Kapitel 50

Insel Sangiang Piratenbucht  21.Mai 2015 7.30 Uhr

 

Otto hatte seinen Freund Pet bestens versorgt und er konnte wieder an Deck gehen. Zwar hatte er, wie auch Gerrit und Jahn, ordentliche Kopfschmerzen, aber die würden im Laufe des Tages sicher wieder verschwinden. Alle drei hatten einfach zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen und Pet war durch den Dschungelaufenthalt und die körperliche Anstrengung zusätzlich noch mehr in Stress geraten als die anderen. Alle Piraten hatten, trotz der vermeintlichen Todesangst, alles gut überstanden. Die beiden jungen Frauen hatten ausgesagt, dass sie auf einem Ausflugsschiff unterwegs gewesen waren, das nun als Piratenjacht neben der Blauzahn vor Anker lag. Die Piraten waren die ehemalige Mannschaft dieser Jacht. Bis auf den Kapitän und den Reisemanager waren nun alle gefangen genommen worden.

 

Es hatte vor zwei Tagen Streit auf dieser Jacht gegeben und der Steuermann, der Älteste in der Gruppe, hatte den Kapitän niedergeschlagen und alle Passagiere samt dem ohnmächtigen Kapitän und dem Manager  ausgeraubt und an einem schwer zugänglichen Strand auf der Insel an Land gesetzt. Sie waren immerhin so freundlich gewesen, den Neuinsulanern noch ein paar Flaschen Wasser zu überlassen. Da die Passagiere komplett ausgeraubt waren, besaß niemand mehr ein Handy oder ein anderen Kommunikationsgerät. Die beiden jungen Damen hatten sich an Bord versteckt und waren dann erst heimlich in der ersten Nacht von Bord gegangen. Dass sie sich versteckt hatten, war den dilettantischen  Piraten gar nicht aufgefallen.

 

Der Beschluss der Nordstrandpiraten stand fest. Sie würden die Ausgesetzten holen und die Gefangenen auf der anderen Jacht einsperren. Erst dann würde man über weitere Schritte entscheiden. Auf gar keinen Fall wollte man mit den Behörden in Konflikt geraten und langwierige administrative Gespräche mit ihnen abhalten.

 

John, Jan, Juris und Greg übernahmen die fremde Jacht. Die Gefangene mussten gefesselt über ein schwankenden Steg von einem Schiff zum anderen gehen. Erik hob jeden Einzelnen hoch und brachte ihn dorthin. Als der Steuermann an der Reihe war, spuckte der ihm ins Gesicht und beschimpfte ihn lautstark. Erik hob ihn nun mit beiden Händen hoch, trug ihn zur anderen Seite der Blauzahn und warf ihn ins Wasser. Alle schauten ihn erstaunt an. Er hob aber nur die Hand zum Zeichen, dass sie warten sollten und dass er schon wusste, was er tat. Laut zählte er bis fünfzehn, sprang über Bord, fischte den inzwischen schweigsam gewordenen Steuermann auf und schwamm mit ihm um die Blauzahn herum zur Piratenjacht. Zurück an Bord der Blauzahn meinte er trocken: "Konflikte dieser Art klärt man am besten durch sportliche Herausforderungen. Und hier war Schwimmen ohne Arme angesagt. Oder was meint ihr? Ist der Junge etwa nicht friedlich geworden?" Seine fast emotionslose Art, das zu sagen, brachte alle anderen zum Lachen. Ein großer Teil der angestauten Anspannung war fast verschwunden. 

 

Die beiden Frauen blieben an Bord der Blauzahn, während Jan und Juris die fremde Jacht inspizierten. Die Amateurpiraten hatten eine Unordnung hinterlassen, dass selbst ein eingefleischter Junggeselle wie Erik nur den Kopf schütteln konnte. Gepäckstücke, die wahrscheinlich von den Passagieren stammten, waren ausgeleert und alles auf den Kabinenböden verstreut worden. In der Kombüse war das Kochgeschirr aus den Regalen und von den Haken gerissen und lag ebenfalls auf dem Boden. Dann fand Juris zwei Müllsäcke gefüllt mit Geldbeuteln, Handys, Schmuck und Uhren.

 

Inzwischen fesselten Greg und John die Möchtegernpiraten an die Reling. Es dauerte allerdings noch fast eine Stunde, bis die fremde Jacht und die Blauzahn aus der Bucht herausgesegelt waren und Fahrt aufnehmen konnten. Eine der jungen Frauen zeigte Lars, der die Brücke übernommen hatte, die Richtung, wo sie die Ausgesetzten finden würden. Nach einer Stunde meinten sie, dass sie den Strandabschnitt gefunden hätten. Erik, Pet, und Alberto fuhren mit den beiden im Beiboot zum Strand. Dort stand einsam ein kleiner alter Mann, der heftig mit den Armen wedelte. Kurz bevor das Beiboot den Strand erreichte, sprangen die beiden Frauen schon ins Wasser. Allerdings hatten sie nicht damit gerechnet, dass es noch mindestens zwei Meter tief war und sie tauchten deshalb kurz unter und mussten ein paar Meter schwimmen. Als sie dann beide dem alten Mann um den Hals fielen, war offensichtlich das Startsignal gegeben, dass alle anderen, die sich versteckt hielten, aus dem Gebüsch gelaufen kamen. Heftige und laute Gespräche erfüllten den Strandabschnitt. Die Nordstrandpiraten sahen sich von dankbaren Menschen umringt. Alberto hob ein paar Flaschen Wasser aus dem Beiboot und verteilte diese an die Durstigen. Langsam beruhigte sich die Lage und Alberto schaute sich um, wen sie denn da gerettet hatten. Drei ältere und vier junge Männer, zehn Frauen und dann kam noch ein Mann aus dem Dschungel, der sich auf einen Stock stützte. Eindeutig ein Europäer und nach der Gesichtsform, dem Bart und seiner Körperhaltung zu urteilen, ein Engländer. Als er Alberto ansprach, stellte sich heraus, dass er der Kapitän der Jacht war und tatsächlich aus England stammte. Kaum war die kurze Vorstellungsrunde zwischen Kapitän und den Nordstrandpiraten beendet, wurden sie Zeugen eines Streites. Einer der jüngeren Männer beschimpfte beide jungen Frauen. Er war offensichtlich wegen ihres Aussehens sehr empört. Die beiden waren durch ihren Sprung ins Wasser nass geworden und die Kleidung straffte sich nun über ihre Körper. Wie der Kapitän erklärte, war die eine Frau die Braut des Schreihalses und die andere ihre Schwester. Der Bräutigam empörte sich wohl darüber, wie sie sich so unschicklich vor den europäischen Augen präsentieren konnten. Als er dann auch noch die Hand erhob, um seine Braut zu schlagen, griff Erik ein. Pet war sofort klar, was nun kommen würde. Die sportliche Herausforderung zur Lösung des Konfliktes war schon wieder angesagt. Erik hob den Bräutigam hoch, watete mit ihm ins Wasser und warf ihn dann weit von sich. Erst schauten alle erschrocken drein, bis der Vater der beiden anfing zu lachen und seine Töchter fest in sein Arme schloss. Dann rief der alte Mann etwas in die Menge und alle schauten leicht betreten drein. McDurmond, so hieß der Kapitäns, übersetzte für die Europäer. "Er hat gerade die Verlobung seiner Tochter mit dem aufgeblasenen Jüngling aufgelöst. Ich hätte das auch gemacht. Der Junge ist arrogant und auch noch feige. Wegen seinem Benehmen gab es die Revolte auf dem Schiff. Er hat alle Gäste und auch die Mannschaft ständig geärgert und bevormundet. Nichts war gut genug für ihn, dann hat er noch einen der Schiffsjungen verprügeln wollen, das war dann der Auslöser für die Meuterei. Ich konnte das nicht mehr verhindern. Die Jungs von der Bootsbesatzung kommen alle aus armen Verhältnissen und waren eigentlich froh, eine Arbeit zu haben. Aber das war zu viel für sie. Was haben Sie vor, mit ihnen zu tun?" Alberto sah ihn lange an. "Wir tun gar nichts. Die sind auf Ihrem Schiff gefesselt und können nichts mehr anstellen. Es ist Ihre Entscheidung, was mit denen passiert. Wenn sie weiterhin unsere Hilfe benötigen, stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Ansonsten würden wir unsere Reise fortsetzen." Der ältere Herr hatte das Gespräch mitbekommen und sagte dann in einem einwandfreiem Englisch: "Ich möchte mich bei Ihnen an erster Stelle einmal für unsere Rettung bedanken. Ich will auch keine große Aktion daraus machen. Ich kläre das mit der örtlichen Polizei. Bestraft werden müssen sie, aber ich bin kein Freund von Gewalt. Wenn sie vor Gericht kommen, werden sie alle ausnahmslos gehängt. Das muss nicht sein. Aber ich möchte mich in irgend einer Form bei Ihnen erkenntlich zeigen. Wie kann ich das tun?" Alberto schüttelte nur seinen Kopf, reichte dem älteren Herrn die Hand und sprach dann an alle gerichtet. "Es wird Zeit, dass wir den Strand verlassen. Da unser großes Beiboot zu groß ist und einen etwas größeren Tiefgang als das kleinere hier hat, müssen wir ein paar Mal hin und her fahren, bis wir alle an Bord der Blauzahn oder auf Ihrer Jacht haben. Ich schlage vor, dass wir zuerst Ihren Kapitän und ein paar Männer zu Ihrer Jacht bringen und Sie sich einen Eindruck davon machen, wie Sie weiter verfahren wollen." McDurmond entschied, dass er, der Reiseveranstalter und weitere drei Männer zuerst an Bord gehen sollten.

 

Nachdem die Herren das Schiff inspiziert hatten und die Meuterer in zwei Vorratsräumen eingesperrt worden waren, wurden der Schreihals und vier weitere Passagiere zur Jacht gebracht. Nach gut einer Stunde war der Strand geräumt. Die beiden Schiffe lagen wegen der vollkommen ruhigen See knapp zwei Meter nebeneinander und die Nordstrandpiraten konnten hören und sehen, wie die Passagiere auf das Chaos in und um ihre Kabinen reagierten. Zum Abschluss setzte der ältere Herr mit den anderen Damen der Gesellschaft über. Die gerade Entlobte zeigte großes Interesse an Alberto, der mit seinem Charme und seinem souveränen Auftreten während der ganzen Aktion, bis auf den Schreihals, alle zu seiner neuen Fangemeinde zählen konnte. Otto und Pet inspizierten gemeinsam mit Lars die Blauzahn und nahmen erst einmal den Schaden auf, den diese Hobbypiraten angerichtet hatten. Vor allem der Weinkeller und der Weinkühlschrank hatte unter der Aktion gelitten. Allerdings hatten die Möchtegernpiraten einen sehr großen Fehler bei der Auswahl der Weine gemacht. Sie hatten bis auf eine Flasche Champagner und zwei Flaschen besten Sémillon, Sauvignon Château Latour-Martillac Blanc 2006 nur den billigen Kochwein aus den eineinhalb Literflaschen getrunken. Und der hatte es mit vierzehn Volumenprozent in sich. Er schmeckte zwar recht kräftig, aber die jungen Männer waren es sicher nicht gewohnt, diesen Wein auch körperlich zu verarbeiten. Nun hatte Marc sechzehn Flaschen Kochwein weniger und ein paar Seeräuber dicke Köpfe.

 

Alle Schränke waren geöffnet, aber nur in Ottos Kabine und bei Gerrit waren ein paar Kleidungsstücke auf dem Boden verteilt. Leider hatten sie die Schnittmuster von Ottos Westenkreationen in die Finger bekommen und für Schatzkarten gehalten. Neben den Schnittmustern lagen ein paar Seekarten auf dem Boden. Die Suche nach vermeintlichen Schätzen hatten sie nicht beendet, da der Alkoholgenuss ihnen wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. 

 

Marc hatte für alle Nordstrandpiraten und die freien Gäste der fremden Jacht einen Imbiss gerichtet. Als guter Koch und Kenner fremder Kulturen achtete er bei dem Imbiss darauf, dass er den drei Hindus und den Muslimen der Jachtgäste etwas anbieten konnte, das frei von jeglichen kulturellen Essensrestriktionen war. Nur bei dem Angebot der Getränken war eindeutig, was jeder trinken wollte oder durfte. Nicht anwesend waren der Kapitän, der Schreihals und die Gefangenen aus den Vorratsräumen. Das Abenteuer verlangte förmlich nach einer entspannenden Party. Auffallend war für Otto und Pet, die das Geschehene in ihren Berichten an den Anwalt noch formulieren mussten, dass alle Nordstrandpiraten trotz der ungeheuren Stresssituation, die hinter ihnen lag, sehr ruhig und gelassen wirkten. Selbst Pet und auch Otto, die sich darüber unterhielten, stellen an sich selbst fest, dass sie diese Geschehnisse wegstecken konnten, ohne dass sie von ängstlichen oder auch wütenden Gefühlen übermannt wurden. Otto reflektierte dabei, wie er sich wohl in dieser Situation noch vor zehn Monaten gefühlt hätte. Die körperliche Fitness, die seelische Stabilität und die Gemeinschaft der Mannschaft hatte viel in ihm verändert. Es war eine neue, starke Basis, die ihm eine gewisse Robustheit beschert hat. Es war keine Form von Abgeklärtheit, sondern eine in ihm entstandene Fähigkeit, mit solchen Situationen sicherer umzugehen. "Pet, bin ich eigentlich ein anderer wie vor ein paar Monaten?" Pet, der ähnliche Gedanken wie Otto hatte, schaute ihn erstaunt an. "Ich kann dir diese Frage nicht so einfach beantworten. Wir kennen uns seit Jahren und was mir auffällt ist, dass du sicher den Nimbus des netten, freundlichen Großvatertyps durch deine geänderte körperliche Präsens verändert hast. Aber ich glaube nicht, dass in den Grundfesten deines Ich´s eine Änderung deiner Persönlichkeit eingetreten ist. Wenn wir uns wie eine Automodell betrachten, sind wir wie ein Fahrzeug, das gerade außer einem Facelifting auch enorme technische Verbesserungen erhalten hat. Wir sind das Produkt aus genetischen Voraussetzungen, sprich technisch Machbaren, einem Leben mit sehr viel Erlebnissen und Gelerntem, sprich einer gewissen Laufzeit auf der Straße und nun ausgestattet mit komprimierten neuen gelebten Erfahrungen und einer Schärfung unserer eingeschlafenen Instinkte - sprich, das was an technischen Möglichkeiten neu erarbeitet wurde - und einer Sammlung an alten vergessenen Ausstattungen, die sinnvoll sind. Und wenn du das jetzt nicht verstanden hast, dann frage mich bitte morgen früh nochmal, dann versuche ich es dir besser zu erklären, sofern ich das bis dahin noch weiß, was ich dir gerade gesagt habe. Jetzt bin ich einfach nur müde."

 

Klar war beiden: Sie hatten sich sehr verändert.

 

 

Fortsetzung folgt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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