Teil 2 - Kapitel 14

19. Juli 2015 20.00 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Um allen bekannten Klischees gerecht zu werden, kamen die Damen natürlich nicht um 20 Uhr an Bord. Lars hatte sich mit einer Begrüßungsabordnung pünktlich an die Gangway gestellt. John, Greg und Juris standen mit ihm zur Begrüßung bereit. Um auch beim Tragen der zu erwartenden Getränke zu helfen. Sehen konnten sie nichts, aber sie hörten die aufgeregten Stimmen der Damen unter Deck. Lars hatte sich wie ein Kapitän der Britischen Marine des achtzehnten Jahrhunderts gekleidet. John hatte die Farben seiner Familie angelegt und trug die Kleidung eines schottischen Adligen des siebzehnten Jahrhunderts. Greg hatte die Kutte seines ehemaligen Ordens angelegt und als einziges Schmuckstück ein silbernes Kreuz an einer weißen Leinenkordel um den Hals gelegt. Juris trug eine alte lederne Hose und darüber einen dunklen Leinenkittel. Um den Hals hatte er sich ein blutrotes Halstuch gebunden. Laut seiner Aussage hätten das die Seeleute der Ostsee im achtzehnten Jahrhundert getragen. Er sah damit mehr als nur verwegen aus. Unterstützt wurde sein wagemutiges Aussehen noch, weil er sich zwei Zöpfe in seinen inzwischen langen Kinnbart geflochten hatte.

 

Die anderen Herren hatte sich in der Messe oder unter Deck versammelt. Marc hatte sich die Uniform eines Stewards der Titanic besorgt und in sein blütenweißes Halstuch hatte er die Spange eines Huhns gesteckt. Carlo, Luigi, Jose und Alberto hatten sich jeweils die Trachten ihrer Heimat angelegt, wobei jeder meinte, sie würden aussehen wie Gondoliere aus Venedig, nur mit sehr merkwürdigen Kopfbedeckungen. Jan hatte sich wie ein Schreinergeselle aus dem achtzehnten Jahrhundert gekleidet. Schwarze weite Hose, schwarze Weste, alles mit Perlmuttknöpfen besetzt, ein weißes Hemd, einen blauen Schal und dazu Holzschuhe. Die stellte er aber nach ein paar Schritten in eine Ecke und ging lieber barfuß zur Party. Gerrit hatte sich eine graue Wollhose und ein weißes Hemd besorgt. Darüber trug er eine Lederschürze mit Taschen. In die Taschen hatte er sich eine alte Zahnzange und ein hölzernes Hörrohr gesteckt. Versteckt hielt er eine Aderlassmesser in einer der Taschen. Mit etwas Ketchup besprengte er seine Lederschürze, damit sein blutiges Handwerk auch zu erkennen war. Erik trug nur eine Fellschürze, die er sich um den Bauch gewickelt hatte und sein gewaltiger Oberkörper steckte in einer Robbenfellweste. Sein rechter Oberarm wurde von einem breiten Eisenring geschmückt. Er musste nur immer wieder die Muskeln anspannen, sonst wäre ihm der Ring vom Oberarm gerutscht. Steffen kam als Alm-Öhi wobei man sich eingestehen musste, dass er sehr authentisch aussah. Fehlte nur noch Heidi - doch da mussten sie sich gedulden. Denn die Damen ließen lange auf sich warten. Otto hatte sich wie das tapfere Schneiderlein gekleidet, überall in seinem Kostüm steckten Nadeln und er hatte mindestens fünf unterschiedliche Scheren in den Taschen versteckt. Und er hatte sich eine Fliegenpatsche besorgt, die er wie ein Zepter in der linken Hand trug. Pet trug die Uniform eines preußischen Offiziers aus den Befreiungskriegen. Weiße, sehr enge Hose, eine grüne, kurze Jacke mit vielen Silberknöpfen und dazu Reitstiefel. Er hatte aus moralisch optischen Gründen darauf verzichten, die sehr enge Hose im Schritt mit Papiertüchern auszupolstern. Der Alte Fritz wäre sicher stolz auf ihn gewesen, wie er sich galant und zackig bewegte. Mathias hatte die gleiche Idee gehabt, allerdings trug er die Uniform eines württembergischen Infanterieobristen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Sie hatten diese Kleidungsstücke in Wellington für viel Geld einem Theaterausstatter abgekauft.

 

Trevor und Tristan gingen sehr irritiert zwischen all den Verkleideten hin und her, denn die Herren hatte sich alle mit den ausgefallensten Duftwässerchen besprüht.

 

 

 

20.20 Uhr am Fallreep zwischen der Ageli und Blauzahn 

 

Dann kamen die Damen ans Fallreep. Lars wollte etwas rufen, aber die Stimme versagte ihm und John verschluckte fast seine Seitenpfeife, als er sah, was da von der Ageli auf die Blauzahn gelaufen kam.

 

Zuerst rannte Carl laut bellend über das nun schwankende Fallreep, denn die Ageli kränkte gewaltig auf die Seite der Blauzahn, weil alle Damen sich mit Bierkästen, Weinkartons und Körben voll anderer trinkbaren Flüssigkeiten in Flaschen auf einer Seite versammelt hatten und dann die Blauzahn enterten. Alle hatten sich als Amazonen verkleidet. Stoffe und Lederfezen um die Hüften geschlungen, breite Ledergürtel versuchten, das an ihren Körpern zu halten. Einige trugen lederne Bustiers oder welche aus sehr bunten Stoffen. Bewaffnet waren sie mit Messern oder Beilen, die sie aus irgendwelchen Museen entwendet haben mussten. Geschmückt waren die Amazonen mit Perlenketten, Reifen aus Gold oder Eisen und einige hatten sich Glasperlen in die Haare geflochten. Schreiend trugen sie ihre Gastgeschenke über die schwankende Planken.

 

Greg konnte gerade noch in Richtung Messe flüchten. "Oh Maria und Joseph, das geht ja gar nicht." Dann hatten sie die Blauzahn schon erobert.

 

Zuerst wurde Erik von Jans Schwester besiegt. Danach rang Alberto um Luft, als Beatrice sich ihm schwungvoll an den Hals warf. Olivia schnappte sich John und sagte ihm sehr bestimmend: "Ich wollte einem Schotten schon immer mal unter den Rock schauen. Heute ist der Tag dazu." Wer John kannte, wusste, dass seine gerade gezeigte Gelassenheit eher der Ausdruck von Panik war. Betty durcheilte die Blauzahn auf der Suche nach Otto. Sie fand ihn im Unterdeck auf dem Gang. Als sie ihn sah, schaute sie ihn besorgt an. "Was stellst du denn dar? Einen durchgeknallten Schneider? Ich glaube nicht, dass Schneider mit einer Fliegenklatsche arbeiten." Otto musste er laut auflachen. "Mensch Betty, ich bin doch das tapfere Schneiderlein. Hast du früher beim Vorlesen gepennt."

 

Lars stand mit Birgit immer noch an der Gangway, als die Party schon langsam Fahrt aufnahm. Sie hatte sich nicht ganz so kämpferisch wie die anderen gekleidet. Ihr Leinenrock war lang, ihr Oberteil war langärmlig und reich bestickt. Allerdings hatte sie den breiten Ledergürtel sehr eng geschnürt, sodass man sehr gut erahnen konnte, dass sie eine sehr sportliche Frau war. Ihre Waffe, ein kurzes Schwert, hing auf ihrer rechten Seite. Der Smalltalk der beiden erlahmte irgendwann und sie standen sich lange schweigend gegenüber. Lars ertrug das Schweigen nur sehr schwer und so ergriff er in seiner Hilflosigkeit das Wort. "Du bist Linkshänderin, dein Schwert hängt rechts. Ich habe das noch nicht beobachtet, dass du mit der linken Hand schreibst." Birgit musst lächeln. "Ich habe die seltene Gabe, mit beiden Händen alles machen zu können. Ich schreibe rechts, aber beim Kickboxen ist meine linke Seite die stärkere. Oder besser, war die stärkere. Ich habe vor ein paar Jahren damit aufgehört. Jetzt gehe ich nur noch Walken, Bergwandern oder Segeln. Hängt denn dein Degen auf der richtigen Seite?" Das klang mehr als nur anzüglich. Lars verwirrte das. Er flirtete zwar sehr gerne und ergriff auch gerne dabei die Initiative, aber bei dieser Frau kam er sich trotz des gut geschärften Original-Marinesäbels aus dem Jahre achtzehnhundertunddrei sehr hilflos vor. Hatte sie doch vor ein paar Monaten ihren Mann verloren. Das schwang bei Lars im Hinterkopf als Gedanke hin und her.  Dann hakte sie sich unvermittelt bei ihm unter und drängte ihn Richtung Messe. "Lass uns zu den anderen gehen, bevor wir die Eisen ziehen und uns aus Langeweile duellieren oder sonst einen pubertären Blödsinn machen."

 

In der Messe und auf dem Niedergang standen die meisten Amazonen und Piraten und hatten Flaschen, Gläser oder auch eine andere Köstlichkeit in den Händen. Jeder der Piraten musste den Amazonen erklären, warum er sich so gekleidet hatte. John war gerade dabei, mittels der Zeichensprache zu vermitteln, warum er einen Schottenrock trug. Lars kam rechtzeitig dazu, um die Zeichensprache in einen verbalen Ausdruck zu übersetzen.

 

Marc und Carla hatten sich in die Kombüse zurückgezogen und bewunderten gemeinsam Marcs Gewürze- und Kräutersammlung. Steffen, Otto, Betty, Melanie, Sophia, Maria und Pet saßen im Gang zu den Kabinen auf dem Boden. Betty hatten Wein und Cremant  besorgt und Otto eine ganze Platte mit Fisch und Käse. Da saßen sie nun auf dem Boden und hörten Otto zu, wie er mit Begeisterung von seinen neuen Designplänen erzählte. Trevor, Carl und Tristan hatten sich erwartungsfroh zu ihnen gesellt und der eine oder auch andere Brocken fiel ihnen einfach zufällig ins Maul. Pet hatte sich seines Degens schon entledigt und auch die Uniformjacke geöffnet, weil ihm inzwischen doch sehr warm wurde. Steffen und Otto waren nicht ganz so zugeknöpft erschienen und hatten somit noch kein Temperaturproblem.

 

"Sollen wir was spielen?" fragte Sophia, die sich neben Pet gesetzt hatte. Pet überlegte kurz, was sie wohl konkret mit Spielen gemeint hatte. "Ja gerne, aber bitte nicht Mensch ärgere dich nicht oder Monopoly oder Flaschen drehen. Schon was Spannendes." Pet wollte damit von Anfang an irgendwelche gefährlichen Albernheiten bei der Wahl des Spieles ausschließen. Sophia schaute ihn an. "Mein lieber Pet. Wir sind alle bis auf wenige Ausnahmen erwachsen, aber das bedeutet nicht, dass unser Leben in langweiligen Bahnen  bis ans Ende aller Tage verlaufen muss. Also was Spannendes würde ich auch sagen.  Pokern wir!"

 

In der Messe wurde das nun laut verkündet. Der ovale Tisch war für das Spiel gut geeignet und schnell fanden sich die sieben Spieler zusammen. Otto übernahm das Amt der Spielleitung und des Kartengebers. Jeder der Spiele wählte sich einen Sekundanten, der ihn bei einer Pause vertreten musste. Enden sollte das Spiel, wenn zwei Spieler keine Jetons mehr hatten. Betty hatte von der Ageli inzwischen eine Koffer mit Jetons und Karten geholt und verteilte diese gleich an alle Spieler. Man einigte sich auf Seven Card Stad Poker und die Damen erlaubten den Herren, Zigarre zu rauchen. Für Pet und Lars in dem Moment die richtige Entscheidung.

 

Die Spieler waren Sophia, Birgit, Carla, Lisa, Lars, Mathias und Pet, die Sekundanten  Melanie, Marta, Corina, Beatrice, Erik, Gerrit und John. Otto wurde von Betty und Alberto assistiert. Für die Getränke am Spieltisch wurde Steffen ausgewählt. Als Schweizer galt er als neutral und unbestechlich.

 

Rund um den Spieltisch bildeten sich zusätzlich noch drei Wettgruppen. Während auf dem Spieltisch mit Jetons gesetzt wurde, spielten die Wettgruppen rund herum mit Neuseeland Dollars.

 

Nach einer halben Stunde zeigte sich, wer die guten Spieler waren. Sophia, Birgit und Lars spielten professionell, Pet und Carla konnten mithalten, Lisa und Mathias hatten bisher nur verloren. Die Einsätze waren noch nicht sehr hoch, sodass man von einem längeren Spielverlauf ausgehen konnte, ohne dass jemand sein Spielvermögen schnell verlieren würde. Das Ganze wurde so langsam etwas langweilig, bis beim achten Spiel auf einmal die großen Einsätze kamen. Sophia, Pet, Carla und Lisa waren ausgestiegen, das große Bieten spielte sich zwischen Lars, Birgit und Mathias ab. Mathias war vollkommen verzweifelt, da er bereits sehr viel geboten hatte und die beiden anderen nicht ausstiegen und gleichzogen. Dann hatte Mathias bis auf einen Jeton alles eingesetzt und damit gleichgezogen. Mathias hatte ein Royal Flash und gewann den Pot. "Anwälte sind die besseren Schauspieler, wenn´s um die Kunst geht, nur nicht beim Geldverdienen. Ich habe euch alle lange genug beobachten können. Verliert nie eure Gegner aus den Augen, auch wenn sie euch klein und unbedeutend vorkommen," sagte es und strich alle Jetons ein. Diese Lehrstunde hatten sie gebraucht und die Einsätze wurden nun höher. Mathias hatte Lars und Sophia herausgefordert. Pets und Lisas Spiel ähnelte sich sehr. Beide spielten nur voll auf, wenn sie eine hohe Sicherheit verspürten und hielten immer einen gewissen Minimumbestand an Jetons zurück, der nur zum Einsatz kam, wenn sie ganz sicher waren, gewinnen zu können. Das war zwar sehr durchsichtig für die anderen, aber sie belebten das Spiel damit, denn sie waren immer wieder dabei. Carla gewann hoch, verspielte aber immer wieder sehr viel.

 

Die Wettgruppen rund um den Tisch bekamen ein Problem, da es unter den Gesichtspunkten immer schwerer wurde, einen Gewinner wirklich auszuloten. Damit stiegen auch hier die Einsätze, aber auch die Verluste nahmen zu. Als Erste stiegen Milly, Marc, Mandy und Dara aus und gingen in die Kombüse, um sich um das leibliche Wohl aller zu kümmern oder besser gesagt, um ihr eigenes leibliches Wohl. Marc hatte dort noch ein wunderbares Carpaccio deponiert und die vier verspeisten in aller Seelenruhe einige Gramm dieser Köstlichkeit, ohne mit jemand anderem zu teilen.

 

Nach zwei Stunden ließ sich Otto von Betty ablösen, auch Sophia und Pet riefen ihre Sekundanten Melanie und John, die das Spiel während ihrer Auszeit für sie weitermachen sollten. Unten Deck bei den Toiletten trafen sie sich alle drei wieder. Sie mussten die schlafenden Hunde übersteigen, bis sie zum Ort ihrer Bedürfnisse vordringen konnten. 

 

Nachdem sich Sophia und Pet frisch gemacht hatten, begegneten sie Otto am Niedergang, der seine Fotoapparat geholt hatte. Er wollte noch einige Bilder machen. In der Messe war die Stimmung sehr ausgelassen. Melanie hatte John einmal kräftig abgezockt. Fast die Hälfte von Pets Jeton Bestand war weg. "Egal mein Freund, ich gehe jetzt erst mal was essen. Und eines solltest du dir merken, verlierst du wegen der schönen Augen von Melanie noch mehr, braucht dir keine mehr unter dein Röckchen schauen, da ist dann nichts mehr zu sehen." Pet hatte das zwar John zugeflüstert, aber einige um sie herum hatten das schon verstanden, was Pet damit gemeint hatte. Jeder hatte inzwischen sehen können, dass John Melanie sehr sympathisch fand und die Vermutung lag nahe, dass er sie gewinnen lassen wollte.

 

Pet gesellte sich mit Otto und Sophia zu den Genießern in der Kombüse, alle kamen sich damit noch etwas näher, aber das störte niemanden. Milly fütterte Otto sogar, da er mit seinen Händen in der Enge nicht an das Tablett mit den Köstlichkeiten greifen konnte. Auch einen guten Bordeaux Wein bekam er gereicht, er musste sich das Glas allerdings mit Milly teilen, da nicht mehr genügen Gläser vorhanden waren. Aber in der Stimmung des Abends störte sich niemand an diesen kniggezerstörenden Kleinigkeiten. Sophia und Pet teilten sich auch ein Glas Bordeaux, wobei sich Pet daran störte, dass Sophia das Glas zu schnell leerte und Nachschub auf sich warten ließ.

 

Als Pet und Sophia an den Tisch zurückkehrten, wurde gerade Lars und Birgit durch ihre Sekundanten Marta und Erik ersetzt. John hatte für Pet noch nicht alles zurückgewonnen, aber ein Großteil der Verluste waren wieder auf Pet Platz. Lars hingegen musste seinem Sekundanten eine gewaltig zusammengeschmolzene Jetonkapitaldecke übergeben.

 

Diese Nacht versprach sehr spannend zu werden. Der kleine Ort auf Neuseeland schlief, an Bord der Ageli und der Blauzahn schief außer den Hunden niemand. Und auf einer großen Motorjacht im Hafen konnte auch jemand nicht schlafen. Es war einfach sehr schwierig mit einem großen Teleobjektiv ohne Stativ die sich ständig bewegenden Personen zu fotografieren.      

 

 

Fortsetzung folgt

 

 

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