Teil 2 - Kapitel 12

15. Juli 2015 10.00 Uhr Hafen von Wellington

 

Otto schleppte seine drei Kartons an Bord der Blauzahn in seine Kajüte. Ein dritter, längerer Karton für Erik war noch nicht dabei und der Fahrer meinte, dass der mit dem Transporter kommen würde. Der LKW Fahrer hakte Karton für Karton auf seiner Ladeliste ab. Dann entlud er eine Holzkiste für Mathias, der etwas irritiert dreinschaute, als er sie hochhob und feststellen musste, dass die doch etwas schwerer war, als er sich das gedacht hatte. Pet half ihm, die Kiste an Bord zu tragen. Mathias war neugierig genug, die Kiste sofort zu öffnen.

 

Pet wartete nicht, bis Mathias seine Überraschung ausgepackt hatte, sondern ging sofort wieder zum Pier zurück. Der Fahrer entlud weiter und übergab die anderen Kisten, Kartons, Rollen und Sonstiges an die jeweiligen Empfänger.   

 

Als der LKW leer war, kam ein Van ein paar Meter hinter dem LKW zum Stehen. Ein Mann in einer Pilotenuniform und eine junge Frau stiegen aus. Der Pilot schaute sich um und als er Erik sah, ging er auf ihn zu. "Man hat Sie mir genau beschrieben, Sie sind Erik." sprach der Pilot ihn an. Als er nur noch knapp einen Meter vor Erik anhielt, richtete der sich zu seiner vollen Größe auf. Fast erschrocken wich der Pilot einen Schritt zurück. "Ja das bin ich und Sie sind wer bitte?" Als sich die Beifahrerin des Piloten neben ihn stellte, ignorierte Erik den Piloten vollkommen und wandte sich der Dame zu. "Ich bin Erik und ich hoffe, Sie verraten mir, wer Sie sind? Denn ich habe das Gefühl, dem Steuerknüppelkünstler hat´s die Sprache verschlagen." Mit einem Lächeln, das verriet, dass sie es sehr wohl wusste, welche Wirkung sie auf Männer hatte, wollte sie ihm antworten, aber hinter Erik begann jemand sehr laut den Gesprächsfaden aufzunehmen. "Erik, würdest du aufhören, meinen besten Piloten und meine Luftfrachtmanagerin anzumachen. Ich habe mir schon gedacht, dass meine Schwester dahintersteckt. Dass sie aber meine Luftfrachtlinie dazu missbraucht, Geschenke zu verteilen, das ist schon etwas überzogen. Ich muss ein ernstes Wort mit ihr sprechen." Das war Jan, der sich nun zu den dreien gesellte. "Marian, du bist persönlich hier? Ich hoffe, dass das, was du uns bringst, so wichtig ist, dass meine hochgeschätzte und hochbezahlte Mitarbeiterin diesen Auftrag ausführt." Dem Piloten schien das Ganze peinlich zu sein, weil er meinte, dass seine Chefin vom Inhaber des Unternehmens wirklich getadelt wurde. Aber die Spannung löste sich umgehend, als Jan Marian in den Arm nahm, um sie zu begrüßen. "Nein Jan, so ist das nicht. Wir hatten einen exklusiven Transport von drei Zuchtpferden von Amsterdam nach Wellington und diese Sachen haben wir mitgenommen, quasi als Freundschaftsdienst für unseren Hauptaktionär." Jan stellte den Piloten und Marian den inzwischen um die Gruppe versammelten Nordstrandpiraten vor. Ganz zum Schluss wurde ihnen Pet und Otto vorgestellt. "Aha Otto Kraz, der Mann mit den Westen. Ich habe mir schon eine Ihrer Piratenwesten machen lassen. Man fühlt sich darin so wunderbar aufgehoben. Ich hoffe, da kommen noch ein paar Kollektionen. Wir machen nicht nur Tiertransporte per Luftfracht, wir können ganz schnell auf Mode umstellen, wenn das gut läuft.... Und Sie sind Pet Bär. Jan´s Schwester meinte, als Sie mir den Auftrag gab, diese Sachen hier zu transportieren, dass ich Ihr Geschenk unbedingt persönlich übergeben müsste. Aber zuerst möchte ich Erik darum bitten, dass er seinen dritten Karton selbst aus dem Van holt. Der ist mir zu lang und zu schwer." Erik ging mit Marian zum Wagen und sie zogen eine drei Meter lange Kartonrolle heraus. Erik hielt die Rolle in der Hand und schaut in den Van hinein und  schüttelte den Kopf. "Und das ist für Pet? Nicht für uns alle? Na dann wünsche ich ihm ganz viel Spaß dabei." Marian winkte Pet zu sich und stieg in den Wagen ein.

 

Erik packte seine Kartonrolle und ging damit an Bord der Blauzahn. Alle anderen warteten gespannt, was Pet denn da aus dem Van herausholen würde. Dann kam etwas Schwarzes mit vier Pfoten aus dem Laderaum und zerrte Pet hinter sich her. Das Ebenbild von Trevor stand auf dem Pier, nur schwarz und kleiner. Tristan, so lautete der Name des jungen Mannes. Ein neun Monate alter Briard-Rüde hing an der Leine und zog Pet zu den Nordstrandpiraten. Und plötzlich sah er sich Trevor gegenüber. Unterwürfig legte sich Tristan auf den Boden und drehte sich auf den Bauch.  Trevor beschnupperte den jungen Mann von unten bis oben, von hinten bis vorne und dann kam die Aufforderung zum Tanz. Schnell waren die beiden in die Leine verwickelt und die hinderte sie daran, weiter herumzutollen. Der schwarze Kerl versuchte mit seinem hellen Gebell Eindruck zu schinden, aber als Trevor seinen Bass erklingen ließ, war Ruhe auf dem Pier. Jetzt verstand Pet, warum ein Teil des Hundefutters für junge Hunde war.

 

Schnell verabschiedete sich Marian, der Pilot und der LKW Fahrer und ließen die Piraten mit ihren Geschenken alleine. Alle holten ihre Kartons und Holzkisten an Bord - nur Pet konnte nicht so einfach über die Gangway. Oben auf der Blauzahn stand Trevor und wartete auf Tristan, der nur versuchen sollte, auf das Schiff zu kommen. Unten versuchte Pet, den Kleinen über die Gangway nach oben zu bringen. Nur Tristan wollte nicht. Schwankender Boden war nicht sein Ding. Da blieb nur eines, Trevor musste ihm das vormachen.  Nach fast einer halben Stunde, die Trevor damit verbrachte, Tristan auf dem Pier hin und her zu jagen, schaffte er es, ihn über die Gangway zu treiben. Die anderen hatten inzwischen schon alle ihre Geschenke ausgepackt, als Pet endlich an Bord war. Und was machte der kleine schwarze Teufel? Pinkelte am Niedergang und die Soße lief abwärts. Und Trevor musste natürlich den fremden Minirüdengeruch überdecken. Pet sperrt die beiden daraufhin erst einmal auf der Hundetoilette ein und beseitigt die Hinterlassenschaften. Greg, der ihn beim Putzen sah, drückt ihm einen Neuseelanddollar in die Hand. "Bekommen die Toilettenfrauen in Deutschland doch auch - oder ist dir das zu wenig?" Grinsend ging er weiter.

 

Pet schaut sich seine beiden Pfleglingen an. Tristan saß im hintersten Eck der Hundetoilette und zitterte, während Trevor vergnüglich in der Mitte des Sandkastens saß und vor sich hin brummte. Pet setzte sich auf den Boden vor der Hundekajüte und begann, die Dokumente und Aufzeichnungen, die er bekommen hatte, durchzulesen. "Tristan vom Kaiserbach" so lautete sein voller Name, geboren am 31.10.2014 in der Pfalz. Gechipt, geimpft und entwurmt. Und dann fand er vom Züchter noch eine Brief mit einigen Informationen über Tristan. Stubenrein, gewohnt auf einem Schiff in einer Kiste sein Geschäft zu machen. Pet fragte sich, wie groß diese Kiste wohl sein müsste? Er wurde von einem Hundetrainer bereits trainiert. Nur auf welche Befehle er wie reagierte, hatte der Züchter nicht aufgeschrieben. Dann drehte er sich um und sah, dass beide Hunde nebeneinander saßen und gemeinsam die Kiste als Toilette benutzten. Gut dachte Pet bei sich, wenn das haften bleibt, werde ich keine größeren Sauereien mehr auf der Blauzahn beseitigen müssen. 

 

Dann stellte Pet zwei Schüsseln mit Futter auf, eine für Trevor mit seinem Futter und eine für Tristan mit dem Junghundefutter samt zwei Wasserschüsseln. Dass die beiden, nachdem sie die Hälfte ihrer Schüssel gefuttert hatten, die Plätze tauschten, um das andere Futter zu probieren, musste man als positive soziale Entwicklungsstufe in der Kontaktaufnahme zweier unterschiedlicher Individuen sehen. Nur beim Saufen wollten beide die gleiche Schüssel haben. Trevor zeigte nun, wer der Chef an Deck war. Nach dem Dinner trotteten beide zu Pet´s Kajüte und legten sich unter die Koje.

 

Endlich - um 21.00 Uhr - konnte auch Pet zum Essen gehen. Marc hatte an den Hunger von Pet gedacht und ihm bereits ein paar Käsestückchen mit etwas Brot hergerichtet. Dazu bekam er von Otto noch einen roten Franzosen mit sehr viel Beruhigungsprozent. Als Pet seinen ersten Hunger gestillt hatte und sich in der Messe umschaute, war außer Otto und Marc keiner mehr da. Alle anderen waren entweder in ihren Kajüten oder oben auf der Brücke. Da es in Neuseeland um diese Jahreszeit etwas kühl am Abend wurde, holte sich Pet einen Pullover aus seiner Kabine und ging auch auf die Brücke. Dort war der allgemeine Treffpunkt der Zigarren und Pfeifenraucher. Lars hatte sich bereits eine Zigarre angezündet, während Alberto noch dabei war, sich eine Pfeife zu stopfen. "Probier den mal, war in meiner Geschenkkiste drin. Dänischer Tabak mit einem leichten Pfeffer und Kirscharoma." Pet nahm dankend die angebotene Tabaksdose und stopfte sich seine Pfeife. Erik kam dazu und hatte eine Flasche Aquavit und ein paar Gläser dabei. Nach einer Weile erfüllte ein Duft von Tabakrauch und Aquavit die Luft auf der Brücke. Und dann kam Trevor und im Schlepptau sein Zögling Tristan. Als sich Trevor in seine Lounge legte und der kleine mit hinein wollte, knurrte er kurz auf, ließ aber zu, dass er nun nur noch achtzig Prozent des Platzes für sich nutzen konnte. Der Kleine lag eingequetscht, aber zufrieden in einer Ecke zusammengerollt.

 

"Meint ihr, Trevor entwickelt so etwas wie Vatergefühle? Können Hunde so was überhaupt?" Die Frage von Alberto war an die rauchende Runde gerichtet. "Ich weiß nicht, ob das Vatergefühle sind. Hunde leben im Rudel und für Trevor sind wir ein Rudel, in dem jeder seine Aufgabe oder seine Stellung hat. Und ich denke, dass ihn der Große erst einmal eine Zeitlang an die Pfote nimmt und ihn durch das Leben auf der Blauzahn führt - bis er ihm zeigt, wo seine Stellung hier ist. Vielleicht gibt es einen kleinen Revierkampf und dann ist gut. Trevor ist nun mal sehr dominant und wie sich Tristan entwickelt, werden wir sehen. Ein neues, zusätzliches Abenteuer. Lassen wir es auf uns zukommen. Wir müssen am Anfang nur aufpassen, dass der Kleine nicht über Bord fällt. Ich habe gesehen, dass beim Futter auch eine Hundeschwimmweste und eine lange Laufleine dabei ist. Sie hat an alles gedacht, als sie uns die Verantwortung und die Freude für einen Hundewelpen übergeben hat." Pet schaute zu Lars. Er empfand es als sehr angenehmen, dass Lars alles in Wir-Form gesagt hatte. Nicht er alleine hatte nun dafür die Verantwortung, sondern Lars hatte ganz klar das "wir" in den Vordergrund gebracht. Erik nickte zustimmend und Alberto sagte ganz kurz. "Na klar passen wir auf ihn auf, wie wir auf uns alle immer aufpassen." Jan stand im Eingang zur Brücke und reichte Erik ein leeres Glas. "Kann ich auch einen haben? Und Freunde, ich bin froh, dass uns meine Schwester nicht ein Zebra oder einen Tiger geschickt hat. Zuzutrauen wäre es ihr. Aber ich finde es toll, dass der kleine schwarze Mann bisher so gut bisher angekommen ist. Wird für uns alle noch ein Stück Arbeit, bis der so seefest und abgebrüht wie Trevor ist. Für Trevor ist das vielleicht sogar eine Bereicherung? Trinken wir auf unser neues Bordmitglied Tristan." Alle hoben ihre Gläser und tranken auf den neuen Piraten.

 

16. Juli 2015 Hafen von Wellington

 

Trevor war viel zu sehr damit beschäftigt, Tristans Liebesbezeugungen abzuwehren, um zu bemerken, dass Fremde an Bord waren. Die Techniker der Werft waren mit Steffen im Maschinenraum, um die anstehende Reparatur vorzubereiten. Und Pet war mit Lars zusammen damit beschäftigt, die Blauzahn umzurüsten, weil nun ein unerfahrener Vierbeiner an Bord war. Rund um das freie Oberdeck und den Niedergang wurden Fangnetze gespannt, damit der schwarze Kerl nicht so leicht über Bord gehen konnte, wenn sie wieder auf See waren.

 

Otto war seit dem gestrigen Abend nicht mehr gesehen. Er hatte sich in seine Kajüte zurückgezogen und seine Geschenke ausgepackt. Außer einer zweiten Schneiderbüste, die er auch auf Übergrößen verstellen konnte, hatte man ihm Schnittmuster von einigen historischen Marinewesten der Royal Navy und der Niederländischen Marine mitgeschickt.

 

Lars hatte seine Geschenke bereits in seiner Kajüte eingeräumt. Ein Mahagonizigarrenschränkchen mit einer Zigarrenauswahl bestückt und eine Kapitänsuniform der Dänischen Marine aus dem Jahre 1790 und dazu einen Dreispitz, der allerdings etwas zu groß war.

 

Erik war derjenige, dessen Begeisterung über das, was er bekommen hatte, alle auf dem Schiff ansteckte. Er hatte eine Hochseeanglerausrüstung bekommen.

 

Die Brüder Alberto und Jose waren mit Ferngläsern beglückt worden. Aber es waren nicht einfach nur Ferngläser zum täglichen Gebrauch, es waren von historischen Fernrohren bis zu einem modernen Nachtsichtfernglas alles dabei.

 

Marc war seit dem frühen Morgen dabei, seine Küche umzugestalten. Seine handwerkliche Unbedarftheit nötigte ihn, jeden der Mannschaft immer wieder um Hilfe zu bitten, damit er sein Gewürzregal mit über dreißig exotischen Gewürzen bestückt in der Kombüse unterbringen konnte.

 

Wie kleine Kinder zeigten sie sich gegenseitig ihre Geschenke. 

 

Gegen Mittag meldete sich die Ageli, die in der Bucht bei Nelson lag, über Funk bei ihnen. Greg der Deckdienst hatte, schaltete alles auf den Bordfunk und alle konnten der Unterhaltung mit Betty Black und Greg folgen.

 

"Hallo Blauzahn, wir haben gestern Abend das Interview mit euch gesehen. Tolle Show, die ihr da abgezogen habt. Und wie sollte es auch anders sein, seid ihr mal wieder die Retter von ein paar Frauen. Euch fällt aber schon auf, dass ihr immer älter werdet und die Frauen immer jünger?" Sie lachte. "Entschuldigt bitte, das war geschmacklos von mir. Ich wollte nur einen Scherz machen." Greg ging nicht darauf ein und sie sprach dann weiter. "Das Fernsehteam war gestern bei uns und wollte auch uns interviewen. Das haben wir aber auf morgen Mittag verschoben. Wir müssen uns noch etwas zurecht machen." Sie lachte wieder. "Und sie fragten, ob wir Bilder von euch besitzen würden. Sie hätten gerne Fotos von euch, weil nicht alle Gesichter der Nordstrandpiraten auf dem Film zu erkennen wären und sie würden gerne ein Mannschaftsbild veröffentlichen. Klar haben wir Bilder von euch. Ihr habt doch nichts dagegen, wenn wir die dem Fernsehteam übergeben." Greg unterbrach Bettys Redefluss. "Betty ich muss dich unterbrechen. Das Gespräch, das wir hier führen, kann von vielen mitgehört werden und das wollen wir doch nicht." Das hatte er mit einer Schärfe gesagt, dass Betty nichts darauf erwiderte. "Wir rufen euch an, ich hoffe, dass wir hier eine Verbindung bekommen. Aber zuvor habe ich eine Bitte an euch. Übergebt bitte keine Bilder von uns an das Fernsehteam oder sonst irgendjemand. Und Betty, bitte keine Namen mehr, wir wollen doch alle unsere Privatsphäre wahren. Sprich mit Jans Schwester darüber. Wir sind am 19. Juli bei euch. Und nun viel Spaß und Over and Out." Greg hatte richtig reagiert und als er das Sprechfunkgerät zur Seite legte, stand Jan und Mathias schon neben ihm. "Das hätte schief gehen können, ruf deine Schwester an. Hoffentlich bekommst du eine Verbindung." Mathias sagte das sehr aufgeregt zu Jan und alle konnten es über den Bordfunk hören.

 

 

Fortsetzung folgt