Kapitel 45

8. Juni 2015  6.30 Uhr Straße von Malakka

 

Der seit Tagen manchmal extrem starke und manchmal nur tröpfelnde Monsunregen hatte vor ein paar Stunden ganz aufgehört. Lars war mit Pet und Alfonso auf der Brücke. Die Gespräche bezüglich der Auswahl der neu aufzunehmenden Piraten waren schon lange abgeschlossen. Was die Mannschaft bedrückte, war Wilhelms Leichnam in Singapur von Bord zu nehmen. Ein Abschied, den eigentlich keiner wollte. Auch wenn nur noch sein Körper da war, so hatten doch alle das tiefe Gefühl, dass er noch unter ihnen weilte. Wenn sie ihn nun aber von Bord gehen ließen, dann würde er vielleicht ganz verschwinden. Pet und Greg versuchten sich immer wieder in Gesprächen klar zu machen, dass das gar nicht geht, jemand ganz verschwinden zu lassen. So wie Friedrich, über den sie immer wieder sprachen und sich an ihn erinnerten, so würden sie auch Wilhelm in ihren Gedanken mitnehmen. Er würde sie auf ihrer Reise weiter begleiten.

John versuchte ihnen allen das Ganze mit seinem eigenen Humor ins Gedächtnis zu rufen. Er sandte ein Bild von Friedrichs Frau und Tochter per Mail an alle und stellte ihnen die Frage: "An wen erinnern euch diese beiden Frauen?" - "Natürlich an Friedrich" war die Antwort. Er hatte recht, auch wenn man aus dem Leben scheidet, so blieb man doch in der Erinnerung zurück. Überall umgaben sie Symbole, Bilder oder Gedanken, die sie mit Friedrich in Verbindung brachten. So würde das auch mit Wilhelm sein. Jedes Mal wenn die Motoren anfangen würden zu laufen und die Auspuffrohre röhrende Geräusche von sich gaben, würden sie sich an Wilhelm erinnern. Jose meinte sogar einmal, als die Sicherung für die Gangbeleuchtung heraussprang, dass ihnen Wilhelm sicher damit etwas sagen wollte.

Jetzt aber, ein paar Stunden bevor sie Singapur erreichen würden, hingen sie alle ihren eigenen Gedanken nach. Lars, Otto und Pet schwirrten die Gespräche, die sie in den letzten Stunden miteinander geführt hatten, in den Köpfen herum.  Nachdem sie sich für die vier neuen Bewerber der Piratenmannschaft entschieden hatten, fingen sie an, an ihrer Vorauswahl zu zweifeln. Sie hatten sich dabei nach den sogenannten Hard Facts gerichtet. Männlich, über sechzig Jahre alt, Europäer, Fachkenntnisse, die sie für ihre Reise benötigten, fremdsprachliche Kompetenz wie Englisch und wenn möglich eine zweite Fremdsprache außer der Muttersprache und die Bereitschaft, sich dieser Reisegesellschaft ohne Wenn und Aber anzuschließen. So würde man Bewerber auswählen, wenn dies ein Job wäre, den man anzubieten hätte. Aber das Piratendasein auf der Blauzahn war kein Job. Es war eine Aufgabe, eine Passion, eine Suche, ein Abenteuer, das mit einem Ergebnis verbunden war. Vielleicht musste man dazu auch ein wenig verrückt sein. Verrückt im Sinne von nicht angepasst. Man musste Konventionen hinterfragen können und auch einmal beiseite legen, Klischees als humorvolles Vehikel benutzen dürfen und den Mut haben, anders zu sein. Also hatten sie sich nochmals gefragt, was denn den idealen Piraten ausmachen würde? Keiner konnte diese Frage beantworten. Wie aber sollte man dann die richtigen Kandidaten finden? Gemeinsam entwarfen sie einen Teil der Antwort. Der Kopf war für die Hard Facts zuständig, der Bauch für den Rest. Die Summe an Lebenserfahrung, die soziale Kompetenz, die in einem aufmerksamen Menschen reifen kann und der Mut mit fremden und den eigenen Emotionen kritisch umzugehen, war ein Schlüssel dazu. Und dazu musste man einem Menschen gegenübertreten und mit ihm reden, essen, arbeiten, spielen, ihn ansehen, ihn akzeptieren können und einfach mit ihm gemeinsam Zeit haben. Und eines hatten die Piraten ja: Zeit. Und damit war den Dreien eines klar geworden, dass diese sogenannten soft skills, diese weichen Faktoren, die man auf keinem Blatt Papier lesen konnte, eigentlich für sie die wichtigsten Faktoren waren. Kein akademischer Titel, kein Schulzeugnis oder auch Arbeitszeugnis konnte das zum Ausdruck bringen.

 

8. Mai 2015 12.30 Uhr Hafen von Singapur

Mit je einem Lotsen an Bord der Blauzahn und der Ageli wurden sie zum Jachthafen geführt. Ein Stadtstaat mit gewaltigen Ausmaßen, voller Dynamik und Hektik, hatte sie in ihr Reich aufgenommen. In einem der Jachthäfen bekamen sie einen Parkplatz zugewiesen, so nannte der Lotse ihren Liegeplatz. Die Ageli konnte direkt am Pier festmachen, die Blauzahn ging etwa dreißig Meter von ihr entfernt im Hafenbecken vor Anker. Kaum hatten sie die Blauzahn an zweien der Betonpfeiler festgemacht, steuerte ein Zollboot auf sie zu. Zwei Zollbeamte und drei Herren der Polizei kamen unaufgefordert an Bord. Sie wurden von Jan, Alberto und John am Weitergehen gehindert. Einer der Uniformierten wollte umgehend den Kapitän sprechen. Lars kannte die teilweise sehr autoritäre Vorgehensweise der Singapuradministration und hatte seine Kapitänsuniform angelegt. Als er kam schien er mindestens nochmals ein paar Zentimeter größer zu sein. Er streckte sich und stand kerzengerade vor dem immer noch ungehalten wirkenden Beamten. Er überragte ihn um Haupteslänge und schaute vollkommen emotionslos auf ihn herab. Er grüßte lautstark und nahm dann erst seine Kapitänsmütze ab. Nach Demut oder Unterwerfung sah das nicht aus. Dann begann er damit, ein paar Namen zu nennen, die keinem von der Blauzahnmannschaft etwas bedeuteten. Danach nahm er sein Handy in die Hand und begann eine Nummer einzutippen, worauf der Offizier ihm die Hand vorsichtig auf den Arm legte und ihn bat, das Telefon nicht zu benützen. Ein mehr als nur friedvoller Ausdruck zeichnete sich auf den Gesichtern der vormals streng dreinschauenden Beamten ab. Dann zogen die Herren ihre Stiefel aus und begleiteten Lars in die Messe. Dort wurden ihnen die Schiffspapiere übergeben und die Pässe der Nordstrandpiraten. Zum Schluss übergab Lars dem Offizier den Pass Wilhelms und erklärte ihm, dass Wilhelm leider verstorben war und er sich unten im Lebensmittelkühlraum befinden würde. Der Offizier schien informiert genug zu sein und die Herrschaften der Singapur Sicherheitsbehörden verließen eilig die Blauzahn. Der Aufbruch der Herrschaften war allerdings doch etwas zu eilig, sodass man ihnen die Schuhe in ihr Boot nachreichen musste, da sie diese vor lauter Diensteifer vergessen hatten.

"Bitte fragt mich nicht, was ich denen gerade erzählt habe, wen ich hier alles kennen würde. Wenn ich mit einem der Genannten telefonieren müsste, gäbe es ein Problem. Aber an den Augen des Offiziers habe ich erkannt, dass das ein aufgeblasener und doch ängstlicher Typ war." Lars lächelte noch immer verschmitzt, als er die Mannschaft informierte. Dann wurde er allerdings ernst. "Wir haben nun eine schwierige Aufgabe vor uns. Da wir nicht am Kai festmachen konnten, müssen wir den Sarg mit Wilhelms Leiche ans Ufer bringen. Wir bekommen Bescheid, wann das Bestattungsunternehmen ihn abholen will. Vereinbart ist 15 Uhr, aber ich bat um konkrete Ankunftszeit des Leichenwagens. Das bedeutet, wir müssen das Beiboot zu Wasser bringen und den Sarg dort einladen." Jan, John, Alberto und Juris machten sich daran, den Sarg an Bord zu holen. Die Plastikplanenholzkiste war aber zu sperrig, sodass sie diese nicht über den Niedergang an Deck bringen konnten. Also musste die Luke beim Masten geöffnet werden. Pet, Jose und Greg ließen dazu einen Tampen nach unten durch das Luck. Die Vier unten befestigten das Seil an der Kiste, hoben diese an und drückten die Kiste stehend durchs Luck, während die Drei oben am Seil zogen.

Bis sie Wilhelm dann im Beiboot verstaut hatten, verging noch eine halbe Stunde. Fast pünktlich um 3 Uhr meldete sich der Bestatter, dass er am Kai stehen würde. Otto, Pet, Lars, Greg und Juris fuhren zum Kai hinüber. Leider konnten sie den Sarg die Kaimauer nicht so ohne weiteres hochstemmen. Fünf Mann der Ageli halfen ihnen dann dabei, bis Wilhelm im Leichenwagen verstaut war. Otto, Lars und Greg begleiteten Wilhelms Leichnam in einem Taxi bis zum Bestattungsinstitut, um dort alle Formalitäten zur Überführung nach Hause zu erledigen. Während der Leichnam Wilhelms in einen Transportsarg umgebettet wurde, war auch ein Zollbeamter zugegen. Er kontrollierte zuerst den leeren Sarg, dann musste er noch oberflächlich Wilhelms gekühlten Körper betasten. Er entschuldigte seine Handlung mit einem Wort "Drogenkontrolle". Mehr wollte er nicht tun. Die Formalitäten waren schnell erledigt. Dann verabschiedeten sich die Piratenfreunde von Wilhelm am offenen Sarg. Greg sprach noch ein Gebet und erfasste dann Wilhelms rechte Hand und drückte ihm eine kleine Piratenflagge zwischen die Finger. 

Zurück am Pier wurden sie nicht vom Beiboot der Blauzahn erwartet, sondern von Betty Black. Sie führte sie zur Ageli. Die Mannschaft der Jacht hatte dort ein kleine Trauerfeier für Wilhelm vorbereitet. Kapitän Miller empfing die Drei auf's Herzlichste und die Mannschaft der Blauzahn und der Ageli standen nun an Deck beieinander. Mit einer kurzen aber sehr einfühlsamen Rede, die Ben Miller hielt, begann die Trauerfeier für Wilhelm. Greg ergriff nach dem Kapitän der Ageli das Wort und sprach ein Gebet für ihren verstorbenen Kameraden. Dann grüßten alle noch einmal Wilhelm - jeweils in ihrer Muttersprache mit Blick zum Himmel. Nun reichte Betty Black und ein Steward jedem ein Schnapsglas, gefüllt mit echtem holländischem Jonge Genever. Mit den Worten "auf Wilhelm" tranken alle ihre Gläser leer. Danach wurden die Gäste in die Messe gebeten, wo man für die Piraten einen Imbiss vorbereitet hatte. Für die Mannschaften der Blauzahn und der Ageli gab es genug Gesprächsstoff, sodass keiner schweigend herumstand. "Wo ist Trevor?" fragte Betty Black Pet, der sich gerade mit dem Maschinisten der Ageli unterhielt. "Er ist auf der Blauzahn. Einer muss doch auf unseren Piratensegler aufpassen. Und das kann er sehr gut." Pet hatte seinem Freund Freilauf unter Deck gegeben. Bis auf die Türen zum Deck, zu den Kajüten, zum Kühlraum, zur Messe und zu den Maschinen war alles offen. "Gestatten sie mir, dass ich rüberfahre?" fragte sie. "Warum wollen Sie rüber? Bei Tag wäre eine Besichtigung sicher interessanter." antwortete Pet. "Nein ich will die Blauzahn nicht besichtigen, ich will zu Trevor."  Pet nickte, gab ihr aber die Anweisung, mit Trevor nicht auf Deck zu gehen und er erklärte ihr, wo sich sein Kabine befand, wenn sie sich drüben ein wenig zurückziehen wollte, um Musik zu hören oder auch etwas Fernsehen zu schauen. Die anderen Kabinen waren für sie tabu. Pet, Lars und Ben Stiller beobachteten, wie sich Betty eines der Beiboote der Ageli nahm und zur Blauzahn hinüberfuhr. Nach anfänglichem Misstrauen, das er aber schnell ablegte, nachdem er Betty intensiv beschnupperte und sie dann als "bekannt und ungefährlich" einstufte, zeigte ihr Trevor seine Begeisterung darüber, dass er nicht mehr alleine sein musste. Betty war auf der Flucht, Flucht vor ihrem Alltag auf der Ageli und vor ihrer Eifersucht. Sie mochte ihren Onkel, aber die ständige Nähe von Melanie Stirner zu ihm ging ihr zu weit. Keine Minute ohne Melanie oder ein anderes Crewmitglied mit ihm. Sie wollte einfach ein wenig Nähe spüren und Trevor war genau das, was sie jetzt brauchte. Und er konnte verdammt viel Wärme abgeben. Sie setzte sich auf den Boden von Pet´s Kajüte und streichelte ihren neuen vierbeinigen Freund. Sie erzählte ihm von ihrer Kindheit, vom Leben in Australien und von den vielen Reisen, die sie schon gemacht hatte. Und sie stellte ihm ein paar Mal die gleiche Frage - Wo bin ich zu Hause ? -. Er verstand es und drückte  seinen Kopf in ihren Schoß. "Mit der Hand auf meinem Kopf bist du hier zu Hause", schien er sagen zu wollen.

Pet erklärte dem Maschinisten der Ageli, wie sie versucht hatten, die Todesursache Wilhelms zu klären. Keiner konnte sich bisher die losen unter Strom stehenden Kabel erklären. Der Maschinist bot an, sich den Kasten morgen bei Tageslicht anzuschauen, vielleicht fand er eine Erklärung dafür. Um 24 Uhr endete die feuchte, aber auf keinen Fall fröhliche Trauerfeier. Pet versprach Ben - sie waren nun nicht nur bei Facebook befreundet - dessen Nichte zurückzuschicken.

Er fand Betty auf der unteren, freien Koje tief schlafend in seiner Kajüte. Sie hatte Trevor zu sich in die Koje geholt. Als er eintrat, sprang Trevor schuldbewusst auf, verließ die Koje und verkroch sich unter dieser. Wusste er doch, dass das nicht sein Schlafplatz war und es ihm verboten war, in eine Koje zu steigen. Pet deckte Betty mit einer Decke zu, packte seine Schlafhose und ging zu Otto in die Kajüte. "Ich schlafe heute bei dir. Dornröschen schläft in meinem Bettchen und ich will sie nicht wecken. Ich sage Ben noch kurz Bescheid."

9. Mai 2015 6.30 Uhr Hafen von Singapur

So wie fast immer waren Pet, Otto und Marc die ersten, die auf den Beinen waren. Otto las Pet die E-Mail des Anwaltes vor, die noch in der Nacht eingegangen war. Ihre vier Auserwählten waren unterwegs. Sie würden am Abend in Singapur landen. Für sie waren in einem Hotel in der Nähe des Hafens Zimmer gebucht. Das Begrüßungsgespräch war für 19 Uhr im Hotel geplant. Sie hatten sich noch am Abend darauf geeinigt, dass Otto, Lars, Greg und Pet die Begrüßung vornehmen würden.

Marc war schon in der Kombüse und bereitete das Frühstück vor. Der wunderbare Duft von frischem Kaffee, Tee und Brot breitete sich unter Deck der Blauzahn aus. Das Frühstück verlief in ruhiger und etwas gedämpfter Stimmung, bis Betty mit Trevor auftauchte. Etwas schüchtern stand sie da, bis John aufstand, sie in den Arm nahm und sie zu einem Platz am Tisch führte. "Gut geschlafen, Betty?" fragte Lars. Leicht errötend gestand sie, dass sie einfach eingeschlafen sei und dass sie sehr gut geschlafen hatte. "Mit so einem Gentleman im Arm kann man gut schlafen." meinte sie. Alle schauten verdutzt Pet an. "Freunde mit Gentleman war er gemeinte." Pet deutete dabei auf Trevor. Die anfänglich gespannte Stimmung war damit wie verflogen und alle lächelten Betty an. Sie wurde von den Piraten umsorgt und bedient und man sah ihr an, wie sie das auskostete.

Der Tag verlief wie so oft bei Aufenthalten in einem Hafen in Routine, bis sich um 17.30 Uhr Lars, Greg, Otto und Pet bereitmachten, ins Hotel zu fahren. Ohne sich abzusprechen, hatte jeder eine Weste aus Ottos Kreation angezogen. Lars verzichtete bei diesem Anlass bewusst darauf, seine Kapitänsuniform anzuziehen.

Alle die zurückblieben warteten darauf, wie das Gespräch denn verlaufen würde. Würden die Vier zu ihnen passen? 


Fortsetzung folgt

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