Kapitel 59

28. Mai 2015 14.00 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Nachdem sich die Nordstrandpiraten von der Mannschaft der Ageli verabschiedet hatten, stach die Blauzahn wieder in See. Kurs Südwest war angelegt und der Wind war günstig, sodass man unter vollen Segeln die rund siebenhundert Kilometer bis zu den Cook Inseln in gut zwei Tagen schaffen würde. Die Cook Inseln wollte man als Zwischenstation nehmen, um für den bisherigen Kurs nach Australien noch ein kleines Besichtigungshighlight einzubauen. Lars, John und die Brüder Carlo und Luigi hatten die Brücke übernommen. Ein strahlend blauer Himmel und die leichte Brise reichte für Schiff und Mannschaft aus, um die Stimmung und die Dynamik in Schwung zu bringen.

 

Pet und Otto saßen mit Jan zusammen in dessen Kabine. Otto hatte nicht locker gelassen, bis Jan damit einverstanden war, ihnen noch etwas mehr aus seinem Leben zu verraten. Für die beiden Freunde war es einfach wichtig zu erfahren, warum die Blauzahn und sehr wahrscheinlich auch Jan beobachtet wurde. Noch in der Nacht hatten Pet und Otto über die möglichen Folgen gesprochen, wenn sich herausstellen sollte, dass sie in Gefahr wären. Aber zuerst wollten sie wissen, welche Geheimnisse Jan noch mit sich herumtrug.

 

Jan fiel es schwer, den Anfang zu finden. Wo sollte er beginnen? Es dauerte sehr lange, bis er endlich anfing zu erzählen. "Ich möchte eines vorausschicken, nicht dass ihr den Eindruck bekommt, ich sei eine geläuterter Wirtschaftsblutsauger. Nein das wollte ich nicht sein, ich bin nur aufgewacht, als meine Schwester mir den Spiegel geschenkt hatte. Geld verdienen oder besser sehr viel Geld verdienen hat für mich nichts Ehrenrühriges an sich. Nein, was ich getan habe, war Geld verdienen, um es als Mittel zum Zwecke der Rache einzusetzen. Das ist nicht gut und das habe ich dann in meinem Lebenskurs korrigiert. Und was ich auch verändert habe, war mein früheres Streben, dass ich mit meinem Tun anderen bewusst Schaden zufügen wollte. Aber diese Überlegungen alleine haben mein Leben nicht verändert. Ich war während meines Tuns immer wieder auf die Machenschaften anderer gestoßen. Vor allem die Banken waren wahre Horte der Profiteure am Unglück anderer. Die Bankenkrise war für mich die Zeitenwende in meinem Denken, wo ich selbst für mich eingestehen musste, dass mein Handeln die Mechaniker der Geldmaschinen beflügelt hatte. Und hier hatte ich in Mathias einen Mitstreiter, der das Treiben auf dem Geldmarkt sehr kritisch betrachtete. Wir sammelten immer mehr Informationen über Banken, Investmentkonsortien, Geld - und Immobilienmakler und Broker und von denen, die rein durch Machtausübung für die Verzerrung der Märkte gesorgt hatten. Was uns auffiel war, dass sehr wohl alle Verantwortlichen sich darüber bewusst waren, dass sie hier auf Kosten anderer ein Pokerspiel betrieben, dass man eigentlich nur verlieren konnte. Bankenaufsichten, Börsenkontrollen, Wirtschaftsprüfungsunternehmen, Regierungen mit ihren Beratern und Geheimdiensten war bewusst, dass sich hier eine gewaltige Luftblase über ihren Köpfen aufblähte und keiner sagte etwas dazu. Selbst die internationale Presse wartete ab, was da wohl kommen könnte, ohne wirkliche Warnungen oder Bedenken auszusprechen. Ich versuchte mich als Journalist und scheiterte kläglich. Also spielte ich Ben Miller anonym meine Erkenntnisse zu. Ben Miller war mir damals wegen einiger interessanter kritischer Berichte aufgefallen und ich dachte mir, dass er der Richtige sei, um meine Recherchen zu veröffentlichen. Der nahm sie gerne auf, scheiterte aber wie ich daran, weil es keiner lesen wollte. Selbst als die Bankenkrise auf ihrem Höhepunkt angelangt war, waren solche kritischen Artikel nicht gerne gesehen. Bis ich anfing auch Namen zu nennen, da wurde man aufmerksam und auch andere kamen aus ihren Verstecken und fingen zaghaft an, das Treiben anzuprangern. Und dabei blieb es dann auch. Ihr in Deutschland habt da einen tollen juristischen Begriff für das, was da nicht geschah. Rechtsbeugung, also das Recht wurde geknickt. Milliardenfache Verluste, die Unterschlagungen doch sehr ähnlich kamen, wurden nur sehr spärlich geahndet. Man rettete die Banken und damit wieder diejenigen, die das Desaster verursacht hatten. Und derjenige, der mit seiner Hände Arbeit dieses Geld wirklich geschaffen hatte, wurde nun zum Gläubiger der wirtschaftlichen Brutalität. Ich bin sicher kein Robin Hood und auch kein mutiger Freiheitskämpfer, aber ich hatte mich schon zu tief in diese Informationen hineingearbeitet, sodass ich nicht mehr davon lassen konnte, weiter zu suchen und die moralischen Fehlerquellen zu finden. Und ich war fasziniert von dieser Welt der Macht und der Gier, berauscht kann man da sagen. Genau das machte mich leichtsinnig. Ich gab zu oft meine Anonymität auf, weil ich ein klein wenig mehr von dieser Droge der Macht schnuppern wollte. So wie es Drogensucht  gibt oder auch Workaholics, die nicht mehr von der Arbeit lassen können, so konnte ich nicht mehr davon lassen, diese Welt zu erforschen. Und nun tauchten die Menschen auf, denen ich zu nahe gekommen war, die Menschen die durch mein Wissen ihre Befriedigung gefährdet sahen. Drohbriefe kamen bei mir an, Scheiben wurden eingeschlagen, meine Unternehmungen wurden attackiert. Bis ich aufhörte zu recherchieren. Ich packte alles, was ich an Informationen gemeinsam mit Mathias gesammelt hatte und wir deponierten unser Wissen an unterschiedlichsten Orten. Das sollte unsere Absicherung sein. Ich suchte mir vertrauenswürdige Führungskräfte und übergab denen die Leitung der Firmen. Meine Schwester tauchte ab und auch ich machte mich daran, meine Lebensspur zu verwischen. Da kamt ihr wieder ins Spiel und ich machte mich mit Mathias daran, euch die Möglichkeit eines eurer Träume zu verwirklichen. Die Reise auf einem Schiff mit dem Auftrag, das zu finden, was ältere Männer verloren haben oder glaubten, verloren zu haben. Was ich nicht bedacht hatte war, dass man mich eventuell finden würde. Mathias gab mir die ersten Informationen, dass wir eventuell verfolgt wurden, als wir im Mittelmehr auf Palma in der Werft lagen. Und warum wurde und werde ich beobachtet? Nicht weil ich einigen Leuten lebend zu gefährlich werden könnte oder man mich beseitigen will, das glaube ich nicht. Dazu ist meine Absicherung zu gut. Wenn mir etwas zustößt, würden die Veröffentlichungen meiner gesammelten Werke einigen Leuten zu sehr schaden. Ich darf dabei natürlich nicht unerwähnt lassen, dass mir die Veröffentlichungen auch persönlich schaden, aber wenn ich tot bin, kann mir das egal sein. Also warum? Weil es auch eine Art von Sucht ist. So wie Macht süchtig macht, so ist die Sache, mir die Lebensfreude zu nehmen, eine Variante an Machtausübung. Ich will raus aus dem Spiel, ich will meine Ruhe und will mich neu finden und mit ein paar wunderbaren Männern quasi die Suche nach dem goldenen Vlies des Lebensglücks gemeinsam durchleben. Was das Ganze mehr als nur pervers macht ist, dass es Leute gibt, die dafür ungeheure Summen an Geld ausgeben, um mir dieses Glück zu nehmen. Es macht weder monetär noch nach einer geschäftlichen Logik einen Sinn, mich zu verfolgen. Aber ich weiß ja selbst, wie befriedigend es ist, Macht auszuüben und Gegnern zu schaden." Jan senkte den Kopf und schwieg. Er hatte immer noch nicht gesagt, wer diese Verfolger waren, wer seiner ehemaligen Geschäftspartner, Gegner oder wem er auch immer auf die Füße getreten hatte. Auch wenn das, was Jan da erzählt hatte, verrückt oder sogar eher utopisch klang, so konnte sich Otto und Pet gut vorstellen, was da vor sich ging. Pet sah einige Gesichter vor seinem geistigen Auge, die ihm auf ähnliche Art und Weise in seinem Leben begegnet waren. Am Anfang war es der Konkurrenzkampf zweier Karrieristen. War einer ausgeschaltet, so wurde immer noch ordentlich nachgetreten, bis der Sieger sicher war, dass der ehemalige Konkurrent ihm nicht mehr gefährlich werden konnte. Dann kam die Stufe zwei, aus Nachtreten wurde Erniedrigen, Demontieren. Und die Lust, die man dabei verspürte, war enorm. Mancher kam sich dabei gottgleich vor. Pet kannte das. Einige seiner Freunde machten da auch eine Zeitlang mit, aber irgendwann kamen ihnen Bedenken. Welcher stumpfsinnige Verbrauch an emotionalen, finanziellen und zeitlichen Ressourcen war das. Pet hatte einmal sein Zeitmanagement überprüft und kam für sich zu dem Ergebnis, dass er wirklich produktiv nur etwa vierzig Prozent seiner Zeit arbeitete, der Rest seiner mentalen Leistung musste er für Verteidigungsschlachten, für die Sicherung seiner Position oder den Aufbau von Schicksalsnetzwerken verwenden. Und bei Jan bekam er das nun in einer anderen Dimension dargestellt. Und wieder musste er für sich die Frage stellen, was wird eigentlich an Hochschulen gelehrt, was wird an den Schulen an Morallehren vermittelt, was leisten die Religionen, um dieses dumme Theater nicht mehr zur Aufführung kommen zu lassen? 

 

Pet schüttelte den Kopf, weil er diese Gedanken los werden wollte. Jan hatte ihn wie Otto genau beobachtet. Irgendetwas an ihm hatte die Aufmerksamkeit der beiden erregt. "Hast du was? Du hast gerade sehr laut aufgestöhnt? Schmerzen?" Sein Freund Otto hatte diese Fragen gestellt. "Nein, keine Schmerzen. Ich will jetzt nicht darüber reden." Pet wollte jetzt nicht reden, die Wut über das, was er in den letzen Jahren erleben musste, war auf einmal wieder so präsent, dass es ihm wirklich Schmerzen bereitete. Jan und Otto hatten verstanden und ließen Pet in Ruhe. Otto wollte noch eine Antwort und konzentrierte sich wieder auf Jan. "Wer verfolgt uns. Kannst du das konkret sagen?" Er hatte etwas unwirsch diese Frage gestellt, aber Jan verstand, dass er nun Ross und Reiter nennen musste.

 

"Wenn man sich die Bankenkrise anschaut, so wurden vor allem die Bankhäuser und das Management durch die Regierungen und die Steuerzahler gerettet. Wenige der Verantwortlichen wurden zur Rechenschaft gezogen. Einfache Angestellte so wie viele Arbeitnehmer aus anderen Bereichen verloren ihre Jobs. Und das Management aus der britischen Investorenkonsortium, denen ich kräftig auf die Füße getreten bin, fürchteten, dass ich ihre gewaschenen weißen Westen beschmutzen könnte. Es ist nichts passiert, aber ihr Hass lässt sie mich verfolgen. Dann ist da noch die russische Reederei, die das Unglücksschiff übernommen hat, die nicht gut auf mich zu sprechen ist. Ein Bankhaus aus St. Peterburg, das durch meine Geschäfte während meines Rachefeldzuges einiges an Rubel eingebüßt hat, war und ist auch daran beteiligt, mich so weit wie möglich unter Druck zu setzen. Ich hoffe, das waren alle." Jan lachte kurz laut auf. "Unterstützt werden sie wahrscheinlich noch von Regierungsmitgliedern, die mich gerne aus dem Geburtsregister dieser Welt streichen würden. Auftraggeber sind aber sicher die Manager des Investorenkonsortiums und der russische Reeder."

 

Otto lachte hilflos auf. "Aber James Bond ist noch nicht im Auftrag seiner Majestät an uns dran? Jan, das klingt nicht gut."

 

Inzwischen war es 17.00 Uhr und Marc bat um Hilfe beim Kochen. Fast dankbar für diese Unterbrechung gingen Jan und Otto hoch in die Kombüse, während Pet mit Trevor in seine Kabine ging, um dort etwas Ordnung zu schaffen. Das war eigentlich nicht notwendig, aber Pet wollte einfach aufräumen. Weil er seine Gedanken nicht sortieren konnte, musste er seinen Schrank und seinen Schreibtisch aufräumen.

 

18.30 Uhr in der Messe auf der Blauzahn

 

Bis auf John, Jose und Alberto waren alle zum Essen in der Messe erschienen. Die drei hatten die Brücke und das Ruder übernommen. Obwohl der Wind aufgefrischt hatte, waren sie ihrem Zeitplan etwas hinterher, da sie wegen der Windrichtungen kreuzen mussten.

 

Marc hatte einen Gemüsesalat gemacht, dazu gab es kalten Braten und frisches Brot. Bis auf ein Bier, das Erik trinken wollte, trank an diesem Abend niemand mehr Alkohol. Die Stimmung war etwas nachdenklich. Alle hatten natürlich mitbekommen, dass sich Pet, Otto und Jan einige Stunden zurückgezogen und vertrauliche Gespräche geführt hatten. Lars brach während des Essens das Schweigen und fragte die drei, was sie denn so Geheimnisvolles zu besprechen gehabt hätten und ob der Rest der Nordstrandpiraten daran teil haben dürften? Otto war nun als der ernannte Pressesprecher gefragt und er formulierte sehr vorsichtig seine Antwort. "Liebe Freund, wir hatten einiges sehr Persönliches mit Jan zu besprechen. Und ihr sollt natürlich auch darüber informiert werden. Aber es ist wichtig, dass sich Jan nochmals überlegt, wie er das macht, denn es waren wirklich einige sehr persönliche Dinge, die er uns erzählt hat und es waren viele Dinge, die uns alle betreffen. Da wir alle auf den gleichen Wissensstand sein sollten, werden wir uns am besten am nächsten Ankerplatz zusammensetzen. Dann können alle daran teilnehmen. Es liegt an Jan, was und wie er euch seine persönliche Geschichte erzählt." Alle schauten sich verwundert an, aber es wurde respektiert, denn keiner stellte irgendeine Frage.

 

30.Mai 2015 17.30 Uhr Ankerplatz bei den Cook Inseln

 

In einer kleinen Bucht vor der Insel Aitutaki hatten sie einen Ankerplatz gefunden und sich bei der Inselverwaltung gemeldet. Nach dem Abendessen saßen sie nun alle zusammen und warteten auf die Ansprache von Jan. Der stand in der Mitte der Messe und alle Blicke der Nordstrandpiraten waren auf ihn gerichtet. Dann begann er im Raum auf und ab gehend und immer wieder Blickkontakt suchend zu erzählen. Fast wortgetreu wie er Otto und Pet es erzählt hatte, berichtete er nun den anderen von seinen Erlebnissen. Die Blicke der Zuhörer wechselten von erstaunt auf empört und wieder auf verwundert und bei einigen sah man  immer wieder tiefe Trauer in den Gesichtern. Er unterbrach sich nur, um einen Schluck Wasser zu trinken. Er redete und redete - wie tief Luft holen nach einem anstrengenden Tauchgang.

 

Als er endete, setzte er sich zum Zeichen, dass es nichts mehr zu sagen gab, in eine Ecke und schaute schweigend in die Runde. Nach ein paar Minuten stand Otto auf und bedankte sich bei Jan für seine Offenheit. "Liebe Piraten, was sich aus dem Gehörten schließen lässt ist, wir könnten uns in Gefahr befinden oder auch nicht. Das wissen wir nicht. Wir können es nur vermuten. Deshalb sollten wir uns Gedanken machen, wie wir damit umgehen, was wir mit diesem Wissen anfangen." Otto wurde von Erik unterbrochen, der nun aufgestanden war und sich neben Otto stellte. In diesem Augenblick wurden allen klar, dass da eine nicht laut ausgesprochene Frage über ihnen lastete, die es galt zu beantworten.

 

"Freunde ich bin nicht von Anfang an dabei, aber ich habe schon einiges miterleben dürfen. Ich habe hier eine neue Familie gefunden und die ist mir sehr wichtig. Wenn jetzt jemand die Frage stellen würde, ob wir weitermachen sollen oder nicht, so würde ich einfach eines antworten. Ja ich bin dabei. Jeder von uns hat seine kleinen oder auch großen Geheimnisse, die er hier mit an Bord gebracht hat. Und Jans Geheimnis, das wir nun alle kennen, ist für ihn der Anlass gewesen, diese Reise zu ermöglichen. Deshalb sage ich, ich will weitermachen. Ich will mich nicht verstecken vor nichts und niemandem. Und ich stehe Jan bei, weil er mein Piratenfreund ist und weil ich für mich beschlossen habe, mich nicht mehr klein zu machen." Dann setzte er sich wieder und Lars stand auf. "Warum sind wir hier alle zusammen auf diesem Schiff? Es gibt sicher viele Antworten darauf. Eine neue ist für mich dazu gekommen. Weil ich hier bin, um mich nicht beugen zu müssen, sondern weil ich frei sein will und das kann ich nur, wenn ich die Freiheit habe, mir meine Freunde zu wählen und zu ihnen zu stehen. Hier kann ich frei reden, meine Meinung sagen, Verantwortung tragen und mich aber auch beschützt fühlen. Ich bin dabei und werde zur Idee der Blauzahn stehen." Zustimmendes, aber auch nachdenkliches Nicken folgte Lars Rede als er sich setzte.

 

John stand auf ging zu Jan und klopfte ihm auf die Schulter. Alle verstanden was er damit ausdrücken wollte. Er war auch dabei.

 

Gerrit stand nun auf und stellte sich in die Mitte der Messe. "Immer wieder werden wir auf die Probe gestellt. Wir fest ist unsere Freundschaft? Für mich gibt es nur eine Antwort. Sie ist fest genug und stark genug, dass ich nicht lange überlegen muss, ob ich dabei bleibe oder nicht. Ich bin weiter dabei. Fertig"

 

Steffen, Carlo und Luigi nickten nur zu Zeichen ihrer Zustimmung, für sie ändert sich nichts.

 

Es entstand eine kleine Pause, da offensichtlich niemand aufstehen wollte, um in die Mitte der Messe zu gehen. Bis Greg unvermittelt aufstand und in der Mitte auf und ab gehend anfing zu reden. "Freunde, Piraten, Kollegen und was für Worte wir noch finden wollen, nichts kann es ausdrücken, was sich hier zusammengefunden hat. Ich möchte jetzt nicht pathetisch werden und einen langweiligen Lobgesang auf uns anstimmen. Ich bin mit dabei und werde dabei bleiben, weil ich es möchte, weil ich mich dafür entschieden habe. Weil ich mich wohl fühle und weil ich hier eine geistige Freiheit erlebe, die ich selbst im Kloster nicht hatte. Die Werte die wir hier leben sind für mich wichtig. Aber ich möchte auch eines nicht verhehlen,  es reizt mich einfach auch, das Abenteuer, das nun etwas konkreter wird, weiter miterleben zu dürfen." Jose und Alberto standen gemeinsam auf, klatschten sich mit Greg die Hände ab und Jose sagte auch für seinen Bruder. "Es ist gesagt und es passt alles auch auf uns. Freunde, Freundschaft, Gedankenfreiheit, Suche und Entwicklung unseres Selbst und zum Schluss, Lust am Abenteuer."

 

Dann stand Marc auf. " Ihr wisst alle, dass ich Koch bin. Ich war immer glücklich mit dem, was ich machen konnte. Ich habe nicht die Schulbildung wie viele von euch und meine Lebensansprüche waren immer etwas einfacher. Immer fühlte ich mich als einer unter vielen. Manchmal beachtet, manchmal nicht oder nur wenig. Hier bin ich unter euch etwas Besonderes. Etwas Besonderes unter Besonderen und das macht mich stolz auf mich und auf euch. Ich habe mich noch nie so stark und groß gefühlt und ich bin auf nichts mehr neidisch, weil ich vieles erreicht habe und weiß, dass noch vieles kommen wird. Aufgeben, nein, das habe ich schon zu oft. Ich will dabeibleiben mit allen möglichen oder auch unmöglichen Konsequenzen. Als Franzose möchte ich jetzt eine Zitat aus den drei Musketieren von Alexandre Dumas einbringen - einer für alle, alle für einen - und ich füge hinzu - und alle miteinander." So hatte man den kleinen Marc noch nicht erlebt. Mit jedem Wort war er ein Stück größer geworden. Und alle sahen, dass er ein paar Tränen in den Augen hatte.

 

Juris stand nun auf und bevor sich Marc setzten konnte, drückte er ihn ganz fest an sich.  "Ich war Soldat und als Soldat ist man an Kampf gewöhnt. Ich war Polizist und da hat man es mit jeglicher Art von Verbrechen zu tun gehabt. Zu oft musste ich mich in der Zwangsjacke der Gesetze dem Verbrechen beugen. Mal fehlten ein paar Indizien, mal nutzten welche die Lücken der Gesetze, oft durfte man jemand nicht verhaften, weil es aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen nicht gut war. Zu oft musste ich Ungerechtigkeit hinnehmen und mein Frust darüber war riesengroß. Ein paar Mal habe ich schon meine Waffe in der Hand gehabt und wollte das Gesetz in die eigenen Hände nehmen. Die Worte "sich hilflos fühlen" haben sich in meine Seele eingebrannt. Ich laufe nicht davon. Ich bin dabei und ich bin dabei, weil ich mich wohl fühle und jeden Morgen aufrecht stehen kann und keinen Buckel machen muss."

 

Pet und Otto schauten sich an. Es war nun an ihnen, ihre Kommentare dazu abzugeben. Otto war schneller und stand auf. "Ich hatte etwas mehr Zeit als ihr, um darüber  nachzudenken, wie ich mich entscheiden soll. Ich bin eher ein Pazifist, vielleicht auch etwas zu zurückhaltend, wenn es um Gefahren oder Gewalt geht. Für mich war am Anfang dieser Reise das Ziel der Selbstdefinition oder sogar der Neudefinition. Und nun seit Wochen befinde ich mich in einer Welt, die ich so nicht kannte und erlebe aktiv Abenteuer, die gegen alle meine bisherigen Grundsätze, in den ich leben wollte, verstoßen. Mir ist nun mehr als früher klar geworden, dass es kein erfülltes Leben geben wird, ohne dass man irgendwo anstößt. Dass man sich verletzen muss, um sich zu spüren. Ich mache Erfahrungen, die mir bisher versagt geblieben sind und ich bin in einer Piratengruppe eingebunden, die ein Maß an Sicherheit bietet, die ich so nicht gekannt habe. Das Wort Freundschaft ist für mich neu definiert. Und das was Jan hier erleben musste, ist für mich der Anlass, mich bereit zu machen und Widerstand zu bieten, Widerstand gegen die sichtbare Ungerechtigkeit, die die Welt so übel beeinflusst. Ich bin Otto Kraz und stehe hier und bleibe hier." Eigentlich war das, was er da gerade gesagt hatte, für den Naturwissenschaftler Otto mit zu viel Pathos gespickt, aber er konnte gerade jetzt seine Emotionen nicht zurückhalten. Die Lust am Wohlgefühl in dieser Piratengemeinschaft war zu groß.

 

Nun war Pet dran. Dass jeder von ihnen ein emotionales Statement abgegeben hatte, brachte ihn durcheinander. Er hatte sich einiges an Worten zurechtgelegt, aber das war nun alles nicht mehr passend. Er wollte eigentlich eine Frage aufwerfen, die er nun nicht mehr stellen konnte. Er wollte einfach wissen, in wie weit sie sich durch diese vermeintliche Bedrohung von ihrem Ziel der Reise entfernen würden oder ob sie nun noch in der Lage waren, diese Ziel zu erreichen. Das war schon beantwortet. Er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, ob er dabei bleiben wollte oder nicht. Und nun stand er in der Mitte seiner Freunde und war sprachlos, was sehr selten vorkam. Er wollte nun nicht wie ein Politiker eine feurige Rede halten und für die Weiterreise votieren. Das passte nicht in die Stimmung an Bord. Die Entscheidung war längst gefallen. Die anderen wollten von ihm wissen, wenn er dabei blieb, warum er das tat.

 

"Ich bleibe dabei, das habe ich so für mich entschieden. Warum? Weil ich gerade nichts besseres vorhabe. Klingt banal, stimmt aber auch. Aber das ist sicher nicht der einzige Grund, hier mit an Bord zu bleiben. Jedes Argument hier zu bleiben, das jeder von euch gerade abgeben hat, kann ich für mich auch in Anspruch nehmen. Mal mehr mal weniger." Pet drehte sich Jan zu. "Ich bin da ganz bei dir, wenn du dich gegen diese Übermacht an Gier und Unterdrückung stellst und dafür auch noch bestraft werden sollst. Das ist hiermit auch mein Kampf." Er drehte sich einmal im Kreise und schaute jedem in die Augen. "Ich habe hier bei euch wieder gefunden, was mir etwas im Alltagstrott abhanden gekommen ist. Der Spaß am Leben. Ich wollte immer sehr alt werden. Enkelkinder auf dem Schoß schaukeln, also das volle Familienromantikprogramm. Was ich dabei irgendwie vergessen habe ist, dass es da für mich noch mehr gibt. Nicht nur Träume ein wenig zu realisieren und die Freude am Leben damit genug sein zu lassen. Sich selbst mit dem Spruch - was erwartest du denn mehr -  zu beruhigen und zufriedenzustellen. Ich will nicht mehr die Nummer drei oder vier in meinem Leben sein. Nein, endlich mal wenigstens die Nummer eins B. Und das kann ich hier. Ich habe hier wieder gelernt zu lernen. Ich habe mich hier neu kennen gelernt. Deshalb will ich auch weiterreisen. Nicht nur trotz der Gefahr, sondern wegen. Was können wir noch alle gemeinsam schaffen? Ich will es wissen."

 

Sie klatschten alle Beifall. Nicht für Pet, sondern für sich selbst. Sie würden weiterreisen, das war nun sicher. Und die Piratengemeinschaft hatte jetzt gerade eine zusätzliche Schweißnaht bekommen. Und das an einem der schönsten Plätze auf dieser Erde.

 

 

 

Ende des ersten Teils der Nordstrandpiraten.

 

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