Teil 2 - Kapitel 11

11. Juli 2015 8.00 Uhr

John sah den kleinen Eisberg von der Brücke aus. Er erkannte, dass die drei es nicht schaffen würden, diesen Eisbrocken von der Blauzahn entfernt zu halten. Also drückte er den Hebel nach vorne, um die Drehzahl der Propeller auf Maximum zu bringen. Dabei drehte er ein klein wenig weiter am Steuerrad, um noch etwas mehr nach Steuerbord zu kommen. Die Blauzahn machte fast einen Sprung nach vorne und ein Teil der Mannschaft verlor den Halt und fiel zu Boden. Alberto, Luigi und Carlo konnten sich gerade noch festhalten, um nicht über Bord zu stürzen. Dabei verlor Alberto den Bootshaken. Aber diese Beschleunigung und die minimale Kurskorrektur reichte, um die Kollision mit dem Eisberg zu verhindert. Da entdeckte Pet, dass sie genau auf einen weiteren kleinen Eisberg zusteuerten. John musste die volle Kraft der Motoren beibehalten und nochmals den Kurs korrigieren, um einem drohenden Zusammenstoß zu entgehen. Nach über zehn Minuten Manövrieren hatte die Blauzahn die Eisbergschule hinter sich gebracht.

Über Bordfunk hörten alle auf der Brücke Steffen, der wollte, dass man sofort die Drehzahl der Motoren reduzierte. Mit kalten Motoren auf Höchstdrehzahl zu gehen war nicht besonders gesund für die Maschinen und offensichtlich hatte einer der beiden Schaden genommen. John hatte verstanden und drosselte die Drehzahl. Inzwischen war es hell genug, sodass man eine bessere Sicht hatte und soweit man sehen konnte, war kein Eisberg und kein Grawler mehr zu erkennen - auch auf dem Radar war kein Objekt zu sehen, das ihren Kurs kreuzen konnte.

 

Fluchend und vollkommen bekleckert kamen Marc und Gerrit auf die Brücke. Der kurze Sprung und der herbe Kurswechsel hatte da offensichtlich etwas Flüssiges über die beiden ergießen lassen. Pet meinte, dass sie beide lecker nach Kaffee duften würden. Der Scherz kam nicht so gut an, da sich die beiden leichte Verbrennungen bei der Kaffeedusche zugezogen hatten.

 

Aber wer hatte auch auf so einer Tour mit Eisbergen gerechnet? Keiner von den Nordstrandpiraten hatte sich vorstellen können, ein Titanic Abenteuer zu erleben. Alberto hatte eine Prellung an der rechten Hüfte abbekommen, als er gegen die Reling gedrückt wurde. Gerrit hatte also wieder Arbeit. Die Brandwunden wurden mit Salben bearbeitet und Alberto bekam einen Eisbeutel auf die geprellte Stelle gelegt.

 

Die ganze Aktion hatte einem der beiden Motoren geschadet. Der Blauzahn stand damit im Notfall nur eine Maschine zur Verfügung. Das musste reichen. Es dauerte einige Zeit, bis Steffen über Funk Kontakt zu einer Werft in Wellington bekam, die den Motor reparieren konnte.

 

Um 10.00 Uhr übernahm Lars mit Otto und Juris die Brücke. Sie setzten wieder die Segel und mussten kreuzen, denn der Wind kam aus südöstlicher Richtung. Erst nach drei Stunden konnten sie wieder einen direkten Kurs nach Neuseeland aufnehmen, da der Wind auf Westen gedreht hatte. 

 

Pet setzte sich müde in seine Kajüte. Er wollte noch unbedingt seinen Bericht fertig machen. Der ging jetzt immer an das Büro von Mathias in Deutschland und eine Mitarbeiterin von ihm überarbeitete oder korrigierte die Zeilen und stellte sie dann als Blog ins Internet. Als er alles fertig hatte, öffnete er noch sein persönliches Tagebuch und schrieb seine Eindrücke, Gedanken und was ihn bewegte dort hinein. Im Zeitalter der Elektronik und der Computer war das einfach für ihn. Seine Handschrift konnte keiner mehr lesen, selbst er konnte sie nach ein paar Minuten nicht mehr entziffern, also blieb ihm sowieso nur die Tastatur.  

 

Aus dem persönlichen Tagebuch des Pet Bär

 

 "Ich habe heute versagt. Wenn ich das Radar richtig beobachtet hätte, wäre mir der Eisberg nicht entgangen. Obwohl Otto mir erklärt hat, dass ich ihn gar nicht richtig auf dem Radar hätte sehen können, bleibt bei mir ein ganz schlechtes Gefühl zurück. Dreißig Meter lang und etwas mehr als fünf Meter breit war dieser Eisberg. Lars meinte noch, dass man das eigentlich Eisscholle nennen würde und alles was niedriger ist als ein halber Meter, könnte man auf dem Radar nicht richtig erkennen. In der Mitte hatte das Eisgebilde einen Zapfen, der gute zwei Meter hoch und im Durchmesser etwa fünfzig Zentimeter war. Das könnte der Teil gewesen sein, der immer wieder aus dem Wasser herausschaute, der Rest war abgetaucht.

 

Egal wie meine Freunde das sehen, ich denke darüber nach, was ich zukünftig besser machen kann. Eines ist mir klar geworden: Ich muss wieder mehr schlafen. Sechs Stunden Schlaf in vierundzwanzig Stunden sind zu wenig. Ich habe mich überschätzt und meine Aufmerksamkeit hatte nachgelassen. Wir alle sind körperlich während der Monate auf der Blauzahn verdammt fit geworden, aber es gibt Grenzen, die nichts mit dem Alter zu tun haben. Grenzen, die man nicht überschreiten sollte.

 

Das Ereignis hat mal wieder einige Gedankenlawinen in mir losgetreten. Das Älterwerden, das Älter-sein. Immer wieder kreist mein Kopf um dieses Thema. Warum eigentlich? Es gab einige Anlässe, die mich früher sehr nachdenklich gemacht haben. Gespräche mit Vorgesetzten, die ich führen durfte, bevor man mich in den vorzeitigen Ruhestand geschickt hat. Worte wie "Sie haben sich den Ruhestand verdient", waren noch die seichtesten heuchlerischen Wortwahlen. Oder "Sie sind ausgebrannt". Das war wohl das blödeste Brandeisen, das man mir auf meine Seele gedrückt hat. Ich passte nicht mehr zu der jungen, dynamischen, kaltherzigen, seelenlosen Führungsmannschaft. Soziale Kompetenz war eher ein Stolperstein als eine Pluspunkt für eine Leitungskraft. Nachhaltigkeit nicht nur als werbewirksame Aussage und Lippenbekenntnis zu leben, sondern in die Planung einer Unternehmensstrategie mit aufzunehmen, das waren meine Fehler. Altersdiskriminierung ist inzwischen schon zum Olympischen Gesellschaftsgedanken geworden. Dabei sein ist alles und wer am besten polemisiert, bekommt die Goldmedaille. Erfahrung wird nur noch im Zusammenhang mit einer noch besseren Gewinnmaximierung gesehen. Kann die nicht umgehend eingesetzt werden und bringt die nicht sofort eine Erlösverbesserung, braucht man sie nicht. Aber die staatlichen Funktionäre haben am schlimmsten diskriminiert. Wenn man sich im fortgeschrittenen Alter auf eine passende Funktion in einem öffentlichen Bereich bewerben will ..... Ja, da sollte ich wohl aufhören, weiter zu denken und zu schreiben.... Und Politiker... Nun, da hätte man Jahrzehnte lang ein treuer Parteisoldat sein müssen, hätte sehr viel Geduld haben und immer im richtigen Moment mit dem richtigen Hinterteil auftauchen müssen, dann wäre das vielleicht was geworden. So aber war mir auch dieser Weg versperrt. Und welche Kompetenz hätte ich denn auch vorzuweisen? Gut, da kann ich mich mit vielen Politikern schon mal in eine Reihe setzen. Und da ist es wieder. Vieles ist eine Frage der Kontakte und nicht unbedingt der Kompetenz, wenn man Karriere machen will. Sorry, liebes Tagebuch, ich bin mal wieder auf dem Frust-Trip. Und das alles nur, weil ich einen Eisklotz im Wasser übersehen habe? Nein, sicher nicht.

 

Ich wundere mich heute mehr denn je darüber, wie wir auf der Blauzahn miteinander umgehen. Keine böse Kritik und kein Verärgert-sein, eine paar Mal den Frust geäußert oder ein leichtes Zickig-sein, aber das war´s dann auch schon. Ein paar logische Erklärungen waren alles. Dass es hier auf der Blauzahn kein Gerangel um Position und Anerkennung gibt, ist ein Fortschritt im Rahmen des Zusammenlebens und Arbeitens. Hier auf so engem Raum müsste doch wesentlich mehr Reibung untereinander entstehen. War das die ideale Gesellschaft, die Nordstrandpiraten? Was ist es, das dazu führt, dass wir gemeinsam vertrauensvoll, verantwortungsbewusst zusammenleben können? Ich nehme es einfach hin, aber ich würde es trotzdem gerne wissen, warum es so gut funktioniert. Otto, Greg oder auch Lars, die ich dazu befragt habe, haben auch noch keine Antwort darauf."

 

15.00 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Nach dem Mittagsimbiss bot Jan Pet einen Whisky-on-the-Rocks an. "Echtes Südpoleis" meinte er dabei. Sie hatten doch tatsächlich eine kleine Eisscholle mit den Bootshaken eingefangen und in die Kühlkammer gebracht. Pet genoss es, den mit Eis verdorbenen Whisky zu trinken und dazu eine Pfeife zu rauchen. Für alle war der Geruch von Tabak ein Zeichen, dass die Stimmung entspannt war. Die Indianer aus Nordamerika konnten nicht alles falsch gemacht haben.

 

Am späten Nachmittag kam aus der Kanzlei von Mathias noch eine Mail an alle. In Wellington lag für jeden aus der Mannschaft ein Paket bereit. Was in den Paketen sein sollte, konnte nicht einmal Jan beantworten. Seine Schwester hatte offensichtlich dazu den Auftrag erteilt und der war ausgeführt worden. Jeder rätselte, was da wohl auf sie warten würde. Bekam jeder ein individuelles Geschenk oder jeder der Nordstrandpiraten das gleiche? Erik wollte stündlich wissen, wie lange sie noch nach Wellington brauchen würden, so gespannt war er auf das Geschenk. Die Emotionen machten Sprünge. Mal waren sie kindlich neugierig, mal peinlich berührt, mal versuchten einige gleichgültig und dabei furchtbar erwachsen zu wirken.

 

Sie würden Wellington erst am 15. Juli erreichen. Der Wind und das immer wieder notwendige Kreuzen vor dem Wind hatte einiges an zusätzlicher nicht eingeplanter Zeit gekostet.

 

Wieder kam die Bordroutine mit ihrem Plan-  und Kursbuch. Wer wann auf welchem Platz zu stehen hatte. Pet, Marc, Mathias und Steffen waren fürs Kochen und für Versorgungsarbeiten eingeteilt. Vier Tage lang zwischen Kombüse, Putzlappen, und Waschmaschine hin und her gehen und arbeiten. Die Kombüse war vierzehn Stunden lang am Tage besetzt und die Mannschaft musste rund um die Uhr versorgt werden. Pet und Marc hatten sich zudem vorgenommen, die beiden Vorratskammern im Bug der Blauzahn aufzuräumen. Sie wollten ebenfalls wieder eine Bestandsaufnahme ihrer Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände machen. Was allen Sorgen machte, war der Müllberg - meist Verpackungsmaterial, Flaschen und Kleinmüll, der sich angesammelt hatte. Sie hatten vergessen, diesen Müll in St. Hellens zu entsorgen. Am Anfang ihrer Tour hatten sie vor allem Papier über Bord geworfen, aber die Gemeinschaft hatte beschlossen, dies nicht mehr zu tun. Seit der Durchfahrt des Suezkanals hatten sie begonnen, den Müll zu sammeln und an Land zu entsorgen. In fast allen Häfen gab es dafür Container, die man für eine sehr geringe Gebühr befüllen konnte. Aber nun hatte sich schon so viel Müll angesammelt, dass es langsam zu einem Problem wurde. Kartonagen lagen zwischen Kartons mit Bierflaschen oder Konservendosen. Das musste geändert werden.

 

Die Aufräumarbeiten begannen mit viel Ärger, denn Marc erwischte einen Karton mit Bierflaschen so ungeschickt, dass der aus einem Meter Höhe herunterfiel und einige Flaschen dabei platzten. Sofort durchzog der Duft von lauwarmem Bier das Unterdeck. Marc und Steffen holten Tüten und sammelten den feuchten Müll ein. Demokratisch wurde beschlossen, dass das Bier und die Glasscherben eine Seebestattung erhalten sollten, entgegen aller anderer umweltbedingter Überlegungen. Die Mülltüten wurden mit militärischen Ehren über Bord geworfen. Der Geruch von schalem Bier ließ sich allerdings nicht so schnell vertreiben. Mit stark riechenden Mitteln wurde die Vorratskammer gereinigt und wieder eingeräumt.

 

Das Wetter und das Meer meinte es gut mit der Blauzahn und den Nordstrandpiraten und sie kamen am 14. Juli 2015 um 10.00 Uhr in Wellington an. Per Funk wurden sie zu ihrem Liegeplatz in der Nähe des Frachthafens geführt. Die Zoll - und Passkontrolle war schnell vorbei und nachdem sie eine Stunde im Hafen festgemacht hatten, kamen schon zwei Mitarbeiter einer Werft, um sich den Motorschaden anzuschauen. Steffen besprach sich lange mit den Monteuren im Maschinenraum, nachdem sie den beschädigten Motor untersucht hatten. Er konnte problemlos repariert werden, aber die Ersatzteile standen nicht sofort zur Verfügung. Mit Luftfracht würden die am 16. Juli ankommen, die Reparatur mit einem Test würde etwa sechs Stunden dauern. Das bedeutete, die Blauzahn lag in Wellington bis zum 17. Juli fest. Scherzhaft meinte Lars zu den vieren, die ihre Aufräumaktion noch nicht abgeschlossen hatten, dass jetzt die Zeit zur Müllentsorgung ja doch noch ausreichen müsste.

 

Nachdem die Inventur - und die Bestandsliste fertig war, machten sich Lars, Otto, Pet und Marc daran, eine Einkaufsliste zu erstellen. Toilettenpapier stand an erster Stelle.

 

Am 15. Juli um 8.00 Uhr morgens wollten Otto, Marc, Jose und Alberto losziehen, um einzukaufen. Als sie auf dem Pier standen und auf ihr bestelltes Taxi warteten, kam ein Kleinlaster vorgefahren. Der Fahrer erkundigte sich nach der Blauzahn. Sie gaben sich als Crewmitglieder zu erkennen. Der Fahrer meinte, dass er einige Pakete für die Blauzahn auf der Ladefläche hätte, später würde noch ein kleiner Transporter mit dem Rest der Lieferungen kommen. Vor allem Pet und Erik sollten auf dem Pier sein, wenn ihre Sachen kommen würden.

 

Lars kam an Land, als er sah, dass seine vier Freunde auf dem Pier etwas betreten dastanden und den Kleinlaster anstarrten. Noch auf dem Laufsteg schrie er laut in den Himmel. "Hoffentlich hat da jemand an unseren Tiefgang gedacht, denn wenn noch viel hinzukommt, müssen wir ein paar Leute über Bord werfen." Der Lastwagenfahrer fing schon an auszuladen. Als erstes stellte er ein paar Säcke des Hundefutters für Trevor auf den Pier. "Hast du Hundefutter bestellt? Und warum so viel?" fragte Lars, der inzwischen wie alle anderen der Nordstrandpiraten auch an Land gegangen waren. Pet schaute sich die Säcke an. "Ich habe nichts bestellt und das ist teilweise auch das falsche Futter." Den LKW-Fahrer störte das alles nicht, er entlud sein Fahrzeug weiter. Drei Karton für Otto und zwei kleinere für Erik standen neben den Hundefuttersäcken. Und er machte weiter. Lars schaute auf die Ladefläche und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.   

 

 

Fortsetzung folgt

 

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