Teil 2 - Kapitel 22

28. Juli 2015 20.00 Uhr Noumea

Pet war wütend und die Hunde spürten das. Carl wollte nicht mehr ruhig liegen bleiben, auch Tristan begann, an der Leine zu zerren. Nur Trevor wollte einfach weiterschlafen und blieb liegen. Die Dame des Hauses, vermutlich die Mutter der Schönen, kam auf Pet zu und bat ihn, mit ihr mitzugehen. Hauptsache weg von hier, dachte er und die drei Hunde folgten ihm. Und er der Dame des Hauses. Sie führte ihn in einen Garten und er sollte sich auf eine Bank setzen. Dann brachte sie ihm und sich selbst ein Glas Wein und ein Glas Wasser und setzte sich in einem kleinen Abstand neben ihn. In etwas gebrochenem Deutsch sprach sie ihn an. "Das war nicht sehr fein von den Damen. Ich habe bemerkt, dass Ihnen das unangenehm war, aber ich wusste nicht, wie ich Ihnen helfen kann. Meine Tochter hat mich gebeten, Sie hierher zu führen. Das ist unser kleines Paradies. Lassen sie Ihre Hunde frei. Rund herum habe ich eine Mauer ziehen lassen, die können sie nicht überspringen und hier können sie auch nichts anstellen. Nun wollen wir den Stress vergessen und trinken auf die Schönheit der Welt und die Abenteuer, die sie erlebt haben." Sie hob ihr Glas und prostete ihm zu. Froh, der unangenehmen Situation entkommen zu sein, trank Pet gerne den Wein.

Sie hatte ihm einen Pinot Grigio eingeschenkt, genau richtig temperiert. Das war eine wunderbare Wiedergutmachung für das Erlittene. Dezent fragte sie Pet über die Blauzahn, die Nordstrandpiraten und den Sinn und Zweck einer solchen Reise. "Meine Tochter hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Sie die Welt nicht aus Abenteuerlust umrunden wollten, sondern etwas suchen würden. Darf ich fragen, was Sie suchen?" Pet dachte kurz nach, wie er darauf antworten sollte. Er wollte diesmal antworten und nicht auf die Homepage verweisen. "Zuerst wollten wir uns beweisen, zu was wir noch alle fähig sind, nachdem wir aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind. Dann kam noch dazu, dass wir auch versuchen wollten, das Glück, das man empfinden kann, neu zu definieren oder auch zu suchen. Inzwischen sind wir soweit, dass wir eine Vielzahl von Gründen haben, diese Reise zu unternehmen. Vieles haben wir erreicht. Zum Beispiel sind wir eine Mannschaft, die zusammensteht. Wir sind alle Freunde und wir versuchen, keine falsche Harmonie aufkommen zu lassen, sondern arbeiten aktiv daran, miteinander gut auszukommen. Wir lernen Kompromisse zu machen, wo andere die Sturheit voranbringen würden. Wir lassen Seiten an uns zu, für die wir uns vor Zeiten noch geschämt hätten. Wir lernen alle, lassen uns belehren und lehren dazu auch. Vielleicht sind wir eine soziologische Versuchsreihe, ohne es zu wissen. Eines haben wir inzwischen auch erreicht, wir wissen das Älterwerden eine mathematische Sache ist und keine gespürte oder gefühlte. Klingt theoretisch, aber mir fehlen irgendwie die Worte, um wirklich auszudrücken, um was es uns geht. Man kann es auf eine Aussage reduzieren: Es geht um uns." Sie nickte zum Zeichen, dass sie es gut verstanden hatte, was Pet versucht hatte, ihr nahe zu bringen. "Das ist gut, es fühlt sich an, als ob ihr die Freiheit sucht und gefunden habt. Nein, das wäre zu wenig, nur die Freiheit. Mir fehlen die Worte dazu aber ich verstehe nun etwas besser, warum ihr unterwegs seid. Ich war neugierig, weil meine Tochter euren Blog liest  und mir immer wieder davon berichtet. Gerne würde ich auch die andern Menschen der Blauzahn kennen lernen, aber das wäre sicher zu viel verlangt." Pet dachte nach, denn diese Dame war eine außergewöhnlich Frau. Einfühlsam, stark und irgendwie beindruckend. "Wir beschließen alles demokratisch und ich kann Ihren Wunsch gerne vortragen. Nur - ich kenne gerade nicht so genau unseren Zeitplan, denn wir haben hier einen nicht geplanten Aufenthalt wegen Reparaturarbeiten eingelegt. Aber ich bitte Sie um eines, darf ich Ihren Namen erfahren, Madame?" Ihr war dieser Fehler sehr peinlich und Sie entschuldigte sich sofort für ihre Ungeschicklichkeit. "Da sitzen wir in meinem Garten, trinken gemeinsam Wein und ich habe Ihnen nicht meinen Namen genannt. Mein Mann wäre mir sehr böse, wenn er das wüsste, dass ich die Etikette des Anstandes verletzt habe. Mein Name ist Isabel Monte und meine Tochter heißt Nadine." Pet bedankte sich bei ihr und als sie ihn bat, sie beim Vornamen zu nennen, schien es so, als ob er gerade zum Ritter geschlagen wurde. "Darf ich fragen, wo Ihr Gatte ist?" Pet wollte diese wunderbare Konversation aufrecht erhalten, deshalb stellte er diese Frage. "Er hat mich vor drei Jahren verlassen. Er hat sich vergiftet, weil er das älter werden nicht ertragen konnte und die beginnende Demenz hat aus dem einst stolzen Mann einen mürrischen in sich gekehrten Menschen gemacht. Er konnte sich selbst nicht mehr ertragen und wollte uns seinen Verfall ersparen. Er war nie ein Dummkopf, in diesem Falle schon." Pet musste nachdenken, was er jetzt wohl tun müsste oder sollte. Sie schwieg und schien weit in sich gekehrt zu sein. "Ich denke, es ist besser, ich gehe nun. Ich werde ihren Wunsch meinen Freunden vortragen und Ihnen morgen meine Antwort geben." Als er gerade aufstehen wollte, kam Nadine mit den vier Damen in den Garten. Fast artig schritten sie hinter ihr her und gingen auf die Parkbank zu.

 

Maria ging auf ihn zu, schaute ihn an und begann schwer zu schlucken. Tränen standen ihr in den Augen. "Pet, es tut uns leid, wir haben uns wir pubertierende Mädchen verhalten. Wir wollten dich nicht in Verlegenheit bringen. Wir wissen alle, dass wir da etwas zu weit gegangen sind. Nimmst du meine Entschuldigung an?" Was blieb ihm da anderes übrig als ja zu sagen. Dann umschlang sie ihn und sagte nochmals leise "Entschuldigung." Dann trat Matra vor und reichte ihm die Hand. "Ich möchte mich auch entschuldigen, war einfach nicht gut von uns." Ihr Händedruck war fest und Pet spürte, wie ehrlich sie es meinte. Dann kam Milly, sie neigte schuldbewusst ihren Kopf, sagte nichts, sondern reichte ihm beide Hände. Sophia stand weit hinten. Pet sah, dass es ihr sehr schwer fiel, zu ihm zu gehen. Er blieb stehen und wartete. "Warum solltest du es mir leicht machen. Ich war die Anstifterin des Ganzen. Ja irgendwie war mir danach, dich ein wenig aus der Reserve zu locken. Ich weiß dass es einfach ungehörig und frech war. Ich hoffe, dass du auch meine Entschuldigung annimmst." Dann erst bewegte sie sich auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Hinter ihr stand Nadine und ein freundlichen Lächeln zeigte sich auf ihrem zuerst ernsten Gesicht.

 

"Ich nehme eure Entschuldigung an, verknüpfe aber daran eine Bedingung: Das Ganze bleibt unter uns. Niemand sollte davon erfahren, das muss auch nicht sein. Und nun sollten wir gehen!"

 

Pet reichte Isabel die Hand, als er sie in seiner fühlte, war ihm einfach danach, ihr einen galanten Handkuss zu geben. Er neigte den Kopf zu ihrer Hand und hauchte ihr diesen Handkuss auf den Handrücken. Ohne erschrocken zu sein, ließ sie das geschehen und neigte auch leicht ihren Kopf zum Abschied.  Maria, Matra und Milly nahmen die Hunde an den Leinen mit sich, als Nadine sie aus dem Garten, durch die Geschäftsräume, nach draußen führte. "Meine Damen, ich danke Ihnen für Ihren Einkauf und das interessante und spannende Erlebnis, Sie kennen lernen zu dürfen." Sie verneiget sich leicht vor Pet und er tat das gleiche und alle bedankten sich nochmals bei ihr.

 

Maria eilte mit dem müden Trevor voraus, denn offensichtlich kannte sie den Weg zum Hafen. Schweigend gingen sie die halbe Stunde zurück. Als sie ankamen, warteten alle schon besorgt auf sie. Pet gab für alle die Erklärung ab, warum sie so spät kamen. "Wir haben uns in der Stadt etwas verlaufen. Alles ist ok und nun habe ich Hunger, Freunde" Ob man ihm glaubte, konnte er nicht feststellen, das war ihm in dem Moment auch vollkommen egal. Die Damen zogen sich eiligst auf die Ageli zurück. Marc hatte für die Hunde schon die Schüsseln mit Futter bereitgestellt und auf Pet wartete ein Brokkolisalat. Als er anfing zu essen, setzten sich alle an den Tisch in der Messe und schienen auf eine Erklärung von ihm zu warten.

 

Nach den ersten eilig in sich hineingestopften Bissen und dem ersten Schluck Wein schaut Pet hoch. "Wir haben uns wirklich verlaufen und im letzten Ladengeschäft, wo die Damen eingekauft haben, wurde ich in eine Unterhaltung mit der Besitzerin verwickelt. Offensichtlich haben wir hier auch schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Die Tochter der Inhaberin kennt unseren Blog und hat davon ihre Mutter informiert. Die Dame war sehr neugierig und hat sich lange mit mir unterhalten. Darüber haben wir wohl auch etwas die Zeit vergessen. Die beiden Damen baten darum, ob sie uns alle kennen lernen dürften. Da ich das nicht, ohne euch zu fragen, entscheiden kann, wollte ich darauf keine Antwort geben. Wenn ihr zustimmt, werde ich die Damen morgen anrufen und ihnen das dann mitteilen!" 

 

"Frauen?" begann Juris. "Warum das denn? Sind wir denn so beeindruckend oder warum wollen sie uns kennen lernen? Die können doch auch unseren Blog weiterlesen, dann wissen sie alles, was sie wissen sollten." Dann erzählte Pet das, was er von den beiden wusste. "Ich glaube, dass vor allem die junge Frau Interesse daran hat, bei den Amazonen anzuheuern. Das ist nur ein Gefühl, gesagt hat sie das nicht. Um ehrlich zu sein, war ich da etwas überfordert, das richtigzustellen. Dass nicht wir die Initiatoren sind, die zu entscheiden haben, wer auf die Ageli geht und nicht. Aber ich möchte noch eines dazu anmerken. Die Amazonen nehmen schon großen Einfluss auf unsere Reise oder ist das nur so ein Gefühl?"

 

Dann folgte ein langes Schweigen bei den Nordstrandpiraten. Sie wollten nicht noch weiter in das Leben der Amazonen hineingezogen werden und trotzdem waren alle neugierig geworden. Lars goss Pet einen Whisky ein, schaute sich um und begann in den Raum zu sprechen, ohne jemanden anzuschauen. "Wir haben morgen noch einen freien Tag. Die Reparaturen sind abgeschlossen und warum nicht neue Leute kennen lernen. Ob Frauen oder nicht, wir sind doch nicht auf ein Geschlecht eingeschworen, das wir kennen lernen wollen oder nicht? Ich stimme dafür, dass wir die beiden zum Lunch einladen. Wenn Pet die beindruckend findet, dann dürften die auch für uns interessant sein. Wer ist dafür?" Zehn Nordstrandpiraten waren dafür, die anderen enthielten sich der Stimme. Damit war die Sache beschlossen.

 

Weit bis nach Mitternacht saßen Lars, Otto, Erik und Pet zusammen und unterhielten sich über das Thema Einflussnahme. Marc, Juris, Jose und Alberto spielten Karten, beteiligten sich aber nicht am Gespräch. Man hatte aus alter Gewohnheit die Rollos nicht geschlossen und konnte nach draußen schauen. Sie sahen alle, dass auf der Ageli auch noch in der Messe die Lichter brannten.

 

Erik erzählte, dass er sich am Nachmittag lange mit Lisa unterhalten hatte. Auch auf der Ageli wurde darüber gesprochen, wie sich denn das Verhältnis zu den Nordstrandpiraten entwickeln würde. Sie waren auch der Meinung, dass sie sich langsam auf eigene Beine stellen sollten und ihre Reise mit einem eigenen Kurs fortsetzten sollten, nur Betty, Julia und Birgit wollten sich lieber in der Nähe der Blauzahn aufhalten. Über das Warum konnten sie nichts sagen, es war einfach ihr Wunsch. Dann drehte sich Erik zu Pet um und schaute ihn an. "Was ist heute Nachmittag wirklich passiert, Pet? Du lernst nicht einfach eine, wie sagtest du, beeindruckende Frau kennen, während dich vier andere begleiten oder du sie. Das passt irgendwie nicht zusammen. Was war denn das für ein Geschäft, wo ihr einkaufen ward?" Erik würde nicht aufhören mit seinen Fragen, bis er wusste was passiert war. Die anderen hörten auf Karten zu spielen und warteten auch auf die Antwort von Pet. Lars goss Pet nochmals ein Glas Whisky ein. Er hatte bemerkt, dass Pet etwas Zeit benötigte, um die richtigen Worte zu finden. "Die Damen wollten noch ein paar Sachen für sich einkaufen und da musste ich nicht dabei sein. Unterwäsche und so. Um mir die Zeit des Wartens etwas zu verkürzen, bat mich die Inhaberin in ihren Garten und wir tranken ein Glas Wein zusammen und kamen ins Gespräch, während ihre Tochter die Damen bediente. Sie schien interessiert zu sein, mehr über den Anlass unserer Reise zu erfahren. Wir sind nun mal keine normale Reisegesellschaft, die rund um die Welt globetrottern. Sie hat ihren Mann durch Selbstmord verloren und hat sich hier auf der Insel ein neues Leben eingerichtet. Sie scheint mir glücklich zu sein und doch will sie offensichtlich mehr, als nur ein Wäschegeschäft zu führen. Isabel Monte, so heißt die Inhaberin ist in unserem Alter und hat noch nicht mit allem abgeschlossen. Ihre Tochter ebenfalls nicht. Ich kann euch nicht sagen was es ist, was sie da antreibt. Vielleicht sind sie vom gleichen Virus infiziert wie wir? Allerdings muss ich euch vorwarnen, die beiden sehen sehr gut aus. Aber das ist nicht der Grund, warum ich empfohlen habe, sie kennen zu lernen." Anstatt für etwas mehr Klarheit zu sorgen, musste Pet feststellen, dass er seine Freunde damit noch mehr verwirrte. Für klare Gedanken war es zu spät und alle waren müde. Man würde sich besser überraschen lassen, was da auf sie zukam, ohne noch weiter das Thema zu besprechen.

 

Alberto war noch fit und übernahm als erster die Wache an Deck. Alle anderen gingen schlafen. Otto ging noch ins Krankenrevier und schaute nach Mathias, der tief und fest schlief.

 

Trevor und Tristan lagen im Gang und rührten sich nicht. Auch für sie war es ein sehr anstrengender Tag gewesen.

 

Die Nacht endete um 10.00 Uhr am Morgen, als alle von den Geräuschen eines einfahrenden Kreuzfahrtschiffes geweckt wurden. Der Kahn legte etwa hundert Meter von ihnen entfernt am Kai an.

 

Marc stand da schon in seiner Kombüse und hatte Kaffee und Tee gemacht und der Duft durchströmte die Blauzahn und weckte die Piraten auf.

 

Was würde dieser Tag bringen? Dieser 29. Juli 2015.

 

      

 

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