Kapitel 44

31. Mai 2015 16.00 Uhr Indischer Ozean

Durch das Abdriften während des Sturmes in den letzten Tagen würden sie ihre errechnete Ankunftszeit in Singapur am 6.Juni nicht einhalten können. Nach den Berechnungen von John und Juris würden sie erst am 8. Juni dort eintreffen.

Jan und Alberto hatten aus Holz, Plastikplanen und Dämm-Material einen Sarg für Wilhelm zusammengebaut. Der Kühlraum war aufgeräumt worden, um diesen Interims-Sarg dort unterbringen zu können. Er musste vor die Türe vor dem Tiefkühlraum geschoben werden, -dort war die breiteste Stelle im Kühlraum. Wenn jemand in den Tiefkühlraum musste, dann ging das nur, wenn man über den Sarg stieg. Gerne hätten die Piraten Wilhelms Sarg in den Weinkeller gestellt, der war aber zu klein und auch nicht kühl genug. Die anfängliche Frage, die jeder sich selbst stellte, war: Reicht die Temperatur im Kühlraum aus, um den Verfall der sterblichen Hülle Wilhelms aufzuhalten. Würden sie alle ihr ungutes Gefühl ablegen können, wenn sie etwas essen  würden? Jeder wusste doch, dass unter dem aufgehängten Schinken Wilhelm in seiner Kiste lag.

Aber das war keinem wichtig. Wilhelm war tot und sie mussten ihm nun den Weg nach Hause bahnen. Die Familie Wilhelms war verständigt worden, die niederländische Botschaft in Singapur ebenfalls. Am Tage ihrer Ankunft würde ein Bestatter kommen, um die Leiche abzuholen und umzubetten. Sowie ihn dann auf seine letzte Reise in die Heimat vorzubereiten. Die Botschaft und auch der Anwalt machte sie allerdings darauf aufmerksam, dass die Behörden vor Ort sehr unberechenbar wären. Es könnte sein, dass sie den Sarg und den Leichnam untersuchen würden. Auch wenn ihnen das Recht nicht zustand, die Mannschaft bezüglich der Todesursache von Wilhelm zu befragen, könnte es sein, dass übereifrige Beamte sich einmischen würden. Das könnte von Untersuchungen der Blauzahn bis zum Verhören der Mannschaft gehen. Die Botschaften aller Länder waren hier vollkommen machtlos. Hier half nur eines: Alle mussten die gleiche Version aussagen, wenn es dazu kommen sollte und die Blauzahn musste bezüglich eventueller unzulässiger Waren und Drogen vollkommen frei sein.

Die Ageli war immer noch hinter ihnen. Sie war wie ein Schatten und die Piraten fühlten sich sogar wohl dabei. Die Trauer um Wilhelm steckte in jedem, in den Planken, im Segel, in der Piratenfahne - einfach überall. Am 1. Juni war die See so ruhig, dass Pet, Alberto und Jose sich daran machen konnten, das Beiboot zu reinigen. Das Blut war zwar angetrocknet, aber die feuchte salzige Luft vereinfachte das Reinigen.

Warum Wilhelm in das Beiboot geklettert und die Rettungsweste über Bord gegangen war, blieb ein Rätsel. Juris und Greg hatten bereits am 29. Mai auf dem Beiboot nach Hinweisen gesucht, aber nichts gefunden.

Mit Reinigungsmittel und feuchten Lappen gingen die drei daran, die sichtbaren Spuren des Unglücks zu beseitigen. Auf der Innenseite des Deckels, der die Elektrik des Beibootes bedeckte, waren viele kleine Blutspritzer. Diese versuchte Alberto zu beseitigen. Ein Schrei und ein dumpfer Ton ließen Jose und Pet aufschrecken. Sie schauten entsetzt auf Alberto, der regungslos auf dem Rücken lag. In der zitternden rechten Hand hielt er ein Kabel. Pet sprang zu dem am Boden Liegenden und entriss es ihm. Bevor er aber das Kabel hinwerfen konnte, um Alberto zu helfen, spürte er ein leichtes Kribbeln in der Hand. Auf dem Kabel war noch Strom und der Boden des Bootes war feucht. Er hatte zwar ein Stück des Kabels erwischt, das isoliert war, aber offensichtlich reichte es schon, dass einige feuchte Fasern seines Pullovers mit dem blanken Teil in Kontakt kamen, sodass er es fühlen konnte, dass hier noch elektrische Energie floss. Vorsichtig streifte er mit der linken Hand den rechten Ärmel des Pullovers nach hinten. Jose war bei seinem Bruder und half ihm auf. Alberto schüttelte etwas benommen den Kopf, schien aber in Ordnung zu sein. "Ich kann das Kabel nirgends hinlegen, da ist Strom drauf und hier ist alles feucht. Kann mir jemand helfen?" meinte Pet. Der Schrei Albertos hatte einige andere Piraten zum Heck der Blauzahn eilen lassen. Juris stieg zu Pet und bat ihn, einfach still zu stehen, während er den Deckel öffnete. Er schaute hinein und entdeckte offensichtlich, wo das Problem lag. "Das stromführende Kabel vom Generator der Blauzahn zum Beiboot ist defekt. Ich löse jetzt die Steckverbindung zur Blauzahn. Pet du musst noch kurz so stehen bleiben, bis ich das Kabel von der Batterie entfernt habe." Juris holte einen Werkzeugkasten und erlöste Pet aus seiner misslichen Lage.

Dass es die Batterien des Beiboots waren, während dieses an den Davits hing - mit der Stromversorgung der Blauzahn verbunden, damit die Batterien sich nicht entleerten - das war ein erster Hinweis. Wilhelm hatte ein paar Mal geäußert, dass er vermutete, dass irgendwo immer wieder ein Kurzschluss entstehen würde. Jetzt hatten sie das Problem entdeckt, das so eine Tragödie ausgelöst hatte.

Alberto ging es gut, offensichtlich hatte er nur einen ordentlichen Schreck bekommen. Juris erklärte allen, was gerade auf dem Beiboot geschehen war und was vermutlich den tödlichen Unfall von Wilhelm ausgelöst hatte. Otto stellte die Frage, die allen anderen auf den Zungen lag: "Warum lag da ein loses Kabel im Kasten?" Juris schüttelte den Kopf, weil er keine Antwort geben konnte. Inzwischen wurde es auch schon dunkler und er wollte sich nur bei gutem Tageslicht an die Inspektion des Unglücksortes heranmachen.

2. Juni 10.00 Uhr Indischer Ozean   

Otto hatte noch am Abend ihre entdeckte Unfallursache per Funk mit Ben Miller besprochen. Dieses Warum und Wieso ein loses stromführendes Kabel überhaupt im Deckkasten des Beibootes lag, konnte auch Juris nicht beantworten. Er fand nur eine Sache heraus, die mehr Fragen aufwarf, als dass sie der Klärung diente. Er fand ein Stück kräftiges Isolierband lose auf der Batterie liegend und ein Stück des gleichen Isolierbandes, das auf der Innenseite des Deckels klebte. Was das für ein Konstruktion war, konnte keiner erklären. Lars versprach, sich an die Werft zu wenden, die das Beiboot bei der letzten Inspektion gewartet hatte. Vielleicht konnten sie eine Antwort dazu geben.

Am 3. Juni um 6 Uhr am Morgen fuhren sie in die Straße von Malacca ein. Sie waren von der Küste Indonesiens etwa achtzig Kilometer entfernt. Sie hatten nicht die vollen Segel gesetzt, die Ageli war fast gleichauf mit ihnen auf der Backbordseite. Durch den starken Schiffsverkehr, der hier herrschte, waren auf beiden Schiffen jetzt diejenigen, die ihr nahes Umfeld oder das Radar beobachteten, mehr als nur gefragt. Immer wieder kamen sie Fischerbooten oder auch Küstenmotorschiffen bedenklich nahe und mussten ausweichen. Aber ihre Größe erlaubte es auch nicht so einfach, an Backbord oder Steuerbord an den anderen Schiffen vorbeizufahren. Denn sie mussten auch den Schiffsverkehr in der Hauptfahrrinnen beobachten, da dort die größeren Schiffe fuhren. Lars entschied sich am Ende doch dafür, in die Hauptfahrrinnen des Gewässers zu steuern. Die Ageli folgte ihnen, aber nun mit Motorkraft. Auch die Blauzahn holte die Segel ein und startete die Motoren. Sie waren damit beide manövrierfähiger. 

Otto und Pet hatten vom Anwalt Vorschläge für den Ersatz von Wilhelm bekommen. Pet fand das zuerst etwas befremdlich, denn Wilhelm war noch an Bord und alle trauerten um ihn. Aber sein Verstand sagte, dass die Blauzahn und die Mannschaft einen Ersatz für die Betreuung der Maschinen brauchte. Konnte man Wilhelm denn ersetzten? fragten sich Otto und Pet. Für die Technik sicher, aber als Mensch? Natürlich nicht. Einmaliges konnte man nicht ersetzen. Also machten sich die beiden an eine Vorauswahl der vom Anwalt vorgeschlagenen Kandidaten. Ein einundsechzigjähriger Architekt aus Polen, ein fünfundsechzigjähriger Landmaschinentechniker aus der Schweiz, ein sechzigjähriger Matrose und sein Bruder, ein fünfundsechzigjähriger Schlosser aus Italien, ein achtundsechzigjähriger ehemaliger Polizist aus Österreich, ein fünfundsechzigjähriger Bankangestellter aus Belgien und ein sechsundsechzigjähriger Fischer aus Grönland. Wen  sollten sie auswählen? Sie waren die Initiatoren der Piratenfahrt und sie hatten das Vorrecht, die potenziellen Kandidaten vorzuschlagen. Natürlich würden sie das mit all den anderen besprechen und sich im Zweifelsfalle auch beratschlagen, wer am besten zu ihnen passte. Und natürlich auch, wer von seinen Fähigkeiten für die Seereise benötigt wurde. Otto, Pet und Lars hatten schon oft darüber gesprochen, dass sie mehr Mannschaftsmitglieder sein müssten, wenn sie entspannt und sicher einen Vierundzwanzigstundenbetrieb auf der Blauzahn aufrecht erhalten wollten. Vor allem, wenn sie unter Segel fuhren, sollten sie mindestens zu viert auf der Brücke sein. Platz war genug vorhanden. Eine Kajüte war noch frei und die von Wilhelm nun ja leider auch. Und alle Kajüten hatten zwei Betten. 

Lars, Otto und Pet war klar, dass sie unbedingt see-erfahrene Männer brauchten. Passen würde der italienische Matrose. Er war Maschinist auf einem Kreuzfahrtschiff und sein Bruder war auch see-erfahren, da er lange Jahre auf Gasförderanlagen gearbeitet hatte. Auch der Fischer aus Grönland würde, wenn man rein pragmatische Gründe zur Auswahl heranzog, gut dazu passen. Otto berief ein kurzes Bordmeeting ein, um die Piratenmannschaft zu informieren und deren Meinung einzuholen, während Lars und Pet die Brücke übernahmen. Nach etwa zwanzig Minuten kam Otto und Jan nach oben zu Lars und Pet auf die Brücke. "Spricht was dagegen, wenn wir zu den ausgewählten Dreien noch einen Vierten hinzunehmen? Greg kennt den Landmaschinentechniker aus der Schweiz gut. Er hat einige Zeit mit ihm während seines Aufenthaltes in Asien zusammengearbeitet. Er war für eine Schweizer Entwicklungshilfestiftung tätig, um Bauern mit modernen Landmaschinen vertraut zu machen. Er sei ein sehr guter Handwerker und Greg würde seine Kajüte mit ihm teilen. Ich kennen leider unser Budget nicht so genau. Ob das eine Aufstockung auf fünfzehn Mannschaftsmitglieder erlaubt? Aber zuerst sollten wir klären, ob ihr zustimmt."

Jan hatte das Pet und Lars mit so viel Begeisterung vorgetragen, dass sie sich mitreißen ließen und einfach zustimmten. "Pet und Otto, ihr seid die Ideengeber dieser Reise und wir hatten vereinbart, dass ihr beide das letzte Wort habt. Zustimmen ist das eine, das andere ist natürlich, dass wir hier weit weg von der Heimat sind und die Neuen erst kennen lernen sollten. Je mehr Personen wir sind, umso schwieriger wird es, Übereinstimmung bei Entscheidungen zu treffen. Bisher haben wir uns alle sehr gut verstanden und immer gemeinsam entschieden. Alle, die bisher neu dazu kamen, kamen alleine und hatten genügend Zeit, sich hier einzugewöhnen. Aber vier Neue, das ist auch für uns eine große Herausforderung."

So eine lange Rede war man von Jan gar nicht gewöhnt, aber Pet und Otto schauten sich nur an, da keiner von den beiden sofort ein Antwort parat hatte. Lars konzentrierte sich wieder ganz auf das Ruder, Pet starrte auf den Radarbildschirm, Otto schaute aufs Meer hinaus, als ob er dort die Antwort sehen könnte und Jan setzte sich auf die Kante von Trevor Longe und kraulte ihm die Ohren. "Pet, was meinst du, sollen wir die Vier auf ein Gespräch einladen, um dann endgültig zu entscheiden?" Otto hatte Pet die Hand auf die Schulter gelegt, damit er spüren konnte, dass er nun von ihm die Antwort haben wollte. Pet drehte sich um und sagte an alle gerichtet. "Ich schreibe an den Anwalt, dass er das arrangieren soll. Wir werden sechs Tage in Singapur bleiben. Wenn die Herren reisebereit sind und wir uns füreinander entscheiden sollten, hoffe ich natürlich, dass sie sofort anheuern können." Dann war Pet schon unterwegs. Er wollte zuerst den Rest der Mannschaft über das Informieren, was sie gerade auf der Brücke besprochen hatten und dann den Anwalt anschreiben.

Otto war Pet in seine Kajüte gefolgt. Beide wollten noch mehr Informationen über die von der Blauzahnmannschaft ausgewählten Kandidaten. Pet schrieb eine sehr lange Mail an den Anwalt und forderte zugleich ausführlichere Lebensläufe der Vier an. Die Antwort auf alle Fragen kam neun Stunden später.

Inzwischen wurde die See etwas bewegter und der Himmel über dem Wasser wurde grau. Die Wettervorhersage war nicht sehr erfreulich. Ein leichter Sturm mit sehr ergiebigen Regengüssen würde sie die ganze Nacht und den nächsten Tag über begleiten. Bevor die Blauzahn unruhig wurde, machte sich Marc zusammen, mit Alberto ein ausgiebiges Abendessen zuzubereiten. Dieses Mal sollte es Fisch geben. Dazu Reis und etwas Gemüse als Beilage. Das war nicht unbedingt ein Gourmet-Highlight, aber Marc wollte dafür einen feinen Nachtisch kreieren, um die Stimmung etwas zu verbessern. Es war nun einmal emotional sehr anspruchsvoll, gleichzeitig einen Freund zu betrauern, neue Mitglieder auszuwählen und sich in einem gefahrvollen Gewässer bei miserabler Wetterlage zu bewegen. Und ein Nachtisch konnte zumindest ein wenig als Stimmungsaufheller dienen. Baiser mit gefrorenen Himbeeren, Himbeergeist darüber und das Ganze mit Sahne zugedeckt. Über der Sahne dann mit Himbeermus geschrieben: "Blauzahn". Beim Abendessen wollte keiner der Erste sein, der dieses Wunderwerk in der großen Schüssel zerstörte, bis Marc einfach einen fetten Löffel nahm und jedem in seine Dessertschüssel einen Klacks voll Nachtisch gab.

Auf der Brücke und in der Messe kam das Thema der Auswahl neuer Piraten sehr selten zur Sprache. Jeder hatte das Gefühl, Wilhelm könnte ihnen vom Himmel aus zuhören und wäre verärgert, wenn man ihn schon jetzt ersetzte. Und verärgern wollte man den Freund nicht. Und trotzdem fragte sich der eine oder auch andere, wie die Neuen wohl sein könnten und  ob sie einem Vergleich mit Wilhelm oder auch mit den anderen Piraten stand halten würden? In ein paar Tagen würden sie mehr wissen.

Am nächsten Morgen waren Pet und Otto schon klüger. Der Anwalt hatte ihnen Bilder und die ausführlichen Lebensläufe geschickt. Sollten sie die anderen Mannschaftsmitglieder über alles informieren oder sollten sie zuerst nur selbst das Gespräch mit den Piratenbewerbern ohne beeinflussende Informationen führen?  


Fortsetzung folgt

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