Kapitel 52

Aus dem persönlichen Tagebuch des Pet Bär 23. Mai 2015

 

Als Erik mit der Flasche Aquavit in meine Kabine kam, dachte ich zuerst, dass er sich mit mir gemeinsam betrinken wollte. Aber da hatte ich mich doch sehr geirrt, der kleine Schluck, den jeder von uns aus der Flasche genommen hatte, war so eine Art Ritual. Für ihn war der Schluck Lebenswasser aus der gleichen Flasche ein Vertrauensbeweis. Als er eine gewisse Gemeinsamkeit als Hundefreund dann noch zur Sprache brachte, war für mich klar, dass er ein vertrauliches Gespräch mit mir führen wollte.

 

Warum schon jetzt, fragte ich mich? Die meisten suchten so ein vertrauliches Gespräch erst nach ein paar Wochen an Bord. Alle wussten, dass Otto und ich die Initiatoren der Reise waren und wir wurden damit offensichtlich automatisch zu den Ansprechpartnern, wenn es um das Warum, Wieso und Weswegen ging. Offiziell hatten wir aber nicht diese Funktion inne.

 

Ich habe einfach abgewartet, als wir auf dem Boden meiner Kajüte saßen, was er mir zu sagen oder zu erzählen hatte. Er saß mir sehr lange mit geschlossenen Augen gegenüber. So nah war ich diesem großen und kräftigen Mann noch nie. Was mir aber zum ersten Mal auffiel, waren seine Hände. Sie waren kräftig und schwielig, aber deshalb wirkten sie nicht grob. Und auch sein Gesicht mit den geschlossenen Augen, das durch Wind und Wetter gezeichnet war, rief bei mir den Eindruck hervor, einem wesentlich jüngeren Mann gegenüber zu sitzen. Vielleicht war es das, was Dara Black so beeindruckte, als sie bei dem schlafenden Riesen am Strand sitzen blieb. Als wir uns voneinander verabschiedeten, meinte ich sogar, dass sie ihm einen verliebten Blick zuwarf. Aber das mag ich nicht so richtig bewerten können, mir ist da wohl die Erfahrung abhanden gekommen.

 

Erst als ich meine Pfeife erneut entzündete, schien er aus seinem Traum zu erwachen, machte die Augen auf und begann zu erzählen.

 

"Meine Eltern haben in Dänemark in einem kleinen Fischdorf gelebt. Mein Vater arbeitete auf dem Fischkutter seines Vaters und wir lebten im Haushalt meiner Großeltern. Meine Mutter war Italienerin, aber meine Eltern haben mir nie erzählt, wie sie sich kennen gelernt haben. Die ersten Jahre, soweit ich mich erinnern kann, waren von der Arbeitsroutine von Fischern gekennzeichnet. Vater und Großvater waren tagelang auf See und kamen irgendwann mit dem Boot voller Fische nach Hause. Wenn sie da waren, roch alles im Haus nach Tabak und Fisch. Meine Mutter war sehr geschäftstüchtig und verstand es, den Fisch gut zu vermarkten. Deshalb waren wir nicht unbedingt arm, wie viele andere Fischer im Dorf. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in der Schule zu den wenigen Kindern gehörte, die immer gut gekleidet und auch gut genährt waren. Das war in den fünfziger Jahren schon etwas Besonderes. Mit elf Jahren durfte ich aufs Gymnasium in Frederikshavn. Das war von Skagen, wo wir wohnten, sehr weit entfernt und ich wohnte deshalb bei einem Onkel. Onkel Jonas war Kunsthändler und ich wuchs dort in einem gut bürgerlichen Haushalt auf. Meine Mutter kam mich alle paar Wochen besuchen. Ich durfte nur während der Schulferien nach Hause kommen. Am Anfang ist mir das schwer gefallen, aber als Kind gewöhnt man sich schnell daran, wenn man nicht immer nach Hause darf, wenn man dies will. Zum Ende des zweiten Schuljahres holte mich mein Vater in Frederikshvn ab. Ich musste alle meine Sachen packen und wir fuhren nach Esbjerk. Ich fragte ein paar Mal, warum wir nicht nach Hause fahren, aber mein Vater sagte mir nur, dass wir nach Grönland unterwegs wären. Im Hafen von Esbjerk waren bereits einige Koffer und mit einem Berg an Gepäck bestiegen wir ein Schiff und fuhren ab. Ich hatte meinen Vater noch nie so verschlossen und traurig erlebt. Erst auf dem Schiff, als wir schon weit draußen auf dem Meer waren, erzählte er mir, warum wir uns nach Grönland aufgemacht hatten. Meine Mutter hatte uns verlassen. Sie hatte einen anderen Mann gefunden, mit dem sie zusammen leben wollte. Dieser andere Mann war mein Onkel und mein Vater war auf der Flucht. Er hatte meinen Onkel so verprügelt, dass er meinte, er habe ihn getötet. Erst einige Monate später haben wir erfahren, dass das nicht der Fall war. Und meine Mutter? Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört oder sie gesehen.

 

Wir fanden beim Bruder meines Großvaters Unterkunft und wohnten dort. Ein paar Wochen später kam auch mein Großvater mit dem Trawler und übergab den an meinen Vater. Also wohnten wir nun in Nuuk auf Grönland und mein Vater ging wieder aufs Meer zum Fischen. Ich besuchte das Gymnasium vor Ort. Mein Schmerz, meine Mutter verloren zu haben, durfte ich meinem Vater nicht zeigen. Immer wenn ich nach ihr fragte, wurde er wütend und einmal geriet er so in Rage, dass er mich windelweich prügelte. Also fragte ich nicht mehr.

 

Als ich fünfzehn Jahre alt war, starb der Bruder meines Großvaters und wir erbten sein Haus, seine Anteile an zwei anderen Trawlern und einen Bauernhof mit Schafzucht. Seine Frau war schon zehn Jahre vor unserer Ankunft gestorben und seine beiden Söhne sind auf See geblieben. Nun war ich sehr oft alleine, wenn Vater mit seiner kleinen Fischfangflotte auf Fischfang ging. Mein Vater stellte deshalb eine Haushälterin ein. Er konnte sich diesen Luxus erlauben, denn nach grönländischen Verhältnissen waren wir reich. Aber ich war alleine, denn eines konnte mir weder mein Vater noch die Haushälterin geben: Nähe, Liebe oder wenigstens ein klein wenig Zuneigung. Da einzige was mir etwas Kraft gab, war das Bild meiner Mutter."

 

Erik reichte mir ein schon etwas vergilbtes Bild. Selbst nach so vielen Jahren konnte ich auf dem Foto das Gesicht einer sehr schönen Frau erkennen.

 

Er wartete, bis ich ihm das Bild zurückgab und dann erzählte er weiter.

 

"Der Einsamkeit konnte ich manches Mal mit Alkohol oder mit Prügeleien in der Schule entgehen und wenn es ganz schlimm war, schrieb ich Gedichte. Wenn ich mal wieder jemand verprügelt hatte, bekam ich Beachtung. Meine Mitschüler fürchteten mich und die Lehrer redeten dann etwas mehr und länger mit mir. Die Abgeschiedenheit Grönlands von Europa oder auch vom etwas näheren amerikanischen Kontinent bot nicht viel Abwechslung. Die wenigen Mädchen in meinem Alter wurden von ihren Eltern sehr intensiv bewacht, von nur beschützen konnte da schon nicht mehr die Rede sein.

 

Als es einmal einen sechsmonatigen Schüleraustausch mit einem Gymnasium aus Kopenhagen gab, waren auch einige Mädchen darunter. Die Austauschschüler brachten Ideen der Alten Welt mit. Aber was sie auch mitbrachten, war ein Kampf um diese Mädchen. Ich eroberte eines der Mädchen. Mit ihrem Bruder, der mit dabei war, musste ich mich zwangsweise anfreunden. Das Mädchen war nie ohne ihn unterwegs. Also musste ich ihn mit Alkohol stilllegen, damit ich mit ihr alleine sein konnte. Für ein paar Monate bekam ich das, was ich so sehnsuchtsvoll gesucht hatte. Nähe, Zuneigung und Zärtlichkeit. Mein grobschlächtiges Wesen wandelte sich mit ihrer Anwesenheit zu dem eines freundlichen Kerls. Ich fand den Mut, ihr meine Gedichte vorzulesen und sie schenkte mir dafür ihre Zuneigung. Als sie einmal mit ihrem Bruder alleine unterwegs war, wollten sich ein paar meiner Mitschüler mit ihr vergnügen. Sie schlugen ihren Bruder nieder und wollten sich über sie hermachen. Ich hörte sie schreien und fand sie halb nackt - mit einem meiner Klassenkameraden mit heruntergelassener Hose über ihr. Zwei andere hielten sie fest. Die drei mussten ein paar Wochen zu Hause gepflegt werden. Dem Mädchen war bis auf eine Prellung am Arm nichts weiter passiert. Und ihr Bruder, der hatte einen tiefen Riss über dem linken Auge. Der Riss musste genäht werden und er muss wohl heute, sofern er noch lebt, eine Narbe über dem linken Auge haben.

 

Als ich an Bord der Blauzahn kam, dachte ich, als ich Jan sah, dass er der Bruder meiner ersten großen Liebe wäre. Aber das kann nicht sein. Jan ist dreiundsechzig und der Bruder war nur ein Jahr jünger als ich, also müsste der heute fünfundsechzig sein. Aber Jan sieht ihm, soweit ich mich erinnern kann, schon etwas ähnlich. Nach dieser Sache zogen die beiden zu mir nach Hause. Ich fand, das Wohnheim beim Internat war zu gefährlich für sie. Der wahre Grund war aber sicherlich ein anderer. Ich wollte das Mädchen näher bei mir haben. Selbst mein strenger Vater war damit einverstanden und unserer Haushalthilfe machte das nichts aus. Die Tochter der Haushalthilfe kam dann auch öfters zu uns. Sie war siebzehn und arbeitete in einer Fischfabrik und wir vier hatten sehr viel Spaß miteinander.

 

Ich hörte auf zu trinken, prügelte mich nicht mehr und schrieb Gedichte am laufenden Band. Meine Noten in der Schule besserten sich und mit meinem Vater geschah etwas, was ich mir hatte nie vorstellen können. Er begann mit mir zu reden, erzählte mir von seinen Schmerzen, wenn er an meine Mutter dachte, aber auch davon, dass es ihm nie leid getan hat, den Verführer seiner Frau verprügelt zu haben. Wenn ich ihm von meinen Schmerzen erzählte, dass ich ohne Mutter leben musste, nahm er mich nur in den Arm und hielt  mir den Mund zu. Aus dem harten schweigsamen Seebären wurde ein treusorgender Vater. Er genoss es sichtlich, dass wir an Sonntagen zu sechst zusammen saßen. Die Haushälterin und ihre Tochter, die beiden Austauschschüler und wir beide. Das war eine wunderbare Zeit. Als die sechs Monate vorbei waren und die beiden wieder nach Dänemark zurückreisten, dachte ich zuerst, dass nun die alte triste Welt zurückkommen würde. Das war aber nicht der Fall.  Unsere Haushälterin zog mit ihrer Tochter zu uns ins Haus. Und nach ein paar Wochen in das Bett meines Vaters und die Tochter verstand es sehr gut, mir bei der Bewältigung meines Liebeskummers zu helfen. Mein Vater übernahm nun ganz und gar die Geschäfte an Land. Der Bauernhof mit der Schafzucht wurde in Schwung gebracht und er kaufte die restlichen Anteile der beiden anderen Trawler. Liv, so hieß die Tochter Haushälterin, übernahm den Haushalt und ihre Mutter arbeitete gemeinsam mit meinem Vater daran, den Fisch und die Wolle besser zu verkaufen. Als ich das Abitur gemacht hatte, ging ich nach Island und begann dann Biologie zu studieren. Eigentlich wollte ich mich ja gerne für die Literaturwissenschaften einschreiben, aber irgendwie passte das nicht zu mir. Hobby und Professionalität sind nun mal keine Einheit. Aber die Biologie gehörte auch nicht zu mir. Ich hörte nach dem fünften Semester auf, ging auf die Seemannsschule und machte dort mein Kapitänspatent. Alle drei Monate war ich nach Hause gefahren - zu Liv und meinem Vater. Ein paarmal kam Liv auch nach Reykjavik zu mir. Es war wie vorbestimmt, dass wir für immer zusammen blieben. Liv die lebensfrohe, hübsche, fleißige Frau und ich der Typ, der alles im Griff hatte. Groß, stark und verlässlich. Mit meinem Patent übernahm ich einen neuen größeren Trawler, den mein Vater gekauft hat. Nun waren es vier Fischtrawler und wir hatten über vierzig  Matrosen auf den Schiffen und einen kleinen Laden im Ort, den Liv mit ihrer Mutter betrieb.

 

In den achtziger Jahren wurden wir immer mehr von den großen Schiffen der Kanadier, Amerikaner verdrängt. Mit unseren kleineren Booten konnten wir nicht mehr produktiv und günstig genug unseren Fisch fangen. Vater verkaufte zwei der alten Trawler und kaufte dafür einen vollkommen neuen. Wir konnten aber nicht verhindern, dass wie trotzdem langsam von anderen verdrängt wurden. Vater verkaufte die drei ältesten Schiffe und ich behielt einen für mich. Die Matrosen waren natürlich sauer auf uns, denn Arbeitsplätze gab es nicht sehr viele in dieser Gegend. Ein paar Wochen, nachdem die Leute arbeitslos geworden waren, brannte unser Haus, der Laden. Mit den Häusern verbrannten Liv, ihre Mutter und mein Vater. Was mir blieb, war die Einsamkeit, die ich kannte, ein Trawler und ein Bauernhof mit dreitausend Schafen. Wie die Polizei ermitteln konnte, war es Brandstiftung, die zum Tod meiner Lieben geführt hatte. Der oder die Täter konnten nicht ermittelt werden, nicht von der Polizei. Ich fand sie, die drei Brandstifter. Ein paar Nasen mussten da schon bluten, bis ich alles wusste. Dann verschwanden die drei für immer, man wird sie auch nie finden. Ja, ich habe Rache genommen. Ich habe mir das Recht genommen, die zu bestrafen, die gemordet und Zerstörung über mich gebracht haben. In einem Netz mit vielen Steinen beschwert, habe ich sie im Atlantik versenkt. Ja Pet, ohne mich wären die drei noch am Leben, aber ich trage keine Schuld mit mir herum, ich bin bestraft genug. Ich lebe seit Jahrzehnten ohne Liebe. Ist das nicht Strafe genug? Ja ich hatte immer wieder Affären, aber Liebe ist etwas anderes. Und so wurde ich der große, unnahbare, schweigsame Nordmann. Und nun ändert sich alles. Alles, weil ich hier bei euch auf dem Schiff bin. Ein anderer Planet, ein anderes Leben hier auf der Blauzahn."

 

Ich war erschlagen von der Offenheit. Ich musste meine Neugierde bremsen, um Erik nicht zu fragen, wie denn die drei wirklich gestorben waren. Die Bilder, die kurz in mir entstanden, waren schauerlich genug. Drei Menschen, die strampelnd und schreiend in einem Netz hingen, das sich langsam ins Meer absenkte? Ich verdrängte diesen Gedanken. Irgendwann wird Erik mir das erzählen. Erzählen müssen.

 

24. Mai 2015 10.30 Uhr an der Bord der Blauzahn

 

Das Wetter meinte es gut mit der Blauzahn. Die Sonne schien und der Wind stand gut. Die Blauzahn hatte volle Segel gesetzt und sie ritt auf den Wellen. Jan, Erik und Juris waren auf der Brücke. Das Radar zeigte regen Schiffsverkehr um sie herum an. Der Indische Ozean gehörte hier nicht unbedingt zu den verkehrsreichsten Bereichen, aber man sah immer wieder die Silhouetten von einem Containerschiff, Tanker oder Stückgutfrachter. Gut dreihundert Kilometer vor der Küste Indonesiens auf dem Weg zu den Weihnachtsinseln kehrte Ruhe auf der Blauzahn ein. Bordroutine und Müßiggang waren nun angesagt. Jeder, der Freiwache oder keine Aufgabe hatte, genoss ein paar Stunden der Ruhe und Entspannung. Pet und Trevor hatten sich aufs Vordeck gelümmelt und dösten vor sich hin. Marc, Carlo und Luigi besprachen den Speiseplan der nächsten Tage. Otto und Lars machten den Bericht für den Anwalt fertig und besprachen das Thema einer Homepage für die Blauzahn und die Nordstrandpiraten. Sie hatten inzwischen so viele Freunde und Bekannte gewonnen, die gerne an ihren Abenteuern teilhaben wollten, dass es sich lohnen würde, für diese eine eigene Homepage einzurichten und dort die Neuigkeiten zu verbreiten.  

 

Steffen und Greg waren unten bei den Maschinen. Die Generatoren mussten gewartet werden. Alles wurde überprüft und Steffen war ein sehr pedantisch arbeitender Mensch. Greg der ihn unterstützen wollte, war schon nach kurzer Zeit genervt, wie Steffen alles zwei bis drei Mal anfasste, prüfte und in eine von ihm selbst angefertigte Liste eintrug. "Was ist das für ein Kabel Greg?" Steffen hielt ein Stück Kabel in die Höhe, das mit einem Ende an einem der Akkumulatoren hing. Die andere Seite verschwand in einem der Kabelkanäle. "Keine Ahnung, auf dem Kabelplan finde ich nichts. Muss zusätzlich dazugekommen sein, nachdem der Plan erstellt worden war. Das Kabel liegt aber in dem Kabelkanal der zum Heck führt. Da liegen die Kabel für die Beleuchtung und die Elektrik für die Davids des Beibootes." Steffen schaute sich das genauer an. "Ja das ist schon richtig, aber normalerweise müssen solche Verbindungen erst über einen Sicherungskasten geführt werden und nicht direkt zu einem Verbraucher."   Greg schrak auf. Kabel, Beiboot, Wilhelm, Tod.

 

Hatten sie gerade eine Puzzleteil gefunden, das den Tod von Friedrich aufklären konnte?

 

Fortsetzung folgt

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0