Teil 2 - Kapitel 35

28. August 2015 10.00 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Nachdem der Möwenschwarm verjagt war, konnten Erik, Lars und Juris auf die Brücke zurückkehren. Das Bild, das sich ihnen bot, war furchtbar. Überall große Kleckse von Vogelexkrementen, Federn und auch ein paar kleine Fetzen des Haikopfkadavers lagen herum. Es stank furchtbar. Zwei tote Möwen lagen vor dem Masten. 

 

Unter Deck sprach Otto im Kreise seiner Freunde mit einem der an Bord gekommen Polizeibeamten. Die Piraten erfuhren auf diesem Wege, dass es auf der Insel eine Gruppe von revoltierenden Jugendlichen gab, die sich gegen alles stellten, was nach Kapital, Reichtum und Kapitalisten aussah. Die Blauzahn sah nun mal nicht aus wie ein Forschungsschiff, sondern war eine Luxusjacht mit beachtlichen Maßen. Der Polizist erklärte der Blauzahnmannschaft, dass diese Jugendlichen schon einigen Herrschaften sehr böse Streiche gespielt hätten. Luxusautos wurden mit stinkenden Farben besprüht. In einigen Parks von Villen setzte man eine Horde Schweine aus. In Restaurants wurden Schachteln mit Kakerlaken deponiert und diese dann freigelassen. Das mit dem Haifischkopf war allerdings etwas Neues. Man würde versuchen, die Übeltäter zu ermitteln, war sich aber fast sicher, dass diese nicht zu fassen sein würden. Für die Beseitigung der Rückstände auf Deck empfahl der Polizeibeamte ein örtliche Unternehmen, das einer kleinen Werft angeschlossen war.

 

Da man auf der Brücke weder das Steuerrad noch die Motorenhebel anfassen konnte, wurde die Blauzahn an einen anderen Liegeplatz geschleppt, wo dann die Reinigungsmannschaft an Bord kam. Fünf junge Männer, bewaffnet mit Müllsäcken, großen Bürsten, Reinigungsmittel, Lappen und einem Dampfstrahler kamen an Bord und begannen erst einmal den Fischkopfkadaver inklusive den stinken Hundekissen zu beseitigen. Dann wurde der andere grobe Schmutz mittels Bürsten und Dampfstrahler beseitigt. Die Hundelounge musste auseinandergebaut werden, um sie von allen Schmutzteilen und Gerüchen zu befreien. Zum Schluss wurden mit viel Handarbeit alle Teile blankpoliert. Nach über fünf Stunden war die Arbeit beendet und die Kasse der Blauzahn um über dreitausend Euro erleichtert.

 

Am späten Abend fuhren sie zurück in den Hafen. Die Lust auf einen Inseltrip war allen vergangen. Für den nächsten Morgen war dann geplant, die Vorräte sowie die Treibstoff und Wassertanks aufzufüllen. Dann wollte man die Insel gegen Mittag verlassen. Pet plante für den Morgen noch einen kleinen Einkaufstripp in die Inselhauptstadt, um dort neue Kissen für die Hundelounge zu besorgen.

 

Alle waren einfach tief enttäuscht darüber, dass das Ende ihrer Wohlfühlparty durch diesen Zwischenfall ein ungutes Gefühl bei ihnen hinterließ, das man nicht einfach wegwischen konnte. In der folgenden Nacht waren die Hunde und jeweils eine doppelte Wache an Deck, weil sie vermeiden wollten, dass sich ein solchen Ereignis nochmals wiederholen konnte.

 

29. August 2015 14.30 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Leinen los und die Blauzahn ging auf Kurs Pitcairninseln. Sechszehnhundert Kilometer über den Südpazifik. Mit geringem Wind aus Nordwest und einem mäßigen Wellengang erreichte die Blauzahn unter vollen Segeln gerade mal zwölf Knoten die Stunde. Sie würden also am 1. September gegen Abend das kleine britische Inselarchipel erreichen. Obwohl die Insel mit fast fünfundvierzig Einwohnern reich bevölkert war, wollten sie dort doch nicht landen. Ihr nächstes Ziel war die Isola de Pascoa. Die Osterinsel gehört zu Chile und bot die Plattform für die Nordstrandpiraten, um weiter nach Südamerika zu segeln. Die fast fünfzehnhundert Kilometer wollten sie in ebenfalls drei bis vier Tagen schaffen, sofern das unsichere Wetter das erlauben würde.

 

Lars und Otto hatte den Vorschlag gemacht, den Schicht - und Wachtplan zu ändern. Ab sofort sollten jeweils vier Mannschaftsmitglieder bis zu sieben Stunden auf der Brücke sein. Das bedeutete, dass die Arbeit unter Deck sowie die in der Kombüse nun vom vierten Mann der Schicht übernommen werden musste. Das ging auf Marcs Wunsch hin, denn er wollte sich mehr in die Arbeit an Deck einbringen. Das bedeutete für alle, dass sie eine Sieben Stundenschicht hatten und danach einundzwanzig Stunden frei. Diese Schichtplanung sollte so lange beibehalten werden, solange sie noch im Pazifik waren und dann noch bis zum Ende der Umrundung des Kap Horn. Auf der Höhe der Falklandinseln wollten sie dann besprechen, ob sich diese Einteilung bewährt haben würde.

 

Am 1. September 2015 um 20.00 Uhr sahen sie im Abendrot die Pitcairninseln. Gegen 22.00 Uhr schlug das Wetter um. Der Wind frischte auf und kam nun von Süden und die Wellenkämme hatten eine Höhe von teilweise zwei Metern. Lars, der zu dem Zeitpunkt das Kommando auf der Brücke hatte, entschied sich zu kreuzen und nicht mit Motorkraft weiterzufahren. Weder auf Sichtweite noch auf dem Radar waren Schiffe zu sehen. Die Fahrt wurde immer unruhiger, obwohl das Wetterradar und die Wettermeldungen keinen Sturm oder eine andersgeartete Schlechtwetterfront vorhergesagt hatten. Um 1.00 Uhr am 2. September übernahm Erik mit seiner Crew die Brücke. Er hatte alle Wetterdaten gesammelt, die er finden konnte und entschied sich weiter nördlich zu segeln, da er dort weniger Wellen und günstigere Winde festgestellt hatte. Die Blauzahn entfernte sich fast einhundert Kilometer von ihrem ursprünglichen Kurs in Richtung Norden. Aber nach fast vier Stunden wurde die See ruhiger und die Freiwachen konnten endlich schlafen. Am 6. September um 10.00 Uhr sahen sie im Süden die Osterinsel. Nachdem die Inselgruppe aus dem Sichtfeld der Nordstrandpiraten verschwunden war, änderte Juris, der zu diesem Zeitpunkt die Brücke inne hatte, den Kurs auf Südwest. Ein Idealer Wind, eine passende Strömung und geringer Wellengang ermöglichte es, dass die Blauzahn ihre Fähigkeiten als schneller Segler unter Beweis stellen konnte. Mit fast zweiundzwanzig Knoten raste sie der Südspitze des südamerikanischen Kontinents entgegen.

 

Ohne weitere oder auch größere Probleme oder Wetterkapriolen erreichte die Blauzahn am 18. September 2015 um 9.00 Uhr den Hafen von Puna Arenas. Müde und sehr glücklich machten sie ihr Schiff im Hafen an einer freien Mole fest.  Sie waren nun mit zwanzig Tagen die längste Zeit auf offener See und nur zwölf Stunden davon waren sie mit Motorkraft unterwegs gewesen. Vorgesehen war ein Aufenthalt von knapp dreißig Stunden. Die Zeit sollte genutzt werden um die Lebensmittelvorräte aufzufrischen und die Wassertanks zu füllen. Ohne größere Problem durfte Pet zusammen mit Erik und Juris mit den Hunden an Land. Sie mieteten sich einen Van und fuhren raus aus der Stadt. Hunde wie Menschen brauchten dringend ein bißchen Bewegung und Juris fand nach einer halben Stunde Fahrt ein kleines Wäldchen in Ufernähe - weit außerhalb der Stadt. Allerdings hatten die Zweibeiner das Wetter im Süden unterschätzt. An Bord der Blauzahn waren sie in den letzten Tagen immer mit dicken Pullovern und Jacken bekleidet auf der Brücke gewesen. Dass es hier an Land aber noch kälter war hatte keiner gedacht. Also ließen sie die beiden Hunde erst einmal ordentlich laufen und fuhren dann kurz in die Stadt, um sich dort ein paar dicke Daunenjacken zu kaufen. Danach fuhren sie wieder aufs Land, um den Spaziergang fortzusetzen. Für Erik hatten sie eine sehr große Jacke aus Schaffellen kaufen müssen, da es in seiner Größe keine Daunenjacke gab. In der Jacke sah er eher aus wie ein Trapper aus einem alten Western, aber nach seiner Aussage zu urteilen, war die Jacke sehr warm und erfüllte damit ihren Zweck. Man sah den beiden Hunden an, dass sie die Freiheit sehr genossen und man spürte, als man bei der Abenddämmerung die beiden wieder in den Van brachte, dass ihnen das nun gar nicht gefiel.

 

Jan hatte im Hotel Dreams Del Estrecho Tische für ein ausgedehntes Abendessen reservieren lassen. Ein gemieteter Bus brachte dann um 20.00 Uhr die Nordstrandpiraten mit den beiden Vierbeinern zum Hotel. Die Hafenbehörde hatte zwei Mitarbeiter zur Bewachung der Blauzahn abgestellt und so konnten sie alle unbesorgt den Abend genießen. Offensichtlich war die Mannschaft der Blauzahn schon in der südlichsten Großstadt des Doppelkontinents bekannt, denn jeder der Mannschaft wurde mit seinem Namen sehr überschwänglich von dem Direktor des Hotels begrüßt. Sie wurden, bevor sie an ihre Tische geleitet wurden, noch zu einem Fototermin gebeten. Die örtliche Presse war zugegen und alle mussten kurze Interviews geben. Otto unterbrach das Ganze, da alle doch etwas hungrig waren und die beiden Vierbeiner auch schon sehr nervös wurden. Für den nächsten Vormittag vereinbarte Otto einen Pressetermin am Liegeplatz der Blauzahn. Nachdem die Journalisten sich mit diesem Termin einverstanden erklärten, konnten die Nordstrandpiraten endlich zum gemütlichen Teil des Abends übergehen.

 

Die Tische für die Piraten waren vor einer Panoramascheibe platziert. Von dort aus hatten alle einen Blick auf das Meer, das zu dieser späten Stunde in einem Licht beleuchtet wurde, das teilweise künstlich aber zum größten Teil vom Mond und den Sternen stammte. Die Tafel war reich gedeckt und die Nordstrandpiraten genossen es, sich bedienen zu lassen und ein Essen genießen zu können, das jeder von ihnen in zwei Worte beschreiben konnte. Einfach köstlich. Nach dem Essen wurden sie inklusive Trevor und Tristan in einen Rauchersalon geführt. Von dort aus hatten sie weiterhin einen Blick auf das Meer - und durch ein großes Fenster ins Casino. Es war schon sehr spät und einige der Blauzahncrew waren müde, sodass sie beschlossen, dem Casino am nächsten Abend einen Besuch abzustatten.

 

Pet, Jan, Juris und Erik beschlossen, den Weg zurück zur Blauzahn zu Fuß gemeinsam mit den Hunden zu gehen, alle anderen fuhren mit ihrem Mietbus zurück. 

 

Schon als die Wandergruppe auf die Straße trat, stellten sie fest, dass es hier im tiefen Süden in Punta Arenas um 24.00 Uhr sehr kalt sein konnte. Alle hatten zwar dicke Jacken an aber ihr Schuhwerk war für einen längeren Spaziergang bei diesen Temperaturen wenig geeignet. Bei knapp null Grad Celsius hatten nur die beiden Hunde ihren Spaß. Der Verkehr auf der Straße war fast zum Erliegen gekommen, nur ein paar einsame Damen schienen dem Wetter trotzen zu wollen. Die beiden Hunde verhinderten, dass die Herren zu einem teuren Rendezvous angesprochen wurden. Erik meinte zwar, dass es die eine oder auch andere der Damen sicher wert gewesen wäre, vor dem kalten Wetter gerettet zu werden, aber Juris schob ihn kommentarlos weiter. Jan hatte sich offenbar über die sozialen Verhältnisse hier im tiefsten Süden Chiles informiert und dozierte über die zunehmende Verarmung der Bevölkerung und die Zunahme der Prostitution. Diese Ablenkung sollte eigentlich nur dem gerade fühlbaren Problem der sehr niedrigen Temperatur dienen. Nach gut dreißig Minuten froren alle erbärmlich, zudem windete es vom Meer her sehr kräftig. Nach weiteren zwanzig Minuten meinte Jan, dass sie jetzt eigentlich am Hafen sein sollten und die Blauzahn in Sicht. Aber weder Meer noch die Blauzahn waren zusehen. Sie waren in einer sehr unbelebten Straße mit einer Straßenbeleuchtung, die diesen Namen nicht verdiente. Überall lag Müll herum und soweit man die Fassaden der Häuser erkennen konnte, mussten sie sich in einer sehr ärmlichen Gegend der Stadt befinden. Trevor und Tristen blieben bei den Piraten, denn sie hatten offensichtlich auch die Lust auf Abenteuer und Erkundung verloren. Dann begann es noch zu nieseln. Inzwischen war es schon weit nach ein Uhr und Jan musste zugeben, dass sie sich verlaufen hatten. Das Navi auf seinem Handy versagte mangels Empfang ganz und gar und sie beschlossen, bis zur nächsten größeren Straßenkreuzung zurückzugehen. Erik hatte eine kleine Taschenlampe dabei und leuchtete damit die Häuserfronten ab.  "Freunde, das sind keine Wohnhäuser. Wir sind hier irgendwie auf einem Industriegelände gelandet.." Dann deutete er auf eine Lücke von zwei Gebäuden. "Dort ist das Meer, dort vorne sehe ich so etwas wie einen Zaun und ein offenes Tor. Gehen wir noch ein Stück gerade aus, dann müssten wir wieder auf einer öffentlichen Straße sein." Erik hatte recht. Sie erreichten nach ein paar Minuten wieder eine Straße die etwas besser erleuchtet war. Sie wussten aber immer noch nicht, wo sie waren oder wo sie nun hin mussten. In einiger Entfernung entdeckte Jan die leuchtende Silhouette eines höheren Gebäudes. Sie gingen darauf zu und fanden sich auf einem großen Platz wieder. Leider war immer noch niemand zu entdecken, den sie fragen konnten, wo sie waren und wie sie zum Hafen kommen würden. Dann sah Juris die noch hell erleuchtete Fassade einer Bar. Die schien noch geöffnet zu sein. Juris und Jan gingen hinein, Pet, Erik und die Hunde warteten draußen. Inzwischen war es 2.30 Uhr und selbst Erik, der eigentlich Kälte gewohnt war, begann sich über die Temperatur, die er zu ertragen hatte, zu beschweren. Um sich etwas warm zu halten, gingen sie draußen vor der Bar auf und ab. Nach einer Wartezeit von fünfzehn Minuten kamen die beiden Barbesucher endlich wieder heraus. Beide hatten eine üble Schnapsfahne. Sie hatten irgendein undefinierbares alkoholisches Getränk zu sich genommen, aber beide waren jetzt der Meinung, dass es gar nicht mehr so kalt sei. Ungeduldig fragte Erik Jan, ob er jetzt wisse, wie sie zum Hafen kommen würden. "Nein, ich habe vergessen zu fragen. Ich gehe nochmals rein und frage." Erik hielt ihn fest. "Ich gehe jetzt rein und frage, aber ohne mich zu besaufen." Und es dauerte mehr als zehn Minuten bis Erik auftauchte. Im Schlepptau hatte er einen jungen Mann oder vielleicht auch eine Frau, das war in dem diffusen Licht nicht zu erkennen, zudem sprach die Person mit einer Stimme, die keinem der beiden einem Geschlecht ohne weiteres zuzuordnen war. Als sie die beiden Hunde erblickte und erschrak, musste sie Erik festhalten, um sie an der Flucht zurück in die Bar zu hindern. Während Erik beruhigend in Englisch auf die geheimnisvolle Person einredete, beruhigte sie sich, um sich dann dem grausamen Schicksal zu ergeben, das ihr vermeintlich bevorstand. "Eindeutig weiblich." murmelte er vor sich hin und stellte sich vor sie auf die Straße. Auf Spanisch und Englisch befragte Jan das weibliche Wesen. Als sie begriffen hatte, um was es ging, beruhigte sich die junge Frau und machte Anstalten, den Herren den Weg zu zeigen. Als sie losgehen wollten, kam ein junger Mann aus der Bar gelaufen, sah die junge Frau und wollte auf sie zueilen. Als er aber Erik sah, der neben der ihr stand, stoppte er, rief ein paar Worte in die Runde und verschwand wieder in der Bar. Die junge Frau stellte sich nun vor. Sie heiße Mandolino, das verstanden auf jeden Fall die Nordstrandpiraten, und der junge Mann, der gerade wieder in die Bar zurückgegangen sei, sei ihr Part Time Boyfriend. Da konnte sich nun jeder seinen eigenen Reim daraus machen. Immer wieder wiederholte sie die Worte "Harbor, Porto" und "don't worry about the future, everything will be all right" und dann noch "saldrá bien". Die junge Frau eilte ihren sechs Begleitern voraus, bis sie an eine Kreuzung kamen. Dort musste sie sich offensichtlich kurz orientieren und bog, ohne sich umzuschauen, nach rechts ab. Nach etwas mehr als zehn Minuten sahen sie den Hafen. Erik konnte sich daran erinnern, wie der Weg nun sein musste, den sie zu gehen hatten. Die junge Frau war nicht zu bremsen. Zielorientiert lief sie auf ein Haus zu, das einige Meter vor der Einfahrt zum Hafen war. Sie schloss mit einem Schlüssel auf und bat ihre Begleiter nach drinnen. Ohne zu wissen, was die Frau vorhatte gingen sie alle mit, denn sie wollten sich bei ihr noch für ihre Hilfe bedanken und sicher sein, dass sie wohlbehalten zu Hause angekommen war. Mandolino machte das Licht an und alle sahen, dass sie sich in einem großen Büro befanden. Erik versuchte sie zu befragen, was sie hier sollten, sie winkte nur ab und bat die Piraten ihr ins Treppenhaus zu folgen.

 

Keiner konnte sich vorstellen, was für ein Büro das war und wo Mandolino sie hinführen wollte.

 

 

Fortsetzung folgt

 

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