Kapitel 47

Steffen Börie                    Erik Erikson                            Luigi Mormone                Carlo Mormone 

 

11. Mai 2015 6.30 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Marc war schon seit einer Stunde auf den Beinen. Frisches Brot wurde gebacken und der Kaffeeduft mischte sich mit den Düften von Tee und Brot zu einer verführerischen Komposition, die jeden aus dem Bett lockte, der ans Frühstück denken konnte. Otto unterstütze ihn beim Decken der Frühstückstafel. Das morgendliche Gedränge bei den Duschen oder auch beim Toilettengang war nun etwas größer als vorher. Fünfzehn Mann und drei Badezimmer das waren Herausforderungen, die es zu bewältigen galt. Pet und Lars wussten sofort, dass sie sich nach dem Frühstück zusammensetzen und den Wasserverbrauch, die Verpflegung und die allgemeinen Verbrauchsartikel neu berechnen mussten. Die Toilettenpapierkrise steckte noch allen in den Knochen oder sonst wo.

Für den Grönländer Erik schien das alles kein Problem darzustellen. Er stand vollkommen nackt  auf dem Bug der Blauzahn und übergoss sich mit Salzwasser, das er Eimer um Eimer aus dem Hafenbecken herausholte. Ohne es zu bemerken hatte er auch schon Zuschauer.

Einige der Damen von der Ageli schauten herüber und bewunderten den nackten Riesen, der sich mit Salzwasser frisch machte. Und Erik machte für sein Alter eine verdammt gute Figur. Fett am Körper war für ihn ein Fremdwort. Lars meinte zuerst belustigt, dass da selbst Arnold Schwarzecker neidisch werden könnte. Dann aber äußerte er gegenüber Jan und Juris Bedenken. "Weiß einer von euch, wie die hier in Singapur mit dem Thema Körper, Haut und Nacktheit in der Öffentlichkeit umgehen? Sind die nicht etwas puristisch eingestellt?" Ohne dass einer eine Antwort geben konnte, rannte Greg mit einem großen Badetuch auf Erik zu und wickelte ihn ein. Alle sahen, dass er ihn mit einer sehr bestimmenden Gestik  dazu brachte, das Deck im Badetuch eingewickelt zu verlassen. "Ok wir kennen nun die Antwort. Greg kennt sich hier mit den Gegebenheiten besser aus und wie mir scheint, mögen die keine nackten Riesen." Lars hatte das mehr zu sich gesagt, aber die Mannschaft, die um ihn herum stand, hatte das wohl verstanden. Otto hatte wie üblich die Sache sofort im Internet recherchiert. "Dafür kann es Gefängnisstrafen geben oder sogar Prügelstrafe. Die sind hier wirklich etwas brutal und prüde eingestellt. Hier regieren nur ältere Männer, so in unserem Alter oder älter. Zudem sind fast alle wesentlichen Religionen der Welt vertreten. Also sollten wir uns sehr vorsichtig bewegen. Rauchen sollte man nur in den dafür vorgesehen Zonen und Ausspucken oder Kaugummi wegwerfen sind ebenfalls verboten. Und wenn man erwischt wird, gibt's eine Geldstrafe oder Prügel. Ich schaue noch, ob es Vorschriften gibt, durch welches Nasenloch man atmen muss." Otto funkte die Ageli an, um auch dort sein Wissen über den Stadtstaat los zu werden. Ben konnte vermelden, dass sie die Vorschriften strickt beachten würden, er aber im Auftrag der Damen in der Mannschaft das Bedauern darüber zum Ausdruck bringen soll, dass man diesen Oldtime-Adonis zu schnell eingewickelt habe. Erik hingegen war etwas verzweifelt über seine missverstandene  Kühnheit, verstand aber schnell die allgemeine Besorgnis. Ben verschwieg allerdings, dass man Erik nur bis zum Bauchnabel gesehen hatte, da die Bordwand zu hoch war, um mehr von Eriks durchtrainierter Hüft- und Beinpartie des Körpers sehen zu können.  

 

Luigi und Carlo schauten Erik voller Neid an. In dem Alter noch mit so einer Figur die Welt zu beeindrucken machte sie etwas neidisch. Sie hatten beobachtet, wie die Damen auf der Ageli zur Blauzahn hinübergesehen hatten.

 

Steffen hingegen hatte von all dem nichts mitbekommen. Gleich nach dem Frühstück war er zu den Maschinen gegangen, um sich mit der Technik vertraut zu machen. Nach einer halben Stunde holte er Luigi, der Erfahrung mit Schiffsmotoren hatte. Steffen hatte entdeckt, dass aus einem der beiden Diesel-Aggregate Öl austrat. Beide machten sich daran, die Ursache des Ölaustritts zu überprüfen. Als Lars nach ihnen schaute, waren sie so in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht merkten, als Lars das Schott öffnete und dann auch wieder schloss. Die sind angekommen, dachte er bei sich. 

 

Nach dem Frühstück und der Körpershow ging Carlo Marc zur Hand. Sehr einfühlsam befragte der Italiener den Franzosen, wie was in der Küche zu finden sei, wie er seine Menüs zusammenstellte und welche Ernährungsgewohnheiten denn die einzelnen Mannschaftsmitglieder hätten. Marc zeigte sich als offener, selbstbewusster Smutje. Keine Spur von aufkommender Eifersucht oder Ängsten vor dem neuen Mann in der Küche. Das Wort "wir" kam wesentlich öfters in seinen Erklärungen vor als das Wort "ich". Er hatte sogar Friedrichs alten Aufschriebe erneuert und erweitert. Dort waren alle diätischen Themen und Vorlieben der Mannschaftsmitglieder aufgelistet. Er beauftragte Carlo damit, die drei anderen diesbezüglich zu befragen und dann die Liste zu erweitern.

 

Erik hingegen saß mit Otto, Jan und Lars auf der Brücke und ließ sich die Mechanik der Segel erklären. Jedes Mal, wenn er dann der Meinung war, dass zu einem Manöver nun seine Hände gebraucht würden, erklärte ihm Lars, welche Schalter er zu bedienen hatte, damit er seinen Platz auf der Brücke nicht verlassen musste. "Muss denn überhaupt jemand auf der Brücke sein?" fragte Erik ketzerisch. "Nein eigentlich nicht. Man könnte mit einem Tablet in der Messe sitzen und von dort aus das Schiff steuern. Über drei Kameras an Deck und mit der Vernetzung zwischen Bordelektronik, dem Radar und den Bildschirmen in der Messe hat man den vollen Überblick über das Schiff. Das macht aber wenig Spaß und ist nicht zulässig." Otto deutete bei seinen Erklärungen auf sein Tablet. "Und das ist dann ein Segelabenteuer?" Erik schüttelte den Kopf. Lars übernahm es, für alle zu antworten. "Nein das ist es nicht. Wir, die Mannschaft, die Blauzahn, die Route, die Menschen und die Natur, die uns auf dieser Reise begegnen, sind das Abenteuer. Die Elektronik ist eine Hilfsmittel. Wir setzen es ein und nicht die Elektronik uns. Deine Hände werden schon noch gebraucht, da musst du dir keine Sorgen machen."

 

Alberto stand auf der Steuerbordseite und starrte zum Kai hinüber. Punkt 10 Uhr fuhr ein Taxi vor. Zwei Frauen stiegen aus und gingen mit etwas Gepäck in den Händen auf den Punkt zu, wo ein Beiboot anlanden konnte. Alberto winkte zum Ufer und machte das Beiboot fertig, um die Damen abzuholen. Beatrice und Julia waren angekommen. Das Beiboot der Ageli war schneller. Melani Stirner und Sophia Merion brachen die beiden mit zur Blauzahn - zusammen mit dem Bootsmann der Ageli, der versprochen hatte, sich das Unglücksbeiboot nochmals genauer anzusehen. Vielleicht konnte er das Geheimnis des losen Kabels lüften.

 

Die Freude von Vater und Onkel darüber, dass sie Julia hier sahen, war groß. Die Begrüßung  bei Beatrice und Albertos durch eine innige Umarmung war durch ihre Intensität für die neuen Mannschaftsmitglieder eher etwas verstörend. Julia erklärte den Vieren den Grund für die überschwängliche Freude. Carlos Kommentar dazu war nur: "Also doch keine Klosterschiff." Mahnend erhob Julia ihre Hand. "So darf man das nicht sehen."

 

Der Bootsmann der Ageli untersuchte gemeinsam mit Jan und Lars das Beiboot der Blauzahn. Er fand zuerst keinen Grund dafür, warum hier das Kabel an die Batterie angeschlossen gewesen war. Dann stellte er aber fest, dass das lose Ende klebrig war. Entweder war es irgendwann einmal mit Klebstoff bestrichen worden oder die klebrige Stelle war vorher mit einem Isolierband umwickelt gewesen. Der Bootsmann meinte, dass das Kabel einmal als Verbindung zu einem Stromverbraucher gedient haben könnte. Zu was, konnte er nicht feststellen.

 

Marc hatte mit Carlos Hilfe eine Fischsuppe gekocht. Fünfzehn Besetzungsmitglieder, dazu die drei von der Ageli sowie Beatrice und Julia waren eine Herausforderung an die Küche. Marc zeigte sich da sehr erfinderisch. Mit etwas Gemüse und frischem Weißbrot vor der Suppe sorgen dafür, dass alle satt wurden. Sophia, die sich zwischen Pet und Otto gesetzt hatte, fragte die beiden während dem Essen, ob sie denn auch in dieser Nacht den Blitz gesehen hätten. Pet konnte das bejahen, konnte aber auch nicht erklären, was das gewesen sein konnte. Sophia meinte beiläufig, dass sie danach ein Auto, wahrscheinlich einen Van, ohne eingeschalteten Scheinwerfern vom Kai wegfahren sah. "Ich glaube, an der Stelle, wo gestern das Fahrzeug gestanden hatte, steht nun auch wieder ein Van seit einige Stunden da." Nach dem Essen sprach Otto kurz mit Lars darüber. Sie einigten sich darauf, dass sie der Sache nachgehen sollten. Über Funk wollte sich Pet gerade an Ben auf der Ageli wenden, Sophia aber hielt ihn davon ab. "Wenn die euch oder uns beobachten, dann gehe ich davon aus, dass sie auch unseren Funk überwachen. Das Telefon zu überwachen ist da schon etwas schwieriger. Ruf Ben an." Pet bekam von Sophia die Handynummer und rief an. Beide besprachen, wie sie vorgehen wollten und dann machten sich Lars, Jan und Pet daran, den vermeintlichen Beobachter aufzusuchen. Auf der vom Land abgewandten Seiten bestiegen sie das Beiboot der Ageli und versteckten sich liegend auf dem Boot. Sophia steuerte. Pet stieg vom Ufer aus ungesehen auf die Jacht. Ein Matrose übernahm das Beiboot und fuhr vom Ufer aus gut sichtbar weiter Richtung Innenhafen. Pet, Ben und zwei seiner Mannschaftsmitglieder stiegen ans Ufer, als das Beiboot am Anfang des Kais anlandete und der Matrose es dort festmachte. Von diesem Punkt aus waren Lars und Jan, als sie aus dem Boot stiegen, für jemand, der sie eventuell beobachten wollte, nicht gut sichtbar. Pet stiefelte hinter Ben und seinen beiden Männern her, war also nicht gut zu erkennen. So konnten die sechs die vermutlichen Beobachter in die Zange nehmen. Zuerst gingen die Männer mit Pet hinter sich in Richtung der anderen Seite des Piers. Jan und Lars liefen genau in der Mitte des etwa acht Meter breiten Kais. Als alle bis auf zwanzig Meter an den Van heran waren, startete dort jemand den Motor. Bis auf die Frontscheiben waren alle Fenster verspiegelt und man konnte nicht sehen, ob und wer sich darin befand. Mit durchdrehenden und qualmenden Reifen wendete der Van auf dem Pier und raste auf Lars und Jan zu. Ohne die Geschwindigkeit zu verringern raste der Van weiter. Jan wurde als Erstem klar, dass das Fahrzeug genau auf ihn zufuhr. Mit einem Hechtsprung konnte er sich in Sicherheit bringen. Er landete dabei auf der rechten Schulterseite und rollte sich gekonnt ab und plumpste ins Hafenbecken. Vor lauter Aufregung hatte sich keiner die Autonummer des Fahrzeuges gemerkt. Nur Ben bemerkte, dass für den Rasenden der Schlagbaum am Ende des Kais geöffnet wurde und der Van ungestört seine flotte Fahrt fortsetzen konnte. Lars und der Bootsmatrose der Ageli, der das Beiboot fuhr, zogen Jan aus dem Hafenbecken. Die beiden anderen Matrosen der Ageli gingen zu Fuß zurück zu ihrem Schiff. Ben, Pet und der nasse Jan wurden zur Blauzahn gebracht.

 

Aufgebracht berichtete Jan - noch ganz nass - allen, die es hören wollten, was da gerade geschehen war. Er fluchte und schlug aus lauter Wut auch mal auf die Tischplatte in der Messe. So hatte ihn noch niemand erlebt. Dass er sich bei dieser waghalsigen Aktion das rechte Knie und die Schulter ramponiert hatte, interessierte ihn erst, nachdem einige Blutstropfen auf den Boden fielen. Gerrit verfrachtete ihn mit Hilfe von Greg in das Krankenrevier.

 

Lars schrieb alles auf, was sie beobachtet hatten. Leider waren zu wenig Fakten dabei, sodass sie außer der Farbe des Vans und der Automarke wenig an verwertbarem Wissen zusammenbringen konnten. Und es war klar, dass sie aus dem Verhalten an der Pforte beim Schlagbaum niemand befragen konnten. Einen Versuch war es wert, aber der Erfolg nicht sicher. Dann rief jemand auf dem Handy von Ben Miller an. "Das ist ja toll. Komm rüber auf die Blauzahn!" An Pet und Lars gewandt sagte er mit einem strahlenden Lächeln. "Ja unsere Kleine ist doch ein Ass. Betty hat alles gefilmt. Sie kommt rüber und bringt ihre Kamera und ihren Laptop mit. Da hat sie ein Bildbearbeitungsprogramm drauf. Lars, das ist spannend."

 

Durch die große Panoramascheibe in der Messe beobachteten die Nordstrandpiraten, wie   Betty ins zweite Beiboot der Ageli stieg und gemeinsam mit einem der Matrosen zu ihnen herüberfuhr. Was sie nicht sahen, war ein Schnellboot, das gerade gestartet wurde und auf dem Kurs zwischen Ageli und Blauzahn Geschwindigkeit aufnahm.

 

Fortsetzung folgt

 

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