Teil 2 - Kapitel 27

10. August 14.30 Uhr Golfplatz

 

Otto stand der Dame mit einem Glas Eiswasser in der Hand gegenüber und wartete darauf, dass sie ihm auf seine Frage antwortete.

"Entschuldigen Sie Otto Kraz, dass ich es versäumt habe mich vorzustellen. Mein Name ist Irina Alexandra Wolkow. Und nein, Semjon ist nicht mein Mann. Semjon ist mein großer Bruder. Aber das war es auch mit den Gemeinsamkeiten, ich meine den Familiennamen und dass wir miteinander verwandt sind. Wir leben auf zwei unterschiedlichen Planeten." Sie schaute Otto an. Kurz musste der überlegen, wie er das Gespräch nun weiterführen wollte oder ob es beenden sollte. Nein, es sollte nicht zu Ende sein, beschloss er. "Und was machen Sie so, Frau Wolkow? Und was finden sie an der Blauzahnmannschaft und deren Geschichte so interessant? Was meinen Sie damit, dass Sie beide auf unterschiedlichen Planeten leben?" Irina Alexandra Wolkow lächelte. Man merkte, dass sie froh darüber war, dass die Unterhaltung nicht geendet hatte. "Nennen Sie mich bitte Sascha, das vereinfacht vieles. Ich bin nicht einfach neugierig und eben Journalistin. Zudem arbeite ich für eine französische Zeitung. Ich wurde losgeschickt, um einen Artikel über die neuen Reichen dieser Welt zu schreibe. Früher waren das die Engländer, Franzosen, Amerikaner und ein wenig auch die Argentinier. Nun aber hat sich das alles sehr verändert. Die neuen Reichen kommen aus anderen Ländern und ich soll darüber schreiben. Und das mit meinem Bruder ist einfach erklärt. Er ist durch und durch Russe und arbeitet für irgendein Ministerium auf Honorarbasis und betreibt eine Informationsgeschäft und organisiert Kontakte. Zudem transportiert er manches Mal irgendwelche unbekannten VIPs in der Welt herum. Die Pjotr I ist sein Ein und Alles. Sein Arbeitsgerät, seine Heimat, seine schwimmende Protzvilla. Mehr kann ich Ihnen nicht dazu sagen, weil ich nicht mehr weiß. Und das mit den zwei Planeten, das dauert zu lange, es Ihnen jetzt zu erklären."

Sascha hatte recht. Kaum hatte sie aufgehört zu reden, wurden die Turnierteilnehmer aufgefordert, wieder auf den Platz zu gehen und weiterzuspielen. Die Verabschiedung endete mit einem gemeinsamen Versprechen, dass sie sich nach dem Golfspiel wiedersehen würden um weiterzureden. Otto war sich darüber im Klaren, dass diese Damen sehr viele Rätsel in sich trug, die er aber nicht unbedingt lösen wollte. Irgend ein Ministerium bedeutete doch, dass sie es wusste, aber nicht darüber sprechen wollte. Es würde sicher ein interessanter Abend werden, sofern sie zum Reden kommen würden.

 

Um 19.00 Uhr war das Turnier beendet und die Nordstrandpiraten feierten sich selbst und ihre Sieger. John hatte gewonnen, er war mit Abstand der Beste. Die letzten Plätze teilten sich Marc, Steffen und Pet. Die drei waren ständig nur mit Albernheiten beschäftigt und konnten oder wollten sich nicht auf das Golfen konzentrieren.

 

Die Abschlussfeier fand im Golfclub statt und dort traf Otto wieder auf Sascha. Sie hatte offensichtlich auf ihn gewartet. In all dem Trubel war es dann niemandem aufgefallen, dass sich die beiden zurückzogen, um ihr Gespräch vom Mittag fortzusetzten.

 

Mit etwas Fingerfood und einem guten Glas Wein versorgt saßen sie sich eine Zeit lang gegenüber, bis Sascha die Unterhaltung wieder aufnahm. "Ich arbeite an einem Artikel über die Verteilung von Reichtum und auch über die neuen Reichen dieser Welt. Das hatte ich schon gesagt. Von meinem Bruder habe ich erfahren, dass diese Insel zu einem der Refugien dieser Klientel geworden ist. Nachdem ich wusste, dass er hier ein paar Klienten herführt und er wusste, an was ich arbeite, hat er mich hierher eingeladen. Von ihm habe ich auch gestern erfahren, dass diese Superjacht Blauzahn hier vor Anker gegangen ist. Euren Internetblog verfolge ich schon seit ein paar Wochen. Ganz schlau bin ich allerdings nicht daraus geworden, denn so ganz klar kann ich das Ziel dieser Reise nicht erkennen. Es soll keine Vergnügungsreise sein, dem widerspricht aber das, was ich heute erlebt habe. Gehört ihr alle auch zu den Reichen, die ihren Reichtum und ihr Leben hinter einem Abenteuer verstecken? So wie Richard Brenson mit seinen Abenteuerreisen und Projekten oder auch einige Politiker, die ihren Reichtum hinter irgendwelchen Umweltprojekten verstecken. Wenn ich mir die Vita der Blauzahnmannschaft anschaue, dann passt das nicht. Überhaupt nicht. Ich hatte mir eigentlich eine Mannschaft aus etwas älteren Beachboys vorgestellt. So Typen, mit denen eine Frau wie ich etwas Spaß haben könnte, aber mich zum Schluss doch für ein gutes und spannendes Buch entscheiden würde. Und was finde ich: Eine Mannschaft aus richtigen Männern. Euch sieht man die Lebenserfahrung an. Ihr wisst, was ihr wollt und doch tut ihr das offensichtlich nicht immer. Das Golfturnier war nicht so das, was ihr wolltet. Euer Kapitän kann sicher gut Golf spielen und der hat sich sehr zurückgehalten. Auch Jan, der hat mehrere Male so bewusst Fehler gemacht, dass ich nur den Kopf schütteln kann. Und ich weiß, wovon ich spreche. Ich spiele seit gut zwanzig Jahren Golf. Aber ich weiche ab von dem Thema, über das ich sprechen wollte. Ich wollte über Reichtum sprechen und die Reichen und wollte einfach nur wissen, ob ihr dazu gehört oder nicht." Otto schaute sie verdutzt an, denn wenn sie den Blog gelesen hatte, war diese Frage unnötig und sinnlos. Sie musste wissen, dass diese Reise von einem Sponsor finanziert wurde und sie alle nicht zu den sogenannten neuen Reichen gehörten. Sascha sah im Gesicht von Otto, dass er an ihren Ausführungen zweifelte und ihre Frage nicht beantworten wollte. Sie räusperte sich kurz und versuchte Otto erneut für sich zu gewinnen. "Gut Otto Kraz, ich sehe, dass Sie mir nicht ganz glauben. Sie haben recht, meine Fragen und Ausführungen waren der Versuch, sie ein wenig anzulocken. Entschuldigen Sie, ich habe sie unterschätzt. Ich bin einfach neugierig, mehr über die Blauzahn zu erfahren. Ich glaube auch nicht, dass ich da irgendetwas für meinen Artikel über die neuen Reichen finde. Warum gibt es die Nordstrandpiraten? Warum macht sich eine Mannschaft von älteren Herren auf eine so anstrengende und gefahrvolle Reise? Ihr könntet doch alle gemütlich in irgendwelchen Schaukelstühlen sitzen und die Enkelkinder auf den Schoß nehmen. Oder euch irgendwo im Süden Europas an einen Strand legen und euch verwöhnen lassen. Warum also?"

 

Otto dachte nach. Immer wieder wurde ihre Glaubwürdigkeit mit solchen und ähnlichen  Fragen angezweifelt. Sie hatten offensichtlich noch nicht eindeutig genug dargestellt, dass sie das alles in erster Linie einfach für sich machten. Um auch nach dem Berufsleben gut leben zu können. Dieses ewige "Warum genießt ihr nicht einfach den Ruhestand" konnte nur jemand fragen, der nicht selbst in diesem von Berufstätigen so glorifizierten Ruhestand steckte. Er wiederholte das nun zum x ten Male:

 

"Wir tun das an erster Stelle für uns selbst. Wir alle wollten unserem Leben noch einmal eine andere Richtung geben. Was aber nicht bedeutet, dass wir mit dem, was wir haben und hatten unglücklich waren. Wir haben noch genügend Energie, um Ungewöhnliches zu tun. Raus aus dem jahrzehntelangem Alltagstrott und rein in etwas vollkommen Neues. Was ist denn daran bitte so unverständlich. Um ehrlich zu sein, wir definieren uns einfach immer wieder neu. Gutes Gefühl. Da passt vielleicht etwas zu ihrem Thema der neuen Reichen. Wir sind schon auch die neuen Reichen. Aber nicht reich an Geld, sondern reich an Ideen. Wir sind alt, aber haben Potenzial. Vielleicht können wir n wenig dazu beitragen, dass diese Erkenntnis auch in der Gesellschaft ankommt.  Wissen Sie, ich habe in diesem halben Jahr sehr viel gelernt. Ich bin Beamter im Ruhestand, mit einem gesicherten Einkommen. Ich lebte in geregelten Bahnen, mit wenig Risiko. Und jetzt bin ich mit ein paar Freunden auf hoher See, schlafe, wenn die Bordroutine das zulässt, wasche mich, wenn es geht und Wasser da ist. Treffe Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und treffe Menschen, die mich und das, was ich tue, nicht mögen. Jeden Tag eine neue Herausforderung und mein Alter spielt überhaupt keine Rolle mehr. Schön so, finde ich. Einfach nur schön. Nicht viel mehr, aus meiner Sicht, aber es ist viel, viel mehr, als viele sich vorstellen können."

 

Otto wirkte etwas konzeptlos, aber er hatte das gesagt, was gerade in sein Kopf spazieren ging. Sascha schaute ihn verwundert an.

 

"Das muss ich erst einmal verdauen, was sie da gesagt haben, Otto. Ich habe Ihre Biographie recherchiert, ich habe die Piratengeschichten im Blog verfolgt und nun bekomme ich einen noch tieferen Einblick in das, was auf diesem Schiff mit Ihnen und auch mit den anderen geschieht. Ich habe gelesen, dass Ihr Freund Pet und Sie die Ideengeber für diese Expedition sind. Wie sieht Pet das? Ist auch er ein anderer geworden? Hat auch er sich entwickelt? Das hört sich jetzt vielleicht etwas abwertend an, das wollte ich aber nicht damit ausdrücken. Hat auch bei ihm und den anderen eine Verwandlung stattgefunden?" Otto musste lächeln, vor allem über sich selbst. Seit langem hatte er sich dieses Mal einfach ein bisschen gehen lassen und ,ohne lange zu überlegen, losgeplaudert. Am Anfang, als er mit Sascha angefangen hatte, zu sprechen, hatte er seine Sätze gut zusammengebaut, aber dann war etwas mit ihm durchgegangen. "Herrlich", dachte er bei sich, "einfach mal losplaudern, ohne lange über jeden Satz nachzudenken." - "Meine liebe Sascha, da müssen Sie schon mit ihm selbst oder auch mit einem der anderen sprechen. Ich kann, was das betrifft, nur für mich selbst sprechen." Alleine schon, dass er den Satz mit "meine liebe Sascha" begonnen hatte, war etwas vollkommen Neues. Otto war auf die Straße der Emotionen eingebogen und genoss die Freiheit dieses Weges.

 

Er stand auf, verabschiedete sich und Sascha Wolkow blieb alleine zurück. Otto überlegte beim Weggehen noch, ob sie an ihrem Blog etwas ändern mussten. Wurde immer noch nicht deutlich, warum sie diese Reise machten? War es mal wieder Zeit, mit Pet und den anderen darüber zu sprechen. Mussten sie an ihrem Piratenprofil arbeiten? Das mit dem Golfturnier war wohl nicht passend zu dem gewesen, was sie darstellten. Aber ein bisschen Privatleben und ein schöner Ausrutscher musste man ihnen doch gönnen.  

 

Aus dem Augenwinkel heraus sah Otto, dass Semjon auf seine Schwester zuging. Was die nun wohl zu bereden hatten?  

 

 

Fortsetzung folgt

 

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