Kapitel 51

22.Mai 2015 8.30 Uhr Blauzahn

Die Jacht von Kapitän McDurmond lag noch ruhig neben der Blauzahn vor Anker. Otto, Lars, Erik, Jan, Pet und Trevor machten sich daran, das Beiboot zu Wasser zu lassen und noch einmal an den Strand zu fahren. Jan wollte ein paar Fotos von der Blauzahn und der fremden Jacht von Land aus machen. Otto, Pet und Erik war es nach Bewegung zumute. Sie genossen die morgendliche Ruhe auf der Insel. Trevor rannte wie entfesselt von Strandgut zu Strandgut und bedachte jedes Stückchen Holz mit einem Spritzer seiner Duftmarke. Erik fragte Pet, wann eigentlich die Blase eines Hundes leer sei. "Ganz einfach, wenn er aufhört zu pinkeln." Der Witz war nicht unbedingt der Brüller des Tages, aber er entlockte dem sonst sehr ernst dreinschauenden Lars doch wenigstens ein Lächeln.

Eine Zeitlang gingen die drei schweigend nebeneinander am Sandstrand entlang und sahen zu, mit welcher Lebensfreude Trevor diesen Tag und den Spaziergang zu genießen schien. Urplötzlich packte der in der Mitte gehende Erik Otto und Pet und drückte sie an sich. "Es ist schön und ich bin sehr froh, solche Freunde wie euch gefunden zu haben." Erschrocken darüber, dass er zu so einer Emotion fähig war, ließ er die beiden wieder los und ging weiter. Otto meinte: "Erik, wir sind zwar eine Gemeinschaft, die bunt zusammen gewürfelt ist. Aber weißt du was? Irgendwie gelingt es, dass sich die richtigen Piratenbrüder zusammenfinden. Zufall? Egal. Du gehörst auf alle Fälle dazu und ich bin froh, dass wir das alle spüren." Und wieder spazierten sie ein Stück am Strand schweigend entlang.

 

Trevor blieb etwa zehn Meter vor ihnen stehen und man sah, dass er die Umgebung genau fixierte. Irgendetwas schien seine Aufmerksamkeit voll und ganz in Anspruch zu nehmen. Als die drei Trevor näher kamen, hörten sie Stimmen. Keiner verstand, was da gesprochen wurde. Nicht weil es zu leise war, sondern weil sie die Sprache nicht kannten. Pet rief Trevor zu sich, denn wollte nicht, dass er irgendwo Stress auslöste oder gar Ärger bekam. Hunde waren in Asien nicht unbedingt aller Leute Liebling und Trevor sollte auch nicht in einem Kochtopf als Chop Briardsuey enden. Dann sahen sie den Exbrautvater mit seiner Tochter, der jungen Frau, die Pet mit der Braut am Strand entdeckt hatte und einer Frau, die alle drei nicht kannten. 

 

Pet gab Trevor den Weg frei und der stürmte los. Freudig umrundete er die vier Leute.  Die Nordstrandpiraten wurden sehr freundlich begrüßt. "Wir wollen noch etwas spazieren gehen, bevor wir gegen Mittag wieder nach Jakarta zurückfahren," erklärte der Vater der jungen Frau. "Entschuldigen sie meine Unhöflichkeit, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Osman Black. Black, weil mein Großvater Engländer war und ich den Namen übernommen habe. Und dies ist meine Frau Azura, meine Tochter Dara und das hier ist die Tochter meines Bruders, mein Mündel Cahyra. Ihre Namen kenne ich schon. Ich bin aus Jakarta und besitze dort eine Färberei, einige Nähereien und einen Holzhandel. Ich habe deshalb Kontakte mit vielen westeuropäischen und amerikanischen Modehäusern und Möbelherstellern, für die ich arbeiten darf. Ich habe mir vor ein paar Jahren auch schon ein kleines Modehaus in Paris und eins in Berlin gekauft. Diese Häuser sollte eigentlich mein zukünftiger Schwiegersohn leiten. Aber er hat sich in den letzten Tagen als unwürdig erwiesen und so habe ich meine Erlaubnis zur Hochzeit zurücknehmen müssen. Da mein Stand weit über dem seines Vaters ist, verliert er sein Gesicht, nicht ich. Es wird sich ein anderer fähiger und passenden Mann für meine Tochter finden. Und wie mir scheint, ist Dara nicht unglücklich darüber, dass sie nun wieder frei ist. Meine Herren, ich möchte sie nochmals fragen, wie ich Ihnen meine Dankbarkeit über unsere Rettung zeigen darf. Beschämen sie mich bitte nicht wieder mit den Worten, dass sie das nicht wollen." Pet warf Erik einen fragenden Blick zu, dann fiel ihm etwas ein. Otto und er hatten natürlich ihre Nordstrandpiratenwesten an. Erik nicht, denn das Kleidungsstück war bei der letzten Muskelanspannung des nordischen Riesen an der Rückennaht gerissen. "Mir fällt da etwas ein. Otto Kraz, also dieser junge Mann hier, designed und schneidert Westen. Sie sehen, dass er und ich eine tragen, nur Lars sprengt alle Konfektionsgrößen, die Otto bisher genäht hat. Und Sie besitzen Nähereien. Wie wäre es, wenn Sie für unseren Freund hier eine Weste nähen lassen würden. Die Schnittmuster dafür hat Otto." Otto grinste. Mr. Osman Black und seine drei Begleiterinnen laut loslachen. Mrs. Azura Black antwortete Pet in einem perfekten Englisch. "Nein Mr. Pet, das machen wir anders. Wir lassen mindestens drei Westen für jeden der Mannschaft machen, dann können Sie wechseln. Geben Sie uns Ihre Schnittmuster und Stoffproben mit - oder wenn sie es irgendwie gespeichert haben, schicken Sie uns die per Mail. Hier habe ich noch eine Visitenkarte in meiner Jacke, etwas überholt, aber Name, Adresse und auch die anderen Daten stimmen noch." Sie reichte sie Otto und schaute ihn dabei sehr lange an. Otto wurde etwas verlegen. So hatte er diese Dame nicht eingeschätzt, so selbstbewusst und sie hatte mit ihm so selbstverständlich gesprochen, als ob sie sich schon seit Jahren kennen würden. Gestern war ihm das nicht aufgefallen. Aber heute, nach einer Nacht mit Schlaf und auch etwas Nachdenken, sahen sie sich alle mit anderen Augen an. Was Schlaf und körperliche Pflege doch alles bewirkten. Frau Black war nicht einfach nur gut aussehend, sie war schön. Die Wirkung auf die drei Piraten war unübersehbar. Die Minute des Schweigens war ausgefüllt von gegenseitiger Betrachtung, vielleicht auch von einem kurzen Traum. Die Stimme von Mr. Black riss alle aus ihren Gedanken. "Das freut mich, wenn wir Ihnen so unsere Dankbarkeit zeigen können. Ich habe aus den Gesprächen einiges über sie erfahren dürfen, nur nicht, warum sie diese Reise unternehmen? Abenteuerlust, Erholungsurlaub oder einfach nur High-Society-Tour, das würde ich Ihnen aber nicht abnehmen. Sie sind alle vom Alter her sicher zwischen fünfzig bis sechzig Jahre alt und ihr Umgang untereinander ist teilweise von einer beeindruckend freundlichen und respektvollen Art. Darf man nach dem wirklichen Reisegrund fragen?" Dieser Mann beobachtete alles um sich herum sehr genau und man konnte ihn auch nicht mit ein paar Plattitüden oder Phrasen abspeisen. Wenn man ihm etwas erklären wollte, dann mussten schon greifbare Inhalte gesagt werden. Nun war Otto als der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit gefragt.

 

Sie saßen alle im Kreis auf dem sandigen Stand. Pet gab sich keine Mühe, das für sich zu übersetzen, was Otto Mr. Black und seiner Familie gestenreich erzählte. Auch Erik betrachtete wie Pet die Menschen um ihn herum, sah auf's Meer hinaus, schaut hin und wieder nach Trevor, der an einem Stück Treibholz herum nagte, bis er das Interesse daran verlor. Dann legte er sich auf den Rücken, sein Kopf ruhte neben Trevors Kopf. Hypnotisch schlichen sich die Geräusche in seine Ohren. Das Rauschen des Meeres, der Wind, die Laute der Tiere, der ruhige Atem Trevors und die Stimme von Otto. Erik fühlte sich sicher, schloss die Augen. Leicht dem Hier und Jetzt entrückt, hatte er das Gefühl, zu schweben. Seit Jahren hatte er sich nicht mehr so entspannen können wie jetzt. 

 

Seine lang vergessene Sehnsucht nach dieser Geborgenheit ging in Erfüllung. Kein Mensch wollte ihm je glauben, dass ausgerechnet er, der harte, durchtrainierte, gewaltige Kerl dieses Verlangen haben könnte.

 

Erik schreckte auf. Die Stimmen waren weg und nur ein angenehmer, fremder Duft stieg ihm in die Nase. Er machte die Augen auf und sah in ein freundliches Gesicht. Dara kniete neben ihm und schaute ihn an. "Die anderen sind ein Stück weitergegangen, du hast geschlafen und keiner wollte dich stören. Ich wollte nicht mitgehen und habe mich neben dich gesetzt. Ich hoffe nicht, dass ich dich geweckt habe." Vorsichtig schüttelte Erik seinen Kopf. "Heute Morgen kamst du mir noch so unnahbar und gewaltig vor. Du hast mir ein wenig Angst gemacht. Und jetzt, nachdem du dich hier hingelegt hast und eingeschlafen bist, konnte ich in ein so friedvolles Gesicht schauen. Es kommt mir vor wie in einem Märchen. Der Riese und der Hund. Wenn Riesen gehen und stehen fürchtet sie jeder, aber wenn sie schlafen, schauen sie manchmal so friedlich drein. Im Schlaf kann keiner lügen, da zeigt man sein wahres Gesicht." Erik musste lächeln. Dara war eine Romantikerin und das gefiel ihm. Er fühlte sich immer noch geborgen hier am Strand. Und dann wacht man auf und schaut in ein hübsches Gesicht. Was will man mehr? Erik drückte weitere Gedanken beiseite. Er stand auf, reichte Dara seine Hand und half ihr auf. Trevor stand hechelnd neben ihm. "Gehst du schon einmal vor? Trevor und ich müssen im Wald ein paar Kräuter suchen gehen." Dara schaute ihn fragend an. "Kann ich nicht mitkommen?" Erik rang nach Worten, aber Dara hatte schnell verstanden. "Du gehst Kräuter gießen, meinst du wohl?" Sie drehte sich lächelnd um und ging zu den anderen. Erik konnte nun zusammen mit Trevor auf die Suche nach einem abgeschiedenen Plätzchen gehen. Und jeder fand den Baum der Bäume für sich.

 

22.Mai 2015  14.00 Uhr auf der Blauzahn

 

Der Abschied von der nicht mehr ganz so fremden Jacht war herzlich. Der neue Kurs war berechnet und die Blauzahn lichtete die Anker, setzte Segel und es ging erst einmal zweihundert Kilometer nach Westen, um dann Kurs Süd zu nehmen. Die Weihnachtsinseln waren ihr nächstes Ziel. Die Reise würde etwa achtundvierzig Stunden dauern. Lars übernahm als erster die Brücke - zusammen mit Carlo und Luigi. Für die beiden Brüder war es die erste gemeinsame Schicht mit dem Kapitän. Der Wind wehte Nord-West, was für dieses Seegebiet etwas ungewöhnlich war. Deshalb musste die Blauzahn kreuzen, um auf ihren neuen Kurs Süd zu kommen. Aber nach drei Stunden war es dann soweit. Mit vollen Segeln konnte die Blauzahn ihrem ersten Etappenziel entgegenfliegen.

 

Der Himmel bewölkte sich immer stärker und man erwartete eine Regenfront gegen 20 Uhr. Lars übergab kurz zuvor das Steuer an John, der mit Alberto und Jose die Brücke übernahm. Die Regenfront kam etwas unpünktlich erst um 22 Uhr und auch nicht als Regen, sondern eher als Wolkenbruch. Innerhalb kürzester Zeit fiel so viel Regen, dass ein vergessener Putzeimer auf Deck nach zwanzig Minuten vollgelaufen war. Doch nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Es wehte noch ein frischer Wind aus Nord und der Himmel war frei.

 

Kurz nach 23 Uhr entdeckte Alberto ein Schiff, das mit hoher Geschwindigkeit einen Parallelkurs zu ihnen lief. In einem Abstand von etwa zweihundert Metern überholte das fremde Schiff sie steuerbords und kreuzte dann ihren Kurs dreihundert Meter vor ihnen. Danach verringerte es sichtbar seine Geschwindigkeit und blieb in einem ungefähren Abstand von fünfhundert Metern backbords der Blauzahn. Obwohl man auf diese Entfernung bei klarer Nacht die Positionslichter des Schiffes hätte sehen müssen, war ihr Begleiter nur auf dem Radar zu entdecken. Beim Wachwechsel um 24.00 Uhr unterrichtete Alberto Otto darüber. Jan, Juris und Otto hatten nun bis 6.00 Uhr die Brücke für sich, während fast alle anderen schlafen gegangen waren. Otto hatte schon vor Stunden seine Westenbaupläne mit den Körpermaßen der Blauzahncrew an Mrs. Black per Mail gesendet. Wenn alles klappte, würden sie die ersten Westen in Adelaide in Australien erreichen. Dort wollten sie im Jachthafen von Garden Islands ein paar Tage pausieren. Aber bis dorthin waren sie noch einiger Tage unterwegs. Otto schreckte aus seinen Gedanken auf. Das Schiff, das backbords auf Parallelkurs lief, hatte sich langsam, ohne dass Otto das richtig auf dem Radar bemerkt hatte, bis auf einhundert Meter genähert. Jetzt um 2 Uhr morgens konnte man den Schatten des fremden Schiffes erkennen, aber es hatte immer noch keine Positionslichter gesetzt. Das erschien den dreien auf der Brücke doch langsam mehr als merkwürdig. Juris holte sein Nachtglas und begutachtete das fremde Schiff. "Das ist kein Frachtschiff oder so, es hat eher die Aufbauten einer großen Jacht. Aber so genau kann man das nicht erkennen. Wir sollten eine Reaktion provozieren und näher an sie heranfahren. Lass uns einen kleinen Schwenk hinüber machen. Mal sehen, was passiert." Ohne an Fahrt zu verlieren schwenkten sie auf das fremde Schiff zu. Zuerst schienen die dort ihr Manöver nicht zu bemerken, bis sie auf knapp einhundert Meter herangekommen waren. Dann beschleunigte die Jacht und erhöhte den Abstand auf einen Kilometer. Otto meinte. "Entweder wollen die mit uns spielen oder nicht richtig gesehen werden. Die haben doch bemerkt, dass wir sie entdeckt haben. Ich frage mich, was das soll? Sollten wir die nicht anfunken?" Juris rief sie auf den bekannten Kanälen an, bekam aber keine Antwort.

 

Während die auf der Brücke noch mit dem Ärgernis einer sie verfolgenden Jacht kämpften, saß Erik bei Pet in der Kajüte. Er war erst spät zu ihm in die Kabine gekommen, als fast alle schon schliefen. Pet saß noch über seinem Tagebuch und rauchte eine Pfeife, als es klopfte und Erik mit einer Flasche Wasser und einer Flasche Aquavit vor der Tür stand. "Hast du ein wenig Zeit für mich? Ich bin etwas irritiert, was da mit mir oder vielleicht auch mit uns geschieht." Pet holte zwei Kissen aus einem der Schränke, warf die auf den Boden und bat Erik, sich zu setzen. "Solange der Kahn so schwankt, sitzen wir besser auf dem Boden. Aber zu hart sollte es nicht sein und wir können uns ja an der Wand oder am Bett anlehnen. Ich mache allerdings meine Pfeife nicht aus. Die wirst du ertragen müssen." Dann saßen sie sich gegenüber und Pet schaute Erik an. Der versuchte etwas verzweifelt, die Flasche Aquavit zu öffnen. Der Drehverschluss hatte sich am Flaschenhals verkantet. Aber mit Hilfe des fleischgewordenen Schraubstocks hatte der Drehverschluss keine Chance. Erik reichte Pet die Flasche, der nippte nur ganz vorsichtig dran und gab sie wieder zurück. "Heute wollte ich keinen Alkohol trinken, aber so einen kleinen feuchten Versucher gönn ich mir." Auch Erik nippte nur daran und verschloss die Flasche wieder und legte sie zur Seite. Trevors Nase war nur ein paar Zentimeter entfernt, aber das reichte, dass die Nase verschwand und die Entfernung von Nase zu Flaschenhals sich vergrößern musste.

 

Pet zog noch einmal kräftig am Mundstück der Pfeife, ließ den Tabakdunst aus seinem offenen Mund entweichen und wartete, dass Erik das Gespräch beginnen würde. Erik schaute sich Trevor an, der hatte sich unter Pets Koje  bequem gemacht. "Ich hatte auch mal einen treuen Freund, einen Islandhund. Der war immer mit mir auf See."

 

Nach den einleitenden Worten begann Erik zu erzählen.

 

Fortsetzung folgt.

 

  

 

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