Teil 2 - Kapitel 24

31. Juli 2015 Korallenmeer Kurs Nord West

 

Aus Johns Tagebuch

 

Ich bin froh, dass wir uns wieder auf See befinden. Die letzten Tage waren doch körperlich und auch emotional sehr anstrengend. Es war sehr spannend, die Damen kennen zu lernen, vor allem Nadine ist eine sehr schöne junge Frau. Wobei ich eingestehen muss, hätte ich zwischen der Mutter und der Tochter wählen müssen, wäre mir das sehr schwer gefallen. Vor allem, nachdem sie und Marc uns von ihrem Unglück erzählt haben.

 

Dass Nadines Mutter Isabella eine Hausangestellte ihres späteren Mannes war, hat mich sehr gewundert. Im Nachkriegsfrankreich der sechziger Anfang der siebziger Jahre, als der Kolonialismus in Frankreich seinen endgültigen Niedergang fand, war es schon noch außergewöhnlich, dass ein Aristokrat eine Hausangestellte aus den Kolonien heiratete. Und dass Beatrice ihre Cousine ist, war für mich ein irrer Zufall. Nadine wuchs in sehr geordneten Verhältnissen auf und Beatrice wuchs bei ihrer Mutter auf, die wegen des frühen Todes ihres Vaters und ihrer Mutter sehr früh das väterliche Haus verlassen hat. Sie suchte sich eine Arbeit und fand bei der Frau von Marc Arbeit und eine Ersatzmutter.

 

Beatrice ist fast zehn Jahre älter als Nadine und wurde von ihr auch oft als die ältere Schwester angesehen. Bei einem Besuch von Beatrice in Deutschland bei ihrer Cousine  waren die beiden jungen Frauen mit dem alten R4 von Marc auf Tour gegangen. Ein Unfall beendete aber diese Mädchentour auf sehr grausame Art. Ein offensichtlich betrunkener Autofahrer rammte das Fahrzeug der beiden, Nadine wurde im Unfallfahrzeug eingeklemmt und dann fing auch noch das Auto Feuer. Sie erlitt am Rücken und an den Schenkeln schlimme Verbrennungen, die bis heute noch sichtbar sind. Dies sei auch der Grund, warum Nadine keine längere Beziehung zu Männern aufbauen konnte. Sie schämte sich zu sehr dafür, dass sie so entstellt war. Und seit diesem Unfall durften sich die Mädchen nicht mehr sehen. Nadines Vater war offensichtlich ein sehr strenger Mann mit etwas merkwürdigen Ansichten gewesen. Und nachdem er sich das Leben genommen hatte, versuchten die beiden sich als Selbstständige ihr Leben neu zu gestallten. Isabella hat sehr deutlich gemacht, dass das nicht ihr Lebensplan war. Befreit von den Zwängen, die von ihrem Mann ausgingen, suchte sie das, was sie nie tun durfte. Vergnügen, Abenteuer, sich selbst zu spüren und zu erleben. Ob sie das auf der Ageli finden, was sie suchen, weiß ich nicht. Sie haben nach zwei Stunden Gesprächen mit den Amazonen den Wunsch geäußert, auf der Ageli anzuheuern und man war sich sofort einig. Am nächsten Mittag war alles erledigt und sie standen mit einem großen Seesack auf dem Pier. 

 

Dass die Ageli nun nach Neuseeland zurücksegelt, machte es uns leichter, uns von den Amazonen zu verabschieden. Die Distanz wird größer und die Möglichkeit, uns zu begegnen, kleiner.

 

Hätte ich nicht den Riss im vorderen Masten entdeckt, wären sie wohl in Gefahr gekommen. Der Höllenritt von Neuseeland nach Neukaledonien hat die Ageli in Mitleidenschaft gezogen. Sie ist nicht so auf Geschwindigkeit ausgelegt wie die Blauzahn. Nun muss sie dort eine Werft zur Reparatur anlaufen.

 

Es befreit uns alle von einem Stück Verantwortung, die wir nicht haben wollten. Wir können nun ohne uns nach den Amazonen richten zu müssen, unsere Reise fortsetzen.

 

Ich bin so glücklich darüber, dass wir wieder auf See sind und den Kurs nach Neuguinea eingeschlagen haben.

 

31. Juli 2015 21.00 Uhr auf der Blauzahn

 

Greg, Jan und Pet hatten um 20 Uhr die Brücke übernommen. Selbst hier draußen auf offenem Meer waren die tropischen Temperaturen zu spüren. Jan war am Steuerrad, Pet am Radar und Greg überwachte die Segel. Mehr wie vierzehn Knoten waren bei dem sehr schwachen Wind nicht möglich. Die Brückenaufbauten waren zusammengeschoben und sie saßen und standen unter freiem Himmel. Trevor und Tristan hatten sich in ihre Hundelonge zurückgezogen und aus der Kisten waren nur ihre schwarzen Schnauzen zu sehen. Der Bordalltag hatte sich wieder eingefunden.

 

Unter Deck waren bis auf Lars, Erik und Steffen alle schon zu Bett gegangen. Da es inzwischen schon zur Tradition gehörte, dass man an Bord entweder Pfeife oder eine Zigarre rauchte, ergaben sich auch die drei unter Deck dem Tabakgenuss. Bis auf Otto und Gerrit waren sie alle zu Rauchern geworden, aber sie tolerierten es, dass sie vom Tabakrauch umgeben waren.

 

Pet hatte am Nachmittag eine Aufstellung über die Kosten ihrer bisherigen Reise gemacht und mit der Veröffentlichung unter den Nordstrandpiraten eine kleine Schockwelle ausgelöst.

 

Ohne Umbauten, Reparaturen, Instandhaltungskosten, Steuern und Versicherungen hatten sie bisher vierhundertsiebenunddreißigtausend Euro an Kosten verursacht. Das bedeutete pro Tag hatten sie laufende Kosten von zweitausendfünfhundertunddreißig Euro verursacht. Sie hatten damit ihr selbstgestecktes Kostenbudget pro Tag um fast dreihundert Euro unterschritten. Jan hatte dabei nur gelächelt und ihnen klar gemacht, dass diese Größenordnung für ihn in Ordnung gehe, sie aber noch einige kostenträchtige Routen vor sich hatten und die vermeintlichen Ersparnisse dann sicher aufgebraucht werden würden. Einigen war erst mit Pets Ausführungen klar geworden, welche Summen an Finanzmittel sie mit dieser Reise verursachten. Juris meinte dazu nur eines: Ohne etwas wirklich Handfestes zu produzieren, wäre das der pure Luxus, den sie sich hier leisten würden. In allen Köpfen entstand eine Idee. Sie mussten etwas Handfestes hervorbringen, dass diese Reise ein Erfolg würde und dass diese Kosten auch gerechtfertigt sein sollten. Ihr erster sichtbarer Erfolg war der Blog. Die Anzahl der Leser stieg langsam aber stetig, war aber für alle kostenlos. Die Westen von Otto waren noch kein Verkaufsschlager, dazu müsste man wesentlich mehr Werbung machen und auch in größeren Stückzahlen auf den Markt werfen.

 

Keiner kam auf den Gedanken, dass sie zwar die Kostentreiber waren, aber der Erfolg ihr persönliches Glück sein würde. Keiner war es gewohnt, dass er glücklich sein durfte, ohne dass er dafür hart erarbeitetes Geld ausgeben zu müssen. Sie hatten etwas geschenkt bekommen und das war nicht in ihr Bewusstsein vorgedrungen. In ihren Köpfen waren sie nicht aus dem Berufsleben ausgestiegen und mussten Geld verdienen. Sie bewerteten ihr Handeln immer noch mit dem der Arbeitswelt. Können, Zeitaufwand, Stellenwert in der Gesellschaft und Marktwert waren ihre Maxime.

 

Jan hatte Pet nach seiner Präsentation zur Seite genommen und ihm klar gemacht, dass er da etwas angestoßen habe, über das er selbst noch nicht nachgedacht hatte. Pet hatte die Auswirkung auf das, was nun an Denkarbeit geleistet wurde, auch nicht bedacht. Was als einfache, eher harmlose Zahlenpräsentation begonnen hatte, war nun zu einer neuen Denkrevolution geworden. Bis auf Jan hatte keiner von ihnen jemals über solche Geldmittel  verfügen können.

 

31.7.2015 22.30 Uhr Korallenmeer

 

Pet beobachtete das Radar, der Schiffsverkehr war sehr verhalten. Kaum ein Schiff kam ihnen näher als fünf Kilometer. Es waren noch etwa achtzehnhundert Kilometer nach Papua Neuguinea. Dort wollten sie den Hafen von Madang anlaufen. Sie würden also in fünfundsiebzig Stunden dort ankommen und in einer der schönsten Buchten der Südsee vor Anker gehen. Lars hatte allerdings allen zu verstehen gegeben, dass es besser wäre, sie würden bei Tageslicht in die Bucht einfahren, weil es einige Untiefen und Korallenriffe vor der Bucht geben sollte. Mit dem Lüftchen, das sie derzeit in den Segeln hatten, würden sie auch erst in zweiundachtzig Stunden dort einlaufen können. Sie hatten Zeit, keine Eile, keinen Zeitdruck, Greg holte das Vorsegel ein und sie segelten leicht dahin. Pet öffnete alle Decksluken und die etwas kühlere Nachtluft zog durchs untere Deck. Seit langem konnten alle wieder ruhig schlafen.

 

Pünktlich um 24.00 Uhr kam John mit Alberto und Jose auf die Brücke. Wachtwechsel. Bevor sie sich schlafen legten, gingen Jan, Greg und Pet noch in die Messe. Nur noch Erik saß dort und genoss einen Whisky und eine Zigarre. Irgendwoher hatte er ein paar gute Havannas besorgt und bot diese dann den dreien an. Jan nahm dankend an, Pet wollte noch einen Whisky trinken und sich dann schlafen legen. Greg machte sich einen Tee und ging danach in seine Kajüte. 

 

Um 5.00 Uhr bei der beginnenden Dämmerung sah Lars, der zusammen mit Carlo und Luigi die Brücke übernommen hatte, die ersten Blitze. Das nachfolgende Donnergrollen war noch sehr schwach und nachdem er die Wetterprognosen, die er besaß, nochmals geprüft hatte, glaubte er zu wissen, dass sie mit dem eingehaltenen Kurs die Schlechtwetterfront umfahren würden. Aber er hatte sich geirrt. Um 6.00 Uhr begannen sich die Schleusen des Himmels zu öffnen und es regnete. Regen und Gewitter schienen getrennte Wege zu gehen, denn die Brückenmannschaft sahen die Blitze nordöstlich von ihrem Kurs.

 

Sie hatten die Brücke schon vor Stunden geschlossen und alle Luken dicht gemacht. Trotz des Regens kühlte es nicht ab und schon ein Stunde später war es unter Deck sehr warm. Steffen schaltete die Klimaanlage ein, um die Temperaturen erträglich unter Deck zu halten, aber unter fünfundzwanzig Grad war die Temperatur nicht zu bekommen.

 

Der Wind drehte sich und die Gewitterfront kam auf die Blauzahn zu. Lars musste kreuzen, um den Wind in den Segeln zu halten, aber der Regen machte es sehr schwer, den Kurs einigermaßen sicher zu halten. Dann war das Gewitter über der Blauzahn. Steffen trennte das Computernetzwerk und die Stromversorgung zu den Kajüten. Nur noch das Radar, die Segelelektronik und die Positionslichter wurden mit Strom versorgt. Sie hatten zwar einen sehr guten Blitzschutz auf der Jacht, aber ob das die Blitze wussten, bezweifelten alle. Dann geschah das Unfassbare. Zwei Blitze schlugen hintereinander in die Reling ein. Die Blitze sprangen weiter aufs Vorschiff, wo das Langboot auf einem Riffelblech lag. Ein Loch von fünfzehn Zentimeter schafften die Blitze und die Decke zur Hundetoilette wurde durchschlagen. Der rauchige Gestank durchzog sehr schnell das untere Deck. Bis man den Grund dafür entdeckte, dauerte es einige Minuten. Durch das Loch drang schnell Wasser ein und setzte die Toilette unter Wasser. Pet, Steffen und Juris dichteten das Loch ab. Bei der weiteren Kontrolle stellten sie auch fest, dass die Kabel an der Bordwand in der Hundetoilette durchgeschmolzen waren. Die Segelelektronik, Kompass  und auch das Radar waren gestört. Die Segel wurden mit den Winden eingeholt, die Motoren gestartet und sie mussten ohne Radar weiterfahren. Durch den Regen war die Sicht auf maximal einhundert Meter beschränkt. Trotz des Starkregens wurde Alberto am Bug postiert, um das Umfeld auf ihrem Kurs zu beobachten. Erst um 7.30 Uhr war der Himmel gnädig mit den Nordstrandpiraten und das Gewitter und der Regen hörten auf.

 

Juris, Steffen und Otto machten sich daran eine Schadenaufnahme zu machen und die ersten Reparaturarbeiten begannen.

 

Zuerst wurde die Hundetoilette ausgeräumt. Das eingedrungene Wasser war nicht bis zu der Waffenkammer unter der Hundetoilette vorgedrungen, aber es war schwer, die Nässe aus der Toilettenkonstruktion ganz zu beseitigen. Den beiden Hunden war es schwer begreiflich zu machen, dass sie ausgerechnet jetzt nicht auf ihre Toilette gehen konnten. Pet sperrte  deshalb die beiden in seine Kajüte ein, damit die Reparaturen ungestört vorgenommen werden konnten. Steffen stellte fest, dass die Konstrukteure der Blauzahn sehr bedacht an die Verkabelung und die Absicherung der elektronischen Geräte gegangen waren. Drei Absicherungen hintereinander waren eingebaut worden. Zwei davon waren geschmolzen, die Dritte war von dem Stromschlag nicht mehr betroffen worden. Steffen meinte, dass die Segelsteuerung und das Radar also nicht direkt betroffen sein konnten, sondern nur der Strom fehlte. Tatsächlich funktionierte alles nach zwei Stunden wieder, nachdem sie den beschädigten Verteiler und die Sicherungen repariert hatten. Außer der Beleuchtung in der Hundetoilettenwaffenkammer, wo das Licht nicht funktionierte, war das Schiff wieder voll einsatzfähig. Nachdem die Toilettenkiste wieder eingebaut und funktionstüchtig war, wurden Trevor und Tristen freigelassen. Sofort wurde ihr Sanitärraum kontrolliert und erneut in Besitz genommen.

 

Als alle Navigationsgeräte wieder funktionierten, stellte Lars erschrocken fest, dass sie fast einhundert Kilometer von ihrem Kurs in Richtung Westen abgewichen waren. Sie hatten, um günstigen Wind zu haben, zwar immer wieder kreuzen müssen, aber dass sie soweit abgetrieben waren, wollte Lars nicht verstehen. Otto und Juris kontrollierten alle Navigationsgeräte und auch das Radar wurde einer Prüfung unterzogen. Alles wurde nochmals ausgeschaltet und neu gestartet. Der alte Kreiskompass zeigte, dass die elektronische Anlage eine Abweichung von fast fünf Prozent hatte. Dann sahen alle, wie Steffen sehr jähzornig wurde und mit der flachen Hand auf den Bildschirm des Navigationscomputers schlug. "Du blödes Ding, entweder du funktionierst jetzt, oder ich versenke dich hier und kaufe eine chinesische Billigversion." Der Bildschirm flackerte kurz, dann war alles schwarz. Steffen zog das Gerät aus der Halterung, entfernte alle Kabel und steckte sie dann wieder an. Dann startete er das Gerät aufs Neue. Wieder eine Abweichung von fünf Prozent. Lars übergab Otto das Steuerrad und verließ die Brücke, nach ein paar Minuten kam er mit einem Taschenkompass zurück. Auch der zeigte, die Abweichung zu dem alten Kompass an. "Also stimmt der elektronische Kompass und nicht der alte." Steffen untersuchte sofort den alten Kompass. Er drehte die Schrauben auf und öffnete das gläserne Gehäuse. Alles war aus Messing, bis auf zwei der acht Schrauben, die klebten förmlich an seinem Schraubenzieher. "Wer hat denn hier magnetische Schrauben eingedreht?" Lars schüttelte den Kopf. "Keine Ahnung, aber wir haben uns Gott sei Dank nur immer auf den elektronischen Kompass verlassen. Mir ist das nie aufgefallen, dass der Kompass immer auf der gleichen Stelle stehen geblieben ist."

 

Otto drehte sich um. "Doch ich habe den Kompass oft genug beobachtet und er hat immer funktioniert." Dann schaute er auf das Radar. "Freunde wir sind gefährlich nahe einem größerem Objekt gekommen. Noch achthundert Meter." Dann schaute er nach vorne, konnte aber nichts entdecken. Alle die auf der Brücke waren, folgten seinem Blick, konnten aber auch nichts sehen. Auch auf dem Radarschirm war das Objekt verschwunden.  Alberto, der immer noch am Bug der Blauzahn Ausschau hielt, rief etwas, aber keiner hatte ihn gehört. Er kam nach hinten auf die Brücke. "Ihr habt mich alle nicht gehört. Ich habe ein paarmal gerufen. Ich konnte es nicht deutlich sehen, aber etwas großes Graues war genau vor uns. Jetzt ist es weg." Außer sehr vielen Luftblasen war aber nichts mehr zu sehen.

 

War das ein Wal oder ein U-Boot, das Alberto gesehen hatte? Das Radar hatte nur ein Objekt angezeigt, was es war, hatte es nicht erkannt.  

 

Fortsetzung folgt  

 

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