Teil 2 - Kapitel 19

24. Juli 2015 17.00 Uhr auf dem Außenpier

Melanie, Betty, Juris, Greg und Carlo standen auf dem Außenpier und schauten auf die Jacht die draußen, etwa fünfzig Meter vor der Hafeneinfahrt, vor Anker lag. Juris und Greg schauten gespannt hinüber zur Jacht, ob sich dort etwas bewegte oder ob man sie einfach ignorieren würde. Carlo schaute mit seinem Fernglas hinüber und bemerkte, dass sich vor der großen Panoramascheibe auf dem Zwischendeck etwas bewegte. Dort stand ein Mensch in weißer Kleidung. Er war sehr schlecht zu sehen, da das Glas vor dem er stand, verspiegelt war und er im hellen Licht des Sonnenuntergangs mit dem sich spiegelnden Sonnenlicht verschmolz. Das Meer war sehr ruhig und deshalb war der Wellengang gemäßigt. Die Amazonen und die Piraten hörten, dass ein Motor angelassen wurde. Das Motorengeräusch kam aus Richtung der fremden Jacht. Und dann sahen sie, wie ein Beiboot das Heck der Jacht umrundete und auf den Pier zusteuerte. "Die steuern auf uns zu. Sofern sie uns noch nicht richtig ausspioniert haben, wissen sie nicht, welche Sprachen wir beherrschen, also bleiben wir bei Englisch, Deutsch und Französisch. Mal sehen wie die sich mit uns unterhalten wollen." Juris war in seinem Element. Polizist, Abhörspezialist, Ermittler, das war doch seine Welt gewesen und dort fühlte er sich manchmal noch wohl. "Soll ich sie ein bisschen verstören?"

Betty zog einen Schmollmund und bewegte sich etwas zu lasziv und dabei rutschte sie auf dem nassen Pier aus und plumpste in eine Meerwasserpfütze. Ihr ganzer Oberkörper war nun nass und ihr T-Shirt klebte an ihrem Oberkörper fest. Ihr junger, gut gebauter Körper sorgte dafür, dass Greg zweimal eine Schnappatmung bekam. Er fing sich aber schnell wieder und wandte sich dem wesentlichen Teil ihrer Mission zu, der fremden Jacht.  Melanie machte eine Bemerkung zu Carlo. "Das wird sie wirklich irritieren." Dann landete das Beiboot der Jacht schon am Ende des Piers, vier Männer erklommen die Mole und schlenderten auf die Fünf zu.

 

Auf der Ageli war das alles nicht unbemerkt geblieben. Erik und Lars wurden nervös, als sie beobachteten, dass ihre Freunde sich offensichtlich in Gefahr gebracht hatten. Auf der Ageli wurde das Beiboot zu Wasser gelassen und Lars, Erik, Jose, Carla und Julia stiegen ein. Sie fuhren mit gedrosselten Motor, so leise wie möglich auf den Hafenausgang zu. Sie umrundeten das Ende des Piers und das Beiboot kam zwischen der Mole und der fremden Jacht zur Ruhe. Sie hielten, soweit das möglich war, ihre Position ein und beobachteten die Szenerie auf dem Pier.

 

Greg trat vor und stellte sich zwischen seine Freunde und die Ankömmlingen.  Auf englisch sprach er sie an, was sie hier denn wollten. Als er keine Antwort bekam, auf französisch und dann noch auf deutsch. Die Antwort bekam er auf englisch von einem Typ, etwa eins fünfundsiebzig groß, genauso breit und mit einem geschorenen runden Schädel. "Wir wollten euch ebenfalls fragen, was ihr hier macht. Ihr beobachtet uns und wir würden gerne wissen, warum?" Dann rief der Mann hinter ihm allen etwas auf Russisch zu und alle mussten lachen. Greg reagierte nicht darauf, obwohl er sofort verstand, was da gesagt wurde. Er antwortete dem Glatzkopf auf englisch. "Wir dachten, wir haben die Jacht schon mal gesehen und unsere Freundin hier ist Fotografin und wollte die Jacht fotografieren, weil sie die einfach schön fand. Ihr habt doch nichts dagegen?" Er deutete dabei zuerst auf Betty und dann auf die Jacht draußen auf Rede. "Ich kann den Namen der Jacht nicht erkennen. Ist das Kyrillisch oder was für Schriftzeichen sind das?" Juris Tonfall spiegelte sein gespieltes harmloses Auftreten wieder und die Männer mussten schmunzeln. Keiner hatte bisher entdeckt, dass das Beiboot der Ageli hinter ihnen auf dem Meer war und ihren eventuellen Rückzug verhindern konnte. Der Glatzkopf übersetzte seinen Freunden die kurze Ansprache von Juris und erntete dafür wieder lautes Gelächter und einen Kommentar, der alle noch weiter zum Lachen brachte. Juris spielte den Irritierten und fragte sein Gegenüber, was denn daran so lustig sei. Der Glatzkopf antwortete nun nicht mehr ganz so aggressiv wie anfangs. "Ja das ist Kyrillisch. Die Jacht heißt Pjotr I, nach Peter dem Großen mit Heimathafen St. Petersburg. Und wo kommt ihr her?" Und wieder machte der Typ hinter Glatze eine Bemerkung, über die alle lachen mussten. Da Juris seine nichts ahnende Rolle gut spielte, antwortete er unbeeindruckt der offensichtlich anzüglichen Bemerkung. Die Antwort kam schnell und einfach. "Wir kommen von Nordstrand, Deutschland und die Jacht heißt Blauzahn, nach Harald dem ersten, einem Dänischen König und Seefahrer und daneben liegt die Ageli. Das ist ein Kunstname und soll eine schöne und eindrucksvolle Frau beschreiben. Ihr Heimathafen liegt in Großbritannien." Und wieder übersetzte der Kopfhaarlose das Ganze und erntete dafür nur zustimmendes Kopfnicken seiner Freunde.

 

Greg nickte auch, denn ihm schoss gerade ein Gedanke durch den Kopf. Die Blauzahn war wirklich ein tolles Schiff, schnell und von einer Mannschaft geführt, die wie die Wikinger mutig die Weltmeere durchpflügte. Und die Ageli hatte tatsächlich etwas von einer schönen Frau. Der Rumpf weiß, blau, die Aufbauten von einem makellosen Mahagonirotbraun. Deren Eleganz konnten nur wenige Segelschiffen überbieten. Hoffentlich sagte Juris nicht, dass sie nur von Frauen besetzt war.

 

Dann ging der Unbehaarte auf Juris zu und reichte ihm die Hand. "Mein Name ist Wolkov,  Semjon Wolkow. Übersetzt Simon Wolf und wie lautet Dein Name?" Juris entging nicht, dass sein gegenüber eine Vertrauensbasis aufbauen wollte. "Mein Name ist Julius Redlich. Freut mich deine Bekanntschaft zu machen. Ich bin Funker, Techniker und Maat."  Semjon hielt die Hand von Juris immer noch fest und schaute ihm in die Augen. "Freut mich auch, dich kennen zu lernen, Julius. Bist du Deutscher?" Kurz musste Juris überlegen, welche Vita er sich nun geben sollte. Er hatte das Spiel begonnen und nun musste er so weitermachen.  "Ja aus dem Osten von Deutschland. Preuße und an der Ostsee aufgewachsen." Nun begann das Kräftemessen. Juris drücke die Hand seines Gegenübers immer kräftiger und der erwiderte seine Anstrengungen. Dann gab Semjon nach, weil er merkte, dass er verlieren konnte und löste seine Hand aus der von Juris. "Du hast sehr viel Kraft Julius. Mit diesen Händen kümmerst du dich um die Elektronik?" Dann begannen beide laut zu lachen, der Bann, die erste feindlichen Anzeichen lösten sich auf. Dann übersetzte er, was sie gerade besprochen hatten und die anderen mussten darüber ebenfalls lachen. Alle gingen daraufhin aufeinander zu und reichten sich die Hände und stellten sich mit Vornamen vor.

 

Als Erik das sah, stellte er den Motor wieder an und sie fuhren einfach weiter und umrundeten die Pjotr in einem sehr weiten Bogen. Auf der vom Land abgewandten Seite sahen Erik und die Mannschaft auf dem Beiboot der Ageli, dass sich dort bereits zehn Männer bereit hielten, um in ein weiteres Beiboot zu steigen.

 

Auf englisch sprach Semjon Betty an. "Wenn du möchtest, kannst du gerne zu uns an Bord kommen und das Schiff fotografieren. Die Pjotr ist ein sehr modernes Schiff. Gut ausgestattet. Aber du solltest dir was anderes vorher anziehen, denn die Mannschaft besteht fast nur aus Männern, und wir sind schon einige Wochen auf See. Ich möchte nicht, dass meine Leute nervös werden, wenn sie von einer attraktiven Frau besucht und fotografiert werden." Peinlich berührt lächelte Betty ihn an. Sie musste aber mit der Begründung das Angebot ablehnen, dass sie bald den Hafen verlassen wollten und der Zeitplan würde ihr dafür leider keine Zeit lassen. Bedauernd, dass sie das Angebot ablehnte, wandte sich Semjon an seine Mannschaftskollegen und teilte ihnen das mit. Dann sagte er noch laut, an alle gerichtet. "Dann verabschieden wir uns und ich bin sicher, wir werden uns wiedersehen. Bis bald Julius Redlich. Sagt eurem Kapitän, dass ihr zwei sehr schöne Segelschiffe habt. Wir beneiden euch darum." Dann schifften sich die Russen in ihr Beiboot ein und fuhren zurück zu Pjotr.

 

"Wir verschwinden auch." rief Juris in die Runde und auch sie machten sich auf den Weg zurück zu ihren Schiffen. Gemeinsam mit dem Beiboot der Ageli trafen sie bei ihren Schiffen ein.

 

An Deck der Blauzahn versammelten sich die beiden Mannschaften, denn sie wollten alle von Juris wissen, was da auf Russisch gesagt worden war. "Die Herren wirkten zuerst etwas ungebildet und vulgär auf mich, denn die Anzüglichkeiten wegen dem feuchten T-Shirt Bettys waren schon recht derb. Oder auch anders gesagt, die Herren sprachen voller Bewunderung von dem Shirt. Dann musste ich mich korrigieren. Alle hatten eine Aussprache die davon zeugte, dass sie zumindest ein Gymnasium besucht oder sogar studiert hatten. Das waren alle keine dummen Seeleute oder Bauern. Der, der sich als Semjon Wolkow vorstellte, war sicher geschult, Menschen gut zu beobachten und auch zu bewerten. Sehr sportlich und kräftig, aber ganz sicher nicht tumb. Ob er mir abgenommen hat, dass ich Deutscher bin glaube ich nicht. Entweder hat er genug Informationen über uns gehabt und wusste genau, wer wir sind oder er war geschickt worden, mehr über uns zu erfahren. Ob von denen Gefahr für uns ausgeht, kann ich nicht sagen. Sicher ist nur eines, wir werden denen noch ein paar Mal begegnen. Ich glaube nicht, dass der Name des Schiffes falsch ist. Wir werden nun Nachforschungen anstellen müssen, wem die Pjotr I gehört. Oder was meint ihr dazu?" Otto bemerkte nur, dass es ja nicht schaden konnte, zu wissen, wem das Schiff gehörte und wer sich hinter dieser Mannschaft verbarg.

 

Carlo hatte heimlich alle fotografiert, keiner hatte das bemerkt, denn außer Semjon waren alle zu sehr mit Betty beschäftig gewesen - somit hatte sie das erreicht, was sie wollte. Sie etwas zu verstören, auch wenn das anders gemeint war. Julia hatte die zehn Männer und das Beiboot gefilmt, Bildmaterial genug, um herauszufinden wer sie da verfolgen könnte.

 

Jan und seine Schwester schauten sich als erste die Bilder und die Videoaufzeichnungen an, ob sie jemanden darauf erkennen würden. Dem war aber nicht so und so begann man zu recherchieren, wem die Pjotr I gehören konnte. Das war nicht leicht, denn es gab kein offizielles Verzeichnis russischer Luxusjachten und so fanden sie einige Frachtschiffe mit diesem Namen, aber spontan keine Jacht, die diesen Namen trug.

 

Juris zapfte seine Kontakte bei der Polizei an, aber es konnte länger dauern, bis er Antworten erhalten würde.

 

Die Amazonen waren trotz der beruhigenden Aussagen von Juris doch besorgt und baten darum, dass sie die Blauzahn bis nach Papua-Neuguinea begleiten dürften. Dies war eine kleine Abweichung der Route, die die Nordstrandpiraten geplant hatten, aber einstimmig erklärten sie sich dazu bereit. Es wurde festgelegt, am kommenden Morgen um 4.00 Uhr die Segel zu setzen und den Hafen zu verlassen.

 

Um 20.00 Uhr wurde das Fallreep zwischen der Ageli und der Blauzahn eingezogen und bis auf die Wachen an Deck legten sich alle schlafen.

 

Pet übernahm die erste Wache auf der Blauzahn, Sophia die auf der Ageli. Ein paarmal bellten die Hunde sich noch von Schiff zu Schiff zu, aber um 22.00 Uhr war es ruhig im Hafen und auf den Segelschiffen.

 

Fortsetzung folgt

 

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