Teil 2 - Kapitel 23

29. Juli 2015 10.00 Uhr Hafen von Neumea

 

Langsam erwachte die Blauzahn. Otto stand unter der Türe zu Pet´s Kajüte und beobachtete, wie er sich bemühte, langsam wach zu werden. Als er ihn ansprach, erschrak Pet etwas, denn er hatte seinen Freund noch nicht wahrgenommen. "Guten Morgen, Mann der beeindruckenden Frauen. Lieber Pet, was ist los mit dir? Von einem kuriosen Abenteuer ins nächste. Du scheinst wirklich verändert zu sein und irgendetwas bewegt dich heftig?" Pet setzte sich auf die Kante seiner Koje und bat Otto herein in sein Reich.

 

"Ich weiß es nicht genau, aber irgendetwas bewegt mich und alles was um mich herum passiert, ist wie ein Funken, der das Feuer in mir weiter am Brennen hält. Aber ich glaube auch, dass ich mit diesen Empfindungen nicht alleine bin." Juris und Jan streckten ihre Köpfe durch den Türrahmen und fragten, ob es sehr stören würde, wenn sie zuhören würden. "Nein es stört mich nicht. Also nochmals, irgendetwas geschieht mit mir und ich glaube, dass auch mit einigen anderen gerade einige Veränderungen vor sich gehen. Ich versuche das mal zu beschreiben. Wenn wir auf See sind, hart am Wind segeln, unsere Grenzen erreichen, wenn das Adrenalin in den Adern pulsiert, dann fühle ich mich wohl. Wenn mir die Arme, die Beine, mein Körper vor Anstrengung weh tut, dann ist für mich alles in Ordnung. Wenn ich das mit meiner beruflichen Leben vergleiche, dann sehe ich Parallelen. Nervliche Anspannung, Konzentration, Siegeswillen und wenn alles gut ging, das Gefühl, ein Gigant zu sein. Aber im beruflichen Leben musste man das jeden Tag neu aufbauen und neu durchleben. Wenn ich das auf See erlebe, dann bin ich für längere Zeit glücklich. Glücklich müde, glücklich erschöpft und mein Kopf ist frei, weil ich am nächsten Tag nicht wieder in diese Tretmühle muss, sondern hier auf der Blauzahn bin, unter Freunden. Hier ist keiner, der mir meinen Platz streitig macht und mich zwingt, schon wieder Höchstleistung zu bringen. Die bringe ich freiwillig und gerne. Und was noch dazu kommt, ich genieße meine Emotionen. Ich muss die nicht mehr unterdrücken, mich verstecken. Ich war teilweise so weit, dass ich mir überlegen musste, welche Emotion ich jetzt in gewissen Momenten zeigen sollte. Ich war unfähig meinen eigenen Gefühlen nachzugeben. Und das ist jetzt nicht mehr so. Gestern Abend ist mir das beim Gespräch mit Isabel Monti so bewusst geworden und ich wusste in dem Moment, als ich es bemerkte, dass sie das war. Warum auch immer, es ist mir egal, ob es nur die Stimmung, die in dem Garten entstand, daran schuld ist oder die Frau mit ihrem Auftreten und dieser angenehmen Stimme. Oder war es diese schöne Tochter und das, was ihre Aura verströmte." Weiter kam Pet nicht, Jose drängte sich durch Jan und Juris durch und stellte sich in die Mitte der Kabine. "Ja das ist es Pet. Ich kann das gut nachvollziehen, was du gerade über das Adrenalin, die körperlichen Herausforderungen und dieses Gefühl des Sieges gesagt hast. Wenn wir draußen auf See sind, dann bin ich begeistert von dem, was ich kann und was wir zusammen leisten. Immer wieder packt mich das euphorische Gefühl, endlich etwas gefunden zu haben, was mir teilweise auch weh tut und mich trotzdem glücklich macht. Vielleicht gibt es dafür eine bessere Erklärung, aber wenn ich in mich fühle, mein Kopf nur an das jetzt denkt, dann geht es mir gut. Und das mit den Gefühlen, ja mich packt es auch wieder. Ich wünsche mir manches Mal, dass ich die Zeit zurückdrehen kann und die Gefühle, zu denen ich jetzt fähig bin, in den damals wichtigen Momenten meines Lebens auszuleben. Ja es passiert etwas mit uns und das liegt nicht an der Ageli, die ist ein Katalysator für uns, wir sind es, die unseren Zeitenverlauf steuern und nun auch endlich etwas treiben lassen können. Mir geht es gut dabei, verdammt gut. Jetzt kann ich endlich daran gehen, meinen Seelenmüll zu sortieren und über Bord zu werfen, was ich nicht mehr haben will. Ich schaffe damit Platz für Neues." Noch keiner hatte Jose so lange und so feinfühlig sprechen hören.

 

Aus dem Gang draußen vor der Kabine war ein mehrstimmiges Gemurmel zu hören. Offensichtlich hatten fast alle Nordstrandpiraten zugehört.

 

Etwas verschämt kommentierte Pet das Ganze. "Und das nur, weil ich zwei Frauen einladen wollte."  Lars quetschte sich durch die Türe. "Ja genau, hast du das schon gemacht? Wenn nicht, dann lasse dir nicht mehr so viel Zeit dazu. Nicht dass die sich das anderes überlegen. Denn wenn alleine schon das Gespräch über sie Männer wie Jose dazu bringen, über Gefühle zu reden, dann sollten wir sie alle kennen lernen. Aus der Entfernung beeinflusst zu werden, das muss schon was dahinter sein." Dafür bekam Lars eine ordentlich Kopfnuss von Jose. "Kann nicht wehtun. Hohlräume haben keine Nervenbahnen." Jose war auf dem Wege, sogar spontanen Humor zu entwickeln. Was würde der Tag noch bringen?

 

Otto reichte ihm sein Handy und scheuchte alle anderen aus seiner Kajüte und schloss hinter sich die Türe. Pet rief an, aber eine vollkommen unbekannte Stimme meldete sich. Leider war sein Französisch sehr bruchstückhaft und außer ein paar Weinsorten, Orten oder Speisen war da nicht viel mehr. Er nannte zweimal seinen Namen und die Stimme am anderen Ende der Verbindung wiederholte ihn laut und missverständlich. Aus Pet wurde Beb und aus Bär wurde Mär. Es dauerte so lange bis eine andere Stimme ihn erlöste und seinen Namen richtig wiederholte. Nadine war nun am Sprechen. Pet bedankte sich nochmals für den interessanten Abend und fragte dann, ob die Damen seine Einladung für heute Spätnachmittag und dann zu einem späteren Abendessen annehmen würden. Ja sie würden sehr gerne kommen. Nach ein paar Sätzen Smalltalk beendete Pet das Gespräch, nicht ohne ihre Mutter recht herzlich von allen, die sie kannten, grüßen zu lassen. 

 

Später in der Messe verkündete Pet, dass die Damen kommen würden. Kaum war der Satz beendet, sprangen einige schon auf und riefen nach Putzlappen, Eimer, Raumspray und frischer Wäsche. Marc saß mit Pet und Otto dann alleine am Tisch in der Messe. "Ich mache was Europäisches. Ich habe noch einige schöne Stücke Rinderfilet, Kartoffeln und Gemüse. Vorspeise Fischsuppe und zum Nachtisch ein Zitronensorbet. Otto, was kannst du aus deinem Weinkeller beisteuern?"

 

Lange saß Pet alleine am Tisch in der Messe und trank Kaffee. Seine Gedanken, die er am Morgen so offen ausgesprochen hatte, beschäftigten ihn immer noch. Auf einmal zweifelte er an sich selbst. Ist es wirklich so, dass jeder jetzt an seiner Persönlichkeit arbeitet, dass aus ihnen das wurde, was sie waren oder sein sollten? Die Freiheit der Meere, das gemeinsame Leben auf diesem Schiff, hatte das diese Auswirkung auf sie?

 

Die Blauzahn wurde auf Vordermann gebracht. Unabhängig, dass sie heute Besuch bekommen würden, es war auch notwendig, das Schiff zu säubern, die Kabinen zu lüften und aufzuräumen. Zwischendurch wurde dann auch noch der Diesel und das Frischwasser geliefert. Otto, Marc und Alberto arbeiteten in der Kombüse. Lars brachte einen Satz neuer Weingläser, zwanzig Bordeauxgläser, zwanzig Weißweingläser und zehn Original Glencairn Whisky Gläser. Alles wurde sturmfest im Gläserschrank verstaut. Die Hunde wurden gebürstet, und gesäubert und mit eine paar unmännlichen Schleifchen verschönert.

 

"Was machen wir mit den Amazonen? Für ein gemeinsames Essen reicht der Platz nicht? Aber von dem Besuch ausschließen können oder sollten wir sie nicht. Hat jemand einen Vorschlag?" Diese Frage stellte Otto über die Bordsprechanlage an alle. Und damit war die Katze aus dem Sack. Jemand aus der Mannschaft der Amazonen hatte so gute Ohren gehabt, um das auch zu hören. Und diese Information machte sofort ihre Runde auf der  Ageli.

 

Beim Schrubben des Decks hörte Carlo einige Wortfetzen, die auf ihren Besuch am Spätnachmittag hindeuteten. Eine kurzes Meeting wurde einberufen, um eine Strategie zu entwickeln, dem Unwillen der Amazonen zu entgehen. Beschlussfähig wie die Mannschaft nun mal immer war, einigte man sich darauf, eine Abordnung auf die Ageli zu schicken und eine förmliche Einladung zu einem Abschiedstrunk zu überbringen. Die Nordstrandpiraten hatten vor, die Insel am kommenden Vormittag zu verlassen und ihre Reise fortzusetzen, obwohl man den Liegeplatz noch weitere achtundvierzig Stunden nützen durfte. Es war Zeit, wieder auf See zu gehen, den Wind, die Wellen und die Einsamkeit in die Seelen einzulassen. Die spannende und undankbare Aufgabe, die Einladung zu überbringen, wurde Otto, dem Mann für die Öffentlichkeitsarbeit und Erik als beschützendem Begleiter übergeben. 

 

Otto kleidete sich entsprechend. Weiße Leinenhose, Sisal Sandaletten, weißes weites Hemd und natürlich eine seiner Westen. Sein künstlerisch friedvolles Outfit wurde von einem Strohhut unterstützt. Sein Aussehen, Marke intellektuell und lammfromm wurde ein Kontrapunkt durch Eriks Kleidung und Aussehen gesetzt. Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, und eine schwarze Weste aus Ottos Kollektion vervollständigten sein Bodyguard -Aussehen. Zudem war das T-Shirt etwas zu eng geschnitten und seine Muskeln waren sehr leicht zu erkennen. Strategie freundliche Abschreckung begleitete die beiden an Bord der Ageli. Leider sah man beiden an, dass sie das nicht ernst nehmen konnten und die heikle Mission konnte durch Entgleisen der Gesichtszüge der Parlamentäre scheitern. Alles hing nun von der Selbstdisziplin der Boten ab.

 

Sie wurden von Melanie, Carla und Birgit empfangen und in die Messe geführt. Otto überbrachte mit einer ernsthaften Mine und einem traurigen Tonfall die Einladung. Alleine schon die Aussicht, dass sie sich morgen trennen müssten, weil sie nun abreisen würden, wurde mit einer Gestik überbracht, dass man Otto gerne den Oskar als einen der besten Hauptdarsteller in dem noch zu produzierenden Film - die Trennung - überreichen würde.

 

Die Damen nahmen die Einladung freudig an, allerdings veränderte sich die Freude etwas, als Otto bekannt gab, dass man auch schon zwei Gäste aus der örtlichen Prominenz geladen habe. Als sie sich dann zum Gehen wandten, umarmte Carla Otto und flüsterte ihm ins Ohr. "Gerade noch die Kurve geschafft. Wir hätten euch absaufen lassen, wenn ihr nicht gekommen wärt." Otto konnte sich nur unter Aufbietung seines ganzen männlichen Charmes aus der Umklammerung befreien. "Du bist mir ein toller Bodyguard." raunte er dann noch Erik zu, als sie über die Planken auf die Blauzahn gingen.

 

Dann brachten sich die Nordstrandpiraten selbst noch in Schuss. Jeder arbeitete an seinem Outfit. Die Bärte wurden gestriegelt oder getrimmt, die Kopfhaare, sofern vorhanden, wurden bearbeitet und dann wurde die Tropenkleidung angelegt. Was Otto vorgemacht hatte, wurde kopiert und etwas individualisiert. Nur Erik und Lars wichen davon. Erik, weil man nichts Passendes in seiner Größe für ihn fand und Lars, weil er auf seine Kapitänsjacke nicht verzichten wollte.

 

Kurz nach 17.00 Uhr rollte ein Taxi vor die Gangway der Blauzahn und Isabel und Nadine Monte stiegen aus. Da Pet die beiden schon persönlich kannte, wurde er auf den Pier geschickt, um die Damen zu begrüßen und an Bord zu führen. Oben an Bord stand Lars, hinter ihm Erik und Jan. Die anderen Nordstrandpiraten hatten sich locker in einem gedachten Halbkreis aufgestellt. Pet stellte jeden der Mannschaft vor, bei Marc blieb Isabel etwas länger stehen und hielt seine Hand fest in der ihren. Beide schauten sich nachdenklich an, aber eine weitere Regung war nicht auszumachen, was dieser lange Blick zu bedeuten haben könnte. Otto als der Mann, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig war, und dies gehörte laut Aussagen fast aller zur Öffentlichkeitsarbeit, übernahm die Führung durch die Blauzahn und diese endete in der Messe. Nachdem man einen Begrüßungstrunk gereicht hatte, bat Marc dann alle zur Tafel. Zwischen Pet und Otto wurde Nadine platziert und ihr gegenüber saß ihre Mutter. Links und rechts von ihr saßen Jan und Erik. Wie es sich gehörte, saß Lars am Kopfende der Tafel. Alle anderen hatten es übernommen, die Gäste und sich selbst zu bedienen. Nach der Vorspeise übernahm Lars die Führung der Konversation. Relativ schnell kam er auf das Thema zu sprechen, warum die Damen denn so neugierig auf die Nordstrandpiraten seien, einem Segelschiff voller alter Männer. Madame Isabel lächelte höflich und überging die Bemerkung von Lars. "Wir wollen Frankreich und Deutschland besuchen. Eine Reise zu den Orten, die wir kannten und noch kennenlernen wollen. Und wir haben Adressen von Verwandten und Freunden gesucht, die wir gerne wiedersehen würden. Und dabei sind wir auf den Blog der Nordstrandpiraten gestoßen. Ihr Freund und ich kennen uns. Es ist zwar schon Jahrzehnte her, seit wir uns das letzte Mal begegnet sind, aber ich habe ihn sofort wiedererkannt. Und über den Blog haben wir auch über eine entfernte Verwandte etwas gelesen, Beatrice Monte. Aber das ist nicht der alleinige Grund, warum wir beide so neugierig geworden sind. Das was Sie da tun, was sie planen, finde ich sehr interessant. Ich selbst hatte so einen Traum zum Abschluss des Berufslebens meines Mannes. Wir wollten mit einigen Freunden zusammen den Jakobsweg durchwandern. Gemeinsamkeiten suchen, uns gegenseitig stützen und vieles mehr. Nun mein Mann ist tot und die Freundschaften sind Vergangenheit. Aber diese Idee, im Herbst des Lebens noch etwas anders zu tun, zu unternehmen, ist noch in mir und darf weiterleben." Alle Nordstandpiraten hingen an den Lippen dieser Frau. Ihre Stimme, ihre Ausdrucksweise, ihr Aussehen - alles beeindruckte die Herren.

 

Nadine stand in der Kombüse, in die sich Marc zurückgezogen hatte. Sie wagte es nicht,  sich ihm bis auf Armlänge zu nähern, bis Marc sah, dass Nadine zu weinen begann. Er machte den Schritt auf sie zu und umarmte die Frau, die einen Kopf größer war als er. Er hielt sie fest, als wolle er sie nie wieder loslassen. "Wie geht es dir Nadine? Bist du wieder ganz gesund? Ich sehe eine wunderschöne junge Frau vor mir und will es doch nicht glauben, dass wir uns noch einmal wiedersehen. Beatrice ist auch hier, auf dem anderen Schiff. Die Besatzungsmitglieder der Ageli kommen nach dem Essen zu uns herüber, du wirst sie dann sehen." Weiter konnte er nicht sprechen, ein dicker Kloß in seinem Hals verhinderte jedes weitere Wort.

 

Die Erinnerungen an ein großes Unglück, das Unglück seines Lebens, kamen ihm wieder ins Gedächtnis. Und er fühlte sich auf einmal sehr einsam.

 

Fortsetzung folgt

 

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Kommentare: 9
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