Teil 2 - Kapitel 17

22. Juli 2015 23.55 Uhr auf dem Festland / Polizeistation

 

Melanie, Lisa, Lars und Otto wurde die Türe der Polizeistation aufgehalten. Sie konnten hinaus in die Freiheit treten. Auf dem Parkplatz der Polizeistation stand ein Übertragungswagen einer Fernsehstation und ein paar Fotoreporter. Die Fotoreporter machten eiligst ein paar Bilder, bevor sie von einigen Polizisten abgedrängt wurden. Ein Kamerateam der Fernsehstation versuchte sich durchzudrängen, um ein Interview mit den Vieren zu führen. Aber auch sie wurden von ein paar Uniformierten und von Zivilbeamten abgedrängt. Ein Taxi stand bereit. Melanie, Lisa, Lars und Otto stiegen ein und das Taxi fuhr mit hoher Geschwindigkeit los. Da der Parkplatz vor der Polizeistation hinter dem abfahrenden Taxi abgesperrt wurde, konnte keiner der Journalisten folgen.

 

22. Juli 2015 0.30 Uhr auf der Blauzahn

 

Alle warteten auf die Ankunft ihrer Freunde, die sich noch im Gewahrsam der Polizei befanden. Erik hatte sich inzwischen durch das beherzte Eingreifen von Mathias etwas beruhigt. Für eine Entschuldigung des Offiziers hatte es nicht gereicht, dafür schleuderte ihm Erik einen Wikingerfluch hinterher. Der musste so grausam sein, dass Erik ihn nicht übersetzten wollte.

 

Carla hatte Kaffee und Tee für alle gemacht, Gerrit spendierte eine Flasche Gin dazu. Dick in Pullover oder Jacken eingewickelt saßen die Mannschaftsmitglieder bei knapp acht Grad Celsius und kräftigem Süd-Ost-Wind an Deck der beiden Schiffe und warteten auf das, was noch auf sie zukommen sollte. Um kurz nach 0.40 Uhr erhielt Sophia einen Anruf, dass die vier nun aus dem Polizeigewahrsam frei seien und man sie zum Pier bringen würde. Sie wollten dort abgeholt werden. Sophia verständigte Pet und Erik, dass sie mit dem Beiboot zum Pier fahren sollten, um dort ihre Freunde abzuholen. Als sie gerade das Beiboot der Ageli zu Wasser gelassen hatten, rief Otto bei Pet an. Dass sie mit einem Taxi zum Hafen unterwegs seien und dass man sie auf der anderen Seite der Bucht abholen sollte, da der Pier wahrscheinlich zu belebt sei. Pet fragte Otto, was das denn zu bedeuten hätte. Gerade habe jemand angerufen und sie zum Pier gerufen, um dort ihn und die drei anderen abzuholen. Otto bestritt dies und sagte nochmals, dass man sie auf der anderen Seite abholen sollte. In knapp fünfzehn Minuten seien sie da, denn sie würden das Taxi schon vorher verlassen und den Rest der Strecke zu Fuß gehen. Sie wollten der Presse entgehen, die sie unbedingt fotografieren und interviewen wollte. Pet verständigte die anderen. Wer hatte Sophia angerufen? Sie selbst konnte nicht sagen, wer das gewesen war. Sie habe nur die Information bekommen. Erik wollte zu gerne wisse, wer sie da zum Pier locken wollte. Die Mannschaften beschlossen, dass Erik mit Juris und Mathias dorthin fahren sollten. Allerdings wollten sie in einem Abstand von etwa zwanzig Metern auf See vor dem Pier warten. Sophia sollte dann mit einem anderen Beiboot auf die andere Seite der Bucht fahren, um dort zu warten. In dem Beiboot mit Sophia waren Jose, Alberto und Steffen, denn sie sollte besser nicht ohne Begleitung an das ihr unbekannte Ufer fahren.

 

0.55 Uhr am Pier

 

Erik war mit Juris und Mathias schon fast am Pier angekommen. Erik schaltete den Motor aus. Sie trieben langsam zum Ufer. Auf dem Pier zeigte sich niemand. Deshalb steuerte Erik das Beiboot wieder etwas weiter vom Ufer weg. Als sie etwa zwanzig Meter entfernt nur noch leicht vor sich hin dümpelten, sahen sie eine Taschenlampe aufleuchten. Der Strahl tastete das Wasser unterhalb des Piers ab. Erik machte ein Zeichen an die beiden anderen, sich ruhig zu verhalten und sich niederzuknien, damit sie nicht zu erkennen waren. Dann startete er den Motor und fuhr in Richtung des Lichts. Laut rief er: "He Olf, hier sind wir, sind die sechs anderen bei dir?" Diese kleine Irritation hatte er mit den beiden anderen abgesprochen, um festzustellen, ob der Unbekannte Bescheid wusste oder nicht. Mit heiserer und hörbar gedämpfter Stimme antwortete der Pseudo-Olf. "Ja ja, wir sind hier. Fahr zum Pier, wo die Stiegen zum Rande des Wassers reichen. Folge dem Strahl der Taschenlampe." Langsam fuhr Erik dorthin, wohin der Strahl sie führte. Er und Juris waren mit Baseballschlägern bewaffnet, falls sie sich wehren mussten. Mathias hatte ein kleine Filmkamera bereitgemacht, um den Olf filmen zu können. Einen starker Scheinwerfer, den er in der anderen Hand hielt, konnte er jederzeit einschalten, um auch wirklich alles sehen zu können. Dann war Erik an der Stiege und machte das Beiboot an einem Mauerhaken fest. Den Schläger hinter seinem Rücken versteckt, stieg er nach oben auf den Pier. Gebückt hinter ihm schlich sich Mathias auch nach oben, blieb aber so weit unten, dass ihn niemand vom Pier aus sehen konnte, Kamera und Scheinwerfer zum schnellen Einsatz in den Händen haltend.

 

23. Juli 2015 1.10 Uhr auf der anderen Seite der Bucht

 

Sophia suchte das Ufer der Bucht mit einer kleinen Taschenlampe ab, um zu sehen, wo sie unbeschadet ans Ufer fahren konnte. Jose, Alberto und Steffen hatten lange Stangen mit Enterhaken dabei und schoben das Beiboot vorsichtig über den nahen Grund. Das Boot hatte einen Tiefgang von fast einem halben Meter und sie hatten gerade noch etwa einen halben Meter Wasser unter dem Kiel. Dann sah Sophia kurz ein Licht am Ufer aufflammen und wieder verlöschen. Um sich zu erkennen zu geben, rief Alberto laut nach Otto. Als sie dann fast am Ufer waren, traten die vier aus dem Schatten ins helle Mondlicht und wateten zum Beiboot. Leise zogen Alberto und Jose ihre Passagier an Bord und dann entfernten sie sich leise vom Ufer. Erst dreißig Meter vom Ufer entfernt startete Sophia den Motor und sie fuhren in Richtung der beiden Segeljachten. Kaum lief der Motor an, da sahen sie, dass  drüben auf dem Pier helle Scheinwerfer eingeschaltet wurden. Auch auf dem Uferstück, das sie gerade verlassen hatten, sahen sie Autoscheinwerfer auftauchen. Offensichtlich hatte sich die Pressemeute aus der Polizeiumarmung befreien können und waren nun auf der Suche nach ihrer Story. Die wollten die Nordstrandpiraten und die Ageliamazonen ihnen aber nicht liefern. Sophia steuerte das Beiboot ans Heck der beiden eng beieinanderliegenden Jachten. Als alle ausgestiegen waren, holten die Amazonen das Beiboot an Bord der Ageli. Sie hatten vereinbart, dass sie den Hafen gemeinsam verlassen wollten, wenn die Aktion am Pier beendet war. Melanie, Lisa, Lars und Otto wurden kurz darüber informiert, wie sie von einem geheimnisvollen Anrufer erfahren hatten, dass man sie am Pier abholen sollte. Aber dass alle doch misstrauisch waren und deshalb jeweils ein Boot zum flachen Strand gefahren sei und ein anderes zum Pier. Lars überlegte kurz, was das wohl zu bedeuten hatte und rief  zur Ageli rüber, dass sie schnell ihr kleines Beiboot wieder zu Wasser lassen sollten. Es hätte einfach zu lange gedauert, das Langboot von der Blauzahn zu Wasser zu lassen.

 

Zwei Minuten später saßen Lars, Otto, Carlo, Luigi zusammen mit Carla und Sophia im Beiboot der Ageli und rasten auf den Pier zu. Carlo und Luigi waren mit Gummiknüppeln bewaffnet, Carla und Sophia hatten sich mit Pfefferspray versorgt. Schon von weitem hörten sie Schreie vom Ufer her. Eilig machten sie neben dem Beiboot der Blauzahn fest und alle stürmten nach oben. Von mehreren Autoscheinwerfern beleuchtet, sahen sie eine Szenerie, die sie nicht erwartet hatten.

 

 

 

1.25 Uhr auf der anderen Seite der Bucht

 

Das Fernsehteam und die anderen Journalisten sahen gerade noch, wie das Beiboot über die Bucht auf die beiden großen Jachten zufuhr. Sie hatten die vier verpasst. Aber einer der Reporter sah einen Scheinwerfer auf der anderen Seite der Bucht auf dem Pier aufleuchten. Alles rannte zu den Fahrzeugen und fuhr nun auf die andere Seite der Bucht. 

 

Auf dem Pier

 

Erik stand im hellen Scheinwerferlicht einiger PKWs einem wild gestikulierenden, schreienden Mann gegenüber. Erst langsam erkannte Erik, dass es sich um den Polizeioffizier handelte, den er und die Mannschaften der beiden Jachten dort kennengelernt hatte. Dieser Mann, der Erik nun in Zivilkleidung gegenüberstand, war offensichtlich hier, um seiner Sichtweise von Recht und Gerechtigkeit mit anderen Mittel durchzusetzen. Die anderen Männer waren, soweit Erik das erkennen konnte, ebenfalls bereits bei der Aktion auf den Jachten mit dabei gewesen.

 

Juris stand einige Meter hinter Erik und Mathias filmte alles aus seiner sicheren Stellung heraus.

 

Als dann die Mannschaft des anderen Beibootes ausstieg, stieg er gemeinsam mit Lars, Otto, Carlo, Luigi, Carla und Sophia nach oben. Die Kamera hielt er so, dass alle sehen konnten, dass er filmte. Die Männer, die bisher Erik und Juris im Halbkreis umstellt hatten, wurden unruhig. Laut und vollkommen ruhig rief Mathias in die Runde. "Ich habe alles gefilmt und die Tonaufnahmen sind auch gut geworden. Alles wird live übertragen. Ich glaube das wird eine tolle Reportage über Polizeiwillkür. Die Schadensersatzklagen werden unsere Kassen füllen. Tolle Sache Erik. Und da hinten kommen auch schon die Pressevertreter angereist. Mit einer Exklusivstory und ein paar Interviews können wir auch noch einiges verdienen. Die Jungs von der Presse können ja die Herren der Staatsmacht gleich hier zu ihren Beweggründer dieser Aktivitäten befragen." Kaum hatte Mathias seinen Satz beendet sprinteten die ersten Reporten schon mit Mikrofonen oder Fotoapparaten  bewaffnet auf Erik und den nun in Zivilkleidung getarnten Polizeioffizier zu. Seine Kollegen wollten schnellsten den Platz verlassen, aber die Pressefahrzeuge standen ihnen im Wege und ohne ihre Autos wollten sie nicht verschwinden. Sie zogen sich etwas zurück und standen schweigend zusammen. Die Versuche, ihre Gesichter nicht allzu deutlich den Kameras auszusetzen, waren zum Scheitern verurteilt. Als Erik von den Reportern mit Fragen bestürmt wurde, deutete er auf Otto. "Das ist unser Pressesprecher, der kann Ihnen aller erklären." Otto war nicht besonders darauf vorbereitet, nun aus dem Stegreif eine Pressekonferenz zu geben. Deshalb bat er alle, sich vor ihm zu versammeln, weil er eine allgemeine Erklärung abgeben wollte. So gewann er etwas Zeit, sich zu sammeln. Er besprach sich auch kurz noch mit Sophia, Mathias und Lars. Dann trat er in die Mitte der Pressevertreter und bat zuerst um Ruhe. Dann begann er mit seiner Erklärung. "Sehr geehrte Damen und Herren, zuerst möchte ich Ihnen ein paar allgemeine Informationen geben. Dann werde ich im Speziellen auf die Ereignisse der letzten Stunden eingehen." Die Kunstpause, die nun folgte, nutzte er , um seine Ansprache nochmals kurz zu überdenken. "Die beiden Jachten dort draußen im Hafenbecken, die Ageli, das Schiff mit den zwei Masten und die Blauzahn, eine Sloop mit dem sehr hohen Masten, befinden sich auf einer Tour rund um die Welt. Es handelt sich dabei um keine reine Vergnügungstour. Beide Mannschaften haben sich Aufgaben gestellt, die sie bewältigen wollen. Näheres über die Blauzahn finden sie auf unserer Homepage, die der Ageli ist noch in Bearbeitung. Nun würde ich auf die Ereignisse der letzten Stunden eingehen." Keine der ihm zugerufenen Zwischenfragen nahm er zur Kenntnis, sondern sprach in einem Fluss weiter. "Immer wieder kreuzen sich die Kurse der beiden Jachten, soll heißen, dass wir nicht den gleichen Kurs haben. Wir haben uns hier verabredet, um vor Ort auf etwas anzustoßen. Ich muss gestehen, dass wir auf unserer Reise bisher noch keine solche Feier veranstaltet haben. Etwas außergewöhnlich waren die Vorbereitungen. Die Mannschaft der Ageli sollte für die Getränke sorgen und die Mannschaft der Blauzahn war für das Essen zuständig. Ich habe wahrscheinlich vergessen zu erwähnen, dass die Mannschaft der Blauzahn nur aus über sechzigjährigen Männern besteht und die der Ageli nur aus Frauen aller Altersgruppen. Zur Unterhaltung der Partygäste wurden Kochkreise gebildet, auch eine Pokerrunde ist entstanden. Im Großen und Ganzen sind aber nur harmlose kurzweilige Dinge geschehen. Dass es zwischen den Mannschaften der beiden Schiffe die eine oder andere zwischenmenschliche Nähe gibt, ist einfach so und uns allen bekannt. Dass man dann einem Paar, das sich wochenlang nicht gesehen hat, den Freiraum bietet, mit sich alleine zu sein, dürften auch die Unterkühltesten verstehen. Die Vorwürfe, unter denen man uns dann festgesetzt hat, sind mehr als nur fragwürdig." Otto schaute in die Runde um zu sehen, welche Wirkung seine bisherige Ansprache hatte. Er sah nur gespannte Gesichtsausdrücke. Die Leute warteten darauf, dass nun das kam, worüber sie berichten konnten. "Gestern mittag wurde der Hafen von einem Küstenwachboot - vielleicht war es auch ein Polizeiboot - gesperrt. Die Herren der Staatsmacht haben sich weder persönlich vorgestellt, noch haben sie uns über ihren Rang und ihre Befugnis informiert. Unsere beiden Schiffe wurden geentert und man versuchte, uns am Auslaufen aus dem Hafen zu hindern. Dabei wollten wir gar nicht auslaufen und hatten auch nie vor, zu flüchten. Warum auch, wir hatten keine Vorstellung davon, was hier im Gange war. Aber diese Aktion war wohl auf Grund von zusammengewürfelten Vorwürfe und Informationen notwendig." Otto kam ins Stocken, da er sah, wie einer der Reporter sehr heftig mit den Polizisten diskutierte und es so aussah, als ob es zu Handgreiflichkeiten kommen könne. Kurz überlegte er, wie er alle auf diese Szenerie aufmerksam machen konnte. Dann hatte er die zündende Idee. "Die Herren dort drüber, die mit einem Ihrer Kollegen sehr heftig diskutieren, waren die ersten auf unseren Schiffen. Zu dieser Stunde hatten sie aber noch Uniformen an." Alle Köpfe und auch die Kameras drehten sich in die Richtung, in die Otto deutete. Die Polizisten und der Reporter bemerkten nicht, dass alle Augen auf sie gerichtet waren. Otto meinte, den Reporter, der sich zum Zeichen seiner Zunftangehörigkeit einen Fotoapparat umgehängt hatte, zu kennen. Dann fiel es ihm ein. Das war eines der Mannschaftsmitglieder auf der russischen Motorjacht, die er und Betty gesehen hatte. Er wusste gerade nicht wo, aber er wusste, dass er und Betty ihn vor ihren Objektiven hatten und es musste Bilder von ihm geben. Und das war auch der Tag, als jemand sie heimlich schlafend nebeneinander fotografiert hatte. Das Foto war bei der Polizei gelandet. Otto folgerte, dass das wohl der heimliche Informant für die Polizei gewesen sein musste. Wer war der Mann und warum machte er das? Ottos Gedanken überschlugen sich. Er war jetzt weit weg vom Hier und Jetzt. Er bemerkte nicht, dass ihn die Presseleute wieder ansprachen und neue Fragen stellten. Als Erik ihn von hinten antippte, erwachte er aus seinem Gedankenausflug.  

 

 

Fortsetzung folgt

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0