Kapitel 49

20. Mai 2015 5.30 Uhr Sundastraße

 

Lars hatte sich über den Anwalt eine Ankererlaubnis für die unbewohnte Insel Sangiang in der Provinzhauptstadt Serang einholen lassen. Um 7.00 Uhr erreichte die Blauzahn ihren Ankerplatz. Mit dem Sonar und einer sehr guten Meereskarte der Insel umfuhren sie die Korallenriffe und ankerten in einer großen Meeresbucht. Ein paar kleine Fischerboote ankerten auch in der Bucht, ließen sich aber nicht von der Blauzahn bei ihrem unerlaubten Fischzug stören. Das Frühstück fiel seit langem sehr üppig aus.  Greg, Jan, John, Juris, Pet, Erik und Trevor besetzten das kleine Beiboot und fuhren an den Sandstrand.

 

Dort genossen sie den festen Boden unter ihren Füßen und Trevor die unbeschränkte Freiheit des Kies- und Sandstrandes. Greg warnte Pet, er solle Trevor besser nicht in den nahen Wald oder ins Untergehölz laufen lassen. Auf der Insel gab es einige Giftschlangen und Skorpione. Trevor genügte aber für seine größtes Vergnügen, dem Jagen von Meereswellen, der Strand und ein einsamer Baum, um entspannt das Beinchen zu heben. Juris hatte eine Thermoskanne Kaffee und ein paar Flaschen Wasser und Bier mitgebracht. Zur Sicherheit hatte er auch eine Machete, eine Pistole und ein Schrotgewehr mitgenommen, diese aber gut versteckt an Bord des Beibootes gelassen. John hatte sich einen Golfschläger mit einigen Bällen eingepackt und hieb diese den Strand entlang. Trevor verfolgte einige Zeit die Golfbälle, verlor aber bald die Lust daran, die weißen Bälle im weißen Sand zu suchen oder ihre Flugbahn zu beobachten.

 

Im Schatten eines Baumes setzten sie sich nach einem ausgiebigen Spaziergang zusammen und schauten schweigend hinaus auf die Meeresbucht. Gegen Spätnachmittag  verließen die Fischerboote die Bucht - wie auf einen Befehl hin. Regenwolken zogen auf und der Himmel trübte sich ein. Trevor wurde nochmals losgeschickt, sich einen Baum zum Benetzen zu suchen, denn es wurde Zeit zur Blauzahn zurückzukehren. 

 

Greg beobachtete, wie sich ein Motorboot der Blauzahn näherte. Er stieß Erik an und deutete nach draußen auf die Bucht, dann richtete er sein Fernglas auf das Motorboot und meinte, dass er ein paar uniformierte Personen sehen würde. Die enterten die Blauzahn und die Mannschaft verschwand mit den Uniformierten unter Deck. Kurze Zeit später erschienen wieder ein paar der Uniformierten, die Anker wurden gelichtet und die Blauzahn von dem Motorboot abgeschleppt. Keiner beachtete die am Ufer Zurückgebliebenen.

 

Pet wollte aufspringen und die Leute auf der Blauzahn auf sich aufmerksam machen, aber Greg hinderte ihn daran. "Ich glaube nicht, dass das Leute von der Küstenwache oder von der Polizei waren. So wie ich das sehe, wurde die Blauzahn gerade gekidnappt. Wir schieben das Beiboot raus und folgen ihnen in einem gewissen Abstand. Die werden mit ihrer Beute nicht weit fahren, dazu herrscht da draußen zu viele Schiffsverkehr. Die Blauzahn ist zu auffällig - wenn sie geschleppt wird sowieso. Die werden hier irgendwo ein Versteck haben." Kaum hatte er ausgesprochen, marschierte er auch schon in Richtung Beiboot. Trevor wurde ins Boot gehoben und als dieses frei im Wasser war, stiegen alle an Bord. Erst ruderten sie ein paar Meter hinaus in die Bucht, bevor sie den Motor anließen. Dann folgten sie dem Kurs der Blauzahn, die zwar schon um eine kleine Landzunge herumgebogen war, jedoch ihren hohen Masten mit dem Wimpel an der Spitze sah man noch. Juris holte inzwischen die Waffen aus dem Versteck. Erik packte sich ungefragt eine Machete, Jan nahm sich das Schrotgewehr, Juris die Pistole, Greg die Signalpistole, Jan legte seinen Golfschläger bereit. Pet hatte darauf zu achten, dass Trevor ruhig blieb.

 

Dann begann es zu regnen. In einem Abstand von knapp zweihundert Metern verfolgten sie ihre Jacht. Durch den Regenschleier war die große Bootssilhouette noch zu erkennen, Greg meinte, dass man sie in diesem Abstand bei dem Regen nicht sehen würde. Und er hatte auch recht mit seiner Behauptung, dass die Kidnapper nicht weit fahren würden. Die Blauzahn wurde in eine kleine Bucht geschleppt, die vom Meer aus sehr schwer zu erkennen war. Und immer wieder sah man den hohen Mast der Blauzahn, jemand hatte das Blinklicht eingeschaltet, dass sich ganz oben am Mast befand.

 

Sie fuhren mit dem Beiboot etwas weiter und steuerten eine Stück am Strand entlang, der mit viel Gebüsch überwuchert war. An Land schlichen sie am Ufer entlang in die Bucht. Diese war gut dreihundert Meter lang, aber nur etwa vierzig Meter breit. Das Motorboot hatte bereits gewendet und lag neben der Blauzahn. Aus ihrem Versteck beobachteten sie, wie alle Nordstrandpiraten auf dem Vordeck zusammen getrieben und dort gefesselt wurden. Dann sahen sie, wie die Kidnapper Ottos Weinkeller plünderten und den edlen Saft direkt aus den Flaschen tranken. Greg musste lächeln. "Die kennen die Wirkung von Wein nicht. Schnaps oder Bier ja, aber Wein. Und wenn das Muslime sind, sind die nicht im Training." Und er hatte recht, nach fünfzehn Minuten ging der erste über Bord und musste gerettet wurden, Allerdings benützen die Retter die Bootshaken und verletzten ihn dabei.

 

Als es dunkel wurde, war es drüben bis auf ein oder zwei mehr lallende als singende Stimmen ruhig. Greg hatte einen Plan. "Die arbeiten nicht gerne im Dunkeln oder bei künstlicher Beleuchtung. Und ein großer Teil der Mannschaft wird total besoffen irgendwo herumliegen. Also müssen wir jetzt handeln. Bis zur Blauzahn müssen wir etwa fünfzehn Meter schwimmen. Das bekommen wir hin. Pet du gehst vorsichtig mit Trevor, sodass dich niemand sieht, etwas zweihundert Meter weiter in die Bucht hinein. Uhrenvergleich! In einer halben Stunde soll Trevor auf sich aufmerksam machen. Einfach bellen, dich oder Trevor sollte niemand sehen, aber hören. Die Aufmerksamkeit der Wachen geht dann eher Richtung Bug, während wir über das Heck einsteigen. Kann jeder von euch schwimmen?" Alle nickten und Pet verschwand mit Trevor im Dickicht. Das Knacken der Äste, die Pet oder auch Trevor zertraten, hallte über die Bucht, aber sie waren offensichtlich nicht alleine. Denn der Wald und die Bucht war voller Leben. Das Geäst wurde vom Regen und vom Wind hin und her bewegt und viele Tiere riefen sich bizarre Geräusche zu. Als Pet zweihundert Meter weiter gekommen war, befand er sich auf einer kleinen Lichtung am Strand. Er musste sich wieder ein paar Meter ins Dickicht zurückziehen. Danach begann er, Trevor zu reizen, bis der anfing, zuerst etwas verhalten, dann aber immer lauter seine tiefe sonore Stimme erklingen zu lassen. Sein aggressives Gebell übertönte fast alle anderen Geräusche in der Bucht. Pet sah nach ein paar Minuten eine einsame Taschenlampe aufleuchten, die den Strand auf der anderen Seite der Bucht absuchte. Dann ging schlagartig die Lampe aus und es war ruhig. Trevor blaffte noch ein paar Mal in die Bucht hinein und verlor dann den Spaß am Bellen. Pet wartete noch eine Weile, bevor sie zurück zum Beiboot gingen, um dort auf das vereinbarte Signal zu warten. Das Licht auf der Mastspitze sollte dreimal an- und ausgeschaltet werden, danach eine Minute Pause sein und dann nochmals dreimal aufblinken. Das Zeichen kam nicht und Pet befürchtete, dass das Unternehmen schief gegangen war. Die Getränkevorräte im Beiboot waren aufgebraucht, Pet und Trevor litten Durst und er musste den Vierbeiner zurückhalten, weil er immer wieder versuchte, zum Meer zu gehen, um dort zu trinken. Die Ungeduld trieb Pet dazu, im Unterholz nach einem Knüppel zu suchen. Er hatte das Gefühl, dass er sich irgendwann verteidigen müsse. Trevors Zähne waren zwar groß, aber Pet wollte auch etwas mehr für sich tun. Immer wieder schaute er zum Masten, ob er das vereinbarte Zeichen sehen konnte. Nichts geschah, was darauf hindeuten würde, dass die  Nordstrandpiraten die Blauzahn zurückerobert hatten.

 

Mit einem kräftigen Knüppel in der Hand, Trevor neben sich, setzte sich Pet nieder - an einen Baum gelehnt, mit dem Blick auf die Mastspitze. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und der Sternenhimmel war zu sehen. Der Mond beleuchtete den Dschungelboden schwach durch das Blätterdach und auf dem Wasser in der Bucht sah Pet kleine Wellen ans Ufer springen. Dann hörte Trevor zuerst ein Rascheln ganz in der Nähe und sein Blick wanderte in die Richtung, aus dem das Geräusch kam. Pet wurde auch darauf aufmerksam, während Trevor bereits anfing, sehr leise vor sich hin zu brummen. Immer wieder wurde das leise Rascheln und Knacken durch die Regentropfen, die von den Blättern der Bäume auf den Boden fielen, übertönt. Aber es war eindeutig, dass sich etwas auf die beiden zubewegte. Trevors Körpersprache zeigte höchste Anspannung und Aufmerksamkeit, das Brummen änderte sich und er fletschte die Zähne.

 

Dann stürmte er unverhofft los und seine gebellte Empörung erschreckte selbst Pet. Er hörte nur noch einen erschreckenden Schrei und dann, wie etwas Schweres auf den Boden fiel. Er sprang Trevor hinterher, der leise knurrend über etwas stand, das wimmerte. Auf Pet´s Befehl hörte er auf und zog sich zu seinem Herrn zurück. Das Mondlicht erhellte den Platz unter dem Laubdach genug und Pet erkannte zwei Menschen, die auf dem Boden lagen. Vorsichtig, den Knüppel zu Schlag bereit, ging er auf die Personen zu, Trevor immer neben sich, der eindeutige Signale der Kampfbereitschaft von sich gab. Erst auf Deutsch, dann auf Englisch forderte er die beiden auf, sich zu erheben. Als sie sich nicht bewegten, befahl er Trevor hinter sich, dann erst standen sie auf. Sie folgten ihm bis zum Strand und da sah Pet, dass er gerade ältere Mädchen aufgegriffen hatte. Um zu demonstrieren, dass er keine  bösen Absichten hegte, setzte er sich mit eingeschlagenen Beinen auf den sandigen Boden und hieß Trevor, sich neben ihn zu legen. Leise sprach eines der Mädchen ihn in einer Sprache an, die er nicht verstand. Er versuchte auf Englisch zu erwidern, erhielt aber keine Antwort. Das Mädchen sprachen weiter - wohl auf Spanisch oder Portugiesisch. Wie durch Zufall sah er nun endlich das verabredete Zeichen von der Blauzahn. Er forderte die Mädchen auf, mit ihm zum Beiboot zu gehen. Als er sie aufforderte, sich ins Boot zu setzen, zeigten sie sich sehr verängstigt und schienen ihn warnen zu wollen. Er verstand auf einmal, was sie ihm mitteilen wollten. Er verstand das Wort la Pirata. "Ihr meint Piraten.?" Dann schüttelte er sehr deutlich den Kopf, machte die Bewegung des Halsdurchschneidens und machte das Geräusch eines Pistolenschusses nach. Dann wedelte er mit den Händen, als ob er etwas verscheuchen wollte. "Die Piraten sind weg." Sie schienen ihn zu verstehen. Unter großer Kraftanstrengung hob er Trevor ins Boot. Der stand bereits bis zur Schulter im Wasser und konnte aus dem Stand nicht ins Boot springen. Auch die Mädchen stiegen mit seiner Hilfe ins Boot.

 

Dann fuhren die vier zur Blauzahn hinüber, die inzwischen hell erleuchtet war. Die Suchscheinwerfer irrten über die Bucht. Lars sah das Beiboot als erster und rief den anderen zu, dass der vermisste Pet gerade aufgetaucht sei.

 

Mit Erstaunen halfen Lars und Otto, das Beiboot an die Davits zu hängen und den Passagieren dann aus dem Boot zu helfen. Als Trevor die festen Planken der Blauzahn unter seinen Pfoten fühlte, schüttelte er sich so heftig, dass alle Umstehenden eine ordentliche Hundedusche abbekamen. Pet erkannte erst jetzt, dass er keine Mädchen, sondern zwei jungen Frauen - beide um die fünfundzwanzig Jahre alt - mit an Bord gebracht hatte. Er erklärte Lars und Otto, was an Land geschehen war und rief dann nach Greg in der Hoffnung, dass er Spanisch oder gar Indonesisch sprechen konnte. Greg konnte und während er sich mit den beiden jungen Damen unterhielt, wurde Pet über die Vorkommnisse auf der Blauzahn informiert. 

 

Otto führte seinen Freund auf das Vorschiff. Dort saßen mit Kabelbinder gefesselte junge Männer, nach ihrem Aussehen waren es eher Jugendliche. Pet zählte acht Gefangene. Zwei von ihnen sahen etwas älter aus. Einer von denen hatte eine ordentliche Platzwunde am Kopf und der andere hatte ein blaues Auge und einen angeschwollenen Kiefer. Otto deutete auf die Verletzten. "Das waren die Einzigen, die sich wehren wollten, der Golfschläger von Jan und die Faust von Erik haben sie friedlicher gemacht. Aber ich fange mal von vorne an. Ihr ward an Land gegangen und wir haben die Ruhe genossen. Lars hat ein paar Eintragungen mit mir zusammen ins Bordbuch gemacht, als Alberto uns darauf aufmerksam machte, dass ein Motorboot auf uns zukam. Wir haben am Anfang nur die Schirmmützen gesehen und dachten, die kommen von der Küstenwache. Die zwei, die als erste an Bord kamen, hatten Uniformjacken an und waren bewaffnet. Als dann die anderen mit gezogenen Pistolen auf die Blauzahn herüber sprangen, war es zu spät für uns, zu reagieren. Zudem hatten sie ihre Gesichter vermummt. Wir konnten nicht sehen, dass das Jugendliche waren. Nur der ältere, der mit der Beule am Kopf, hat mit uns gesprochen. Erst trieben sie uns in die Messe, durchsuchten die Blauzahn und brachten Marc, Carlo und Jose mit nach oben. Dann wurden uns die Hände mit Kabelbindern zusammengebunden und wir mussten uns aufs Vorschiff setzten. Die Technik der Blauzahn war ihnen zu kompliziert, deshalb musste Lars die Anker lichten und sie schleppten unser Schiff ab. Hier in der Bucht wurden die Anker wieder abgelassen und dann fingen sie an, unsere Blauzahn zu durchwühlen. Die Kombüse und dann meinen Weinkeller. Zu den Kajüten kamen die nicht mehr, denn die Weinflaschen fanden sie zu interessant. Na ja, ich bekam erst einmal Angst, denn die Mischung aus Alkohol und Waffen ist nicht unbedingt dazu geeignet, sich zu entspannen. Und dann schütteten die auch noch meinen besten Cabernet in sich hinein. Meine Angst wich der Wut, aber die Kabelbinder saßen fest. Wir konnten uns nicht befreien. Aber dann kamen Jan und Erik an Bord. Erik sicherte erst einmal alle Waffen und warf sie über Bord, während Jan mit seinem Golfschläger versuchte, einzupatten. Bis auf den, den Erik dann bearbeitete, waren alle besoffen. Erik hat ihn mit einer Hand hochgehoben, mit der anderen eine saftige Ohrfeige verpasst und einfach fallen lassen. Als man uns befreit hatte und wir die Piraten einsammelten, hat einer von denen sogar Steffen über die Füße ..., na du weißt schon, was ich meine. Mann, das roch so sauer. Cabernet mal anders. So was ist stillos. Das werden die mir bezahlen." Pet hielt auf einmal Otto den Mund zu. "Du bist so was an fertig, man sieht dir an, dass deine Nerven flattern. Beruhige dich erst mal, hol tief Luft und dann trinken wir zusammen etwas." Dann wurde es Pet schwarz vor Augen und er stürzte hin. Otto konnte ihn gerade noch auffangen, bevor er mit dem Kopf auf die Planken fallen konnte. Gerrit war schnell zur Stelle. "Ich glaube, der ist dehydriert. Trockene und heiße Haut, Herzrasen. Ich brauche Wasser und einen feuchten kalten Lappen." Langsam flößten sie Pet Wasser ein und er kam wieder zu sich.

 

Da waren sie nun. Die Blauzahn in der Bucht  einer vermeintlich unbewohnten Insel. Neben ihnen lag ein alter Kahn. An Bord hatten sie acht gefesselte Piraten und zwei verängstigte junge Frauen. Und die Sonne ging auf. Was sollten sie nun tun? Die Behörden informieren?  

 

Fortsetzung folgt

 

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