Kapitel 56

17.30 Uhr Ortszeit im Hafen von Flying Fish Cove

 

Als erste waren die verhinderten Bergsteiger am Hafen. Dort trafen sie auf eine kleine Mannschaftsabordnung der Ageli, die auch von einer Inseltour zurückgekommen war. Dann kamen die Biertrinker der Blauzahn mit einem Bus an. Marc musste gestützt werden, da ihm offensichtlich das australische Bier so in den Beinen hing, dass er vergessen hatte, wie man läuft. Dann kam Otto, Betty, Pet und Trevor, die sich auf dem Weg zum Hafen getroffen hatten. Fünfzehn Personen und ein Hund warteten an der Hafenmole, dass sie auf ihre Schiffe übersetzen konnten. Von der Ageli und der Blauzahn wurden die Beiboote losgeschickt, um die Landgänger abzuholen.

 

Marc entledigte sich inzwischen an der Hafenmole des australischen Gerstengetränkes. Allerdings musste man ihn festhalten, sonst wäre er dem Gerstensaft hinterher gesprungen. Er zeigte eindeutige Anzeichen der Erdrotationserkrankung verbunden mit Schwerkraftproblemen. Drei Mann waren notwendig, um ihn ins Beiboot der Blauzahn zu hieven. Dort legte er sich auf den Boden und schlief sofort ein.

 

Otto und Betty verabredeten sich für den kommenden Tag, um die Bilder, die sie von der fremden Jacht gemacht hatten, gemeinsam anzuschauen und auch auszuwerten. Wem gehörte sie und wer waren die Leute auf der Jacht?

 

Der Tag endete mit einem kleinen Imbiss auf der Blauzahn, denn ein Teil der Mannschaft war schon so satt, dass sie nichts mehr essen konnten. Die Pokerrunde wurde kurz vor 22 Uhr aufgelöst. Als alle in ihren Kojen lagen und sich mehr oder weniger dem Schlaf entgegen wälzten, waren Pet und Trevor die ersten, die wieder aufstanden. Als die beiden sich in Richtung Niedergang bewegten, gesellte sich Otto und dann noch Greg zu ihnen. "Was sind das für furchtbare Geräusche hier unten. Das ist nicht zum aushalten. Ich habe die Kajütentüren der Sägemeisterei zugemacht und trotzdem hört man das Geschnarche bis in meine Kajüte. Wenn das nur einer wäre, aber das sind zu viele, die hier dieses bärige Geräusch von sich geben." Erik hatte die erste Wache an Deck und empfing die fünf mit einem breiten Grinsen. "Nicht auszuhalten? Die sind wohl alle etwas zu lustig gewesen. Hoffentlich haben wir einen ausreichenden Vorrat an Aspirin an Bord, sonst sehe ich schwarz für die Stimmung der nächsten Tage." Sie nahmen alle Platz auf dem Sonnendeck. Carlo kam aus der Messe mit ein paar Flaschen Wasser. Hinter ihm sein Bruder, der die Gläser schon für alle in den Händen hielt. "Könnte eine lange und laute Nacht werden. Fangen wir mit Wasser an, bis wir genug davon haben. Und dann sehen wir weiter." Carlo meinte das ernst, was er da von sich gab. "Ich bin kein Freund von zu viel Alkohol. Ich sehe da immer das Risiko, dass dann was passiert, wenn man zu tief ins Glas schaut." Dann grinste er schlagartig. "Aber so tief kann ich nicht schauen und am schlimmsten ist es dann, wenn für mich nichts mehr übrig bleibt. Aber so wie ich das sehe, hat Otto noch genug in seinem Keller. Aber bitte versaut den Weinkeller nicht mit irgendeinem Wein aus Australien oder Chile. Guten Wein kommt aus Italien, trinkbarer Wein vielleicht noch aus Frankreich, Spanien oder aus Deutschland, dann hört es aber auf." Otto hob die Hand. "Österreich, Griechenland?" Carlo schaute ihn an und er schien lange nachdenken zu müssen. "Ich sprach von Wein, Otto. Ok ich habe den Balkan vergessen. Aber als Italiener kann ich da nicht anders denken und fühlen. Der Weinanbau in unseren ehemaligen Provinzen ist nicht so kultiviert worden, wie man es hätte tun können." Sein Bruder boxte ihm in die Seite. "Du hast doch eigentlich keine Ahnung von Weinbau, was redest du da?" - "Stimmt aber es klang doch überzeugend, oder?  Und wenn ich ehrlich bin, mir schmeckt unser Wein am besten. Und wer kann schon was gegen unsere sizilianischen Weine sagen?" Dann ging er los und kam ein paar Minuten später mit zwei Flaschen Rotwein ohne Etiketten zurück. Er schnappte sich die Wassergläser und schenkte jedem ein paar Schluck in die Gläser. Mit einem leisen und freundlichen "Salute" hob Carlo sein Glas und prostete jedem auf dem Sonnendeck zu. Es war ein schwerer roter Wein mit einem ganz besonderen Aroma. Brombeeren schmeckte man heraus und eine Note Fenchel. Das war sehr ungewöhnlich für einen kräftigen Roten. Luigi stand auf und sagte im Weggehen. "Ohne ein Stück Käse und etwas Salami bekomme ich den nicht runter. Wir haben doch noch etwas aus unserem ganz privaten Bestand." Nach ein paar Minuten kam er wieder mit einigen großen Käseecken und ein paar Salamiwürsten. Alle setzten sich in einer Kreis auf dem Boden, die Platte mit den Köstlichkeiten in der Mitte und los ging es mit dem gemeinsamen Genießen. Trevor war natürlich sofort zur Stelle, anständig wie er war, drückte er sich mit aller Kraft zwischen Pet und Carlo und setzte sich zwischen die beiden. Aufgrund seiner Unfähigkeit, sich mit dem Messer ein Stück Käse oder auch ein Stück Salami abzuschneiden, übernahm Carlo das für ihn. Der Beginn einer neuen langen Freundschaft.

 

Die Temperaturen waren noch lange nicht unter 24 C° und es war sehr schwül. Man sah, dass sich Regenwolken über der Insel zusammenzogen .

 

Die zwei Flaschen Wein waren schnell verkostet und die Sonnendeckbewohner benötigten wegen dem hohen Salzgehalt der Luft und der Salami schnell Nachschub. Also war nun Otto an der Reihe, als der Schiffssommelier und Kellermeister die richtigen Flaschen für den weiteren Verlauf des Abends herbeizuschaffen. Als er los ging, rief im Carlo hinterher. "Keinen Chilenen, Australier oder so was." Otto brauchte einige Zeit, bis er wieder kam. Er brachte zwei Flaschen mit und jeder sah, dass er die Etiketten entfernt hatte. Keine fragte etwas oder hatte dazu einen Kommentar abzugeben. Die Gläser wurden mit einem Schluck Wasser gereinigt und dann ließen sich alle von Otto nachschenken. Alle kosteten und zogen dabei die dunkle, rotblaue Flüssigkeit über die Zungen. Luigi sagte als erster etwas. "Südfrankreich! Pinot Noir?" Otto schüttelte den Kopf. Carlo rief laut nur ein Wort - "Toskana" . Und wieder schüttelte Otto den Kopf. Pet meinte, dass es eventuell ein guter Pinot Noir aus Württemberg sein könnte. Und wieder sah er nur ein Kopfschütteln. Alle probierten und probierten und keinem kam eine weitere Idee in den Kopf. Der Wein war gut. Nein, sehr gut. Otto lüftete das Geheimnis. "Ein Blauburgunder aus Österreich. Mit Pinot Noir hattet ihr recht, aber er kommt aus Österreich."

 

Eine Stimme aus dem Hintergrund ließ alle herumfahren. "Lasst mich mitmachen. Ich bin gut im Raten von Weinen, Sorten, Anbaugebieten und erst recht kann ich sehr gut zwischen Rotem und Weißem unterscheiden?" Das war Jan der hier von hinten herangeschlichen kam und sich nun zwischen Otto und Carlo zwängte. Er hatte bereits ein Glas in der Hand und Otto schenkte ihm ein. Jan kostete und: "Eindeutig ein Österreicher, Pinot Noir. Niederösterreich." Otto nickte nur, denn der Wein kam tatsächlich aus der Region Niederösterreich.

 

Nun waren auch diese beiden Flaschen leer. Greg erhob sich nun. "Ich habe auch noch ein paar private Tröpfchen bei mir in der Kabine." Jan drehte sich zu ihm um. "Soll ich dir helfen?" Greg bedankte sich und machte klar, dass er das gut alleine machen könne, so ein, zwei oder drei Fläschchen zu holen. Die Stimmung auf dem Sonnendeck stieg. Otto sagte ganz nebenbei zu Jan, dass er am nächsten Morgen mit Betty zusammen die Photographien von der Jacht, die sie in Singapur gesehen hatten und die nun auch hier vor Anker lag, anschauen wollte. Schlagartig wurde Jan sehr ernst. "Ich muss mit dir und Pet morgen früh sprechen. Bevor ihr beide diese Photographien anschaut. Es ist wichtig. Ich muss da einiges erklären." Dann stand er auf und ging, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Otto  gab Pet kurz Bescheid, was Jan ihm da gerade gesagt hatte. Beide schauten sich danach mit sehr vielen Fragezeichen im Gesicht an. Auch der Spanische Rotwein, den Greg servierte, konnte die Ernüchterung der beiden nicht vertreiben. Jan wollte mit ihnen sprechen? Jan, der immer etwas Distanzierte und doch ewig Lockere. Der Jan, der freundlich war, aber doch nie irgendwie im Mittelpunkt gestanden hatte. Was sollte das? fragten sich beide.

 

Otto und Pet verabschiedeten sich, nachdem die zweiten Flasche von Gregs spanischem Wein geöffnet wurde und gingen unter Deck. "Was ist da denn los? Kannst du dir das erklären?"  fragte Pet seinen Freund Otto. Der entgegnete: "Betty und ich waren auf der Insel unterwegs. Wir wollten ein paar Tierbilder und auch Pflanzen fotografieren. Da sahen wir die Jacht und haben ein paarmal auf den Auslöser gedrückt. Irgendwie kam uns das Ganze merkwürdig vor, deshalb die Bilder und danach haben wir uns in den Schatten gelegt und wollten abwarten, was passiert. Aber, na ja, wir sind eingeschlafen." Pet schüttelte nur den Kopf. "Otto, du wirst alt. Entschuldige, wenn ich dir das so ins Gesicht sage. Da hast du ein Abenteuer vor der Linse und schläfst ein. Diese Jacht hättet ihr weiter beobachten sollen. Die verfolgen uns oder etwa nicht? Und warum hat Jan heute Abend so reagiert? Das Ganze stinkt zum Himmel. Immer wieder diese Verfolgungen und Abhörskandale. Ist ja schlimmer wie bei unserer Kanzlerin? Warum nur die Blauzahn? Oder geht es dabei um einen von uns?" Pet machte eine kurze Denkpause. "Sorry Otto, meine Phantasie geht da mit mir durch. Ich dramatisiere wahrscheinlich gewaltig. Aber irgendwie ist das alles schon etwas merkwürdig. Also: Wir haben eine Idee. Die Idee, eine Weltreise auf einem Segelschiff zu machen. Unser Ziel dabei ist ..." Da stockte Pet in seinem Redefluss. "... Ich hab´s vergessen. Was war nochmals unser Ziel?. Wir sollten das finden, was man Erfüllung und Glück nennen kann und zwar für Menschen wie uns. Menschen, die aus dem beruflichen Alltag ausgestiegen sind. Menschen, die in der Warteschleife zum Krematorium sitzen. Denn was kommt nach dem Ausstieg aus der Karrieretretmühle? Meist eben noch ein bisschen Opa, noch ein bisschen Wandern, ein bisschen Karibik, wenn die knappe Rente das hergibt. Und wir sollten doch herausfinden, was sonst noch geht. Und nun sind wir in einem komplett anderen Leben gelandet. Schau uns an. Braungebrannt, die Fettpölsterchen abgeschmolzen, gut durchtrainiert. Mit einem Elan ausgestattet, den man uns zu Hause nie zugetraut hätte." Pet stoppte wieder seinen Redefluss und schaute seinen Freund an. Ottos Gedanken standen ihm auf der Stirn, in den Augen, wie in druckfrischen Buchstaben zu lesen. Pet war voller Emotionen, sein Feuer brannte wieder, er hatte den Pfad der Traurigkeit verlassen und war wieder dabei, Türen einzutreten, Sandhügel abzutragen, um freie Sicht auf die Welt zu haben. Und was tat Otto? Er prüfte, ob die Energie dafür ausreichen würde, die freie Sicht auch dann noch auszunutzen, wenn die harte Arbeit beendet war. Das Ziel beider war das gleiche, aber die Methoden dazu waren unterschiedlich. Otto würde erst überlegen, welchen Energieaufwand sie benötigten, um ihr Ziel zu erreichen. Während Pet sich bereits blutige Hände holen würde, war Otto noch dabei einen Plan der leichten Wege zu erstellen.

 

"Fällt dir was auf Pet?" fragte Otto nach ein paar Minuten der Stille. "Ruhe. Keiner schnarcht mehr." Und tatsächlich war es ruhig auf der Blauzahn. Otto, Pet und Trevor gingen den Gang entlang und dann nach oben. Überall Ruhe. Leises Atmen war zu hören, aber sonst nichts. Oben auf dem Sonnendeck waren auch alle bis auf Erik eingeschlafen. Der hatte das Sonnensegel über das Deck gespannt und die Schlafenden mit Decken zugedeckt. Heimlich schlich sich Trevor durch die am Boden Liegenden und schnappte sich die letzten Happen Käse und Salami, ohne jemanden zu wecken. Erik saß alleine auf der Brücke und besah sich den Himmel. Drüben auf der Ageli war noch Licht zu sehen. "Bis vor ein paar Minuten war da noch laute Musik zu hören. Irgendjemand hat sehr laut rumgeschrien, dann war Ruhe. Das Beiboot ist losgefahren und die haben das Meer mit ein paar Lampen abgesucht. Seht ihr, da drüben, Richtung Westen am Ufer? Das Licht, das das Ufer bescheint. Das sind sie. Die suchen irgend etwas." Mit seiner rechten Hand zeigte Erik in die Richtung, wo man schwach ein Scheinwerferlicht sehen konnte, das das Ufer beleuchtete. Otto ging zum Bug der Blauzahn und schaltet deren starken Suchscheinwerfer ein und leuchtete in die Richtung, wo er das Beiboot der Ageli vermutete. Der Lichtschein erfasste zuerst das Beiboot und dann schwenkte Otto in Richtung des Ufers. Dort meinte er einen Schatten zu sehen. Sah aus wie ein laufender Mensch, der versuchte den Schatten der Bäume am Ufer zu erreichen. Und dann war der Schatten weg. Otto schwenkte den Scheinwerfer vorsichtig weiter, bis das Licht ein kleines Boot erfasste, das am Ufer lag. Das Beiboot der Ageli lief darauf zu. Mit einem Haken erfassten sie das Boot und zogen es zu sich, machten es an ihrem fest und schleppten es ab. Sie mussten an der Blauzahn vorbeifahren, bevor sie die Ageli erreichen konnten. Sie stoppten den Motor, als sie auf der Höhe der Blauzahn waren und einer der Männer auf dem Beiboot rief Otto etwas zu. Dann fuhren sie weiter zu ihrer Jacht. Otto löschte das Scheinwerferlicht und stieg zur Brücke hoch. Offensichtlich hatte diese Aktion keinen geweckt. Außer Trevor, der stand in seiner Longe auf der Brücke und schien irgendetwas zu hören, konnte aber nicht genau feststellen, was ihn da störte.

 

"Das war Ben Miller. Er meinte, sie hätten Besuch von einem Taucher gehabt, der auf die Ageli steigen wollte. Betty hätte das bemerkt und um Hilfe gerufen. Der Besucher sei dann wieder ins Wasser abgetaucht, aber man konnte ihn verfolgen. Leider hätten sie ihn aber am Ufer aus den Augen verloren." Ottos Bericht war kurz, aber alle hatten verstanden, was passiert war. Warum war jemand auf die Ageli gestiegen? Ottos Kopf fuhr hoch. Im gleichen Moment bellt Trevor laut los und man hörte, wie er über die glatten Planken schlitterte. "Die Bilder", rief Otto laut und rannte in Richtung Niedergang. Im gleichen Moment hörte man ein lauten Platschen backbords der Blauzahn. Trevor stand mit den Pfoten auf der Reling und bellte ins dunkle Meer hinaus. Pet kam mit einer Taschenlampe in der Hand. Die Planken waren nass. Er ging zu Otto unter Deck. Auch der Niedergang war nass bis zu Otto Kajüte. "Mein Fotoapparat ist weg. Das war´s, was die auf der Ageli und bei uns gesucht haben. Fotos. Nur Pech ist, dass ich den Chip schon herausgenommen habe. In meine Hosentasche lass ich niemanden." Bis auf Lars und Jan hatten alle anderen, die unter Deck schliefen oder auf dem Sonnendeck waren, nichts mitbekommen. Otto Informierte die beiden, als sie sich auf der Brücke meldeten.

 

 

 

0.15 Uhr 27. Mai 2015

 

Wieder einmal waren sie im Fokus von jemandem, der etwas über sie oder von ihnen wissen wollte. Aber was war das? Und wer war das?

 

Otto und Lars übernahmen die nächste Wache mit Trevor. Alles Essbare wurde aus Trevors Reichweite entfernt, damit er sich auf seine Aufgabe als Wachhund auch konzentrieren konnte.

 

Fortsetzung folgt

 

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