Kapitel 55

Weihnachtsinsel 26.Mai 2015 13.30 Uhr

Otto schaute sich die fremde Motorjacht genau an. Das war etwas, von dem man träumen konnte, aber nie besitzen würde. Fast meinte er, die goldenen Wasserhahnen auf der Jacht in seiner Phantasie sehen zu können. Eine schwimmende Protzvilla war das. "Das ist die Jacht, die mich im Hafen von Singapur fast vom Beiboot geholt hat. Ich erkenne sie am Aufbau und der russischen Fahne." Betty hatte ihn mit ihrer Erkenntnis aus seinen Träumen geholt. "Lass uns die Jacht fotografieren, aber nicht so öffentlich von hier aus. Man kann uns sehen. Ist vielleicht nicht so gut. Wir können uns ein Stückchen weiter hinter dem Gebüsch verstecken."

Otto zeigte in die westliche Richtung, wo dichtes Gebüsch und Bäume standen. Sie schlenderte in diese Richtung und arbeiteten sich auf einen etwas freieren Platz hinter dem Gebüsch vor, wo sie sich bequem ihrer Fotosession widmeten. Sie konnten erkennen, dass Personen auf der Jacht hin und her gingen. Offensichtlich hatte man sie nicht entdeckt, denn niemand schaute in ihre Richtung. "Die Fotos können wir später in Ruhe auf der Blauzahn anschauen," meinte Otto und lehnte sich zurück, hatte er doch für sich einen bequemen Platz mit viel Sand unter seinem Sitzfleisch gefunden. Betty machte es ihm nach und legte sich neben ihn. Hier im Halbschatten war es angenehm und nach der langen Wanderung war nun dieses Plätzchen für eine Pause ganz gut geeignet.

 

Ohne aufgefordert zu werden begann Betty von ihrer Heimat Australien zu erzählen. Otto hatte einmal wieder das Gefühl, dass die Seereise der Blauzahn offensichtlich für viele, denen sie begegneten, eine Art seelischer Türöffner war. Viele bekamen das Bedürfnis, von sich zu erzählen. Eine Lebensbeichte abzulegen. Manche wollten vielleicht auch so etwas wie eine Absolution für begangene Sünden bekommen. Pet hatte einmal gemeint, das es doch der Verkaufsschlager für Ikea wäre, wenn sie den Schrank "Soaly"-Seelentröster aus ökologischem Holz anbieten würden. Einfach aufzubauen, wenn möglich ohne Schrauben, aber mit vielen Schubladen für alle Erlebnisse, Beschwernisse, glückliche und unglückliche Momente. Jede Schublade in einer anderen Farbe. Rot für die bleibenden Erinnerungen an Leidenschaft, Liebe und Entschlossenheit. Ein tiefes Blau für die Unendlichkeit, aber auch für Kühle und Weite. Grün für Frische, Frieden und Entspannung. Gelb für Sonne, Lebendigkeit und Optimismus. Orange für Spaß, Glück und Wildheit. Violett für Trauer, Magie und Eitelkeit. Rosa für Weiblichkeit, Zärtlichkeit und  Romantik. Braun für das Erdverbundene, Konservative und die Faulheit. Schwarz für Eitelkeit, das Geheimnisvolle und die Melancholie. Weiß für Authentizität, Reinheit und Vollkommenheit. Grau für Langeweile, Neutralität und Eleganz. Und dann noch die Farbkombinationen. Es müsste ein Schrank sein mit einhunderteinundzwanzig Schubladen. Welche Schublade würde die meisten Ereignisse des Lebens wohl aufnehmen müssen? Sie hatte beide lange darüber nachgedacht und waren doch zu keinem Ergebnis gekommen.

 

Und nun öffnete Betty ihren Schrank mit den Schubladen und erzählte von sich. Otto konnte ihr kaum folgen, wie sie über die einzelnen Stationen ihres Lebens berichtete. Schnell, ohne jegliche Details, skizzierte sie die Lebensabschnitte. Was Otto aber auffiel war, dass Betty nach jedem Abschnitt, den sie beschrieben hatte, versuchte, ihre Gefühle darzustellen und zwar ausführlicher als die Faktenbetrachtungen. Als sie aufhörte zu erzählen, sank sie nach hinten, schloss die Augen und atmete schwer, als ob sie gerade einen Fünfhundertmeterlauf hinter sich gebracht hätte. Otto versuchte nun erst einmal alles, was er da gehört hatte, zu sortieren. Ließ er einige Fakten weg, so hatte Betty bisher ein geradliniges, fast sorgenfreies, interessantes Leben geführt. Bis auf die Gefühle, die sie einzelnen Lebensabschnitten zugeordnet hatte. Otto versuchte alles auf ein paar einfache Gliederungen zu minimieren. In seinem Kopf entstand eine Liste von Gefühlspunkten jedes Lebensabschnittes.Gedanklich strich er die heraus, die nur einmal auftauchten und zum Schluss blieben noch drei Gefühlspunkte übrig. Erstens Lebenskompetenz. Betty wollte so viele an Wissen in sich ansammeln, wie es möglich war. Und dann zweitens Emotionen: Sie suchte nach Liebe oder was Liebe für sie bedeutete. Nicht die Liebe als Anerkennung, sondern die Liebe als emotionaler Zustand. Otto fühlte hier fast schon, dass Liebe bei ihr mit sehr viel Leidenschaft verbunden sein musste. Und dann war da noch drittens ihre Sensibilität. Sie war sich sehr unsicher, was ihre Sensibilität betraf. Alles strahlte eine Unsicherheit aus, die ihn etwas traurig stimmte. Und nun lag er neben der jungen Frau, die gerade ihr Herz inklusive ihrer Lebensgeschichte über ihm ausgeschüttet hatte, schaute in den Himmel und schwieg. Sie rührte sich nicht, also war noch keine Aufforderung an ihn ergangen, sich zu äußern. Besser so, dachte er bei sich. Junge Menschen kann man leicht mit überschnellen und unüberlegten Antworten verletzen. Er musste das außerdem erst einmal wirken lassen. Und vielleicht wollte sie ja gar keine Antwort von ihm? Vielleicht hatte es ihr schon gut getan, einfach so ihr Leben zu erzählen. Er wusste es nicht.

 

Carlo, Luigi und John kamen gegen 13.00 Uhr zurück und lösten Lars und Pet in ihrer Bootswache ab. Pet wollte noch mit Trevor an Land gehen, um ihn etwas rennen zu lassen. Lars war es nach Schlafen. Carla war soweit wieder genesen, dass sie gerne zurück zur Ageli wollte, also brachte Pet sie mit dem Beiboot dorthin. Kurz bevor sie die Ageli erreichten, sagte sie noch zu Pet: "Wir sind uns übrigens schon einmal begegnet. In Hamburg. Sie waren Teilnehmer bei einer Tagung in dem Hotel, in dem ich gearbeitet habe. Ich kann mich sehr gut an Sie erinnern. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch erinnern. Für mich war das damals eine sehr unangenehmen Sache und Sie haben mir dabei geholfen, aus dieser schwierigen Situation herauszukommen. Erinnern sie sich?" Pet dachte nach und meinte dann: "Nein im Moment nicht. Ich war oft in Hamburg, aber ich werde versuchen, mich daran zu erinnern. Also sagen Sie erst einmal nichts. Geben Sie mir ein wenig Zeit. "

 

Pet ging alleine mit Trevor in Richtung Westen auf der schmalen Küstenstraße entlang. Um diese Uhrzeit war es ruhig auf den Wegen und Straßen der Insel.

 

Währenddessen saßen Gerrit, Jan, Marc und Juris beim Golf Club am Strand. Sie hatten sich einige Dosen Bier besorgt und genossen die Freiheit, niemandem Rechenschaft darüber ablegen zu müssen, was sie gerade machten. Einfach Dose für Dose von dem kühlen Nass die Kehlen hinunterlaufen zu lassen. Zeitlos, ohne Verpflichtung zu spüren, dazusitzen, aufs Meer hinauszuschauen und wirklich nichts Vernünftiges zu denken oder gar zu sagen. Das einzig vielleicht Logische, das aus den abgeschalteten Gehirnen bis zum Sprachzentrum durchkam, war Gerrits Kritik am Bier. "Das Zeug schmeckt nicht. Wenn das Bier ist, was habe ich dann bisher zu Hause getrunken? Eiskalt kann man es trinken, weil die Geschmacksnerven damit lahm liegen, aber wehe es kommt auf Normaltemperatur. Ob die das hier in den Krankenhäusern zum Nierenspülen nehmen?"  Jeder von ihnen hatte schon drei Doseninhalte in sich hineingeschüttet und merkte nicht, dass der Alkohol bei diesen Temperaturen etwas schneller ihre Sinne beflügelte, als sie es selbst realisieren konnten. Solange sie im Halbschatten saßen oder lagen und ihnen der Seewind ein Gefühl der Frische gab, waren sie nur glücklich und es war ihnen egal, dass das Bier schon lange die normale Trinktemperatur verlassen hatte.

 

Die anderen Nordstrandpiraten wanderten in Richtung Murray Hill. Sie hatten sich von einem Bus bis kurz vor die höchste Erhebung der Insel fahren lassen und wanderten nun die letzten zwei Kilometer zu Fuß den Berg hinauf. Die Wärme an diesem Nachmittag war durch den inzwischen wolkenlosen Himmel auf 28 C° gestiegen, nur den Wind verschaffte etwas Erfrischung.

 

Betty und Otto waren eingeschlafen. Sie lagen im Schatten am Strand und nichts konnte ihren Schlaf unterbrechen. Auch nicht das Beiboot der fremden Jacht, das ein paar Männer ans Ufer gesetzt hatte. Nicht der SUW, der kaum zwanzig Meter weiter angehalten hatte und diese Männer einsammelte und in die Inselhauptstadt fuhr.

 

 

 

Aus anderen Augen gesehen

 

Auf der Ageli ging es etwas hektischer zu. Die Wassertanks und die Zuleitungen waren gereinigt und nun wurde Frischwasser in die Tanks gepumpt. Man drängte Kapitän Miller, so schnell wie möglich wieder den kleinen Jachthafen zu verlassen, da man einen Frachter erwartete, der die Insel mit Lebensmittel und Gebrauchsgütern versorgen sollte und die Ageli belegte dessen Liegeplatz. Zwei der Besatzungsmitglieder der Ageli waren noch an Land und so mussten sie ablegen und keine dreißig Meter neben der Blauzahn wieder vor Anker gehen. Erst jetzt konnte sich Miller bei seiner Köchin erkundigen, wie es um ihren Gesundheitszustand stehen würde. Sie fühlte sich soweit fit genug, Melanie, Sophia und dem Steward Anweisungen für das Herrichten des Abendessens zu geben. Während Clara den Steward die Tafel für das Abendessen decken ließ, erzählte sie Melanie und Sophia in der Kombüse, wie es ihr in den letzten Stunden auf der Blauzahn ergangen war. "Wenn wir einmal den Umstand, warum wir auf der Blauzahn waren, weglassen, fand ich es schon amüsant, wie wir dort behandelt wurden. Ein paar ältere Herren ziehen mich aus, weil ich mich nicht mehr bewegen konnte. Waschen mich und sorgen dafür, dass ich versorgt werde. Und dann schämen sich die Herren auch noch dafür, dass sie mich ausgezogen haben. Entweder bin ich so hässlich, dass es ihnen nichts ausmachte, mich auszuziehen oder bei denen rührt sich nichts mehr." Sophia hob warnend die Hand. "Carla ich glaube, da irrst du dich. Die haben mehr erlebt und gesehen, wie du dir vielleicht vorstellen kannst. Aber immerhin hat Juris, als er dich ausgezogen hat, ein paarmal bewundernd die Augenbrauen nach oben gezogen. Also so ganz ohne Regung ist das nicht abgelaufen. Und Pet war mit dem Verschluss deines BHs beschäftigt. Das brachte ihn aus dem Gleichgewicht, als er das Ding nicht aufbekam. Der scheint aus der Übung zu sein." Das schien Carla doch etwas zufrieden zu stellen. Es kam ja in ihrem Leben nicht allzu oft vor, dass sie von einem Mann entkleidet wurde. Melanies Meinung war eine etwas andere. "Ich wundere mich immer wieder darüber, wie unaufgeregt und gelassen sie manchmal sein können. Ob das am Alter liegt? Und doch - irgendwie kommen sie mir eher jünger vor, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Sie bewegen sich irgendwie geschmeidiger. Ein anderer Ausdruck fällt mir dazu gerade nicht ein. Und wenn ich sie so manches Mal beobachte, muss ich eines sagen: Das sind Männer und das Alter spielt keine Rolle. Das ist doch das, was sich eine Frau immer wünscht. Harte Kerle, im richtigen Moment zärtlich, sicher auch erfolgreich, auf ein Abenteuer aus. Manchmal zeigen sie ihre Intelligenz und wenn wir das wollen, sind sie unbeholfen und dumm." Sophia nickte mit einem genüsslichen Lächeln auf den Lippen. "Also ein Schiff voller Traummänner." Dann wurde sie ernst, überlegte kurz und sprach sehr leise weiter. "Du hast recht. Eigentlich das, was man sich als Frau wünschen könnte. Nur hat das Ganze einen großen Fehler. Die Endlichkeit reist mit. Keine Zukunft für eine Frau, nur ein kurzer schöner Moment. Und ehrlich, ich würde so gerne wissen, wie sie über uns denken." Carla schaut Melanie und Sophia an, ihre Neugierde war schon lange geweckt und sie bemerkte, dass die beiden reden wollten. "Verstehe ich nicht ganz, was du damit sagen willst. Es hört sich an, als ob die alle bald sterben würden. Das glaube ich nicht. Wie würdet ihr denn die Nordstrandpiraten beschreiben. Ihr beide kennt sie etwas näher." Sophia übernahm es, die Piraten im einzelnen aus ihrer Sicht zu beschreiben. "Ben, Melanie, Betty und ich haben uns schon ein paar Mal über die Mannschaft der Blauzahn unterhalten. Bis auf zwei sind wir uns einig. Lars zum Beispiel erschien uns am Anfang, als wir ihn kennen lernten, als ernster, fast humorloser Typ. Übernimmt fast schon zwanghaft für alles die Verantwortung. Dann zeigte er uns bei einer anderen Gelegenheit seine andere Seite. Die des perfekten, charmanten Gentleman, der keinem Flirt aus dem Wege geht und sehr unterhaltsam sein kann. Ein paar Stunden später ist er dann wieder der kompromisslose verantwortungsbewusste Kapitän." Sophia musste kurz überlegen, wen sie nun beschreiben wollte. "John, der Mann der nicht sprechen kann, ist da anders. Er wirkt immer, als ob er nichts ernst nehmen kann. Lächelt alle Sorgen weg, aber wenn es sein muss, kann er verdammt hart zugreifen. Ich glaube, in jungen Jahren war vor dem kein Frau sicher. Er benutzt seine Stummsein als charmante Waffe, um Frauen über die Mitleidschiene zu fesseln. Und er ist ein treuer Diener seines Herrn, Lars ist sein Vorbild und er ist immer bei ihm, wenn der ihn braucht. Ja und dann sind da die Brüder Alberto und Jose. Alberto hat, so viel ich erfahren habe, seine große Liebe gefunden. Beatrice, so heißt sie, reist ihm hinterher. Jose ist glücklich, weil sein Bruder glücklich ist. Beide suchen nach dem Leben, das sie noch nicht hatten. Sie scheinen sich von Zwängen befreien zu wollen, von welchen auch immer. Allerdings muss ich sagen, dass das nur ein Gefühl ist. Belegen kann ich das nicht. Und dann Jan, der Undurchsichtige. Fleißig, nett und kompetent in dem, was er tu. Er verschwindet gerne hinter den anderen. Für mich ist er das kleine und doch so wichtige Zahnrädchen, das für das Funktionieren des Räderwerkes Blauzahn so wichtig ist.  Greg ist da ganz anders. Offen und immer freundlich und er scheint sehr gebildet zu sein. Für Frauen hat er wohl weniger übrig. Er behandelt Frauen genauso wie Männer. Wenn man mit ihm spricht, redet er manchmal wie ein Priester. Ich werde nicht ganz schlau aus ihm, denn er spricht nie von sich. Und trotzdem steht er immer ganz vorne, wenn es Probleme zu lösen gibt. Das sagt Betty auf jeden Fall. Und dann Marc, der Smutje, das Pendant zu dir, Clara. Koch mit Leib und Seele, so wie man mir sagte, hat er ein Händchen für die Genüsse und Vorlieben jedes Einzelnen. Scheint sich auch in diätischen Dingen gut auszukennen. Er ist bei den Nordstrandpiraten, weil er dort sein will. Ich glaube, er selbst hat kein eigenes Ziel, er will nur das, was er macht, gut machen und genießt es, wenn er andere damit glücklich macht. Und eines ist sicher, alle mögen ihn. Nicht weil er der Koch ist, sondern für die Mannschaft ist er so etwas wie ein kleiner Bruder, auf den man gerne aufpasst, weil er nie stört und man mit ihm so viel anstellen kann. Und dann Juris der Macher. Als er mich ins Krankenrevier runtergetragen hat, habe ich seinen Körper gespürt. Durchtrainiert, kein Gramm Fett und er roch nach Maschinenöl, Meeresduft und einem feinen Eau de Toilette.  Nach Mann eben. Und seine Augen haben meine Augen genau verfolgt. Ja ehrlich, trotz meines etwas desolaten Zustandes konnte ich den Mann spüren. Und als er mir beim Ausziehen geholfen hat, tat er das mit einer solchen Vorsicht. Mädels, ich höre hier auf , sonst komme ich zu sehr ins Schwärmen. So stelle ich mir auch Erik vor, nur ist der einfach größer, gewaltiger und doch wirkt er sanft. Gut, die vier Neuen haben wir noch nicht richtig kennengelernt, aber Erik, ja das ist so ein zeitloser Typ. Und dann sind da noch die beiden Treiber des Abenteuers. Otto und Pet, die Freunde, die unterschiedlicher nicht sein können. Otto ist einfach ein sehr netter Typ. Seine Westenkreationen sind schon toll. Auch sonst ist er sehr kreativ. Und er lebt irgendwie viel theoretisch. Lässt sich schwer erklären. Wenn da eine Türe wäre, durch die man durch muss, weil man auf die andere Seite will und die lässt sich nicht öffnen, dann würde er sich hinsetzen und darüber nachdenken, wie man die Türe aufbekommt oder sie umgehen kann. Findet er keine Lösung, dann ist das alle klar und eindeutig, denn er muss ja gar nicht auf die andere Seite der Türe. Er wird dir erklären, warum er da gar nicht hin muss und das mit einer Überzeugung, dass niemand mehr durch die Türe will. Er hat einfach für alles eine Erklärung. Wenn er etwas sagt, dann glaubt auch keiner, dass er danebenliegen kann. Pet wäre in diesem Fall das genaue Gegenteil. Der würde es auch mit Gewalt versuchen, durch die Tür zu kommen, auch wenn er wüsste, dass er da nicht durch muss. Wenn Pet sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann geht er los und macht. Die Sache mit deinem BH war so etwas. Als er es nach dem dritten oder vierten Versuch es nicht geschafft hat, ihn zu öffnen, hat er ihn einfach aufgeschnitten. Nein, nicht im Zorn, sondern weil er es nicht mochte, dass ihm das Ding Widerstand geleistet hat und weil er die Notwendigkeit sah, dass du dich schnell wieder hinlegen musst. Der wirkt auf mich getrieben, das merkt man auch. Der ist oft so erschöpft, weil er nie unter einhundert fünfzig Prozent gibt. Beide haben aber auch vollkommen andere Seiten, als ob wir es bei  Pet und Otto nicht mit zwei, sondern mit vier Persönlichkeiten zu tun hätten. Verrückt sind die aber natürlich nicht. Das ist von den Nordstrandpiraten keiner. Letztendlich sind alle eher seriös. Du kannst ihnen vertrauen, weil es keine grünen Jungs mehr sind."

 

Nach der sechsten Dose die jeder am Strand vom Golfclub intus hatte, gackerten sie nur noch albern vor sich hin. Erzählten doch etwas antiquarische Witze aus den sechziger und siebziger Jahren und prahlten mit den Versäumnissen ihres Lebens. Als eine chinesische Reisegruppe ein paar Meter weiter an ihnen vorbeieilte, machten sie einige Scherze. Sie ahmten das Verhalten von chinesischen Kellnern nach, die in Europa in Chinarestaurants bedienten. Marc rief immer zu. " Nummel sechsundzwanzig, wel bekom? Und Flülingslolle."  Und die Jungs brüllten vor Vergnügen. So hatten sie Marc noch nie erlebt.

 

Die Jungs auf dem Murry Hill dagegen verfluchten sich selbst lautstark, dass sie bei dieser Hitze unbedingt auf einen Berg wandern mussten.

 

Otto schlief immer noch, als Betty aufwachte. Er hatte sich seinen Sonnenhut übers Gesicht gelegt und darunter hörte man ein leises, gleichmäßiges Schnarchen. Zweimal meinte Betty, dass Otto im Schlaf reden würde. Sie verstand immer nur ein Wort. Riesling.

 

Pet marschierte inzwischen mehr als nur gelangweilt auf der Uferstraße entlang. Trevor hatte  schon alle Gerüche aufgenommen, die es aufzunehmen galt und seine Zunge hing etwas zu lange aus seinem Fang. Beide hatten einfach fürchterlichen Durst.

 

Lars, Carlo, Luigi und John pokerten zur selben Zeit auf der Blauzahn. Sie waren bei der zweiten Flasche Whisky angelangt und Lars rauchte dazu noch eine gute Havanna.

 

Und vom Ufer aus wurde das Treiben auf der Blauzahn und der Ageli mit Ferngläsern beobachtet.

 

 

Fortsetzung folgt