Teil 2 - Kapitel 28

11. August 8.00 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Der vorangegangene Abend war doch etwas anstrengender gewesen, als die Piraten sich das vorgestellt hatten. Sascha Wolkow hatte sich ganz zum Schluss noch auf Lars gestürzt, um unter Einsatz von etwas heftiger körperlicher Präsenz und Alkohol doch noch irgendwelche nicht vorhandenen Geheimnisse aus einem der Mannschaft herauszulocken. Lars konnte nur mit seiner unerschöpfliches Willenskraft Saschas Angeboten widerstehen. Er erzählte ihr ein paar Belanglosigkeiten, die er allerdings so aufbauschte, dass sie begeistert zuhörte, bis sie neben ihm einschlief. Er beobachtete später, dass ihr Bruder sie in den Arm nahm und von der Party wegbrachte.

 

Pet und Erik mussten noch um Mitternacht einige Schäden am Golfplatz beseitigen. Jemand hatte Tristan verführt und ein paar Knochen vergraben. Tristan hatte das Spiel begeistert  mitgemacht und weil er so erfolgreich gewesen war, hatte er noch ein paar weitere Löcher gegraben, allerdings dann ohne den Erfolg eines Knochenfundes. Gegen 2.00 Uhr waren die Schäden beseitigt und Trevor, Tristan, Erik und Pet kamen als letzte auf die Blauzahn und in ihre Kojen.

 

An diesem Morgen gab es für alle entweder Tee oder Kaffee, denn zu mehr war Marc nicht in der Lage. Brot hatte er weder gebacken noch besorgt und so war das der Beginn einer kurzfristig angesetzten Diät.

 

Der Tage hatte träge begonnen und das Wetter lud dazu ein, dem Müßiggang zu frönen. Alle hatten sich eine Platz auf dem Deck der Blauzahn gesucht, wo sie sich bequem und in Ruhe hinlegen konnten. Die Persenning wurde gegen Mittag aufgespannt und der Schatten versprach ihnen allen, dass es etwas kühl bleiben würde und sie alle den Tag geruhsam genießen konnten.

 

Die erste unangenehme lauwarme Überraschung kam um 13.00 Uhr. An der Gangway stand Sasha Wolkow und rief laut nach Lars. Alle hörten es, aber keiner hatte Lust, aufzustehen und nachzuschauen, was denn die Wolkow wollte. Vor allem von Lars, der sich auf dem Vorschiff ein schattiges Plätzchen eingerichtet und eine gute Zigarre angesteckt hatte. Eine gute Zigarre und das Geschrei einer Frau, auch wenn es eine attraktiven Frau war, passten nicht so ganz zusammen. Zigarre war für Lars der Inbegriff von Ruhe, Zufriedenheit und Genuss und er wollte sich dabei nicht stören lassen. Sasha gab aber nicht nach. Immer wieder rief sie seinen Namen. Sie besaß wenigstens den Anstand, nicht ungefragt auf die Blauzahn zu kommen. Aber das Geschrei lockte irgendwann Tristan und Trevor zur Gangway. Als die Dame nicht aufhören wollte zu rufen, begannen die beiden erst leise und dann immer lauter zu bellen. Das war inzwischen selbst für einen tiefenentspannten Greg zu viel und er war derjenige, der zur Gangway ging, um für Ruhe zu sorgen. Zuerst verwies er die beiden bellenden Schiffshunde zurück auf ihre Plätze und dann wandte er sich der Dame auf dem Festland zu. "Warum müssen Sie für so viele Unruhe sorgen? Wir halten Mittagsschlaf und der geht in der Regel von 12.00 Uhr mittags bis etwas 18.00 Uhr am Spätnachmittag, dann essen wir und dann sieht man weiter. Wenn sich einer von dieser Regel abbringen lassen muss, dann sollte das ein sehr wichtiger Grund sein, warum er sich hier stören lassen sollte." Erstaunt schaute Sasha Greg an. Sie hatte ihn sicher auf der Golfparty gesehen, aber nicht richtig wahr genommen. Was war das denn für ein Typ? dachte sie bei sich und überlegte dann, was sie antworten sollte. Dabei wollte sie einfach nur Lars sprechen. Dass man ihr den Zutritt zur Blauzahn quasi verwehrte und man sie hier auf dem Pier stehen ließ, ärgerte sie schon. Dass die Blauzahn einen Türsteher oder besser einen Gangwaysteher hatte, wunderte sie schon. Heute morgen hatte sie schon ihr Bruder zurechtgewiesen, weil sie während der Party eingeschlafen war. Er hatte ihr Verhalten als ungebührlich bezeichnet. Und nun stand sie schreiend auf der Pier und wurde von einem Typ zurechtgewiesen, weil sie einfach etwas laut gerufen hatte.

 

"Entschuldigen Sie bitte, dass ich etwas zu laut gerufen habe, aber ich dachte, vielleicht hört mich niemand, wenn ich zu leise bin. Ich weiß ja, dass Sie alle etwas angejahrt sind und da ist das Gehör auch nicht mehr das Beste. Also kann ich mit Lars sprechen?" Greg schluckte ein paar Mal, weil er diese freche Antwort gar nicht erwartet hatte. Er überlegte, was er dieser Dame nun antworten sollte. "Wie ist denn Ihr Name, wen darf ich Kapitän Larsen melden? Wissen sie, er meditiert gerade und da lässt er sich nicht so gerne stören. Vor allem vorlaute Mädels kann er da nicht brauchen. Wir lassen sowieso nur Frauen, die volljährig sind an Bord."

 

Sasha merkte, dass sie so nicht weiter kam. Was hatte sie denn geritten, dass sie sich so albern benahm? Sie war verärgert, weil sie nun wusste, dass Lars sie gestern Abend vorgeführt hatte, aber dass sie sich nun so peinlich verhielt, wurde ihr jetzt erst bewusst.

 

Sie wusste um ihre Wirkung, wenn sie ihren Demutsblick aufsetzte. Bisher konnte ihr da kein Mann widerstehen, also Demutsblick mit eine Prise lasziver Weiblichkeit und dann noch der hilflose Mädchenaugenaufschlag und los ging es auf die Gangway. Mit gebeugtem Haupt stand sie Greg gegenüber und flüsterte eine Entschuldigung. Zweimal musste Greg fragen, was sie da gesagt hatte und jedes Mal war er ein bißchend näher an sie herangerückt. Dann konnte er es wahrnehme, dieses Eau de Toilette. Er saugte es durch seine Nasenlöcher ein und in seinem Kopf flogen auf einmal Friedenstauben herum. "Warten Sie bitte kurz, ich hole Lars." Das Zölibat hatte ihm gerade einen Tritt versetzt und er musste den Schmerz loswerden. Lars kam nach einer Minute, die Zigarre locker in der Hand und mit einem Blick, den nicht mal der Weltmeister im Dauerpokern aufsetzen konnte. Nichtsagend und etwas gelangweilt kam er auf sie zu. "Hallo Sasha, schön dich zu sehen. Was kann ich für dich tun? Oder besser, was möchtest du denn hier?" Jetzt auf einmal dämmerte es ihr selbst. Sie wollte zwar ein Interview haben, aber es war mehr als nur der professionelle Wunsch nach dem Interview das sie hierher geführt hatte. Sie war einfach fasziniert von der Idee der Blauzahn  und den Nordstrandpiraten. Gestern Abend hatte sie schon gespürt, dass diese Freiheit, die das alles verkörperte, das war, was sie selbst immer gesucht hatte.

 

"Ein Interview hätte ich gerne und ein Portion von der Freiheit, die ihr alle so hart erarbeitet habt. Nein ich schmiere dir keinen Honig ums Maul, ich meine das ernst.  Ich will mehr erfahren.  Bitte erzähle mir mehr von dir, von euch und der Idee." Lars schaute sie an, überlegte und nickte kurz. "Gut, aber ich werde die anderen informieren - ich bringe dich erst mal in die Messe."

 

Die Augenpaare, die ihr folgten, als sie zur Messe geführt wurde, konnte sie fühlen, aber es war ihr in diesem Moment egal. In der Messe bat sie Lars, sich zu setzen. Er bot ihr einen Kaffee an und sie wartete dann, bis Lars von seiner Informationstour zurückkommen würde. Lars wollte Otto motivieren, dass er als Pressesprechen mit dazukam, aber der lehnte ab. Auch keiner der anderen Piraten wollte bei dem Gespräch mit dabei sein. Also kehre Lars alleine in die Messe zurück und setzte sich gegenüber von Sasha an den großen Tisch.

 

"Was willst du denn noch wissen? Ich dachte, Otto hat dir schon alles erklärt und ich habe dir auch schon einiges erzählen können. Was soll diese Aufdringlichkeit? Ich begreife das nicht."

 

Sasha schaute etwas beleidigt drein. Sie hatte die Männer der Blauzahn bisher als charmante und seriöse Herren  kennengelernt, das aber war nun doch sehr ablehnend, wie sich Lars ihr gegenüber verhielt. Bei allen Überlegungen vergaß sie, wie sie sich benahm und wie ihr Verhalten doch auf andere sehr merkwürdig wirken musste.

 

"Ich bin also aufdringlich? So empfindest du mein Auftreten?" Sie machte ein Pause, schaute Lars ins Gesicht und suchte dabei den Augenkontakt zu ihm. "Du hast recht. Ich habe mich schlecht benommen, aber wie hätte ich deine oder eure Aufmerksamkeit denn erregen können? In der Rolle der seriösen, braven, langweiligen Frau und Journalistin? Glaube ich kaum, dass ich dann hier sitzen würde. Mein Bruder hat mir geraten, es mit etwas Peinlichkeit zu versuchen, weil ihr das alle nicht ertragen könnt. Randalierend und proletenhaft vor eurer Gangway herumzupoltern. Und war ich erfolgreich? Ich bin gerade über meinen eigenen Schatten gesprungen, habe etwas getan, was mir überhaupt nicht liegt. Aber ich habe mein Ziel erreicht. Ich sitze dir gegenüber. Und wenn es dir nichts ausmacht, dann würde ich nun gerne mit dem Interview beginnen." Ihre Stimme hatte sich verändert, sie saß nun aufrecht und selbstbewusst da, obwohl sie innerlich zitterte, ihr Herz raste und sie spürte eine Panikattacke in sich aufkommen.

 

Lars war erfahren genug, um zu erkennen, dass das alles, was sie da gesagt hatte, nicht passte. Es passte nicht zu Sasha, es passte nicht zu der Situation, nichts war so, wie sie es darstellt. Sie waren alle selbstbewusst genug, um mit einer noch so peinlichen Situation umzugehen. Was wollte Sasha wirklich? Lars schaute sie an. Sie war eine gut aussehende Frau um die fünfzig. Hatte wache und doch warme Augen. Ihr Mund war zum Lachen gemacht, ihre Hände, die sie auf den Tisch gelegt hatte, waren gepflegt und nicht mit Schmuck überladen und verunstaltet. Sie atmete nur etwas zu schnell, das war aber auch alles, was ihm aufgefallen war. Und da war die Vorgeschichte, wie sie sich auf die Blauzahn heraufgemogelt hatte. Und dann war da noch ihr Bruder.

 

Lars betete eher gelangweilt die Geschichte der Blauzahn herunter. Nicht mehr und nicht weniger was auch auf ihrer Homepage berichtet wurde. Ein paar belanglose Details ihrer Abenteuer, die bisher noch nicht veröffentlicht waren, fügte er hinzu. Natürlich bemerkte Sasha dies und hinterfragter immer wieder einige Details, bekam aber keine wirklich interessanten Antworten. Höflich hörte sie sich alles an, bis Lars aufhörte zu sprechen. Dann schaute sie ihn an, ergriff über den Tisch seine Hände und hielt sie fest. "Lars Larson, warum bist du hier? Wer bist du und was veranlasst dich hier zu sein?" Sie hielt seine Hände so fest, dass er sich nicht, ohne Gewalt anzuwenden, von ihrem Griff befreien konnte. Er musste also antworten oder sich befreien. "Wie ich hier auf das Schiff gekommen bin, weißt du schon. Warum ich hier bin? Darauf gibt es viele Antworten. Weil ich es will, weil ich gerade nichts besser zu tun habe. Das ist sicher richtig so, aber es gibt noch ein paar mehr Gründe, die sich im Laufe der Zeit gezeigt haben, dass ich hierher gehöre. Einer der wichtigsten Gründe ist ganz sicher, dass ich hier Freunde gefunden habe, mit denen ich zusammen sein will. Sehr gute Freunde muss ich hinzufügen. Mein Leben hat einen neuen, wunderbaren Sinn bekommen. In meinem Leben vor der Blauzahn war alles strukturiert, geplant, durchorganisiert, so wie es sich für ein Leben in der bürgerlichen Gesellschaft gehört. Ich war auf keinen großen emotionalen Bruch vorbereitet. Als meine Frau mich verlassen hat, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Das Leben als Nordstrandpirat hat mich neu aufgerichtet, mich sehr stark gemacht und mir einen ganz anderen Weg gezeigt, den das Leben noch gehen kann. Ich habe damals gedacht, dass ich nie wieder lieben kann. Ich kann es wieder, aber nicht so, wie es im Duden steht. Ich mag, nein ich liebe dieses Leben mit den Freunden, mit den Hunden." Dabei musste er schmunzeln, denn jetzt konnte er zugeben, dass er sich so sehr an die zwei Fellbrüder gewöhnt hatte, dass sie für ihn einfach zu den Nordstrandpiraten dazugehörten. "Ich habe mich sogar wieder ein klein wenig in eine Frau verliebt. Etwas, was ich mir nicht mehr vorstellen wollte und konnte. Ich lerne jeden Tag Neues, nicht das, was wir so im Alltag lernen. Nein, wie unsere Seele funktioniert, was Freundschaft bedeutet, wie sie jeden Tag neu erarbeitet werden muss. Was es wirklich bedeutet, nur ein Rädchen und trotzdem sehr wichtig zu sein." Wie oft hatte er schon darüber nachgedacht, warum er hier war. Wie oft hatten die Nordstrandpiraten schon darüber gesprochen, warum sie diese Reise machten. Wie oft hatten sie das schon Fremden  erzählt, das Warum und das Wieso. Es variierte einfach, aber die Grundidee war immer die Gleiche geblieben. Die Suche nach dem Glück, nach dem glücklich sein, nach dem ausgefüllt sein.

 

Er schüttelte den Kopf, das Zeichen für Sasha, dass er nichts mehr zu sagen hatte. Schade dachte sie bei sich. Gerne hätte sie erfahren, in wen er sich denn verliebt hatte, auch wenn es nur ein klein wenig war. Wer war die Frau? Sie fühlte etwas in sich aufsteigen, was sie seit langem nicht mehr erlebt hatte. Sie war eifersüchtig, eifersüchtig auf eine fremde Frau und ihr wurde klar, dass sie sich in diesen großen, älteren Mann verliebt hatte. Hals über Kopf, ohne dass sie mehr wusste, als was sie gerade gehört hatte oder das was sie gestern gesehen hatte. Es war einfach so über sie gekommen. Geht das so einfach? Sie hatte keine Zeit mehr, weiter darüber nachzudenken. Lars stand auf und das schien die Aufforderung für sie zu sein, zu gehen. Schweigend liefen sie zur Gangway. Er reichte ihr die Hand und sie nahm sie wieder fest in die ihre. "Sehen wir uns wieder?" fragte sie Lars. Der antwortete sachlich kühl. "Das weiß man nie. Zufälle gibt es zu hauf und wir können uns sehen, wenn wir das wollen. Im Internet kannst du unsere Route verfolgen."  Dann reichte er ihr ein Stück Papier, wo er ein paar Zahlen darauf geschrieben hatte. "Das ist eine Handynummer. Hier erreichst du eine der Initiatoren der Tour für die Ageli. Auch ein Segelschiff, das wie wir rund um den Globus fährt.  Die Mannschaft besteht nur aus Frauen jeglichen Alters. Die Story übersie dürfte wesentlich interessanter sein wie die der Blauzahn. Die Nummer gehört Betty Black, sie ist eine der Initiatorinnen des Ageli Abenteuers. Ruf sie an. Du kannst ihr gerne sagen, dass ich dir die Nummer gegeben habe. Auf wiedersehen Sasha, es war schön, dass ich dich kennen lernen durfte." Nun versuchte er seine Hand zu befreien, aber Sasha ließ das nicht zu, sondern fasste mit der anderen Hand seinen Arm, zog ihn zu sich heran und küsste ihn leidenschaftlich auf den Mund. Lars wehrte sich nicht, er gab sich hin, aber ohne die Leidenschaft zu erwidern.  Der Kuss dauerte gerade einmal fünf Sekunden, dann befreite ihn Sasha von ihrer Umklammerung, drehte sich um und ging, ohne sich umzudrehen. Lars blieb noch ein paar Minuten an der Gangway stehen, bis er sich ebenfalls umdrehte und in seine Kabine ging. Im unteren Gang begegnete er Luigi. "Schau mal in dein Mailkonto. Ich glaube, wir alle haben die gleiche Mail bekommen. Wir sollten uns später darüber unterhalten."

 

Als er die Kabinentür öffnen wollte, rief auch Pet ihm zu, dass er seine Mails mal lesen sollte, denn da wäre etwas Interessantes und doch Verwirrendes hereingekommen.

 

 

Fortsetzung folgt

 

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