Teil 2 - Kapitel 8

4. Juli 2015 6.00 Uhr auf der Blauzahn

 

Vor ihnen lag King Island. Sie wollten die Insel, die zu Tasmanien gehörte, an deren Südspitze passieren, um dort in die Bass Street einzufahren. Es war an diesem Morgen recht kühl und regnerisch. Sie mussten immer wieder kreuzen, da der Wind meist aus nördlicher Richtung kam. Erik und die Zwillingen Carlo und Luigi waren auf der Brücke. Marc in seiner Kombüse zusammen mit Otto und Jan. Da die See sehr ruhig war, wollte Marc wieder einmal ein opulentes Frühstück machen. Die Chance, dass der Wellengang so blieb, war gering und Marc nutzte solche Phasen immer, um zu kochen.

 

Der Umbau der Blauzahn war gelungen. Endlich hatten sie auch eine Toilette neben der Messe und in der Nähe der Brücke. Die Brücke hatte Erik vollkommen geschlossen gehalten, sodass man nun nicht mehr bei Regen im Südwester am Steuerrad stehen musste. Erik schätzte das sehr. Endlich konnte er bei Nässe von oben seinen geliebten Tee ohne Regenwasserverdünnung auf der Brücke trinken.

 

Als alle bis auf die Brückenmannschaft am Frühstückstisch saßen, bemerkten sie, dass es Mathias nicht gut ging. Er sah immer noch blass und müde aus. Gerrit beugte sich zu ihm hin und flüsterte ihm zu, dass er ihn nach dem Frühstück im Krankenrevier sehen wollte. Mathias war damit ohne Weiteres einverstanden. Juris indes sah man seine Trauer an. Er konnte fast nichts essen und trank lustlos seinen Kaffee. Keiner schaffte es, ihn aufzumuntern oder ihn zu einem Gespräch zu bewegen. Schweigend saß er in der Runde der Nordstrandpiraten. Nach dem Frühstück zogen sich alle bis auf Otto und John, die Küchendienst hatten, in ihre Kajüten zurück. Lars, Jose und Alberto legten sich noch auf ihre Kojen, denn sie mussten ab 12.00 Uhr die Brücke für zehn Stunden übernehmen. Greg und Pet wollten die von Otto erstellte Pressemitteilung noch einmal begutachten, um sie dann der Mannschaft vorzustellen.

 

Um 12.00 Uhr mit dem Wachwechsel änderte sich das Wetter. Es regnete stärker und der Wellengang wurde spürbarer. Die Bordroutine nahm ihren Gang. Ab 15.00 Uhr wurde das Wetter noch ungemütlicher und der Regen bildete eine Wasserwand. Die Sicht wurde auf sechzig bis siebzig Meter reduziert und Alberto, der am Radar saß, musste den Bildern auf dem Display seine ganze Aufmerksamkeit widmen.

 

Pet saß mit Greg immer noch in seiner Kajüte zusammen und sie besprachen das Thema der Ageli. Wie wollten sie das Verhältnis zu dieser anderen Mannschaft bezeichnen und welche Erwartungen hatten sie an diese Frauencrew? Es war sehr schwer, das, was sie bewegte, in Worte zu fassen. Selbst der Zigarrenrauch, den sie in der Kabine mit ein paar guten Havannas verbreiteten, brachte keine Eingebungen.

 

Juris stand in der Tür zu Pet´s Kajüte. Der winkte ihn zu sich und Juris setzte sich zu Pet und Greg auf den Boden. Die angebotene Zigarre und den Cognac nahm er dankend an. Greg fragte ihn nach seinem Befinden. "Traurig, schockiert, am Boden zerstört. Such dir was aus, es passt alles. Wenn du mir sagen würdest, dass ich depressive bin, würde ich dir auch zustimmen." Er nahm einen großen Schluck aus seinem Glas und zog dann genießerisch an der Zigarre. Pet dachte bei sich, dass das nicht die Anzeichen einer Depression waren, sondern Wut, Trauer und Hilflosigkeit gemischt in einem emotionalen Cocktail, der nicht nur Kopfschmerzen bereitete, sondern auch Herzschmerzen. Aber er wollte sich nicht auf die Ebene der Küchenpsychologie einlassen. Lieber die Lebenserfahrung sprechen lassen, als  gehörtes und gelesenes Wissen hier zum Besten zu geben. Sie waren alle erwachsen genug, um zu wissen, was solche Schmerzen mit einem anrichtete. Also war das Beste, was er anbieten konnte, für Juris da zu sein. "Ich war einfach enttäuscht, dass meine Kinder mich nicht rechtzeitig informiert haben. Und ich war wütend auf mich selbst, weil ich nicht für für meine Ex-Frau da war, als sie mich gebraucht hat." Greg hob die Hand, weil er offensichtlich Einwände hatte. "Juris, ihr habt euch getrennt, weil das Zusammenleben von euch beiden nicht mehr möglich war. Und deine Kinder haben dich später Informiert, weil deine Ex das so wollte. Und du hättest nichts mehr für sie tun können, auch wenn du in der Heimat bei ihr gewesen wärst. Aber eine paar Fragen darf ich dir stellen. Fühlst du dich hier wohl? Geht es dir gut im Kreise der Piraten? Wenn das so ist, dann hat dir deine Ex ein Geschenk gemacht. Du musstest nicht weg von hier. Übereilt und in Sorge in die Heimat fliegen, um nur für ein paar Stunden Abschied von ihr zu nehmen. Und brauchen deine Kinder deinen Trost, oder sind sie erwachsen genug, um zu begreifen, dass dir das hier gut tut? Die Fragen kannst du dir selbst beantworten. Sich von jemandem zu verabschieden, den man liebt oder geliebt hat, ist sehr schwer und es dauert sehr lange, bis man das verarbeitet hat. Was hätte sich geändert, wenn deine Kinder dir die Situation früher mitgeteilt hätten? Denke mal darüber nach." Greg hatte sehr leise gesprochen, sodass Juris ihm und seinen Worten volle Aufmerksamkeit schenken musste, um ihn zu verstehen. Im Kopf von Juris entstand ein anderes Bild von seiner Exfrau. Hatte sie ihm hier ein Geschenk gemacht, indem sie ihm diesen schmerzlichen Abschied erspart hatte? Er wollte es so gerne glauben und nahm den Gedanken an. Die Trauer über ihren Tod blieb, aber so war das etwas leichter zu ertragen. 

 

Aus dem persönlichen Tagebuch des Pet Baer

 

Der Tod von Juris Frau hat nicht nur ihn getroffen. Wir alle auf der Blauzahn nehmen Anteile an seiner Trauer. Auch der Unfall auf der Ageli ist noch in den Köpfen der Nordstrandpiraten und sorgt immer noch für Bestürzung. Alle Gespräche, die ich bisher mit den Nordstrandpiraten geführt habe, drehten sich doch immer wieder um ein Thema. Dass jeder von uns verletzt wurde, einen Schicksalsschlag ertragen musste, ein traumatisches Erlebnis mit sich herumträgt, das dazu führte, dass er hier auf der Blauzahn vielleicht dem Gestern entkommen möchte. Ich glaube, das wird so nicht funktionieren. So wie wir in diesem Lebensabschnitt nicht versuchen sollten, den größer werdenden Jahreszahlen unseres Alters zu entkommen, so können wir unserer Vergangenheit nicht entkommen. Mit welchen Gedanken, Hoffnungen und Ideen haben wir diese Reise begonnen und wo sind wir jetzt? Wir haben uns alle verändert und wir sind körperlich stärker geworden. Der Kopf ist freier, aber wir haben nicht nur Lebenserfahrungen gesammelt und diese hier mit an Bord genommen, sondern auch eine gehörige Portion von Verletzungen an Seele und Körper. Und wenn wir es schaffen, von diesen geheilt zu werden, die Dämonen der Vergangenheit zu überwältigen, dann kommen wir unserem Ziel näher.

 

Immer wieder habe ich bei diesen Betrachtungen Angst, in Allgemeinplätzen zu ersticken,  Banal zu werden oder Sprachhülsen zu formulieren, die keine Lösung bringen. Ich bin mir sicher, dass Menschen, die wesentlich kompetenter sind als ich, bereits Hunderte von Aufsätzen und Büchern über diese Themen verfasst haben. Es wissenschaftlich zu erklären ist das eine, es aber zu bewältigen ist etwas anderes. Vielleicht ist das eines meiner persönlichen Ziele, die ich auf dieser Reise erreichen will. Nicht nur verstehen zu können, sondern auch Dämonen zu beseitigen.

 

 

 

 

 

 

 

5. Juli 2015 15.00 Uhr mittags auf der Blauzahn

 

Otto, Juris und Marc wollten mit einem guten Abendessen etwas gegen die leicht muffige Stimmung an Bord unternehmen. Irgendwie kamen die Piraten nicht in Schwung. Das war Marc aufgefallen und er hatte deshalb darum gebeten, dass die Blauzahn einen Hafen auf Tasmanien anlaufen sollte, damit er etwas Frischfleisch und Fisch einkaufen konnte. Und die Mannschaft hatte dann entschieden, dass sie sich einen Aufenthalt in der Georges Bay mit der kleinen Stadt St. Hellens gönnen wollte. Dort konnte sich Marc dann das besorgen, was er für ein ausgedehntes Essen benötigte. Er wollte einfach nicht zugeben, dass er bezüglich eines Speiseplans keine Idee mehr hatte, was er kochen sollte oder konnte. Juris und Otto wollten ihn dabei unterstützen, denn auch sie fühlten eine Blockade in sich und es war besser, sich um das leibliche Wohl zu kümmern, als stumpf vor sich hin zu brüten. Und so war die Blauzahn in dieser Bucht, einem Paradies für Wassersportler, gelandet. Sie ankerten bei gerade mal zwölf Grad Celsius Außentemperatur, aber immerhin schien die Sonne.

 

Erik, Lars, Jan und John hatten sich auf der Brücke eingenistet, um die Wetterlage auf dem Kurs der Blauzahn zu studieren. Jan meinte, dass der Abenteuergedanke der Mannschaft derzeit etwas einer Routine und gut geplanten Reiseroute gewichen sei. Irgendetwas fehlte, aber was es war, konnte keiner beantworten. Sie dachten über die zweitausend Kilometer nach, die sie über die Tasmanische See bis Neuseeland vor sich hatten. Sie wollten die Südinsel umrunden, um durch die Meerenge zwischen der Nordinsel und der Südinsel zu durchfahren, um dann nach Neukaledonien zu fahren. Sie planten nicht ein, die Insel anzulaufen, sondern wollten von dort aus weiter nach Vanuatu, einem kleinen pazifischen Inselstaat. Hier hatten sie vor, einige Tagen zu ankern, um das tropische Winterklima zu genießen. Jan wollte aber noch mit Marc, Pet und Otto den Proviant, die Frischwasservorräte und den Dieselverbrauch prüfen und besprechen, ob sie eventuell doch in Wellington vor Anker gehen mussten, um dort ihre Vorräte nochmals aufzufrischen. Jan und Lars hatten zwar auch die Möglichkeiten der Betankung mit Frischwasser und Diesel auf den kleineren Pazifikinseln geprüft, aber sicher konnte man dort nicht sein, dass man das bekam, was man benötigte. 

 

Das Abendessen, das die drei zubereitet hatten, schien tatsächlich den Effekt zu haben, die muffige Stimmung etwas auf die Seite zu schieben. Eventuell lag es auch daran, dass Otto für den Lammbraten einen Rotwein mit sehr viel Volumenprozent ausgewählt hatte und Pet als Abschluss des Abends einen Grappa kredenzte, der für sehr viel Entspannung sorgte. Mathias wollte keinen Alkohol trinken und war auch beim Essen sehr vorsichtig. Natürlich war das einigen aus der Runde aufgefallen, aber keiner stellte eine Frage nach dem Warum. 

 

Die erste Wache übernahm Mathias ab 23.00 Uhr. Pet gesellte sich zu ihm. Trevor legte sich an den Niedergang von der Brücke und hatte damit das Heck der Blauzahn im Blickfeld, der Rest wurde mittels seiner empfindlichen Ohren überwacht. Pet hatte einen frischen Ingwerzitronentee gemacht und die Kanne mit zwei Bechern mit auf die Brücke genommen. Mathias nahm das Teeangebot gerne an. Noch war der Sternenhimmel klar über ihnen, aber man sah, dass sich im Osten etwas zusammenbraute, das man als Unwetter oder umgangssprachlich auch als Mistwetter bezeichnen könnte. "Wie geht es dir? Gerrit hat dich untersucht. Hoffentlich konnte er dir helfen." Pet blickte Mathias von der Seite aus an. Natürlich hoffte er, eine Antwort auf seine Frage zu bekommen. "Gerrit hat das bestätigt, was ich schon wusste. Burnout meinte er. Psychische und physische Erschöpfung. Ja, ich weiß das, dass ich mich seit ein paar Jahren überfordert habe. Wenig Schlaf, der Druck, der auf mich wirkte, als ich die Recherchen für Jan durchgeführt habe. Mein Leben, bevor ich für Jan anfing zu arbeiten, war auch nicht leicht. Wenn man sich mit dem Strafrecht beschäftigt, muss man sein Gewissen und die Moral gut wegschließen und sich nur auf die Paragraphen konzentrieren. Ich war ja dem Recht verpflichtet und wenn man einen Mandanten hat, dann kämpft man für ihn und schöpft alle juristischen Möglichkeiten aus, die einem zur Verfügung stehen, um dem Mandanten zu helfen. Dass zwischen Recht und Gerechtigkeit ein großer Unterschied besteht, das war mir nicht klar. Ich diente dem Recht, also musste das alles richtig sein, was ich machte. Klingt sicher etwas abgedroschen und banal, aber letztendlich war das mein Job, meine Mandanten aufs Beste zu verteidigen. Ich war nicht kalt genug, um das lange durchzustehen, mir ist es einfach nicht gelungen, mich von dem, was ich tat, privat genug zu distanzieren. Deshalb habe ich mich später dann auf internationales Vertragsrecht spezialisiert. Das späte Zusatzstudium war gut und was danach kam, war sehr lehrreich. Ich dachte, hier hätte ich es nur mit Fakten und juristischem Feingefühl zu tun. Aber musste ich es vorher in den Strafprozessen mit Mördern und Dieben beschäftigen, so hatte ich es nun mit honorigen, unmoralischen, hochangesehenen, gewissenlosen, gebildeten, geldgierigen und machtbesessenen Maschinen zu tun. Wer Erfolg hat, hat recht - das war der Leitsatz. Für alles gibt es Paragraphen, die etwas, was wir moralisch als verwerflich betrachten, juristisch rechtfertigen. Und ich war gut darin, alles juristisch zu rechtfertigen und unangreifbar zu untermauern. Verdiente ich vorher mit den Strafprozessen gut, so waren jetzt in Sachen Vertragsrecht die Summen, mit denen ich belohnt wurde, gigantisch und das machte es mir leicht, die aufkeimenden Bedenken einfach wegzulegen. Ich hatte den Absprung vom Strafverteidiger geschafft, aber nicht den Sprung vom Rechtsvertreter zum moralisierenden Juristen. Da standen mir zu viel Paragraphen im Wege. Und die Erwartungen meiner Mandanten an mich waren gewaltig. Ich war froh, dass ich Jan als Kunden gewinnen konnte und bald auch als exklusiven Mandanten. Wir wurden Freunde, da ich ihn für seine Vorgehensweise bewunderte. Er war ein verdammt guten, harter und geschickter Geschäftsmann, aber er war immer bemüht, dass alles, was er tat, auch einwandfrei war. Das, was man unter Win-Win Situation versteht, das war es, was er immer wollte. Als dann die Sache mit seiner Frau passierte und er in seiner Verzweiflung auf Rache sann, konnte ich das alles soweit steuern, dass er den Boden unter den Füßen nicht verlor. Ich wollte nicht zurück in mein altes Leben und nur gewinnen, ich wollte Gerechtigkeit. Mir gefiel die Rolle als Racheengel und mir gefiel es noch mehr dabei, Macht über andere zu bekommen und dabei auch noch Geld zu verdienen. Es war für uns beide wie ein Rausch. Bis zu dem Tag, als Jan´s Schwester uns zu sich holte und ein sehr langes Gespräch mit uns führte. Ich will jetzt nicht ausführen, was sie uns damals alles gesagt hat, nur eines dazu. Ich dachte, sie ist ein blöde Kuh, die mir den Spaß am Leben und am Erfolg nehmen will. Und dann kam das Argument mit unseren Verfolgern, unseren Gegnern und was sie uns antun könnten. Uns, damit meinte sie auch sich selbst, meine Familie und unsere Freunde. Wir hatten nicht die Möglichkeit, alle zu schützen. Also mussten wir eine Waffe schmieden, die uns alle soweit wie möglich schützte. Und das war, Wissen anzusammeln, zu komprimieren und zu Sprengstoff zu formen. Das war mein neuer Job. Während Jan versuchte, sich die Mittel zu verschaffen, die wir für eine gute Öffentlichkeitsarbeit benötigten, jagte ich Informationen nach. Jan gelang es nicht, genügend Druck auf unsere Gegner auszuüben, dass sie aufhörten, uns zu verfolgen. Aber wir hatten genug an Wissen gesammelt, sodass wir nicht mehr so leicht angreifbar waren. Aber das alles hat uns zerstört. Wir wurden müde und wir laugten aus. Jan fand eine Aufgabe, die seinem Leben einen neuen Sinn gab. Die Blauzahn. Ich wollte noch nicht, ich wollte weiter an der Kampagne arbeiten, denn was ich gefunden hatte, war mehr als nur eine paar schmutzige Geschichten über unsere Gegner. Was hinter denen an weiteren Geschäften, Affären, Spielen und Ränken ablief, überstieg selbst meine bisherigen Erlebnisse mit Straftätern und Machthungrigen. Als ich dann anfing, das alles aufzuarbeiten, war ich am Ende. Das überstieg meine Vorstellung. Es gab das Recht, aber die Gerechtigkeit hatte sich davon sehr weit entfernt. Der Alkohol war nur ein Hilfsmittel, um in meinem Kopf das ruhig zu stellen, was sich da zusammenbraute. Nein lieber Pet, konkret möchte ich nicht werden. Belassen wir es dabei, dass ich nicht geheilt bin, von der Faszination der Macht. Dass ich aber weiß, dass ich nie so sein kann, wie ich es sein müsste, um das alles zu ertragen. Ich bin enttäuscht und frustrierst von dem, was ich erreicht habe." Kurz schwieg Mathias und Pet hatte Gelegenheit, zu überdenken, was er da gerade gehört hatte. Das alles hatte viele Parallelen zu Jan´s Geschichte, mit einer etwas anderen Perspektive. "Hast du mir eine Zigarre, Pet. Ich glaube, die habe ich mir verdient." Zum ersten Mal, seit er vor ein paar Tagen an Bord gekommen war, sah Pet den Neuen lächeln. Pet hatte eine Zigarre für Mathias.

 

Wie bizarr waren diese Geschichten, dachte Pet bei sich. Waren das nun Romane oder waren das Geschichten aus dem Leben eines anderen?  Und wenn man sich die Lebensgeschichten jedes einzelnen anhörte, so waren das Geschehnisse, die man nicht erfinden konnten - das waren Handlungen, die erlebt wurden.

 

Trevor hob den Kopf und begann leise zu brummen. Das war sein warnendes Gebrumme, was er da von sich gab. Mathias hörte es als erster. "Was hat er denn? Ich höre und sehe nichts. Was könnte ihm nicht gefallen?" Pet wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er die Frage von Mathias hörte. Er schaute sich um, sah aber nichts - dann hörte er es auch. Ein langsam laufender großer Schiffsdiesel. Das Geräusch kam näher und verstummte dann. Trevor stand inzwischen und schaute über die See zum nordöstlichen Ufer. Dort tauchte kurz im Mondschein die Silhouette eines großen Schiffes auf. "Das könnte eine größere Motorjacht sein. Was meinst du Mathias?" Das Mondlicht verschwand wieder hinter einer Wolke. "Aber so ganz ohne Positionslichter? Ich finde das schon merkwürdig. Bei der Größe und dann vollkommen ohne Licht in der Bucht unterwegs." Die Bucht war an der Stelle, wo die Blauzahn ankerte, gerade mal zwei Kilometer breit. Aber für Schiffe dieser Größe konnten knapp zwölfhundert Meter als Fahrrinnen befahren werden. Pet machte das Radar an und stellte es so ein, dass es das fremde Schiff gerade noch erfassen konnte. Nach seiner Schätzung war es etwa sechshundert Meter von der Blauzahn entfernt. Dann sahen die beiden auf dem anderen Schiff kleine Lichter, die sich hin und her bewegten. Mathias nahm an, dass das Licht von Taschenlampen stammte. "Ich vermute, dass die da drüber ein Problem haben. Ich kann´s nicht genau erkennen, aber das muss das Heck sein, da leuchtet es sehr hell." Mathias hatte recht, denn mit einem Mal sahen sie das Schiff im Schein von offenem Feuer, das auf diesem fremden Schiff ausgebrochen war. Von unten hörten die beiden Eriks Stimme: "Da drüben brennt es, ich mache das Beiboot fertig. Lars, Jan, holt ein paar Feuerlöscher, wir gehen rüber und versuchen zu helfen." Keine fünf Minuten später startete das Beiboot mit Erik, Greg und Juris an Bord. Sie hatten fünf Feuerlöscher mitgenommen. Man sah im Lichtschein des Feuers, dass einige Menschen von Bord sprangen. Das Beiboot hatte das fremde Schiff fast erreicht, als es dort eine kleine Explosion gab. Kurz stoppte das Beiboot, die drei versuchten, die Lage auf dem brennenden Schiff einzuschätzen. Zu den Geräuschen des Feuers und den Schreien von Menschen gesellte sich nun das aufgeregte Gebell von Trevor. Er bellte aber nicht in die Richtung des brennenden Schiffes. Er schaute auf etwas, was etwa dreißig Meter von der Blauzahn entfernt im Wasser schwamm. 

 

 

Fortsetzung folgt

 

 

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