Kapitel 48

Hafen von Singapur 18.00 Uhr

 

Der kleine Kutter mit Betty und dem Bootsführer war genau zwischen der Ageli und der Blauzahn, als Betty das schnell sich nähernde Boot entdeckte und den Matrosen darauf aufmerksam machte. Der erkannte die Gefahr sofort und beschleunigte das Beiboot. Zum Wenden oder zur Kursänderung blieb keine Zeit mehr. Sie konnten das Heck der Blauzahn mit hoher Geschwindigkeit gerade erreichen und umrunden, als eine vierzig Meter lange Motorjacht zwischen den beiden vor Anker liegenden durchraste und eine große Welle verursachte. Das Beiboot entging durch das halsbrecherische Manöver nur knapp dem Kentern. Lars erkannte bei dieser fremden Jacht zwar nicht den Namen, aber die Flaggen des Heimathafens Sankt Petersburg und die russische Länderflagge.

 

Etwas blass im Gesicht kletterte Betty an Bord der Blauzahn. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, schauten sich Lars, Ben, Otto, Juris und Pet den Film an, den Betty gemacht hatte. Geschickt hatte sie einige Sequenzen gedreht, die vor allem die Frontscheibe des Vans zeigten. Dort war schemenhaft ein Gesicht zu sehen. Einmal hatte sie dieses sogar herangezoomt. Sie kopierte einige Bilder des Films und vergrößerte diese. Ihr Bildbearbeitungsprogramm war so gut, dass sie die Konturen des Gesichtes genau darstellen konnte. Und das Gesicht kam allen bekannt vor. Das war der Matrose, der eine Zeit lang auf der Ageli Dienst getan und sich bei dem Werftaufenthalt in Mallorca als Werftmitarbeiter ausgegeben hatte.

 

Was hatte das zu bedeuten, dass dieser Mensch hier als Beobachter ihrer Aktivitäten aufgetaucht war? Nur stellte sich auch Ben Miller die Frage, wen er wirklich beobachtete und versuchte auszuspionieren, die Blauzahn oder die Ageli? Wer oder was war das Ziel dieser Aktionen? Hatte dieser Raser auf der russischen Jacht auch etwas damit zu tun?  Was war zu tun? Sie hatten nun einige Anhaltspunkte mehr. Sie hatten ein Gesicht, einen falschen Namen und eine Autonummer. Die hatte Betty gut sichtbar auf ihrem Stick gespeichert. Aber wie wollten sie in Erfahrung bringen, wem dieser Van gehörte und warum sie hier in Singapur jemand beobachtete? Juris schrieb sich die Autonummer auf, machte sich eine Kopie des Fahrerbildes und verschwand. Im Gehen rief er: "Man muss nur die richtigen Kontakte haben, vielleicht kann ich die noch nutzen, meine Freunde."

 

Aus dem persönlichen Tagebuch des Pet Bär

 

Otto und ich saßen heute noch sehr lange in meiner Kajüte zusammen. Der erneute Lausch- und Beobachtungsangriff hat uns nachdenklich gemacht. Juris Nachforschungen über den wieder aufgetauchten Beobachter, der uns bereits in der Werft auf der Insel Mallorca aufgefallen war, waren erfolgreich. Das Auto, das Lars fast über den Haufen gefahren hat, gehört einem Korrespondenten einer britischen Zeitung, für die offensichtlich der Unbekannte arbeitet. Betty Black kennt diese Zeitung. Sie ist für ihren sogenannten  Enthüllungsjournalismus bekannt. Wöchentlich wird irgendein Mensch des öffentlichen Lebens durch die Enthüllung privater Geheimnisse gesellschaftlich gebrandmarkt. Die harmlosesten Vertraulichkeiten dieser Person werden dann mit Histörchen und Peinlichkeiten gemischt und eine Enthüllungsstory daraus gebastelt. Dabei bewegte sich die journalistische Arbeit der Reporter immer knapp am Rande juristischer Probleme. Was will die Bande von uns oder von einem von uns? Otto und ich haben uns auch selbst diese Frage gestellt, ob wir von so einer Zeitung ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Dass wir sicher inzwischen eine gewisse Bekanntheit erreicht haben, war uns beiden klar. Aber dass wir nun eventuell durch irgendwelche Peinlichkeiten der Allgemeinheit vorgestellt werden sollen, das wollen wir nicht. Aber wie kann man sich dagegen wehren? Otto meinte, dass wir vielleicht etwas mehr Pressearbeit betreiben sollten. Also selbst unsere Unternehmung durch mehr Berichte der Öffentlichkeit bekannt machen sollten. Das wollten wir am nächsten Tag mit der Mannschaft und unserem Anwalt besprechen. Und natürlich auch die Frage an alle stellen, ob jemand von uns ein Geheimnis mit sich herumträgt, dass diese Zeitung gerne verfolgen würde.

 

Jeder von uns hat natürlich seine kleinen, persönlichen, dunklen Flecken in seinem Leben, die er gerne für sich behalten möchte. Aber wenn man so einen Aufwand betreibt, dann muss es etwas sein, das sich lohnt, zu enthüllen. Von einigen habe ich schon ihre Schicksalsschläge erfahren, die ihr Leben beeinflusst haben. Auch Otto und ich haben diese Ereignisse durchlebt. Die wissen wir voneinander.

 

Ich selbst habe noch nicht unter allen Erlebnissen, die mein Leben beeinflusst haben, einen Schlussstrich gezogen. Ich lebe einfach damit weiter, weil ich immer noch der Meinung bin, dass nicht alles abgeschlossen werden muss, sondern auch offen bleiben darf. Aber ob da etwas dabei ist, das die Öffentlichkeit interessiert, bezweifle ich. Um der Presse zu entgehen, bleiben uns nur zwei Möglichkeiten. Entweder uns vollkommen abschotten, was fast nicht machbar ist oder die Reise zu beenden und wieder in der Versenkung des ganz normalen Alltages abtauchen. Aufhören kommt für uns beide nicht in Frage. Sich klein zu machen, weil uns jemand eventuell demütigen will, nein, das haben wir hinter uns. Ich habe das vor allem im beruflichen Leben schon zu oft erleben müssen. Ich werde mich nicht mehr klein machen. Ich bin wie ich bin und kann dazu stehen. Ich bin nicht zu alt dazu, nein ich habe genug an Lebenserfahrung, um zu wissen, dass man vor sich selbst nicht davon laufen kann. Deshalb sind wir alle hier auf der Blauzahn..

 

13. Mai 2015 9.00 Uhr in der Messe der Blauzahn

 

Die vier Neuen wurden von Otto mit den Nordstrandpiratenwesten ausgestattet und waren damit zum ersten Mal beim gemeinsamen Frühstück erschienen. Erik hatte ein Problem, denn für seine Körpergröße hatte er noch kein passendes Stück an Bord. Erik konnte die Weste nur tragen, weil er sich darin fast nicht bewegte und ein ganz dünnes Shirt darunter trug.

 

In einer ausführlichen Besprechung und späteren Abstimmung der Mannschaft wurde klar, dass alle weitermachen und sich die Nordstrandpiraten von diesem Presseangriff nicht beeindrucken lassen wollten. Man war sich auch einig darüber, dass man diese Angelegenheit nicht weiter verfolgen würde, aber auch nicht einfach vergessen wollte.

 

Neue Dienstpläne wurden abgestimmt und die Bordroutine begann. An Trevor hatten sich bis auf Steffen alle gewöhnt. Der Schweizer zeigte sich etwas ängstlich gegenüber dem großen Hund. Der Vierbeiner bot alles auf, was er an Charme aufbringen konnte, um das Misstrauen Steffens zu beseitigen und machte doch alles falsch. Schwanzwedelnd verfolgte er ihn überall hin. Legte sich in seine Nähe und beschnupperte ihn so oft wie es ging. Auch seine oftmals etwas rustikalen Aufforderungen zum Spiel gefielen dem Schweizer nicht immer.

 

Am 16. Mai verabschiedete sich die Ageli von der Blauzahn und lief aus. Die Blauzahn verließ Singapur am 18. Mai 2015 am Nachmittag mit Kurs Jakarta, das sie in drei Tagen erreichen wollten. Der Abschied von Beatrice und Julia fand diese Mal mit noch mehr Tränen statt als die Abschiede vorher. Man sah, dass es Alberto sehr schwer fiel, sich von Beatrice zu trennen. Auch Julia hielt ihren Vater sehr lange fest umschlungen, bevor sie sich an Land fahren ließ. Kaum hatten sie den Hafen verlassen, überfiel Steffen das Mysterium der Seekrankheit. Für ihn war das eine Situation, die ihn außer den körperlichen Beschwerden auch gewaltig an seinem Schweizer distinguiertem Selbstvertrauen kratzte. Otto und Jan packten ihn in das Krankenrevier und überließen ihn Gerrits heilenden Händen. Bei Windstärke fünf legte sich die Blauzahn etwas nach Steuerbord, was dem Schweizer und seinem Magen noch weniger gefiel. Irgendwann setzte sich Steffen auf den Boden im Krankenrevier und lehnte sich an die etwas kühle Kajütenwand. Gegen 23.00 Uhr fand ihn Pet immer noch auf dem Boden sitzend vor. Inzwischen hatte sich Trevor zu ihm geschlichen und Steffen hatte ihn fest in seinen Armen und streichelte ihn sachte. "Das hilft, ich spüre sein Herz klopfen und das Streicheln seines Fells beruhigt mich," meinte er zu Pet. "Lasst mich einfach hier noch ein Weilchen sitzen." Pet fragte ihn, ob er etwas benötigte. Er schüttelte nur den Kopf. Am nächsten Morgen fand ihn Gerrit auf dem Boden liegend, Trevor in den Armen, tief schlafend vor.

 

19. Mai 2015 10.30 Uhr

 

Die Indonesische Inselwelt war interessant und sehr gefährlich. Deshalb stand Lars am Ruder, neben ihm Greg, der diese Gegend sehr gut kannte, Otto am Radar, Luigi und Alberto hatten sich steuerbords postiert und Carlo mit Jose backbords. Immer wieder kamen sie in Monsunregenfronten, die die Rundumsicht sehr beeinträchtigte und die Fahrt nur mit Hilfe des Radar möglich machte. Lars hatte einen Kurs weit ab von den allgemeinen Schifffahrtsrouten gewählt, um die neuen Mannschaftsmitglieder ungestört vom allgemeinen Schiffsverkehr mit der Routine vertraut machen zu können. Der Monsunregen schüttete zwischen der Inselwelt genauso heftig vom Himmel wie in den Schifffahrtsrouten. Dass die Sicht durch den himmlischen Wasserstrom aber so eingeschränkt sein würde, hatte auch Lars nicht voraussehen können.   

 

Steffen saß noch immer etwas benommen unter Deck, aber ein Ingwer-Zitronen-Tee und danach salzige Hühnerbrühe gaben dem Eidgenossen wieder die Urkraft des Alpenbewohners zurück. Jan versuchte ihm einzureden, dass Wellentäler fast so seien wie die Täler in den Alpen und dass er sich bei dem Ritt über die Wellen doch sicher gut vorstellen könnte, auf Skiern ins Tal zu rasen. "Ich hasse Ski fahren, ich gehe auch nicht surfen, fahre kein Fahrrad. Ich halte mich durch Holz schlagen, Walken, Schwimmen und Skaten fit. Und Salzwasser habe ich mir meist nur bei Schnupfen in die Nase gesprüht. Was soll´s, irgend wann muss ich an Deck." Jan half ihm auf und gemeinsam gingen sie nach oben. Auf dem Zwischendeck trafen sie auf Erik, der verzweifelt versuchte, in eine Schwimmweste einzusteigen. Zum Schließen der Weste vor seiner Brust fehlten gut fünfzehn Zentimeter an Band. Pet besorgte eine längere Kordel und ersetzte die kurze durch eine wesentlich längere und so konnte Erik die Weste befestigen. Immer wieder musste Pet den gewaltigen Körper von Erik anschauen. Schuhgröße neunundvierzig, Gewicht etwa einhundertzehn Kilogramm und Hände so groß wie ein Klappspaten. Der Konstrukteur der Jacht musste an solche Ausmaße eines Menschen gedacht haben. Alle Kojen waren zwei Meter und fünf Zentimeter lang und achtzig Zentimeter breit. Nur bei der Kajütentür musste sich Erik bücken und auch unter der Dusche. Die Duschkabinen waren nur einen Meter und fünfundneunzig hoch. Aber das war das geringste Problem. Marc hatte das größere. Erik verschlang Unmengen an Nahrung, fast das Doppelte wie Lars und der galt schon unter den Piraten als guter Esser.

 

Am späten Nachmittag durchfuhren sie eine Meerengen zwischen den Inseln Lingga und Selajar die zu Indonesien gehören. Die Küsten waren flach, aber die vorgelagerten Korallenriffe erforderten doch von allen einen hohen Grad an Aufmerksamkeit. Vor allem, weil kleinere Fischerboote immer wieder im Dunst des Regennebels auftauchten und man sich wegen der Sprachbarrieren nicht immer über die Ausweichmanöver einigen konnte. Keiner der Bootsführer hielt etwas von den internationalen Regel der Schifffahrt. Unbeschadet schafften sie es trotzdem, ins Südchinesische Meer einzufahren.

 

In der Nacht hörte es auf zu regnen und John, der das Steuer übernommen hatte, setzte die Segel. Mehr als sechs Knoten schafften sie bei der leichten Brise nicht, aber das reichte ihnen, um die Fahrt ruhig angehen zu lassen. Pet hatte von Otto das Radar übernommen und Jan sowie Erik hatten die Posten an Steuer und Backbord eingenommen.

 

Dann entdeckte Pet ein Schiff auf dem Radar, das sich ihnen bis auf sechshundert Meter näherte. Es verfolgte sie auf einem Parallelkurs, hielt aber immer soweit den Abstand, dass man es nicht deutlich erkennen konnte. Als der Morgen graute, vergrößerte sich die Entfernung zu dem Unbekannten auf fast drei Kilometer.

 

Der Fährverkehr und der Seeverkehr kleinerer Küstenfrachten zwischen den Inseln war teilweise so groß, dass die Blauzahn ihren Kurs vollkommen korrigieren musste, um einer Kollision zu entgehen. Gegen Nachmittag verlor Pet den Überblick auf dem Radarschirm. Kleine Inseln, die sich zu bewegen schienen, wechselten mit Fischerbooten den Platz. Er zählte im Umkreis von nur einem Kilometer etwas zwanzig Boote oder auch größere Schiffe. Den Verfolger hatte er schon vor Stunden aus den Augen verloren.

 

Als der Regen ganz aufhörte und sie nur knapp einen Kilometer vor der Küste Sumatras segelten, spürten sie die Wärme und die Luftfeuchtigkeit, die vom Land her mit dem sehr seichten Wind aufs Meer hinaus getrieben wurde. Zwischen Sumatra und der Insel Belitong war das Meer ruhig und sie hörten vom Land her den Gesang der Natur. Vögel zwitscherten und das Rauschen der Bäume war bis zum Schiff zu hören. Der Übergang vom Tag und der Dämmerung  zur Dunkelheit der Nacht erfasste mit ihrer Stimmung auch die Mannschaft der Blauzahn. Die Ruhe hielt an, bis sie die Südspitze der Insel Belitong umrunden wollten, um ihren neuen Kurs Richtung Osten zu setzen. Sie hörten das Brummen von großen Schiffsdieseln. Auf dem Radar war noch nichts zu erkennen, da sie die Landzunge noch nicht umsegelt hatten. Dann aber sahen sie einen Schatten etwa vierhundert Meter vor ihnen auftauchen, der mit einer hohen Geschwindigkeit auf sie zu raste, fünfzig Meter vor ihnen ihren Kurs kreuzte und dann schnell wieder im Dunkeln verschwand. Pet verfolgte den Schatten auf dem Radar, verlor ihn aber bald wieder in der Inselwelt. Was war das? Die Frage stellten sich alle auf der Blauzahn. Marc meinte: "Als Gallier fehlt jetzt nur noch, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt, dann ist das Unglück perfekt." Juris dachte bei sich: "Das kannst du gerne haben. Noch so ein miserables Abendessen, dann wird er Himmel zum Tablett und fällt dir auf den Kopf." 

 

Dann war das Meer vor ihnen wieder vollkommen ruhig.

 

Fortsetzung folgt

 

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