Teil 2 - Kapitel 10

9. Juli 2015 17.15 Uhr Georges Bay

Juris und Luigi griffen sich eine Leine, die längsseits der Jacht des Fernsehteams herunterhing und zogen das Beiboot der Blauzahn dicht an die Jacht heran. Erik, der groß genug war, über die Bordwand zu schauen, rief laut, ob sie an Bord kommen dürften. Leider bekam er keine Antwort. Luigi klopfte mit einem Bootshaken gegen die Bordwand. Unter  Fluchen kam dann jemand an Deck und schaut verschlafen in das Beiboot hinunter. Erik erschreckte den Fernsehjournalisten mit seiner kräftigen Stimme. "Ihr wolltet uns doch interviewen? Hier sind wir! Wo ist die Kamera, wo sind die Mikrofone? Wir haben nicht ewig Zeit, wir sind alte Männer und müssen jeden Moment mit unserem Ableben rechnen. Also los geht´s. Dürfen wir an Bord kommen?" Der Angesprochene hatte nicht mit dieser geballten Kraft an Stimme und Mann gerechnet und zuckte ängstlich zurück.

Dann riss er sich zusammen, rief nach Kamera, Mikrofon, Tontechniker und versuchte damit, Herr der Situation zu werden. Da sah er das Langboot auf sich zukommen. "Meine Herren, das sind zu viele für unsere kleine Jacht, wir kommen rüber zu euch." Erik signalisierte Lars, dass sie zurückfahren sollten und dass sie das Fernsehteam mitbringen würden. Die Nordstrandpiraten im Langboot umrundeten die Fernsehjacht einmal und fuhren dann zurück zur Blauzahn. Das Beiboot der Journalisten folgte und fuhr nun langsam zur Blauzahn, wo es längsseits ging und von Lars, John und Jan festgemacht wurde. Fünf Mann holte man auf die Blauzahn: Kameramann, Tontechniker, Beleuchter und zwei Journalisten mit Mikrofonen bewaffnet.

 

War die Einladung zum Interview etwas rüde abgelaufen, so wurde die Journalistencrew an Bord der Blauzahn von einer außerordentlich stilvollen Atmosphäre überrascht. Die Herrschaften wurden in die Messe gebeten. Marc, Pet und Jan servierten auf Wunsch Tee, Kaffee oder auch etwas Gehaltvolleres. Otto als Pressesprecher stellte die einzelnen Mitglieder der Piraten vor und als das Interview begann, beantwortete entweder er die Fragen oder reichte sie an denjenigen weiter, der die Frage am kompetentesten beantworten konnte. Ihr Verhalten war mehr als nur distinguiert. Ein krasser Gegensatz zu der Aktion, mit der die Einladung zum Interview überbracht wurde. Lars konnte mal wieder den weltmännischen ehemaligen Tankerkapitän geben. Die Südländer waren dabei, sich wie Edelmachos mit sehr viel Bildungsstandard zu benehmen. Marc brachte seine Kochkünste fast wissenschaftlich herüber - Genuss und gesunde Ernährung als zwingende Einheit für solch ein Projekt. Gerrit konnte mit seinem Wissen über alternative Medizin brillieren. Mittendrin wurde das Interview etwas aufgelockert, als Erik, John und Juris anfingen, sich der Westen zu entledigen - da es ihnen offensichtlich zu warm war - und ihre durchtrainierten Körper zur Schau stellten. Der Kameramann verlor irgendwie die Kontrolle über seine Gerät und schwenke das Objektiv hin und her. Dann wurden Lars, Jan und Pet gemütlich. Lars und Jan zündeten sich eine Havanna an, Pet stopfte sich seine Pfeife. Die vorangegangene Frage von Lars an das Fernsehteam, ob sie das stören würde, war eher so gestellt, dass eine abschlägige Antwort missbilligend zur Kenntnis genommen würde. Mathias fand dann auch seinen persönlichen Platz, als die Networkmitarbeiter einige Fragen stellten, die zu persönlich oder gar zu intim waren. Er warf hier ein, dass doch die Persönlichkeitsrechte geschützt werden müssten, zudem seien diese Fragen nicht wichtig, um Informationen über die Blauzahn und ihre kulturelle Bedeutung dieser Reise  richtig darzustellen. Otto verstand es nun sehr gut, die Irritation der beiden Journalisten, die das Interview führten, zu umgehen. Klar war allen, dass das Fernsehteam inzwischen an einer Überforderung litt. Deshalb lenkte Otto das Gespräch in Richtung der Geschichte, in der die Blauzahncrew an der Rettung von Henny und Henny beteiligt waren. Die beiden Damen hatten inzwischen begriffen, welche Show die Nordstrandpiraten abzogen und machten begeistert mit. In einem ausführlichen Erzählstil berichtete Jenny von der Aktion, wie sie beide aus einer lebensbedrohlichen Situation gerettet und wie sie hier an Bord aufgenommen worden waren. Obwohl es ein Schiff voller attraktiver Männer sei, hätten sich alle wie vollendete Gentlemen benommen. Was sie bei ihren bisherigen Erfahrungen noch nie so positiv wahrnehmen durften. Die ärztliche Betreuung sei professionell und auch die Unterstützung in ihrer ersten traumatisierten Phase nach der Rettung an Bord wäre vorbildlich gewesen. Dass Jenny eine angehende Juristin war, hatte ihr wahrscheinlich geholfen, diese überschwänglichen Textstellen aneinanderzureihen.

 

Die beiden Interviewpartner hatten oft versucht, Antworten auf zwei Fragen zu erhalten, die Otto bisher immer wieder verweigert hatte. Die zentrale Frage nach dem Warum der Reise und die Frage, wer das alles finanzieren würde. "Das, meine Herren, wollen wir Ihnen nicht beantworten. Wir haben eine Homepage, auf der Sie alles lesen können, was wir erleben und was uns bewegt. Es gibt einfach einige Themen, die nur uns persönlich betreffen und die nichts in der Öffentlichkeit zu suchen haben. Sie werden, wenn sie die wöchentlich erscheinenden Berichte lesen, im Laufe der Zeit feststellen, was unser Ziel ist. Und nun sollten wir das Interview beenden, denn wir müssen zurück zu unserer Bordroutine, die wir gerne für sie geändert haben. Zudem sind die Damen sicher noch etwas erschöpft. Und sollte in Ihren Berichten etwas erscheinen oder interpretiert werden, was nicht unseren Vorstellungen entspricht, so haben wir hier in unserem Kreise einen sehr versierten Anwalt, der das gerne klärt. Vielen Dank für Ihre Zeit." Otto hatte die letzten Worte so nüchtern und gelassen gesprochen, als ob er bei allem, was er tat, gewohnt war, als Sieger hervorzugehen.

 

Als das Reporterteam die Blauzahn verlassen hatte und sie mindestens hundert Meter von ihr entfernt waren, gestatteten sich alle, sehr laut zu lachen. Pet, Otto und Marc kredenzten einen guten Cremant und dazu etwas Fingerfood. Der Welt eine gute Show geboten und dabei vielleicht auch etwas Werbung für sich und die Piraten gemacht zu haben, fanden alle gut. Mathias und Jan waren nie direkt von der Linse der Kamera eingefangen worden und so mussten sie sich auch keine Gedanken darüber machen, dass jemand, der ihnen nicht wohl gesonnen war, sie jetzt einfacher finden würde. 

 

Als die Party in der vierten Cremantglasrunde angekommen war, summte das offizielle Blauzahnhandy in Jans Tasche. Nach dem "ich und du, wer, was, wo" reichte Jan Jenny das Handy. "Ihr Vater ist dran." Sie ging mit dem Handy in der Hand nach draußen, um ungestört reden zu können. Nach ein paar Minuten kam sie mit dem Handy zurück und reichte es Jan. "Er ist morgen früh da. Er hat eine Maschine gechartert und holt uns ab. Er bringt uns nach Melbourne, wo ich studiere. Morgen soll auch das Bergungsschiff kommen, das die Bermuda in Schlepp nimmt. Schade, ich fand es sehr schön bei euch." Dann berichtete sie ihrer Schwester, dass sie am kommenden Morgen von ihrem Vater abgeholt würden. Die zeigte genau so wenig Begeisterung darüber wie ihre Schwester Jenny.

 

Um 23.00 Uhr war es dann ruhig auf der Blauzahn. Otto hatte die erste Nachtwache. Er saß auf der Brücke und beobachtete das Umfeld der Piratenjacht. Schon nach ein paar Metern war die Sicht aufs Meer nicht mehr möglich. Zwar war der Himmel nur ein wenig wolkenverhangen, aber die Sterne hatten in dieser Nacht keine Leuchtkraft. Trevor lag am Ende des Niedergangs auf Deck und so wurden die schlafenden Piraten und ihre Gäste von zwei aufmerksamen Wächtern bewacht. Um 3.00 Uhr kam Greg und löste Otto ab, der schon leicht eingedöst war. Diese Nacht verlief vollkommen ruhig und der Schlaf, der in der letzten Nacht etwas zu kurz gekommen war, konnte nun nachgeholt werden. Erik hatte die erste Wache bis 2.00 Uhr und dann übernahm Alberto.

 

Marc war bereits um 6.00 Uhr wach und machte sich daran, frische Brötchen für alle zu backen. In einen Backofen die Maisbrötchen und im anderen Dinkelbrötchen. Weizen war inzwischen komplett aus der Küche verbannt. Alle hatten festgestellt, dass sie doch ihr Wohlgefühl stark über die Ernährung steuern konnten. Aktuell waren es schon drei Mitglieder der Crew, die kein Getreide zu sich nehmen durften und die anderen hatten sich zu dem Schritt entschlossen, Weizen ganz zu meiden. Marc experimentierte gerne in der Kombüse mit Lebensmitteln und hatte einen Ernährungsplan erstellt, der weniger Kohlehydraten enthielt.

 

Die beiden weiblichen Gäste, die um 8.00 Uhr zum Frühstück erschienen, waren sehr erstaunt über die gesunde Ernährung, auf die die Nordstrandpiraten achteten. Waren sie doch zuerst etwas von dem abendlichen alkoholischen Genuss überrascht, so änderte sich ihr Bild von den Piraten nochmals beim Frühstück. Es war vereinbart worden, dass Jenny und Henny um 8.30 Uhr nach St. Hellens ans Ufer gebracht werden sollten, um dort ihren Vater zu treffen. Die beiden jungen Damen verabschiedeten sich von der Mannschaft der Blauzahn mit Umarmungen und mit ein paar Tränen in den Augen. Erik und Otto hatten es übernommen, die beiden an Land zu bringen.

 

Pet und Jose übernahmen es, die Wäsche zu waschen und als sie sie zum Trocknen aufhängten, kam das Boot mit dem Kamerateam wieder angefahren. Sie sahen, dass sie wieder gefilmt wurden. Jose musste lächeln, als er in die Kameralinse schaute. Das rundete das Bild von den Piraten gut ab, dachte er bei sich. Abends beim Interview distinguiert auftreten und am nächsten Morgen Wäsche an der Leine aufhängen. Die Talente der Crew waren vielfältig.

 

 

Um 12.00 Uhr lichtete die Blauzahn den Anker und mit Motorkraft verließ sie die Bucht auf Tasmanien. Die über dreitausend Kilometer bis Wellington auf Neuseeland wollten sie in vier Tagen bewältigen. Lars, Carlo und Luigi waren auf der Brücke, Otto hatte das Radar übernommen, da sie sich einige Stunden in dicht befahrenen Gewässern befinden würden und das sicher ihre ganze Aufmerksamkeit einfordern würde.  Gegen 13.00 Uhr konnten sie das Großsegel und das Vorsegel setzen und erreichten bei günstigem Wind einundzwanzig Knoten, mussten aber immer wieder kreuzen, damit sie segeln konnten. Die Mannschaft hatte entschieden, diesen Trip ohne Motorkraft zu bewältigen. Wachtwechsel auf der Brücke war um 20.00 Uhr und Erik übernahm mit Greg, Juris und Alberto. Juris setzte sich vor das Radar und beobachtete sehr genau die Bilder auf dem Schirm. Sie hatten die Nachricht erhalten, dass eine Bohrplattform - von Schleppern gezogen - sich in diesen Breiten befinden würde. Lars hatte die Anweisung gegeben, mindestens fünf Kilometer Abstand von diesem Gespann zu halten. Diese Riesengebilde waren zwar nachts bestens beleuchtet, aber man täuschte sich oft über die wahre Größe dieser Bohrplattformen. Er wusste, dass oft genug in kritischen Situationen Schleppanker ausgeworfen wurden und diese an kleinen Schwimmplattformen hingen, bis sie abgelassen wurden. In dieser Nacht wurde das Meer etwas unruhig und man spürte zudem, dass der Südpol nur noch zweieinhalbtausend Kilometer entfernt war. Selbst Trevor zog sich in dieser Nacht in Pet´s Kajüte zurück.

 

 

 

 

 

11. Juli 2015 2.00 Uhr

 

Wachtwechsel. Jan übernahm mit John, Jose und Pet die Brücke. Trevor hatte sich dazu bereit erklärt, auch mit auf die Brücke zu kommen, legte sich aber in sein Lounge und schlief weiter. Auf dem Radar war nichts zu erkennen - in einem Radius von zehn Kilometern war kein Schiff zu sehen. Aber irgendetwas schien das Radar anzuzeigen. Backbords, etwa zweihundert Meter entfernt, trafen die Radarstrahlen auf etwas. Durch den Wind und die Wellengeräusche an der Blauzahn konnte man nichts hören, was da draußen sein könnte. Zu sehen war nichts. Jan musste nun den Kurs auf Backbord ändern und sie kamen dem Etwas näher. Dann verschwand das Objekt vom Radar.

 

Immer wieder tauchte auf dem Bildschirm kurz ein kleiner Fleck auf und verschwand nach ein paar Sekunden wieder. Bald schenkte Pet diesem Phänomen keine Aufmerksamkeit mehr, denn er konnte sich keinen Reim darauf machen, was da im Wasser schwimmen sollte oder auch nicht. Pet fühlte keine Müdigkeit und auch die anderen waren hellwach.

 

Um 7.00 Uhr morgens tauchte ein größeres Objekt auf dem Radarschirm an Steuerbord auf. Kennung war keine zu sehen und in dem diffusen Licht konnte man nichts erkennen. Jose suchte mit dem Fernglas den Horizont ab, konnte aber auch nichts entdecken. Pet hatte den Lautsprecher des Radargerätes angeschaltet, damit John, der das Steuer übernommen hatte, sich auch über das Geräusch des Radars eine Vorstellung machen konnte, was da in ihrer Nähe sein könnte. Als das Etwas ungefähr zweihundert Meter steuerbords voraus war, drehte die Blauzahn nach Backbord ab. Sie verlor allerdings an Fahrt, da der Wind ungünstig für sie blies. Das Etwas kam ihnen nun langsam immer näher. Jan brüllte laut ins Bordmikrofon, dass Steffen sofort zu den Maschinen gehen sollte, um die großen Diesel anzuwerfen. Steffen war zum Glück bereits im Maschinenraum und umgehend hörten alle das Brummen der Motoren. Die Segel wurden eingefahren und mit langsamer Drehzahl konnte die Blauzahn einen Kurs einnehmen, der sie weg von dem Etwas brachte. Dann hörten alle, die neben Jose standen, ein lautes "Das ist es also!" Und ein paar Sekunden später kam über die Lautsprecheranlage der Ruf. "Eisberg in Sicht."  Alle rannten an Deck, um das Naturwunder zu bestaunen. John drehte weiter am Steuerrad, um noch mehr nach Steuerbord auszuweichen. Dann entdeckte Jose eine weitere Gefahr. Auf Steuerbord sah er ein paar Grawler schwimmen und die Blauzahn steuerte genau auf diese zu. Diese kleinen Eisberge waren der Blauzahn schon sehr nahe und Jan schickte eilend Alberto, Carlo und Luigi mit Bootshaken nach vorne, um diese kleinen, widerlichen, kalten Bootskiller abzuwehren.

 

Alberto konnten den Ersten bereits mit dem Bootshaken von der Blauzahn wegdrücken, Carlo sah einen weiteren, der allerdings weit genug von ihnen weg war und fast zehn Meter entfernt weiterschwamm. Dann sahen alle drei einen Brocken, etwa vier Meter lang und einen Meter hoch, der sie genau in der Schiffsmitte treffen würde. Selbst mit Ausweichmanöver würde sie treffen.  

 

 

Fortsetzung folgt

 

 

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