Teil 2 - Kapitel 1

Vorwort

 

Teil zwei einer abenteuerlichen Reise um die Welt mit einer Mannschaft, die über neunhundertundsechzig Jahre Lebenserfahrung mit sich herumträgt und die die Erwartung haben, noch sehr viel mehr an Leben und Erfahrung sammeln zu können.

 

Das Meer ist ihre Heimat geworden, die Blauzahn ihr Schlaf- und Wohnzimmer, die Mannschaft ihre Familie und der Himmel über ihnen ihr Dach über den Köpfen. Vieles hatte sich verändert. Sie alle haben ihr Leben neu geordnet, neue Ziele erdacht und angesteuert. Nach gerade mal zwei Monaten Vorbereitung und vier Monaten auf dem Meer war so viel geschehen. Sie hatten zwei ihrer Freunde verloren und sieben neue Piraten waren dazu gekommen.

 

Pet und Otto führten genau Buch darüber, was sich ereignete und bewerteten es auch, was sie erlebt hatten. Jeder Veränderung wurde beschrieben und sie spürten vor allem auch bei sich selbst, dass sie als Generationsangehörige 60 plus losgereist waren und nun in einer Zeit ankamen, in der nicht mehr die Mathematik der Jahreszahlen galt, sondern nur noch das, was sie leisten konnten und wollten. "Der zeitlose Teil unseres Lebens", meinte Otto.

 

Wenn sich die alten Männer am Anfang ihrer Reise dreimal in der Nacht auf dem Wege zur Toilette begegnet waren, so traf man sich nun einmal in der Nacht oben an der Reling und pinkelte ohne Scham und gemeinsam gegen den Wind.

 

Jetzt waren sie dabei, den fünften Kontinent anzusteuern.

 

 

 

 

 

 

 

31. Mai 2015 7.00 Uhr

 

Jan entdeckte Lars als ersten, der regungslos auf dem Boden seiner Kabine lag. Er rief laut um Hilfe und Alberto und Gerrit kamen sofort. Gerrit fühlte den Puls von Lars. "Sein Puls ist sehr schwach, legen wir ihn auf seine Koje." Vorsichtig wurde er auf sein Bett gelegt und Gerrit untersuchte ihn. Sein Puls war schwach und sein Herz schlug sehr unregelmäßig und schnell. Die Haut war fleckig und blass. "Er ist dehydrierst und er ist ohnmächtig." Gerrit legte ihm einen Zugang und versorgte ihn mit Flüssigkeit. Otto kam ebenfalls in Lars Kajüte, als der aufwachte. Er sah, dass Lars krampfhaft ein Stück Papier in seiner Hand festhielt. Vorsichtig öffnete er dessen Hand und zog das Stück Papier heraus. Gerrit nickte allen, die in der Kajüte waren, zu. "Es geht langsam aufwärts mit ihm, er hat einfach zu wenig getrunken." Lars öffnete die Augen. Er signalisierte, dass er Kopfschmerzen hatte und dass seine Lippen brannten. Alberto flößte ihm etwas Wasser ein.

 

Otto schaute sich an, was auf dem Stück Papier geschrieben stand, das er Lars gerade weggenommen hatte. "Cocos Insel". Was hatte das zu bedeuten? Ihr nächstes Ziel war doch der Australische Kontinent und die Cocos Inseln kannte er nicht. Sie waren als Reiseziel auch nie im Gespräch gewesen. Oben hörte er jemanden nach Lars rufen. Die anderen hatten offensichtlich noch nicht mitbekommen, dass der geschwächt in seiner Kabine lag und intravenös mit Flüssigkeit versorgt wurde. Otto ging nach oben. Am Niedergang stand ein Uniformierten zusammen mit Greg und Juris. Kurz informierte er die beiden, dass Lars nicht kommen konnte. Dann sah er sich den Mann in Marineuniform an, begrüßte ihn und fragte nach seinen Wünschen. Greg ergriff das Wort. "Lars hat gestern mit dem Hafenmeister gesprochen und ihm gesagt, dass wir hier ankern. Er hat ihm ein paar Mal gesagt, dass er heute an Land kommen würde. Nur Lars sprach immer von Cook Island. Und wir sind hier  auf Cocos Island. Die Cook Inseln liegen ein paar tausend Kilometer weiter westlich. Ganz ehrlich, ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, wo wir hinfahren und wo wir sind. Ich glaube Lars hat da was durcheinandergebracht. Nur John, der auf der Brücke war, kannte den Kurs und hat wohl auch nicht zugehört, wie das nächste Ziel heißen sollte." Otto erklärte dem Uniformierten, der zur Küstenwache Australiens gehörte und die Zollformalitäten durchführen wollte, den Sachverhalt. Der nickte nur, schaute sich die Pässe an und schüttelte dann den Kopf. "Ihr Kapitän muss ganz schön verwirrt sein, wenn er die Namen der Inseln vertauscht hat. Nun ja, in dem Alter kann das schon mal passieren. Ich hoffe nicht, dass das auch noch in anderen Situationen passiert." Dann tippte sich der Uniformierte  an die Mütze und verließ lachend die Blauzahn.

 

Otto, Greg und Juris schauten sich betreten an. Keinem war aufgefallen, dass Lars die Namen der Inseln verwechselt hatte. Der Kurs und alles andere war von ihm richtig berechnet worden, aber das mit der Verwechslung der Namen war schon peinlich und zudem war es für alle beschämend, dass es keinem von ihnen aufgefallen war. Greg ging in die Messe und informierte die Mannschaft. Alle schauten sich perplex an. Nur Marc lachte laut auf.

 

Und da waren sie wieder in den Köpfen der Piraten, diese demütigenden Sprüche, denen sie ausgesetzt wären, wenn das bekannt würde - "alte Männer, vergesslich, keine Ahnung, der Kopf nicht mehr so ganz im Lot". Und die Gedanken gingen weiter. War Lars nicht mehr in der Lage, das Schiff als Kapitän zu führen? Mit jedem Gedanken schrumpfte ihr Selbstvertrauen ein wenig.

 

Gerrit kam in die Messe und klärte die Mannschaft über den Gesundheitszustand ihres Freundes auf. "Lars war stark dehydriert. Er ist immer noch etwas verwirrt, hat starke Kopfschmerzen und ihm ist schlecht. Das wird sich aber bald ändern. Vor allem wird es ihm besser gehen, wenn die Medikamente, die er genommen hat, aus seinem Körper ausgeschwemmt sind. Er hat Vicodin genommen, ein starkes Schmerzmittel. Offensichtlich machte ihm ein alter Knochenbruch am Bein größere Probleme. Das Schmerzmittel hat er nicht von mir, das muss er sich schon an Bord mitgenommen haben, als wir auf Nordstrand gestartet sind. Das Zeug hat Nebenwirkungen wie Verwirrtheit, Übelkeit und es reduzierte bei ihm das Gefühl für Durst. Er hat einfach zu wenig getrunken und dann noch das Mittel eingenommen, das führte zu dem Kollaps. Auf seinem Laptop habe ich gesehen, dass er den Kurs zu der Cocos Insel berechnet hat, nebenbei sich aber die Informationen zu den Cook Islands angeschaut hat. Und in seinem Medikamentenrausch scheint er dann die Namen vertauscht zu haben. Mehr nicht." Gerrit schaute alle anderen an. Was bedeutete das für sie? Ein Kapitän, der berauschende Schmerzmittel nahm, durfte kein Schiff führen. Er hatte zwar den Kurs richtig berechnet, aber ihr Ziel falsch genannt. War er für die Nordstrandpiraten ein Risiko als Kapitän? Und sie selbst? Keiner von ihnen hatte den Irrtum bemerkt, waren sie deshalb mit schuld an dieser Panne? Gerrit stand immer noch in der Mitte der Messe. "Freunde, er hat ein paar Tabletten genommen, die ihm nicht gut getan haben. Die Dehydrierung möchte ich nicht im Zusammenhang damit bringen. Und wir sollten alle bedenken, er war nicht auf der Brücke, er war nicht direkt an der Schiffsführung während der Wirkzeit der Medikamente. Er hat einfach einen Namen verwechselt, warum auch immer. Ich gehe jetzt wieder zu ihm und werde mich um ihn kümmern. Wenn jemand in seiner Person und seiner Handlung ein Risiko für uns sieht, dann sollten wir darüber sprechen, aber nur gemeinsam mit ihm!"

 

Die Routine an Bord kam an diesem Tag etwas schwer in Gang. Einer von ihnen war krank, das belastete die Mannschaft mehr als der Schock, dass Lars Medikamente genommen hatte, die ihn offensichtlich verwirrt und geschadet hatten. Den Namen einer Insel zu verwechseln, war nicht so schlimm. Oder doch?

 

 

 

2. Juni 2015 auf der Blauzahn

 

Lars wurde langsam kräftiger, konnte aber immer noch nicht das Bett verlassen. Otto und Pet hatten den Vorschlag gemacht, ihn auf die Insel zu bringen und dort nochmals von einem anderen Arzt untersuchen zu lassen. Lars hatte das abgelehnt und so ruhte auf der Blauzahn die Abenteuerlust.

 

Otto, Gerrit und Greg wechselten sich bei der Pflege ab, aber sie konnten nur nach ihm schauen, ihm etwas zum Trinken oder zum Essen zu bringen. Mehr war nicht möglich. Erst am späten Nachmittag war Lars kräftig genug, um ein etwas längeres Gespräch mit Gerrit und Otto zu führen. Gerrit erklärte ihm, was geschehen war. Lars konnte allerdings nicht bestätigen, dass er Vicodin mit an Bord gebracht hatte und dass er das genommen hatte. Er konnte sich nur daran erinnern, dass er einen Tag vor ihrer Abreise von der Weihnachtsinsel wegen der Schmerzen in seinem Bein Ibuprofentabletten genommen habe. Dann wusste er nur noch, dass alles irgendwie wie in Watte gepackt um ihn herum zu sehen und zu fühlen war. Gerrit zeigte ihm die Packung mit dem Schmerzmittel, aber Lars konnte sich nicht daran erinnern, ob das die Schachtel war, aus der er die Tabletten genommen hatte. Er wusste nur eines, dass er noch nie Vicodin genommen hatte. Wie waren also diese Tabletten in die Hände von Lars gekommen? Gerrit befragte die andern Piraten, ob von denen jemand Vicodin mitgenommen hatte oder es benötigte. John meldete sich. Er schrieb auf ein Blatt Papier, dass er das Medikament vor Jahren wegen einer schmerzhaften Schulterverletzung bekommen habe und es wegen der Angst vor Schmerzen, die bei diesen zu erwartenden Anstrengungen auf der Segeltour wieder kommen könnten, die Tabletten mitgenommen habe. Vor ein paar Tagen hätte ihn Lars gefragt, ob er noch Ibuprofenschmerzmittel habe und er gab ihm ein paar seiner Tabletten, die er auch mitgenommen hatte. Gerrit und John schauten sich dann gemeinsam den Vorrat an Schmerzmitteln in Johns Kabine an. John hatte ihm die falschen Tabletten gegeben, er hatte einfach die Verpackungen vertauscht und Lars hatte es auch nicht bemerkt.

 

3. Juni 2015 10.00 Uhr auf der Blauzahn 

 

Alle Piraten saßen in der Messe zusammen. Gerrit und Greg stellten sich in die Mitte und abwechselnd dozierten sie über das Thema Medikamentenmissbrauch und unkontrollierte Weitergabe von Medikamenten an andere. "Freunde, wenn ihr medizinische Hilfe braucht oder ein Medikament, dann fragt mich. Es war sicher gut gemeint, was John getan hat, als er Lars ein Schmerzmittel gab. Aber das Risiko ist groß, dass man etwas weitergibt, das für einen selbst hilft, einem anderen aber schaden kann." Dann sprach Greg weiter. "Was Lars allerdings noch geschadet hat, ist sein Trinkverhalten. Er hat in den letzten Tagen einfach zu wenig Wasser zu sich gekommen. Wir müssen in diesen Breiten und bei diesen klimatischen Bedingungen darauf achten, dass wir genug trinken. Bei diesem Wind haben wir nicht immer das Gefühl, dass es zu warm sei und wir haben deshalb auch nicht immer Durst. Ich schlage vor, dass jeder von uns sich jeden Morgen eine Zweiliterflasche Wasser in seine Kabine stellt und die muss am Abend leer sein. Was ihr zusätzlich noch trinkt ist gut, aber diese zwei Liter sind das absolute Minimum. Seid ihr damit einverstanden?" Alle nickten zustimmend und damit war dieses Thema erledigt.

 

Bis zum Abend hatten alle ihre Medikamente, die sie nicht unbedingt benötigten und nur als sogenannte Notfallmedikamentierung dabei hatten, bei Gerrit abgeliefert.

 

3. Juni 2015 23.30 Uhr

 

John saß alleine in der Messe und starrte vor sich hin. Juris setzte sich mit einer Flasche Wasser neben ihn und hielt ihm das Wasser hin. "Du hast wohl ein schlechtes Gewissen, John?" Der nickte nur und nahm die Flasche und trank einen kräftigen Schluck daraus. "Solltest du nicht haben. Du hast es gut gemeint und einen Fehler gemacht, der uns aber allen gezeigt hat, dass unsere Borddisziplin immer noch verbesserungswürdig ist. Nimm es für dich in Anspruch, dass du einen Fehler gemacht hast, den wir alle hätten machen können und dass wir daraus etwas elementar Wichtiges gelernt haben. Gewisse Dingen sollte man Fachleuten überlassen und dazu gehört auch das Verabreichen oder die Weitergabe von Medikamenten." Dann nahm er John die Wasserflasche ab und trank auch eine großen Schluck daraus. "Und das hier ist noch viele wichtiger. Wasser trinken. Ich bin ganz ehrlich, ich habe in den letzten Wochen auch zu wenig getrunken, war deshalb immer etwas müde und unkonzentriert. Und müde und unkonzentriert da oben auf der Brücke zu stehen, während meine besten Freunde da unten schlafen, ist eine verdammt gefährliche Sache." Dann stand Juris auf, klopfte John kräftig auf die Schulter und ging. Johns Ärger über sich selbst war damit nicht verschwunden, aber es erleichterte ihn doch etwas.

 

Aber alle waren mit einem anderen Gedanken beschäftigt. Keiner hatte Lars richtig zugehört, als er von den Cook Inseln gesprochen hatte und keinem war aufgefallen, dass auf der Karte, die auf der Brücke lag, ein anderer Name für die Insel stand.

 

Am nächsten Morgen setzte die Blauzahn die Segel. Alberto, Jose und Juris waren auf der Brücke. Lars machte eine Lautsprecherdurchsage. "Wir fahren nun nach Australien. Bitte schaut euch alle die Karte an, damit sich später keiner darüber beschwert, wenn wir in der Antarktis gelandet sind und kalte Fuße bekommen. Unser nächstes Ziel ist Adelaide. Etwas mehr als dreitausend Kilometer und sieben Tage sind wir nun auf See. Wir werden also am 11. Juni den Hafen von Adelaide erreichen. Die Wettervorhersagen sind sehr erfreulich. Günstige Winde und ein Wellengang, der eine spaßige Tour verspricht."

 

Mit voller Besegelung und etwa achtzehn Knoten rauschte die Blauzahn mit ihrer Piratenbesatzung dem fünften Kontinent entgegen.

 

Otto entdeckte noch am selben Abend auf dem Radar, dass sie einen Begleiter hatten. Fast am Rande ihres Radars bewegte sich ein Schiff auf gleichen Kurs hinter ihnen. "Fängt das schon wieder an oder ist das normal?" sagte Otto laut vor sich hin. Juris schaute eine Weile aufs Radar und meinte dann zu Otto. "Kann auch ein Frachter oder ein Kreuzfahrtschiff sein. Was mich irritiert ist nur, dass ich keine Schiffskennung sehe, nur die Radarzeichnung. Die besagt, soweit ich das beurteilen kann, dass das Schiff etwa genau so groß ist wie die Blauzahn. Der Wind hat sich etwas verändert und wir müssen ein paar Grad den Kurs korrigieren. Wenn wir den jetzt ändern, sehen wir ja, ob die uns weiter folgen." Nach ein paar Minuten verschwand das Schiff auf dem Radarschirm und nach einer halben Stunden war es wieder da. Gegen Mitternacht verschwand der Verfolger dann ganz und tauchte auch bis zum Morgengrauen nicht wieder auf.

 

Erik, Greg und Carlo hatten um Mitternacht die Brücke übernommen. Mit dem Morgengrauen raute der Wind auf und die Wellen wurden höher. Die Blauzahn sprang immer wieder über die Wellen und das bekam die Mannschaft zu spüren. Ab 5.00 Uhr war an Schlaf nicht mehr zu denken. Alles traf sich entweder auf der Brücke oder in der Messe. Trevor legte sich auf eine Gummimatte in der Messe, damit er auf dem glattpolierten Boden nicht hin- und her rutschen konnte. Kaffee - oder auch die Teebecher konnten nicht auf dem Tisch abgestellt werden. Jeder beeilte sich, sein Trinkbehältnis zu leeren, bevor die Flüssigkeit zu viel an Wellenbewegung mitmachen konnte. Aus Windstärke vier um 5.00 Uhr morgens war um 7.00 Uhr Windstärke sechs geworden. Die Blauzahn hatte inzwischen genau einundzwanzig Knoten Geschwindigkeit erreicht, aber war leider nicht auf Kurs. Der Wind trieb sie immer weiter Richtung Westen. Eine Wolkenbank zeigte sich vor ihnen am Himmel. Sie wurde allerdings durch den Wind, den auch die Piraten zu spüren bekamen, vor ihnen her getrieben. Das Barometer fiel stetig und allen wurde klar, dass sie in eine Schlechtwetterfront segelten. Unter Deck war nun alles wieder sturmfest gemacht worden, alle Luken waren dicht und man wartete, was da kommen würde.

 

Fortsetzung folgt

 

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