Teil 2 - Kapitel 16

21. JUli 2015 20.50 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Der Offizier schaute Mathias etwas verstört und wütend an. Konnte er doch nur ahnen, was er gerade gehört hatte. - Verpiss dich - klang in allen westlichen Sprachen nicht unbedingt gleich, aber offensichtlich meinte der Offizier daraus schließen zu können, dass er gerade beleidigt wurde.

Aus der Krankenstation war zuerst ein lautes Knacken zu hören und dann hörte man splitterndes Glas. Gerrit stand auf und wollte in seine Krankenstation laufen, um nachzuschauen, was da gerade passiert war. Einer der Uniformierten wollte ihn aufhalten, aber da brach es aus Gerrit heraus. Seine aufgestaute Wut konnte er nicht mehr bremsen und so brüllte er los. "Was glaubt ihr denn, was ihr in einer Krankenstation finden werdet. Voodoo-Puppen und Stricknadeln? Wenn ihr meinen Medikamentenschrank aufgebrochen habt, dann wird´s hier aber verdammt eng für jeden von euch. Ich bin ein anerkannter Arzt und habe die Zulassung, dass ich auf diesem Schiff praktizieren kann. Und ich habe die Erlaubnis, Medikamente mitzuführen. Wenn Sie mich daran hindern wollen, in mein Krankenrevier zu gehen, um nach dem Rechten zu schauen, dann versuchen Sie es. Einen alten Mann mit einer Waffe zu bedrohen, auch wenn das Recht auf Ihrer Seite zu sein scheint, ist irre und absurd. Die Presse wird sich sehr darüber freuen, wenn Sie die Story bekommt. Alter Mann von übermütigen Bewaffneten erschossen. Und jetzt gehen Sie mir aus dem Weg, bevor ich Ihren Leberschaden behandeln muss."

Der Mann, der Gerrit aufhalten wollte, schaute ihn verdutzt an und antworte etwas devot. "Woher wissen Sie das mit meinem Leberschaden?" Gerrit schob ihn zur Seite und antwortete ihm im Vorbeigehen. "Ich bin Arzt und Sie sind ein Säufer. Das sieht man an den Flecken in ihren Augen und ihre Ausdünstungen, die man selbst hier an Deck riechen kann, sind ein untrügliches Anzeichen dafür, dass Sie getrunken haben. Dass Ihr Offizier das zulässt, spricht nicht unbedingt für ein kontrolliertes Auftreten. Und den Schaden, der hier angerichtet wurde, werdet ihr mir bezahlen."

 

21.10 Uhr Polizeistation auf dem Festland 

 

Melanie, Lisa, Lars und Otto saßen auf einer Bank im Polizeirevier. Umgeben waren sie von einige Herren in grauen Anzügen und uniformierten Polizisten. Vor der Polizeistation hatten sich schon einige Journalisten und das Kamerateam einer Fernsehstation eingefunden.

 

Einzeln wurden sie einem Uniformierten und ein paar Grauberockten zugeordnet und in unterschiedliche Zimmer geführt. Name, Adresse, Alter und Grund des Aufenthaltes im Hoheitsgebiet Neuseelands wurde von jedem Einzelnen erfragt. Otto schien es, als ob das eigentlich niemand wirklich interessierte, da sie diese Informationen ja schon längst hatten. Dann wurden Otto ein paar Fotografien vorgelegt, auf denen man den Pokertisch und ihn beim Kartengeben sah. Ohne eine Frage oder eine Erklärung von Otto abzuwarten, legte man ihm weitere Fotografien vor. Jedes einzelne Mannschaftsmitglied der Blauzahn und der Ageli hatte man fotografiert. Und dann kamen ein paar pikante Bilder. Betty mit freiem Oberkörper und noch eines mit Otto, wie sie gemeinsam am Strand im Gebüsch mit geschlossenen Augen nebeneinander lagen. Lars wie er Birgit umarmte, Beatrice mit Alberto bei einer sehr intimen Umarmung und zu guter Letzt noch ein Bild von Otto und Pet, wie sie mit freien Oberkörpern nebeneinander an Deck der Blauzahn lagen. Und Carla mit einem weißen Pulver vor sich auf einem Tisch. Dann bekam er die Vorwürfe zu hören: Unerlaubtes Glücksspiel, Sexpartys und Drogenmissbrauch. Glücksspiel müsste staatlich lizensiert sein, Sexpartys seien sein persönliches Problem, doch Prostitution sei nur rechtlich akzeptiert, wenn ein Gewerbe angemeldet war. Der Drogenmissbrauch sei inakzeptabel und wie unerlaubtes Glücksspiele strafbar. Dann kam von einem der Herren in einem grauen Anzug die Aufforderung, dass er gestehen soll. "Was denn bitte ?" fragte Otto und das kam als Antwort weder eingeschüchtert noch schuldbewusst. "Na, das unerlaubte Glücksspiel, das wir gestern beobachten konnten und der Drogenmissbrauch, den sie ja auf dem Bild gut erkennen können. Wir durchsuchen gerade die beiden Jachten nach den Drogen und wir werden alles aufdecken. Den Koffer mit den Pokerkarten und den Jetons haben wir schon sichergestellt. Große Mengen an Bargeld in den Tresoren beider Schiffe wurde auch schon gefunden. Ihre Tarnung als Alte-Männer-Urlaubstour ist aufgeflogen. Sie schmuggeln und konsumieren Drogen. Die Mehlbeutel, in denen wir das weiße Pulver gefunden haben, sind nur eine Tarnung. Wer hat schon so viel Reismehl und Maismehl an Bord. Und was die Damen betrifft, da sind wir uns noch nicht ganz sicher, was die für eine Rolle in dem Szenario spielen, aber die Mannschaft der Ageli war am Glückspiel beteiligt." Otto staunte nicht schlecht, als er das hörte und er schaute sich die Bilder immer wieder an. "Meine Herren, wenn Sie sich z.B. dieses Bild von Miss Black anschauen, erkennen Sie, dass das weder auf der Ageli noch auf der Blauzahn aufgenommen wurde. Dieses Bild ist irgendwo anders aufgenommen, oder erkennen sie hier irgendetwas Bekanntes von den beiden Jachten? Und dann noch eine französische Flagge im Hintergrund. Hier auf diesem Bild sind Miss Beatrice Monte und Alberto Piriou zu erkennen. Beide sind seit Monaten ein Paar. Und wer lichtet so eine Szene denn ab? Ein durch ein Bullauge der Blauzahn aufgenommenes Bild, wie sich ein Paar intim umarmt, soll der Beweis für eine Sex Party sein? Und das weiße Pulver auf dem Tisch der Beweis für Drogenkonsum? Carla, die sie hier auf dem Bild sehen, ist Köchin auf der Ageli und sie backt auch. Das auf dem Tisch sind Mehlreste. Es ist doch lächerlich, was sie da als Beweis vorlegen. Und das mit dem Glücksspiel, da muss ich Ihnen recht geben. Wir haben gepokert, aber ohne reales Bargeld, sondern nur mit Jetons. Was für Beweise haben sie nun real und stichfest, um uns hier festzuhalten? Ein paar lächerliche Fotos? Eine Denunziantenaussage oder sonst etwas? Ich kenne mich in ihrem Rechtssystem nicht aus, aber ich denke, in allen demokratischen Staaten ist das, was sie da machen, nicht akzeptiert und unrechtmäßig. Ich erspare Ihnen, uns zurück zum Hafen zu bringen. Rufen sie uns vieren bitte ein Taxi, wir gehen." Die Antwort war erstauntes Raunen und ein Uniformierten drückte Otto zurück auf seinen Stuhl.

 

21.20 Uhr auf der Blauzahn

 

Als die Polizeibeamten bemerkten, dass Mathias das Dokument, das der sogenannte Durchsuchungsbefehl sein sollte, fotografierte und dass er einige WhatsApp sowie Mails versendet hatte, versuchten sie, ihm sein Smartphone abzunehmen. Sie hatten aber nicht damit gerechnet, dass Erik nun zwischen Mathias und den Polizisten trat. Die Stimmung an Deck wurde ungemütlich. Trevor und Tristan fühlten das und beide wollten aufspringen und Erik zur Hilfe eilen. Trevors Knurren war zu hören und der Offizier spürte, dass ihm die Kontrolle an Bord bald entgleiten würde. "Bringen Sie die Hunde unter Deck und sperren Sie die ein." Mit einer nervösen Kopfbewegung zuckte das Kinn des Offiziers in Richtung Niedergang. Pet packte beide Hunde an ihren Halsbändern und führte sie über den Niedergang nach unten. Da sah er, wie einer der Uniformierten gerade dabei war, die Hundetoilette zu untersuchen. Das musste er wohl verhindern, denn wenn der auch noch die Waffen finden würde, hätte das eventuell unangenehme Folgen. "Sorry, das muss jetzt warten, die beiden müssen mal," sagte Pet und drängte den Polizisten zur Seite. Wie auf Kommando setzte Trevor einen gewaltigen und stinkenden Haufen in seine Toilette. Pet packte das in eine Tüte, die er aber offen neben der Toilette stehen ließ und führte Tristan aufs Hundetöpfchen. Der hob allerdings nur sein Beinchen an einem der Holzpfosten in dem Sandkasten, aber damit war der Bedarf an Untersuchungseifer des Polizisten gegen Null motiviert und er schloss die Türe zur Hundetoilette, als Pet seine zwei Freunde zu seiner eigenen Kajüte führte und sie dort einsperren wollte. Empört musste er feststellen, dass seine persönlichen Sachen durchwühlt waren und ein Großteil seiner Karten, Bilder und Aufzeichnungen auf seiner Koje verstreut lagen. Er hat noch sein Handy und machte - solange ihn die Polizisten, die sich in seiner Nähe befanden, nicht beobachteten - von dem Chaos einige Bilder. Dann schloss er die Kajütentüre hinter den Hunden und rief laut in den Gang. "Ich habe hier die Hunde eingeschlossen. Ihr habe meine Sachen schon durchwühlt, also bleibt jetzt besser draußen. Trevor kann etwas ungemütlich werden, wenn man ihn stört und Tristan macht ihm alles nach. Trevor ist sein Vorbild." Die Befehlsempfänger nickten einfach und machten weiter. Sie hatten sich bis zu den Vorratsräumen am Bug durchgearbeitet und begannen die Kartons und Kisten zu öffnen, die dort lagerten. Pet wurde nach oben an Deck zu den anderen gebracht. Oben angekommen sah er, dass alle Nordstrandpiraten zur Ageli hinübersahen. Er fragte Jose, der ihm am nächsten stand, was denn dort zu sehen wäre. "Dara wurde von einem der Zollbeamten wohl etwas robust angefasst und sie hat ihm eine gelangt und er hat dann zugeschlagen. Daraufhin sind die anderen Agelis auf den Burschen losgegangen und haben ihn verdroschen. Die  Uniformierten waren so verdutzt, dass sie gar nicht schnell genug eingreifen konnten. Und nun haben wir den Salat, denn alle Amazonen werden jetzt mit Handschellen geschmückt - nur Dara nicht und Sylvia nicht. Die Ärztin behandelt gerade Dara und den uniformierten Schläger. Erik wollte schon den Aufstand proben, aber auf dem Küstenwachtschiff haben sie lautstark ihr MG entsichert. Das wird langsam etwas komisch hier. Ich suche immer noch die Kamera und einen Fernsehmoderator, der jetzt ausruft, dass alles nur ein Spaß war."

 

Polizeirevier 22.00 Uhr 

 

Melanie, Lisa und Lars waren die gleichen Fragen gestellt und die gleichen Bilder gezeigt worden wie Otto eine Stunde vorher. Warum man solange mit den Befragungen der anderen gewartet hatte, konnte man nur erahnen. Die Polizei, die Küstenwache und der Zoll hatten gehofft, mehr belastendes Material bei den Durchsuchungen zu finden und damit mehr Druck auf sie ausüben zu können. Lars war es gewöhnt, mit übereifrigen Staatsmitarbeitern umzugehen und so spielte er den Kooperativen und schwadronierte freundlich inhaltslos vor sich hin. Bis einer der Herren in grauem Zwirn mit der Faust auf den Tisch schlug und ihn anbrüllte, er solle doch endlich gestehen, dass er ein Drogenkurier sei. Lars wollte den Herren nicht provozieren und musste ein Lächeln unterdrücken. "Ich bin kein Drogenkurier und wir haben auch keine illegale Glücksspielveranstaltung organisiert. Auch wurde keine Sexparty arrangiert. Wobei Letzteres gar nicht schlecht gewesen wäre, Sie das aber nichts angeht und Sie auch nicht zu interessieren hat und Sie Ihre Nase nicht in meine Unterhose zu stecken haben." Das war zu viel für den Karrieristen im Anzug und er wollte Lars an seinem Uniformrock packen. Der reagiert schnell und stieß die Hand zur Seite. Beim zweiten Versuch, Lars zu packen wurde der Anzug samt dem Beamten von hinten gepackt und mit einem Schrei nach draußen gezerrt. "Alle raus hier - sofort. Keiner bleibt hier in dem Raum außer dem Kapitän und mir. Die Mikrofone werden ausgeschaltet." Dann drehte sich der Herr, der gerade deeskalierend eingegriffen hatte, Lars zu. "Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Brian Miller und ich bin vom Außenministerium gerade beauftragt worden, mit Ihnen zu sprechen. Mein Name ist falsch, deshalb brauchen sie sich den auch nicht zu merken. Nennen sie mich Brian und ich nenne sie einfach Lars. Zuerst muss ich mich für die Grobheiten der örtlichen Behörden entschuldigen, aber die uns übergebenen Informationen über Drogenschmuggel und illegales Glückspiel waren sehr stichhaltig und nach der ersten Analyse auch glaubhaft genug, sodass die Behörden hier vor Ort aktiv werden mussten. Aber Sie scheinen alle sehr mächtige Freunde zu haben, denn die Anrufe, die das Außen - sowie das Innenministerium von vier unterschiedlichen europäischen Botschaften erhalten haben, waren doch so nachdrücklich, dass man mich beauftragt hat, sofort einzuschreiten und die Situation zu entzerren. Entzerren bedeutet, dass die Situation so beendet werden muss, dass für keine Seite ein Schaden entsteht. Auf jeden Fall kein Schaden, den die Öffentlichkeit sieht. Nebenan sitzt Ihr Mann für Öffentlichkeitsarbeit und ich schlage vor, dass wir ihn und die beiden Damen zu dem weiteren Gespräch hinzuziehen." Lars konnte nur verblüfft nicken.

 

Als alle fünf am Tisch saßen, stellte Lars den Herren vor. "Das ist Brian Miller. Sein Name ist falsch und ich weiß nicht, was er für ein Funktion hat, aber er ist offensichtlich mit einer Autorität ausgestattet, uns hier herauszuholen. Er möchte uns einen Vorschlag unterbreiten." Lars lehnte sich nach seiner kurzen Einführungsrede erwartungsfroh zurück.

 

"Was machst du hier und was für einen Namen hast du jetzt?" Lisa hatte gerade diesen Brian mit einem zornigen Blick angesprochen. "Lisa, bitte keine Namen und wir kennen uns nicht. Belassen wir es dabei. Das ist in der Situation hilfreich. Also hören Sie mir bitte alle jetzt zu." Souverän hatte Brian die aufkommende Emotionalität Lisas gezügelt und damit auch den Anfang seiner Ausführungen, wie die Situation nun zu entzerren sei, gefunden.

 

23.30 Uhr auf der Blauzahn und der Ageli

 

Es war kalt an Deck und alle Crewmitglieder auf den beiden Schiffen begannen zu frieren. Inzwischen hatte man die Fesseln bei den Damen wieder entfernt, aber niemand durfte unter Deck gehen, um sich wärmere Kleidung oder etwas zum Trinken zu holen, geschweige denn auf die Toilette zu gehen. Juris und Erik schmiedeten Pläne, wie sie das Küstenwachboot kapern wollten, um damit die Behördenmitarbeiter zu zwingen, sie aus der misslichen Situation zu entlassen. Mathias lag inzwischen auf dem Vordeck unter seiner Jacke und schlief. Er war der Entspannteste von allen.

 

Schlagartig kam nun Bewegung in die Uniformierten. Der Offizier vom Küstenwachboot rief ein paar Befehle und alle Nichtcrewmitglieder der Ageli und Blauzahn begannen, sich auf ihre Boote einzuschiffen. Der Offizier ging auf Erik zu, den er für den Kommandanten der Tandem-Segelflotte hielt und sagte kurz und knapp zu ihm. "Ich habe den Befehl, Ihre Schiffe mit all meinen Leuten umgehend zu verlassen und die Blockade aufzuheben. Die Gründe hierfür sind mir nicht bekannt. Ich hätte sie weiterhin festgehalten, weil ich glaube, dass ihr reichen Schnösel Dreck am Stecken habt. Aber Befehl ist Befehl." Als sich der Mann umdrehen wollte, um zu gehen, packte Erik zu und dreht ihn wieder zu sich zurück. "Freund, wenn ihr den Mist, den ihr uns hinterlassen wollt, nicht aufräumt, geht hier keiner von Bord." Wie Erik dem Offizier in die Augen schaute, bemerkte ein Matrose des Küstenwachbootes, dass sie von einem sanften grünen Licht beschienen wurden. "Hier beobachtet uns jemand mit einem Nachtsichtgerät," rief er und alle Augen an Deck richteten sich dorthin, wo das grüne Licht herkam. Dann blitzte es ein paar Mal auf, danach wurde ein starker Scheinwerfer eingeschaltet und die zwei Segeljachten und die Polizei - und Küstenwachboote beschienen. So unverhofft das Licht sie angestrahlt hatte, so schnell wurde es auch wieder gelöscht. Ein Motor wurde angelassen, ein Fahrzeug nahm Fahrt auf, dann war es auf der Seite des kleinen Hafens, von dem das Licht hergekommen war, wieder ruhig. 

 

 

Fortsetzung folgt 

 

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