Teil 2 - Kapitel 26

4. August 18.00 Uhr Korallenmeer

 

Der Inselstaat Vanuatu lag etwa dreihundert Kilometer vor ihnen. Wenn sie weiterhin mit dem Wind segeln konnten, dann würden sie die Inselgruppe in etwa 24 Stunden erreichen. Sie würden zwischen der Insel der Hauptstadt und einer kleineren Insel hindurch fahren, aber sie würden die Inselgruppe nicht anlaufen. Danach kam dann noch einmal etwa fünfhundert Kilometer offener Pazifik bis sie ihr Ziel erreichen würden. Dort würden sie winterliche Temperaturen von plus 28 Grad Celsius erwarten und vielleicht ein paar angenehme Regentage. Auf der Westseite bei Port Denarau hatten sie einen Liegeplatz für die Blauzahn. Leider waren alle Hotels ausgebucht, aber der Hafen und die Bars rundherum boten genügend Möglichkeiten, die Freizeit zu genießen.

 

6. August 2015 20.30  Uhr Hafen von Denarau

 

Beim letzten Tageslicht waren sie in den Jachthafen eingelaufen und wurden über Funk zu ihrem Liegeplatz geführt. Sie bekamen das letzte Viertel eines hölzernen Kais als Liegeplatz. Das reichte, dass sie über den Steg direkten Zugang zur Standpromenade hatten. Ein kurzer Besuch eines Zollbeamten reichte und sie konnten ungehindert an Land gehen. Ihre Liegeplatznachbarn waren hochseetüchtige Luxusjachten. Insgesamt lagen fünf Jachten an dem hölzernen Kai fest. Kaum war der Beamte weg, ging Pet mit Greg los, damit die Hunde etwas Auslauf bekamen. Am Ende des Kais waren zwei Mitarbeiter des Jachtclubs, die den Zugang überwachten. Den beiden Nordstrandpiraten wurden Besucherausweise übergeben, damit sie ungehindert alle Bereiche des Clubs und des Hafens besuchen konnten und dass sie auch zur Blauzahn zurück konnten. Selbst Trevor und Tristan bekamen zwei Ausweise.

 

Unterwegs begegneten die vier einigen anderen Besuchern der Strandpromenade. Leicht zu erkennen an viel Gold an Handgelenken und Hals, Silikon in den Oberkörperregionen der Damen und bei den Herren der medikamentös aufgepeppte Showlauf der 55-Plus Generation oder des geschmacklosen Auftretens einiger Mittdreißiger, deren kulturelle Wurzeln im Bankkonto irgendeines Vorfahren zu finden waren. Immer wieder mussten Greg und Pet mit ihren angeleinten Freunden diesen Testosteron-Streunern aus dem Wege gehen. Die vorherrschende Sprachen waren Englisch, Russisch, Chinesisch und auch etwas Arabisch. Greg war wütend, denn er mochte es nicht besonders, immer wieder angerempelt zu werden, obwohl genügend Platz da war, um auszuweichen.  Pet hatte da weniger das Problem, da Trevor alleine schon durch sein Größe viel Eindruck erweckte. Aber beide mussten sich eingestehen, dass sie hier vollkommen underdressed waren. Sie sahen aus wie Bedienstete einer der großen Jachten, die gerade die Edelköter ihrer Herrschaften ausführen mussten.

 

Tristan wurde immer nervöser durch diese immer wiederkehrenden Drängeleien, bis er anfing, die Zähne zu fletschen. Das war die Aufforderung für Trevor, hier sofort mitzumachen. Jetzt hatten sie Raum, um ungestört spazieren zu gehen. Nach einiger Zeit fanden sie auch ein Plätzchen, wo sie ihre vierbeinigen Freunde freilassen konnten, sodass deren Bewegungsdrang befriedigt wurde.

 

Kaum waren sie auf der Blauzahn zurück, begegneten ihnen ihre Piratenfreunde - bestens gelaunt und gut gekleidet. Tropen-Business-Kleidung war offensichtlich angesagt. Greg und Pet bekamen gerade noch ein paar Minuten Zeit, sich zu duschen und umzukleiden. Mathias hatte für die Mannschaft in einem Edelrestaurant in Hafennähe für 21.30 Uhr Tische reserviert und auch die Speisen vorbestellt. Trevor und Tristan wurden als Wache eingeteilt,. Um 21.40 Uhr fanden sich die Nordstrandpiraten in dem als Gourmettempel beschriebenen Restaurant ein und wurden dort zu einer langen Tafel in der Mitte des Raumes geführt. Die eifrigen Mitarbeiter des Hauses waren es offensichtlich gewohnt, verwöhnten Menschen dienstbar zu sein. Die unterwürfige Art der Bedienung nervte alle, da keiner der Blauzahncrewmitglieder bis auf die Benutzung von Gabel und Messer und dem Halten ihres Glases irgendwelche Handreichungen selbst machen konnten. Jan versuchte mit einem kurzen und höflichen Gespräch mit dem Manager diesen lästigen Missstand zu korrigieren, aber das war vergebens. Das Lokal füllte sich nach 22.00 Uhr zusehends und man konnte beobachten, wie auch die anderen Gäste zuvorkommend bedient wurden. Wobei Juris bemerkte, dass die Mitarbeiter des Etablissements meistens damit beschäftigt waren, Gläser mit alkoholischen Getränken zu befüllen.

 

Und auf einmal stand er da, der Kapitän der Pjotr, Semjon Wolkow mit eine Gruppe von acht Leuten, die aber keiner der Nordstrandpiraten kannte. Freundlich grüßte er alle vom Kopfende des Tisches und ging dann weiter zu einer Tafel, die offensichtlich für ihn und seine Gäste reserviert worden war. Alle schauten mehr oder weniger interessiert zu den Neuankömmlingen. Drei Herren mittleren Alters - sehr distinguiert gekleidet - und fünf Damen, ebenfalls mittleren Alters - unauffällig gut gekleidet. Marc bemerkte sofort, dass sie sich auf Französisch unterhielten, allerdings meinte er, einen Dialekt zu hören, den er nicht erkannte. Zwei der Männer sprachen auch immer wieder mit Wolkow auf Russisch.

 

Die Piraten waren müde und die Unterhaltungen untereinander waren zäh, manchmal auch etwas gezwungen - bis auf Otto, der sich leise mit Lars und Jan unterhielt. Sie besprachen das Programm der nächsten Tage. Jan wollte unbedingt ein Golfturnier veranstalten, wobei ihm klar war, dass fast keiner wirklich Golf spielen konnte. Alle hatten sich am Nachmittag dafür ausgesprochen, aber nun kamen doch langsam Zweifel auf, ob das die Art von Unterhaltung sei, die sie sich wünschten. Also hatte Jan drei Trainer für zwei Tage engagiert, damit jeder die Grundregeln dieses Sport lernen und jeder die Handhabung der Sportgeräte kennen lernen konnte. Jan hatte es sicher gut gemeint, aber Otto und Lars waren nicht davon überzeugt, dass sie sich nun ab dem kommenden Tage vier Tage lang mit Golf beschäftigen wollten. Es wurden vier Vierergruppen gebildet die jeweils einen Vormittag und einen Nachmittag mit den Trainern verbringen sollten. 

 

Nach dem Abendessen und einem Abschlussgetränk machen sich die Piraten daran, den Abend zu beenden. Kurz bevor die ersten aufstehen konnten, kam Wolkow an den Tisch mit einem großen Stapel Zeitungen. "Hier liebe Freunde, Zeitungen aus Europa. Keine älter als sechs Tage. Die Jüngste vom 4. August. Sehr interessant, Europa kämpft mit einer Flüchtlingswelle nie gekannter Art. Eure Politiker sind da sehr konkret hilflos." Er legte sie auf den Tisch, ohne auf eine Antwort zu warten und ging mit seinen Gästen. Wie hatte er die so schnell bekommen? Als er das Restaurant betrat, hatte er die Blätter nicht dabei.

 

Aus dem Tagebuch von Pet Bär

 

7. August 2015 1.00 Uhr

 

Otto, Erik, Steffen, Mathias und Carlo saßen noch lange in der Messe und lasen Zeitungen. Alle Schlagzeilen waren ausgefüllt mit Berichten über den Krieg des IS, den Syrischen Bürgerkrieg und einer Flüchtlingswelle, die unkontrolliert auf Europa zuschwappte. Humanitäre Hilferufe sowie kritische Stimmen zur Aufnahme der Flüchtlingen füllten die nächsten Seiten. Dann folgte ein bisschen Griechenland und die Bankenkrise, ein klein wenig britischen Wir-machen-nicht-mehr-mit-Kommentare und ansonsten wurde der Alltag des Normalbürgers in den schönsten Farben geschildert. Wusste doch jeder der Leser, dass Journalisten und Politiker sich ihre eigene Welt geschaffen hatten, die auch von den Gebrüdern Grimm oder Hans Cristian Andersen stammen konnten. Virtuelles Geld und realer Reichtum trifft auf gelebte Armut. Lachend kommentierte Carlo das Gelesene. "Nein Freunde, das kann alles nicht wahr sein. Europa ist kein reicher Kontinent, er ist ein Kontinent von ein paar Reichen. Und der Rest wird mit Brot und Spielen, von salbungsvollen Worten und Repressionen zum Schweigen gebracht. Wir haben teure Geheimdienste, Wirtschaftsweise, Forscher, Politiker und die Kraft der aufklärenden Presse und alle sind überrascht von den Entwicklungen, die da auf sie zurollen. Wie alt muss ich noch werden, dass das Lügen aufhört?"

 

Um 1.30 Uhr stand Mathias wütend auf und brabbelte vor sich hin. "Den Müll kannst du nur besoffen ertragen." Dann zog er los und holte sich eine Flasche Cognac und nickte jeden am Tisch an. Wer zurück nickte, bekam auch ein Glas ab. Keiner saß ohne Glas am Tisch.

 

 

 

Golfplatz 9.00 Uhr 

 

Die erste Gruppe der Golflehrlinge bestand aus Carlo, Jose, Marc und Pet. Der Trainer war ein geduldiger Mensch und erklärte sehr langsam die Grundregeln des Golfens, die Sportgeräte und wie man sich auf einem Golfplatz zu bewegen hatte. Die ersten Schläge durften sie auf einem etwas abseits liegenden Rasenstücks machen. Jose zeigte sehr schnell eine gewisse Begabung fürs Golfen. Nach dreieinhalb Stunden war das erste Training beendet und die vier trafen sich mit den anderen vier Golf-Dilettanten zum Essen im Clubhaus. John, Steffen, Luigi und Juris hatten den Vormittag mit ihrem Training verbracht. Sie hatten eine sehr attraktive Trainerin bekommen.

 

Am Nachmittag waren die beiden anderen Gruppen mit ihrem Training dran. Als man sich dann abends zum Essen im Club traf, waren die Widerstände gegen das Erlernen von Golf gebrochen. Alle hatten sehr viel Spaß daran gefunden, allerdings mussten sie sich eingestehen, dass für die gute Stimmung auch die beiden Trainer gesorgt hatten. Diese hatten das Training mit sehr viel Geduld, aber auch mit Humor durchgeführt und die Stimmung allgemein anheben können. An diesem Abend erfasste nach 23.00 Uhr alle wieder eine bleierne Müdigkeit  und man ging gemeinsam zurück zur Blauzahn - mit dem festen Vorhaben, sofort schlafen zu gehen.

 

Pet und Juris gingen noch mit den Hunden spazieren. Bisher hatten sie nur die rechte Seite des Hafens kennengelernt und an diesem Abend gingen sie nach links. Nach zwanzig Minuten sahen sie zwei sehr große Motorjachten an einem anderen Kai liegen. Eine davon war die Pjotr I. Sie lag unbeleuchtet am Kai - bis auf eine Laterne die am Ende der Gangway leuchtete. Sie schauten vom Anfang des Kais hinüber zum Schiff, entschlossen sich aber, einfach weiterzugehen. Was wollten sie auch bei der Pjotr?

 

Um 0.30 Uhr waren sie zurück von ihrem Spaziergang. Carlo, Luigi, Alberto und Jose hatten sich komfortable Hängematten besorgt und diese vor der Messe unter einer aufgespannten Persenning eingehängt. Als Trevor das untersuchte, wurde er von dem müden Luigi mit ein paar unfreundlichen Worten verscheucht.

 

Pet und Juris entschlossen sich, in ihre Betten zu steigen und so schnell wie möglich einzuschlafen. Selbst die beiden Hunde waren müde und machten es sich unter dem Bett von Pet gemütlich.

 

Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück weiter. Die Gruppen, die am Nachmittag des Vortages dran waren, mussten nun am frühen Morgen antreten.

 

Um 18.30 Uhr war für alle das Training beendet und die Vorbereitungen für das Turnier, das am 10.August stattfinden sollte, begannen. Die Startreihenfolge wurde ausgelost und eine Preisgeld von sechzehn Euro bereitgestellt.

 

10. August 2015 Tag des Golfturniers

 

Der Golfclub hatte etwas Werbung für das Turnier gemacht und als die Nordstrandpiraten um 10.00 Uhr an den Start gingen, waren über zweihundert Zuschauer erschienen. Am Vortage hatte sich Wolkow bei ihnen gemeldet und sein Erscheinen ebenfalls angekündigt und auch angeboten, dass er zwei Mitarbeiter mitbringen würde, die sich um Trevor und Tristan kümmern könnten.

 

Und Wolkow hatte Wort gehalten. Am frühen Morgen waren zwei Mitarbeiter der Pjotr an der Gangway, die sich um die beiden Hunde kümmern sollten. Pet stellte die beiden den Hunden vor und nachdem sich die Vierbeiner mit den Zweibeinern bekannt gemacht hatten war klar, dass es funktionieren konnte. Die beiden von der Pjotr blieben zum Frühstück, fuhren später mit ihren Schützlingen und den Nordstrandpiraten zum Goldplatz.

 

Pet hätte es besser wissen sollen. Kaum wollten sich die Nordstrandpiraten von den beiden Vierbeinern entfernen, endete die erzwungene Freundschaft zu dem anderen Ende der Leinen. Weder Trevor noch Tristan waren bereit, sich von ihren russischen Bodyguards davon abhalten zu lassen, ihre Zugehörigkeit zu den Nordstrandpiraten zu demonstrieren. Unerwartet wurden die Hundesitter in Bewegung gesetzt und unter dem Gelächter der Zuschauer eilten die vier auf die Gruppe der Piraten zu.

 

Dann wurde beschlossen, dass es heute Golfspiel mit Hund geben sollte und genau das wurde auch zelebriert. Brav zogen die zwei ihre Bodyguards mit sich, wenn der Pulk sich von Loch zu Loch, oder von Grün zu Grün, Bunker und Wasserhindernisse bewegte. Fasziniert beobachten die aufmerksamen Vierbeiner, wenn der kleine weiße Ball von einem der Schläger in den Himmel befördert wurde. Sie verstanden aber nicht, warum die Menschen so begeistert klatschten, wenn jemand das Bällchen in einem Loch verschwinden ließ. "Ja, Menschen sind komische Tiere", mussten sie gedacht haben. Anstatt das Stöckchen zu werfen, klopften sie damit Bälle durch die Landschaft und das in einem Park, der zum Rumtollen einlud.

 

Am neunten Loch, das von einem großen Sandkasten fast vollständig umgeben war, wurde eine Pause gemacht. Dienstbare Geister hatten etwas abseits der möglichen Flugbahnen der kleinen weißen Bälle unter einer Sonnenbedachung Tische und Stühle aufgestellt. Flüssige Nahrung und Genussmittel wurden gereicht und dazu gab es noch einige Leckereien zum Essen. Inzwischen war die Zuschaueranzahl etwas angewachsen. Laut Golfballmanagement waren das alles geladene und zahlende Gäste. Irgendjemand hatte hier ein Geschäft gewittert und viel Werbung für das Nordstrandpiratengolfturnier gemacht. Jeder der Blauzahncrew wurde als Gesprächspartner der Gäste gesucht und belagert. Einige Damen schienen eine gewisse Affinität zu den Bordhunden zu haben und versuchten, sich mit der Gabe von Leckereien ihre Freundschaft zu erkaufen. Trevor war aber so erzogen, dass er selbst die größten Köstlichkeiten ohne Pets Zustimmung nicht annahm. Tristan - noch in der Lernphase - eiferte ihm nach, allerdings mit einem sehr unangenehmen Nebeneffekt: Er sabberte. Die beiden russischen Bodyguards kämpften mit ihrem eigenen Bedürfnis, ihren Hunger und Durst zu stillen und sich den Damen zu widmen, die die Hunde bedrängten.

 

Otto als offizieller Pressesprecher musste hier sehr viel Arbeit leisten. Er kam kaum zum Essen, denn alle verwiesen bei Fragen immer öfter an ihn, damit sie selbst in Ruhe ein paar Happen essen konnten. Eine  Golfplatzmanagerin kam Otto zu Hilfe, indem sie ankündigte, dass man doch zuerst den Imbiss genießen solle und dann hätte man sicher noch genügend Zeit, in vertiefende Gespräche zu gehen.

 

Die Pause wurde etwas verlängert, dann die Sonne an diesem 10. August doch sehr kräftig ihre wärmenden Strahlen über dem Golfplatz verteilte und die Temperaturen im Schatten schon über die dreißig Grad Celsius betrugen.

 

Im Gedränge der Zuschauer und Gäste tauchte immer wieder das Gesicht von Wolkow auf. Er führte Otto eine Dame in mittleren Jahren zu, die zuerst auf Englisch, dann aber in einem recht brauchbaren Deutsch Otto Fragen zu dem "Warum", dem "Wie lange" und dem Ziel der Nordstrandpiratenreise stellte. Mitten im Gespräch wurde Otto klar, dass er sich selbst nicht vorgestellt hatte und den Namen der Dame auch nicht kannte.

 

Er unterbrach seinen Redefluss mit den Erklärungen, stellte sich unvermittelt vor und dann fragte er: "Und mit wem habe ich das Vergnügen, mich gerade zu unterhalten? "

 

Fortsetzung folgt

 

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