Teil 2 - Kapitel 18

23. Juli 2015 2.45 Uhr auf dem Pier

 

Otto war noch etwas irritiert, weil ihm das Bild des Mannes, der mit den Polizisten im Hintergrund diskutierte, nicht aus dem Kopf gehen wollte. Es dauerte einige Sekunden, bis er zurückfand und sich wieder den wartenden Pressevertretern widmen konnte. Otto berichtete von seinen Erlebnissen auf der Polizeistation und von den Erlebnissen der Crew auf den Jachten, während diese von den Behördenvertretern untersucht wurden. Und er berichtete, dass sich alle Vorwürfe offensichtlich in Luft aufgelöst hatten, denn sie wurden ohne Auflagen aus dem Polizeigewahrsam entlassen. Was ihn schockierte, war die Verletzung der Persönlichkeitsrecht durch die Polizei, aber vor allem durch deren Informanten. Dann verwies er nochmals auf die Homepage der Nordstrandpiraten und wollte sich verabschieden. Aber die Pressevertreter wollten mehr wissen. Immer wieder drang der Ruf des "warum macht ihr diese Reise" zu ihm durch. Er winkte ab, er war einfach sehr müde und wollte nicht mehr. Aber nahm den Ruf des Warum mit aufs Beiboot und später auch in seine Kajüte mit sich.

 

In dieser Nacht hielten auf beiden Jachten immer zwei Crewmitglieder und die Hunde Wache. Die erste Wache übernahm auf der Ageli Mandy und Dara und auf der Blauzahn Pet und Steffen. Von 3 Uhr bis um 7 Uhr. Und ab 7 Uhr Jose und Luigi und auf der Ageli Betty und Cahyra. Die Party und die Aufregung vom Tag zuvor hatte alle sehr viel Kraft gekostet und so blieb es an diesem Tage sehr ruhig auf den Jachten. Bis auf zwei Fotografen, die sich noch auf dem Pier herumtrieben, waren alle anderen verschwunden. Selbst auf der kleinen Terrasse des Jachtclubs zeigte sich bis zum späten Nachmittag niemand. Die Ageli-Amazonen luden die Nordstrandpiraten am späten Nachmittag zu einem Imbiss ein. Clara hatte für alle frisches Brot gebacken und dazu wurden unterschiedliche Schinken und Käse serviert. Da die Ageli nicht ganz so geräumig war wie die Blauzahn, holten sich einige Crewmitglieder vom Büffet auf der Ageli etwas und zogen sich dann auf die Blauzahn zurück. 

 

Lars, Erik saßen mit Birgit und Lisa in der Messe der Blauzahn und oben auf der Brücke hatten sich Otto, Pet, Betty, Sophia mit Olivia zusammengesetzt. Sophia hatte für alle eine Platte mit allem, was an gutem Essen angeboten wurde, zusammengestellt und herübergetragen. Sie saßen nun auf dem Boden der Brücke, die Platte in der Mitte und bedienten sich davon. Trevor und Tristan saßen in ihrer Loge und waren bereits mit etwas Lammfleisch versorgt worden, was beide aber nicht daran hinderte, ständig von ihrem Platz aus auf die mit Köstlichkeiten gefüllte Platte zu starren. Kein schwieriges Thema belastete den Smalltalk aller. Keiner wollte über das, was ihnen da passiert war, reden. Otto und Sophia waren gerade dabei, über eine eventuelle Uniform der Amazonen zu reden, die es galt designed zu werden, als sie von Lars unterbrochen wurden. "Gerade kam in den Nachrichten im Fernsehen ein kurzer Bericht über uns. Otto du warst maximal zwanzig Sekunden zu sehen und zu hören. Allerdings schien mir das zusammengeschnitten worden zu sein. Da war nichts zu verstehen oder zu erkennen. Nur dass es sich um zwei Segeljachten mit unterschiedlichen Mannschaften handeln würde und dass man uns fälschlich mit ein paar Drogendealern verwechselt hätte, die man zu dem Zeitpunkt hier erwartet hätte. Dann ein paar Bilder von den beiden Jachten, das war alles. Und was mir aufgefallen ist, außer Otto war niemand von uns auf den Bilder zu erkennen, es wurden nur Filmsequenzen oder Bilder gezeigt, bei denen man kein weiteres Gesicht richtig erkennen konnte. Was ich davon halten soll, weiß ich nicht. Das wollte ich euch sagen, weiterhin viel Spaß." Und dann war er schon wieder weg. Otto nahm sein Tablett und suchte nach der Homepage der Nordstrandpiraten. "Na immerhin seit gestern Abend fast tausend Klicks. Das haben wir gerade mal pro Monat. Und der Zähler läuft weiter. Pet morgen müssen wir uns an die Arbeit machen und das Erlebte aus unserer Sicht auf die Homepage bringen. Ich setze kurz rein, dass die Ereignisse vom 21. Juli bis zum 23. Juli erst morgen zu lesen sein werden. Wir wollen doch unsere Leser nicht enttäuschen!" Sophia wandte sich Pet zu. "Sofern wir morgen, wenn ihr das schreibt, noch nebeneinander liegen, würde ich gern bei dir über die Schulter schauen, wie du das machst." Pet schaute Sophia verwundert an. Die verstand sofort, warum Pet ein Fragezeichen auf seinem imaginären Display auf der Stirn hatte. "Ich erkläre das mal, was ich meine. Also, sofern nicht eine der beiden Jachten bald lossegelt, gehe ich davon aus, dass die Jachten noch nebeneinander liegen werden. Und dir über die Schulter schauen bedeutet nicht, dass ich jetzt anfange, schreiben zu lernen, sondern ich will sehen, wie du an die Arbeit für die Texterstellung eures Blocks herangehst." Pet war damit einverstanden.

 

Aus dem persönlichen Tagebuch von Lars 

 

Seit Monaten sind wir nun unterwegs und jeden Tag, den Gott werden lässt, genieße ich. Zwar kann ich das erst seit ein paar Wochen wirklich. Ich frage mich, was eigentlich passiert ist, dass ich nun mein Leben genießen kann. Der stumpfe Schmerz, der mich so lange begleitet hat, als mich meine Exfrau verlassen hat und ich jeglichen Boden unter den Füßen verloren hatte, ist weg. Zuerst habe ich an dieser verrückten Reise teilgenommen, um das, was in mir so schmerzhaft brannte, los zu werden. Jetzt beginne ich Neues zu fühlen. Liegt es daran, dass ich mich zu Brigit Hanssen stark hingezogen fühle oder daran, dass ich hier an Bord Freunde gefunden habe und eine Aufgabe, die mein tiefstes Inneres erfasst hat und in Anspruch nimmt.

 

Als Friedrich starb und wir dann auf Mallorca auf der Werft dieses unangenehme Erlebnis mit diesen Kameras und den Mikrofonen hatten, wollte ich noch weg. Ich wollte das Schiff verlassen und bin doch geblieben. Zuerst aus Bequemlichkeit, denn wo sollte ich auch hin. Dann aber immer mehr, weil mich diese Gemeinschaft, diese Reise in seinen Bann gezogen hat.

 

Und nun bin ich mittendrin in einer Abenteuergeschichte. Manchmal frage ich mich noch, ob das alles real ist? Ja, das ist es. Alles was passiert gehört zum Leben dazu. Wenn sechzehn Männer auf einem auffälligen Schiff wie der Blauzahn über die Weltmeere reisen, dann erregt man Aufmerksamkeit, vor allem mit dieser Mannschaft. Da jeder der Nordstrandpiraten seine Geschichte mit an Bord genommen hat, begegnen wir das eine oder auch das andere Mal der Vergangenheit eines Crewmitgliedes oder wir kreuzen einfach das Schicksal von uns bisher unbekannten Menschen.

 

War ich in meinem Berufsleben eine Schachfigur, so bin ich heute ein Schachspieler. Ich habe es in der Hand, wie ich mich bewege und zum Sieg gelange. Dieses Gefühl ist wunderbar, vor allem weil meine Freunde und ich ein Ziel verfolgen. Wir suchen die Herausforderung, die wir nicht kennen. Wir wollen ein Ziel erreichen, das sich uns noch nicht gezeigt hat und wir wollen glücklich sein, weil wir das wollen. Jeden Tag aufs Neue definieren wir uns neu. Als wir diese Reise begonnen hatten, war ich ein abgetakelter alter Mann Mitte sechzig, der keine Ozeanriesen mehr über Meer steuern wollte. Und heute beginne ich manchen Tag mit der Kraft eines Vierzigjährigen, den Bedenken eines Siebzigjährigen, der Weisheit eines Neunzigjährigen und den leichtsinnigen Gedanken eines Dreißigjährigen. Bin ich nun wirklich alters- oder gar zeitlos? Ich werde es ganz sicher am Ende dieser Reise wissen. Über eines bin ich mir jetzt schon sicher: Die Liebe ist zeitlos.

 

 

 

Aus dem Tagebuch des Otto 

 

Bald haben wir die Hälfte unserer Reise erreicht. Mit welchen undefinierbaren Gedanken, Zielen und Wünschen wir doch vor ein paar Monaten von Nordstrand aus losgesegelt sind. War ich doch nie ein Abenteurer, nun aber segele ich von einem Ereignis bis zum nächsten, das mich aufwühlt und fordert. Ich hätte mir das nie so vorgestellt, nun bin ich mittendrin und auf der anderen Seite dieser Erde. Manchmal kommt mir das vor, als ob Rosamunde Pichler, Ian Flemming,  Bernard Cornwells gemeinsam mit Günther Grass das Drehbuch zu diesem Leben auf der Blauzahn geschrieben haben. Dann kommen noch die bunten Seiten der Yellow Press dazu. Die Schnittmuster dafür liefere ich.

 

Alles ist real und doch ein Traum. Als ich auf der Blauzahn meine Kajüte bezogen habe, war ich ein pensionierter Lehrer, blass, etwas angestaubt und mit vielen Bedenken, was diese Reise betrifft, ausgestattet. Und nun bin ich etwas fester an den Muskeln, braungebrannt, habe Schwielen an den Händen und vergessen, wie alt ich bin. Ist auch nicht mehr wichtig, das Alter. Die Erlebnisse werden so viele Abende an Erzählungen füllen, dass ich damit  noch meine Urenkel in den Bann ziehen kann. Manchmal vermisse ich meine Lieben zu Hause, aber die Sehnsucht wird oft genug mit dem nächsten Windstoß weggefegt. Manchmal frage ich mich, wie mein Körper all diese Mengen an Adrenalin, Serotonin und anderen fröhlichen Heinzelmännchen produzieren kann. Gedanken an Krebs und Herzinfarkt kommen mir vor wie ein Sturm auf hoher See, man muss sich darauf einstellen und sie besiegen, überwinden und dann geht es einfach weiter. 

 

24. Juli 2015 10.00 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Pet hatte gerade seinen Laptop ausgepackt, da klopfte es an der Türe zu seiner Kajüte. Ohne zu warten, dass Pet jemanden hereinbat, öffnete Sophia die Türe, trat ein und schloss hinter sich die Türe wieder. "Guten Morgen, ich hoffe ich komme nicht zu früh oder zu spät? Wo darf ich mich denn setzen, um dir über die Schulter zu schauen?" Pet nickte nur, denn es war ihm eigentlich zu früh, um mit Sophia zusammen das Bordtagebuch zu führen. Das Bordtagebuch war die Grundlage zum Nordstrandpiraten-Blog. Pet wusste um sein chaotisches Wesen und hatte sich deshalb ein System aufgebaut, mit dem er in einem Vierundzwanzigstunden-Raster alle Ereignisse kurz skizzierte und sie dann ausformuliert in das Bordtagebuch eintrug, das er dann an das Sekretariat von Mathias Kanzlei weiterschickte. Dort wurde es, soweit es notwendig war, korrigiert und in den Blog eingestellt. Aber nun war Sophia da und er zeigte ihr etwas widerwillig, wie er arbeitete. Sophia staunte, wie akribisch er vorging. Webseiten wurden aufgerufen, um Wetterkarten, Windrichtungen, Wassertemperaturen abzurufen. Örtliche Nachrichtenseiten suchte er und las sie durch. Sie sagte ihm, wie sorgfältig er doch arbeiten würde. Er nahm das erst zur Kenntnis, dann wurde er doch etwas nachdenklich. Das widersprach seiner Selbsteinschätzung vom Chaoten. Dann begann er die Ereignisse schriftlich auszuformulieren und seine Finger rasten über die Tastatur. Seine Finger konnten seine Gedanken meist nicht schnell genug erfassen und in der ersten Textversion waren Massen an orthographischen Fehlern die er danach korrigieren musste. Sophia amüsierte sich darüber und er gestand ihr, dass er darauf ein Diplom besaß. "Was für ein Diplom hast du?" fragte sie ihn irritiert. "Ich bin Diplomlegastheniker. Deshalb bin ich froh darüber, dass es Rechtschreibkorrekturprogramme gibt. Nein, ich muss da ehrlich sein, mich haben diese Rechtschreibregeln von eh und je wenig interessiert, weil mir vieles einfach unlogisch vorkam. Denn wenn ich mich auf das auch noch konzentrieren muss, dann sind ein Teil meiner Gedanken schon weg, wenn in meinem Kopf die Rechtschreibregeln aufgerufen habe. Also muss ich vieles nach der Rohversion erst mal korrigieren und dann kommt noch die Interpunktion. Als Freund von langen Schachtelsätzen vergrößere ich die Fehlerquellen. Meist schicke ich dann, bevor ich den Text weiterreiche, alles an Otto. Der ist mein persönlicher Lektor. Er macht mich oft auf meine Fehler aufmerksam, wenn ich die falschen Zeiten verwende oder wenn ich mal in eine etwas zu platte Sprache verfalle. Er kennt mich gut und weiß, was ich ausdrücken will. Vor allem, wenn es um die Beschreibung von Emotionen geht. Da neige ich manchmal zu einer Theatralik oder beschreibe sie zu kühl. Zwei Gegensätze, die in mir hausen, weil ich nicht immer die notwendige Distanz zu den Geschehnissen herstellen kann. Deshalb empfehle ich: Suche dir jemand, der dich beim Schreiben unterstützt, sich kritisch mit dem auseinandersetzt, was du mitteilen willst." Dann stockte Pet erschrocken, hatte er gerade zu viel von sich preisgegeben? Es war schon draußen, ändern konnte er es nicht mehr. Er schaute Sophia zum ersten Mal in die Augen. Wie reagiert sie darauf? Sie nickte, aber ohne weitere Reaktion, als Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte und fragte nur. "Du und Otto steht euch nahe, seid ihr so etwas wie seelenverwandt?" Das konnte Pet nicht beantworten, deshalb arbeitete er einfach weiter. Nach zwei Stunden war er mit seinen Berichten fertig.

 

Dann begleitete ihn Sophia noch, wie er die Hunde versorgte. Fellpflege, Fütterung und dann noch den Hunde-Sozialraum reinigen. Die meisten ekelten sich dabei, wenn er diese Aufgabe jemand zeigte, Sophia nicht. Als ob sie das gewohnt war, half sie ihm dabei. Um 13.00 Uhr rief Marc alle zum Mittagessen.

 

Sophia begleitete ihn zur Messe. Dort saßen schon ein Teil der Nordstrandpiraten. Betty, Melanie und die Black Cousinen waren zu Gast. Lars, Jose, Alberto und Erik waren auf der Ageli zum Mittagsmahl gegangen.

 

Nach dem Essen stellte Otto der Mannschaft die weitere Segeltour vor. Den ganzen Vormittag hatten er, Lars und John an der Route gearbeitet. Betty hatte Otto unterstützt, als er dieses Mal alles in einer Bildpräsentation zusammengefast hatte und das nun auf dem großen Bildschirm in der Messe vorführte. Zum Abschluss kam noch der Arbeitsplan, der ab dem kommenden Morgen um 4.00 Uhr begann. Otto, Marc, Steffen, Gerrit und Pet waren für die kommenden vier Tage von den Schichten an Deck befreit und für das Housekeeping eingeteilt. In deren Arbeitsplan war noch die Suche nach einem Leck im Maschinenraum eingearbeitet. In den letzten Tagen war es immer wieder vorgekommen, dass der Boden bei den Maschinen mit etwas Salzwasser bedeckt war. Das Leck musste gesucht und abgedichtet werden. Die Damen staunten nicht schlecht, als sie sahen, wie die Arbeit auf der Blauzahn durchorganisiert wurde.

 

Gegen 15.00 Uhr verabschiedete sich Otto und John von der Tafel, weil sie nun den Bordcomputer oben auf der Brücke mit den Reisedaten füttern wollten. Melanie begleitete sie dabei. Ein paar Minuten später rief Otto Jan über die Bordsprechanlage nach oben auf die Brücke. Vor dem Jachthafen, draußen auf Reede, hatten sie eine große Motorjacht entdeckt, die einem russischen Schiff, das sie schon ein paar Mal gesehen hatten, sehr ähnlich sah. Alle anderen schauten sich diese Jacht durch die Panoramascheibe von der Messe aus an.  "Kennt ihr die Jacht? Ihr seid alle jetzt etwas aufgeregt. Hat das was zu bedeuten?" fragte Sophia Pet. "Ja, die kennen wir und die Männer auf der Jacht auch. Ich kann dir nicht genau sagen, was das zu bedeuten hat, aber wir sind uns schon ein paar Mal begegnet. Wir vermuten, die haben die gleiche oder eine ähnliche Route wie wir. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen." Pet hatte das etwas leise zu Sophia gesagt, es sollte nicht zu geheimnisvoll klingen, war aber wohl misslungen, denn sie bekam einen besorgten Gesichtsausdruck. "Pet, die sind uns auch schon zwei oder drei Mal begegnet. Die haben uns für ein paar Kilometer auf See begleitet. Wir hatten immer das Gefühl, dass die uns beobachten." Juris drehte sich um und wollte nach draußen, als Greg ihn ansprach. "Was hast du vor?" "Ich schaue mir das genauer an. Kommt jemand mit?" Juris schaute in die Runde und Melanie rief ihm von der Türe zum Niedergang aus zu. "Ich bin dabei."

 

Sie machten das Beiboot der Blauzahn fertig und Melanie, Betty, Juris, Greg und Carlo stiegen ein, bewaffnet mit Teleobjektiven und Ferngläsern fuhren sie Richtung Außenpier.          

 

Fortsetzung folgt

 

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