestürmte Erik mit irgendwelchen peinlichen Fragen, alle warteten darauf, ob er noch etwas zu sagen hatte. Und Erik hatte noch etwas zu sagen. " Also ich werde mir morgen Blut für den Test abnehmen lassen und dann können wir lossegeln. Wir müssen nicht auf das Ergebnis warten. Ich erfahre es dann von Carlo, wenn es vorliegt. Wir wollen uns auf jeden Fall im neuen Jahr treffen, um mehr voneinander zu erfahren. Das wann und wo liegt an mir. Also müssen wir unseren Zeitplan der Abfahrt nicht ändern. Morgen Mittag können wir lossegeln. Das ruhige Wetter soll noch etwa vier Tage lang so bleiben und das sollten wir ausnutzen. So und jetzt habe ich mächtigen Hunger."

 

Gesagt getan, am nächsten Morgen wurde Erik von seinem Double abgeholt. Gegen 12.00 Uhr kam er zurück und die Blauzahn lichtete voll betankt und mit Proviant versorgt den Hafen. Das offene Meer erreichten sie 22.00 Uhr. Die Falklandinseln würden sie in den frühen Morgenstunden erreichen. Sie mussten die ganze Nacht kreuzen, da es keinen für sie günstigen Wind gab. Sie erreichten die Inselgruppe um 5.15 Uhr und gingen dann auf Kurs Nord-Ost auf die Insel Tristan da Cunha zu. Die über viertausend Kilometer entfernte Insel wollten sie in zehn Tagen erreichen. Die Windrichtung passte nicht ganz zum Kurs, der anlag, aber Lars, Erik und Jan errechneten einen Kurs, der es ihnen ermöglichte, fast ausschließlich unter Segel zu fahren. Bei durchschnittlichen Temperaturen um die zehn Grad und Wellen bis zu zwei Meter Höhe erreichte die Mannschaft fast die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit. Außer heißen Getränke wie Kaffee oder Tee war es nicht möglich, ein warmes Essen zu kochen. Die Blauzahn sprang von Welle zu Welle und kränkte auch immer wieder stark nach Backbord. 

 

Aus dem Tagebuch des Erik Erikson  

 

Es ist einfach verrückt, dass ich am anderen Ende meiner Welt einen Verwandten antreffe. Vermutlich ist er sogar mein Halbbruder. Zum zweiten Mal auf dieser Reise begegne ich Menschen, die mich tief berühren. Meine große Liebe, die nun auf einem anderen Segelschiff vor mir, hinter mir oder sonst wo segelt und ein Verwandter, bei dem die moderne Medizintechnik noch feststellen muss, wie er mit mir verwandt ist. Alleine schon diese beiden Ereignisse haben in mir Gedanken und Gefühle ausgelöst, die ich schon längst vergraben hatte. Nein, das ist falsch. Ich bin Seemann und der versenkt und vergräbt nicht. Seit ich hier auf der Blauzahn bin, bekommt mein Leben immer mehr an Inhalt und eine belebende Dynamik. Zum ersten Mal seit Jahren wünsche ich mir, nochmals sechzig Jahre leben zu können und alles, was da noch zu entdecken ist, entdecken zu können. Und wenn mir heute einer sagen würde, dass ich damit übertreibe, würde ich Nein sagen und mich deshalb auch nicht beeilen, um alles schneller zu erleben. Ich fühle Glück in mir und das will ich festhalten. Und die Blauzahn mit den Piraten ist das Behältnis, das das Glück solange festhält, bis ich es selbst kann.

 

Aus dem Tagebuch des Marc 

 

Seit Stunden segeln wir nun übers offene Meer. Rund um uns herum nur Wasser, giftiges Salzwasser, brodelnd und wild. Über uns Wolken oder auch manchmal etwas Sonne. Keine Vögel und manchmal sehen wir einen Fisch, der die Blauzahn für ein paar Minuten begleitet. Obwohl wir ja eine Mannschaft sind und keiner von uns einsam ist, fühle ich mich gerade sehr einsam. Diese Unendlichkeit auf dem Meer gibt mir das Gefühl, winzig zu sein. Ich habe mir Tristan in meine Kajüte geholt und ihn sehr lange gestreichelt. Das hat mir etwas von meinen Ängsten genommen, als er so vollkommen entspannt mit mir auf dem Boden lag und ich ihn sorglos berühren konnte. Als ich dann seinen ruhigen Herzschlag fühlen konnte, ging es mir besser. 

 

Ich kann mir nicht denken, warum ich so traurig, besorgt und auch ängstlich bin. Irgendetwas bewegt mich, ich weiß aber nicht, was es ist? Waren es die Nachrichten auf einem Fernsehkanal, die ich gestern noch empfangen konnte. Heute ist das nicht mehr möglich. Wir haben keinen Funkempfang oder sonstige Kommunikationsmöglichkeiten.

 

Diese Nachrichten von der Masse an Flüchtlingen, diese Bilder aus dem Nahen Osten, der Krieg, die Gewalt - all das hat mich sprachlos gemacht. Hier in der Geborgenheit der Blauzahn und der Nordstrandpiraten waren die Bilder wie eine emotionale Ohrfeige für mich. Das Morgenland flüchtet in das gehasste Abendland. Diese leichtfertigen Kommentare der Politiker zu diesem Thema erschüttern mich. Vor allem Deutschland, das nun sicher wenig Erfahrungen hat in Bezug auf Massenmigration aus den doch zum Westen sehr unterschiedlichen Kulturkreisen, erscheint mir wie eine naive Freude, die Flüchtlinge aufnehmen zu wollen. Ich kenne das Thema, das jahrzehntelang in meiner Heimat für sehr viel Unsicherheit in der gesamten Gesellschaft gesorgt hat. Es kommen Menschen, Individuen mit sehr unterschiedlichen kulturellen und bildungsbedingten Hintergründen. Menschen - und keine Zahlen oder Daten. Menschen mit Vorstellungen, die nicht die der Mitteleuropäer sind. Dieses Europa, das sich gerade erst selbst am Finden ist, nimmt hier eine zusätzliche riesige Herausforderung auf sich, die man nicht so einfach bewältigen kann. Dieses Europa, das seine eigenen Spielregeln noch nicht gefunden hat, will sich ohne konkrete Spielregeln hier öffnen? Ja, es ist unsere Christenpflicht, hier zu helfen. Aber wie? Was ist sinnvoll und wie macht man das richtig? Ist es das, was mich bewegt? Ich glaube ja. Ich will mehr wissen und bin gerade vollkommen abgeschnitten von allen Informationen.

 

Die Blauzahn ist inzwischen ein eigener Kosmos geworden in dem ich mich sicher fühle. Macht mich deshalb die Welt da draußen unruhig? Bin ich inzwischen unfähig geworden, wieder in den normalen Alltag zurückzukehren? Ich sollte das mit den anderen besprechen. Wie geht es denen damit?

 

Aus dem Tagebuch des Gerrit

 

Wasser, überall nur Wasser um uns herum, Über uns ein unendlicher Himmel und wir rasen für diese Dimension auf einer Nussschale über die Wellen dahin. Mit sechzehn Mann, zwei Hunden und der Erfahrung von über tausend Lebensjahren zusammengerechnet sitzen wir hier auf der Blauzahn und durchpflügen die Wellen. Immer wieder überwältigt mich diese Dimension unserer Reise. Wir besuchen Kontinente, durchleben Abenteuer, die ich bisher nur aus irgendwelchen Fernsehserien kannte. Lernen Menschen kennen, die wir unter den Umständen unseres normalen Alltagslebens nie kennen gelernt hätten. Führen Gespräche miteinander, die ich nie mit jemanden hätte führen können. Ich bin so unsagbar reich geworden, reich an Leben und Inhalten. Ich hatte gedacht, dass mein Leben in langweiligen, aber geordneten Bahnen bis zu meinem Ende verlaufen würde und nun das. Zuhause hatte ich alles geordnet, Patientenverfügung, Testament und Bankvollmachten waren bei einem Anwalt deponiert. Für meine Lieben war, soweit es möglich war, finanziell gesorgt. Ich habe zu Hause immer wieder an den Tod gedacht und hier ist er zu einem Mythos geworden, der weit weg von mir ist. Der Tod hat seinen Schrecken verloren, weil ich nicht auf ihn warte. Er kann auf mich warten.

 

Vielleicht bin ich auch ein wenig arrogant geworden. Wenn ich die Nachrichten sehe, mir die politischen Kommentare anhöre, die Handlungen der sogenannten Mächtigen mir serviert werden, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln. Für wie blöde werden wir denn alle gehalten?

 

Wenn ich von Klimakonferenzen höre, von der Umweltverschmutzung, die mir tagtäglich in Bild und Ton serviert wird, so frage ich mich, warum reden wir so viel darüber und handeln nicht einfach?

 

Hier auf der Blauzahn habe ich zum ersten Mal in meinem Leben die Möglichkeit bekommen, frei von den Zwängen des Alltags darüber nachzudenken. Und was noch besser ist, diese Gedanken kann ich frei aussprechen und erhalte dafür keine billigen Biertisch-Antworten, sondern Antworten aus dem Fundus vieler Lebensjahre. Dieser Fundus ist ein Kapital, das sich im gelebten Leben ansammelt. Diese Weltkugel sollte dreimal so groß sein, damit wir noch viel länger unterwegs sein können."

 

 

Fortsetzung folgt

 

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Kommentare: 3
  • #1

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