Teil 2 - Kapitel 34

28. August 2015 5.00 Uhr auf der Blauzahn

 

Die Party war ein Erfolg. Die Nordstrandpiraten hatten ein wunderbares Motto für ihre Feier gefunden. "Glücklich sein", das waren die beiden Worte, die jeder für sich auf einen Merkzettel geschrieben hatte. Jeder hatte sich diesen Zettel in seine Hosentasche geschoben und immer wenn jemand während der Feier in eine negative Stimmung zu fallen ansetzte, holte er den Zettel mit diesen beiden Worten aus den Hosentasche und hielt das Stück Papier in die Höhe. Das musste nur zwei Mal an diesem Abend gemacht werden, dann hatten es alle verinnerlicht und genossen den Abend.

 

Nicht der Alkohol, der an diesen Abend sehr spärlich floss, war es, der die Stimmung so positiv beeinflusste, es war ganz einfach das Motto, das alle beflügelte. Und wenn zwei Worte es schafften, dass sich alle wohl fühlten und das Piratendasein genossen, dann hatten sie an diesem Tage eines der großen Ziele ihrer Reise erreicht konnten es feiern. Jeder wusste, dass sie sich ständig weiterentwickelten, aber nicht jedem war bewusst gewesen, was für Auswirkungen es tatsächlich auf sie hatte.

 

Erst um 5.00 Uhr am Morgen gingen die letzten ins Bett.

 

Aus dem Tagebuch des Mathias

 

Als einer der Ideengeber und Initiatoren der Nordstrandpiraterie habe ich versucht, herauszufinden, ob wir denn außer den offensichtliches Veränderungen in unserer Gemeinschaft noch mehr erreicht haben. Also stellte ich mir selbst und auch den anderen immer wieder die Frage, warum sind wir noch auf dem Schiff und was hat sich für jeden Einzelnen persönlich wirklich in seinem Leben verändert. Ich war erstaunt darüber, was ich mit dieser Frage, die ich nicht laut äußern musste, an Antworten einfangen konnte.

 

 

 

Warum Nordstrandpiraten?

 

Als die Nordstrandpiraten losgesegelt sind, hatten sie einige gemeinsame Ziele und jeder für sich noch eigene Ziele, was sie auf dieser Reise für Erwartungen hatten. Was diese Reise für Lehren, Erlebnisse und eventuelle Erkenntnisse für jeden bringen könnte.

 

Immer wieder definierte jeder für sich diese Ziele neu oder die ersten Erwartungen erfüllten sich. Jeder der Mannschaft bewertete die Ereignisse dieser Reise für sich. Je länger sie unterwegs waren, umso ausgeglichener, ähnlich wurden diese Ziel und Erwartungen jedes der Piraten. Den Erfahrungsschatz, den jeder mit jedem Tag, den sie unterwegs waren, für sich einsammelte, füllte jeden aus und brachte fast alle dazu, ihre bisherigen Standpunkte, Philosophien und festgefügten Meinungen neu zu überdenken.

 

Alle sechzehn Crewmitglieder auf der Blauzahn fühlten sich als Gemeinschaft, keiner wollte eine Änderung im Zusammenarbeiten und Zusammenleben. Jeder fühlte, dass sich vieles in ihm veränderte. Alter, Zeit, persönliche Vergangenheit und Betrachtungen mussten einer neuen Lebens- und Zeitrechnung weichen.

 

Das Angebot des Unbekannten aus Gotland hatte zudem einen neuen Denkprozess bei den Piraten in Gang gesetzt. Ihnen war bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen, dass sie mit ihrer Gemeinschaft etwas Besonderes geschaffen hatten, auf das man für eventuelle Zukunftsmodelle aufbauen konnte. Waren sie damit zu Gesellschaftsforschern und Philosophen geworden? Vielleicht war das so, aber das hatte noch nicht ganz in ihr Bewusstsein vordringen können.

 

Ihre Tischgespräche erhielten immer mehr einen gesellschaftpolitischen Charakter, die Denkweisen erweiterten sich, kritische Gespräche wurden auf einer hitzigen und doch sehr friedlichen Art und Weise geführt. Zynismus als Vehikel für humorvolle Betrachtungen zulassend, waren alle Diskussionen und Wortgefechte gehaltvoll und nie langweilig.

 

Mehrere Fragen beschäftigten die Nordstrandpiraten immer wieder. Eine davon war das Thema Erfahrungsschatz. Wären sie heute so, wie sie sind, wenn sie nicht alle diesen Erfahrungsschatz ihres Lebens mit eingebracht hätten? War es von Vorteil, dass sie alle bereits ein sehr arbeitsreiches Leben hinter sich gebracht hatten? Alle hatten diese beiden Fragen mit Ja beantwortet. Ihre unterschiedlichen sozialen Herkunft, ihre uneinheitliche kulturelle Lebensbasis, ihre grundverschiedene Bildung und Ausbildung, ihre verschiedenartigen Arbeitswelten, aus der sie gekommen sind, ihre ungleichen familiären Hintergründe und ihre differenten Lebenspläne machten sie zu einem Lexikon des Lebens. Und erst die erworbene soziale Kompetenz machte es ihnen allen möglich, so eine Gemeinschaft zu leben.

 

Carlo sagte einmal in einem Gespräch über Bildung und Weiterentwicklung, dass er sich nicht vorstellen könnte, dass die Gemeinschaft der Menschen sich trotz höherer und besserer Bildung positiv weiterentwickeln würde, wenn man nicht allgemein an der sozialen Kompetenz der Gesellschaft arbeitete. Er sehe, dass die westlich geprägte Gesellschaft eher einen geistigen Rückfall ins Mittelalter durchlaufe, da Macht und Geld den sozialen Werten davonrennen würde. Recht und Gerechtigkeit wären immer weniger deckungsgleich und die Politik schwimme immer mehr im Schleim der Lobbyisten. Politiker ließen sich für Selbstverständlichkeiten loben und wirklich Außergewöhnliches würde nicht mehr gesehen. Ein Berlusconi in Italien hätte für Jahrzehnte die fragile Glaubwürdigkeit der Politiker endgültig zerstört und hätte trotz aller klar zu erkennenden moralischen Mängeln dieses Menschen immer noch Anhänger. Ein Helmut Kohl in Deutschland, den man für die Wiedervereinigungsszenerie mit Orden behängte, hätte mit der Wiedervereinigung nur die Aufgabe erfüllt, die im Deutschen Grundgesetzt verankert war. Ermöglicht hätten es streitbare Bürger im ehemaligen Osten des Landes und nicht er. Und dann noch die ungeheure Propaganda, mit der dann die Bürger der neuen Bundesländer durch die Heldentaten der Parteimitglieder der damaligen Regierung belogen wurden. Und die Lügen würden weitergehen und die Menschen würden weiter die Augen verschließen. Carlo meinte weiter, politische Lügen wären salonfähig geworden, auch im Musterland Deutschland. Keiner würde dafür bestraft. Die Strafe des nicht-mehr-gewählt-Werdens wäre keine wirkliche Strafe. Großbritannien, das sich immer noch als Weltmacht fühlte, hätte - wie alle anderen westlichen Länder - seinen Mittelstand zerstört. Weltmacht wäre durch Geldmacht sehr sichtbar in diesem Lande ersetzt worden. Dort wäre nun der Mittelstand durch den vernebelten Hoffnungsschleier zu einer leicht steuerbaren Masse geworden. Eine Nation, die durch ihre brutal gierigen Geldhäuser die Weltwirtschaft sehr stark negativ beeinflusst hätte. Aber die Regierenden ließen sich auch dafür weihrauchartig vernebelt lobpreisen, dass sie mit den Steuergeldern der Menschen, die tagtäglich ihrer Arbeit nachgehen, die Wirtschaft gerettet hätten.

 

Solche komplexen gesellschaftspolitischen Aussagen hätte niemand Carlo am Anfang der Reise zugemutet. Er hatte nie eine gute Schulbildung genießen können, nur das Leben und sein Fleiß haben ihm sehr viel an Erfahrungen und Wissen geschenkt. Er sagte von sich selbst, dass erst das Zusammenleben mit den Nordstrandpiraten auf der Blauzahn ihn zu einem kritisch und analytisch denkenden Menschen gemacht hätte. Als er auf der Blauzahn angeheuert habe, hatte er vor allen anderen Mitgliedern große Angst gehabt, da nach seiner Meinung nach alle anderen ihm an Wissen und Sprache weit überlegen gewesen wären. Früher wäre er eher ein ruhiger Geselle gewesen, der sich nie getraut hätte, seine Meinung so öffentlich kund zu tun. Nun aber fühle er sich als einer, der sich hinter keinem anderen zu verstecken brauche. Niemand habe ihn auf der Blauzahn wegen seiner einfachen Sprache je ausgelacht oder verspottet, sondern alle hätten ihm geholfen, diese vermeintliche Fehlerquelle seines Selbstvertrauens zu korrigieren. Das fände er wunderbar, denn so eine Gelegenheit, sich weiterzuentwickeln, hätte er noch nie in seinem Leben bekommen. Dass vor allem die sozialen Fragen und die Politik ihn so fasziniert hätten und er dabei von allen etwas lernen konnte, lag daran, dass sich hier keiner als Politideologe oder Glaubensfanatiker hervorgetan habe.

 

Auch Greg erkannte für sich, dass er eine Wandlung seiner Lebensphilosophie erlebt habe. Als Kind war er in sehr geordneten Verhältnissen aufgewachsen und ging später durch intensive Erlebnisse in eine ganz andere als von den Eltern und auch von ihm geplante Lebensrichtung. Greg fand auf der Blauzahn zu vollkommen anderen Emotionen, wie er sie jahrzehntelang für sich in Anspruch nehmen durfte. Die Liebe zu den Menschen war für ihn über Jahrzehnte nur auf seelsorgerischer Ebene möglich. Er versagte sich die körperliche Liebe, weil diese für einen Mönch nicht erlaubt war und weil er sich immer einbildete, dass die Körperlichkeit ihn von seinem Glauben zu sehr ablenken würde. Und nun sehe er so viele wunderbare Beispiele um sich herum, die ihm nachhaltig zeigten, dass es die Mischung aus Sehnsucht, Verbundenheit, dem geistigen Verstehen und der körperliche Liebe wäre, die zu einem erfüllten Leben mit dazu gehörten. Ohne ginge es nicht, da es ein tiefes menschliches Bedürfnis sei, sich zu berühren und zu lieben. Ein Mann wie er, der sich vor allem auf seine mentale Kraft verlassen hatte, der im tiefen christlichen Glauben seine Erfüllung fand und für den die Nächstenliebe die größte emotionale Erfüllung darstellte, fände auf einmal, dass es auch für ihn wichtig sei, die Liebe körperlich zu empfinden. Pet stellte zu seiner gemachten Aussage die Frage, ob Greg die Erlebnisse auf der Blauzahn als negative Einflüsse auf seine Bestimmung empfunden habe?

 

Nein das sei nicht der Fall gewesen. Er könne allerdings noch nicht konkret beschreiben, was da gerade in ihm vorginge, aber er wolle und könne sich der körperliche Liebe nicht mehr versagen.

 

Jan, der bisher nicht unbedingt durch große philosophische Gedanken aufgefallen war, meinte dazu, dass sie sich einzeln nicht unbedingt neu erfinden würden, aber als Gemeinschaft doch sehr viele bisher nicht passende Lebensphilosophien zusammenbringen und leben könnten. Ein bisher unkritischer Mensch wird zum Analysten für Wirtschaft und Soziales, ein eher Introvertierter, der Körperlichkeit Entsagender wandelt sich zu einem offenen Menschen und Liebesbejahenden.

 

Nachdem diese Gespräche nun immer öfters geführt wurden, spürten alle, dass diese Gemeinschaft die Fähigkeit besaß, jedem von ihnen einen - seinen neuen - Weg zu zeigen. Mit dieser Erkenntnis änderte sich die Qualität im Umgang mit einander noch mehr und die Tischgespräche würden immer inhaltsvoller. 

 

 

 

 

 

28. August 10.00 Uhr auf der Blauzahn

 

Marc war wie immer einer der ersten, die aufstanden. Er fühlte sich verpflichtet, als erster die Kaffeemaschine zu bedienen und den Duft des frischen Kaffees durch das Boot schweben zu lassen. Als erste Gäste in der Messe kamen aber die beiden Vierbeiner angelaufen. Sie wusste doch, wenn sie Marc alleine antrafen, bekamen sie immer etwas Leckeres von ihm. An diesem Morgen hatte er noch etwas zu trockenen Cheddar Käse übrig, den er zu gleichen Teilen an Trevor und Tristan abgab. Nachdem die beiden zufriedengestellt waren, machten sie sich auf, die Brücke zu übernehmen. Kaum waren sie oben, begannen beide laut und heftig zu bellen. Marc und Juris begegneten sich, durch das Gebell angelockt, auf dem Niedergang zur Brücke. Zuerst konnten sie nicht verstehen, warum die beiden vor ihrer Lounge herum bellten, dann schaute Juris in die Lounge hinein und schreckte mit einem angewiderte Gesichtsausdruck zurück. In der Lunge lag ein Haifischkopf. Der Gestank wurde ihm jetzt erst bewusst, den der Tierkadaver verströmte. Zudem war der Kopf übersät mit Fliegen. Dann sahen und hörten Marc und Juris, das sich sehr viele Möwen auf allen möglichen Plätzen auf der Blauzahn niedergelassen hatten. Offensichtlich hatte das Erscheinen der beiden Hunde und dann der Menschen die Möwen von dem Kadaver kurz vertrieben. Jetzt flogen diese Vögel aber wieder zum Fischkopf, um sich einige Aasbrocken herauszupicken. Da die beiden Hunde sich nun gegen die Invasion der Möwen zur Wehr setzten wollten, attackierten einige Möwen die Hunde und dann noch Marc und Juris. Juris packte die beiden und die vier zogen sich von der Brücke zurück. Über die Bordsprechanlage wurden alle informiert und der Schiffsnotstand ausgerufen.

 

In der Messe besprachen die Nordstrandpiraten das Problem, denn mit jeder Minute nahm die Anzahl der Möwen zu, die auf die Blauzahn kamen. Ein weiterer Versuch von Erik, die Brücke zurückzuerobern, endete mit einem bösen Angriff von mehreren Möwen auf seinen Kopf. Gerrit musste ein paar Schrammen, die Erik davongetragen hatte, behandeln.

 

Mit der Zeit war es unmöglich, sich der Brücke zu nähern und die Piraten mussten sich überlegen, wie sie der Situation Herr werden könnten. Zudem war keinem klar, wer und warum sich ein Haifischkopf dort oben befand. Was Erik am meisten wunderte, war die Aggressivität der Möwen. Unter normalen Umständen hätte man sie mit heftigen Bewegungen oder mit einem Besen vertreiben können, diese Möwen aber nicht. Durch die Panoramascheibe in der Messe sahen sie, dass sich auf dem Kai Menschen sammelten, die das Schauspiel der Möwen auf der Blauzahn mit Interesse verfolgten.

 

Erst nach einer Stunde, in der sich die Mannschaft in ihrem Schiff gefangen sah, kam ein Polizeiboot längsseits der Blauzahn und ein Uniformierten kämpfte sich durch den Vorgelschwarm zur Messe durch. Die Uniform des Mannes war von den Verdauungsresten der Möwen bekleckert. Lars berichtete dem Uniformierten, der zur Polizeitruppe von Tahiti  gehörte. Der wollte erst gar nicht begreifen, was da vor sich ging. Dann informierte er seine Kollegen auf dem Boot, das längsseits lag und von dort aus wurden einige Vögel unter Beschuss genommen. Der Vogelschwarm zog sich daraufhin zurück und der Polizist ging mit Erik, Lars und Juris nach oben auf die Brücke.

 

Der Anblick der sich ihnen bot, trieb den dreien Piraten Tränen in die Augen.

 

Fortsetzung folgt

 

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