Kapitel 43

29.5.2015 14.30 Uhr Indischer Ozean

Mit voller Besegelung flog die Blauzahn über die Wellen. Lars, Otto und Jan waren auf der Brücke, alle anderen hatten sich unter Deck in der Messe versammelt. Marc schaute schuldbewusst in die Runde. "Ich konnte keinen Käse in einem der Supermärkte finden. Und  dann habe ich ihn vergessen. Ich habe keine Ahnung, wo wir nun Käse herbekommen." Pet meldete sich zu Wort. "Ich werde unserem Anwalt schreiben, dass wir hier eine echte Käsekrise haben. Vielleicht hat er eine Idee, wo wir nun guten Käse herbekommen. Unser nächster Hafen ist Singapur. Ich bin leider kein weit gereister Mensch. Ich kann mir zwar vorstellen, dass wir dort irgendeinen Käse bekommen, aber was für einen? Ich bin da schon etwas konservativ. So ein fünf Monate gereifter Himalaya Bergziegenkäse ist nicht ganz mein Geschmack. Also ich habe keine Ahnung. Greg, kennst du dich da aus?"

"Ehrlich Freunde," meinte der, "ich bin da auch kein Spezialist. In Indonesien habe ich meist so eine Art Tofu gegessen. Käse habe ich gesehen und gegessen, aber sehr selten und ich kann mich nicht daran erinnern, wie der geschmeckt hat oder was das für eine Sorte war. Wir sollten die Käsefrage einfach weitergeben. Pet, schicke doch wirklich eine Anfrage an unseren Anwalt, wenn du ihm den nächsten Bericht schickst." Damit war der Ball wieder bei Pet, der hatte ja schließlich diese Käsekrise durch seine Gelüste aufgebracht. Pet trollte sich in seine Kajüte, um einen Bericht abzusetzen und seine Anfrage bezüglich von Käserationen anzufügen. Er konkretisierte das Ganze auch gleich, indem er die Käsesorten vorgab, die sie gerne hätten. An erste Stelle setzte er den Parmesan. Unabdingbar für die Nudelgerichte, die ein Großteil der Mannschaft mindestens einmal in der Woche essen wollte. Dann zählte er die Käsesorten auf, die die Piraten ihm genannt hatten. Monte Veronese, Caciocavallo, Silano, Pecorino Siciliano, Double Gloucester, Havarti, Arômes au Vin Blanc, Confit d’Epoisses und Edamer. Ob diese Käsesorten alle dazu geeignet waren, auf einem Segelschiff gelagert zu werden, wusste Pet nicht. Das zu überprüfen überließ er dem Angeschriebenen.

Trevors Bewegungsdrang war extrem geworden. John spielte mit ihm mit einem kleinen Tennisball im Gang. Er warf den Ball von der Tür zum Maschinenraum in Richtung Bug und Trevor raste voller Begeisterung los. Seit Mallorca lagen Gummimatten wie in einem Schachbrettmuster auf dem Holzboden. Trevor hatte gelernt, seine Pfoten bei Seegang nur auf die Gummimatten aufzusetzen, damit er nicht wegrutschen konnte. Da dieses Spiel nicht lautlos von statten ging, fanden sich immer mehr Mannschaftsmitglieder im Gang unter Deck  ein, um mitzuspielen. Marc, Wilhelm, John und Greg bildeten die Mannschaft am Maschinenraumschott. Pet, Juris, Alberto und Trevor die Mannschaft am Schott für den Versorgungsraum. Wer das Schott der gegnerischen Mannschaft traf, bekam einen Punkt. Greg und Trevor standen sich als Fänger gegenüber. Die Gangmitte durfte nicht überschritten werden. Trevor fing alle Bälle, die in der Höhe von einem Meter und fünfzig durch den Gang geflogen kamen. Hinter ihm stand Alberto als Werfer und dahinter waren Pet und Juris in der Verteidigung. Nicht ein Ball, der auf Trevors Verteidigungshöhe angeflogen kam, erreichte sein Ziel. Es dauerte allerdings lange, bis Trevor begriff, dass er den gegnerischen Werfer nicht in seinem Spielfeld attackieren durfte. Aber als er es begriffen hatte, war er unerbittlich auf seiner Seite. Nach einer halben Stunde mussten sie eine Pause machen. Trevor bekam eine große Schüssel frisches Wasser, der Rest der Spieler trank Mineralwasser oder Fruchtsäfte. Sie lagen oder saßen alle im Gang, waren schweißgebadet und alle einfach nur unheimlich glücklich und vergnügt. Juris brüllte lachend und laut in Richtung Himmel. "Alte Männer!" Und alle antworteten gleichzeitig. "Wo?"

Das Wetter im Indischen Ozean war launisch. Sie hatten nun gute drei Stunden unter Segel in einer etwas aufgewühlten See Meile um Meile hinter sich gebracht, aber der Himmel über ihnen verhieß eine weitere ruhige Reise. Um 18 Uhr frischte der Wind wieder auf, dunkle Wolken begannen das Blau über ihnen traurig einzufärben. Marc servierte kalten Braten auf frisch gebackenem Baguette mit Sahnemeerrettich und etwas Heidelbeerkonfitüre dazu. Er hatte sich daran gewöhnt, drei verschiede Brotsorten zu backen und er hatte es perfektioniert. Alle drei Sorten waren mit einer knusprigen Kruste versehen. Dazu gab es Bier, alkoholfreies Bier, Emmer-Bier, Reis-Bier und auch richtiges deutsches Weizenbier. Trevor wurde mit einem speziellen Hundehamburger glücklich gemacht. Er lag angeleint und mit seiner Schwimmweste zusätzlich gesichert in seiner Lounge auf der Brücke und kaute zufrieden vor sich hin.

Um 21.00 Uhr fing Otto einen Funkspruch auf. Zuerst konnte er nur den Namen Blauzahn verstehen, da der Rest der männlichen Funkstimme in Störungen unterging. Ein paar Mal bat er um Wiederholung und immer wieder ging die Stimme in Blechdosengeräuschen oder wasserfallartigem Funkgeplätscher unter. Offensichtlich wollte man mit der Blauzahn in Kontakt treten, denn der Sender versuchte es immer wieder. Erst nach etwas zwanzig Minuten wurde die Stimme deutlicher und Otto erkannte, dass Kapitän Ben Miller sie anfunkte. Er gab seine Position bekannt und Otto errechnete, dass sie sich knapp außerhalb ihrer Radarabtastung befanden. Die Ageli befand sich sechs Kilometer weiter südöstlich von der Blauzahn entfernt. Sie hätten eine Rettungsweste mit einer Blinkleuchte aufgefischt, die nach der Aufschrift zu urteilen von der Blauzahn stammen müsste. "Wie kommt ihr denn drauf, dass die von uns stammen muss?" fragte Otto. "Da steht Nordstrandpiraten auf dem Rücken. Und darunter ein großes W. Ich habe euch angefunkt, um sicher zu gehen, dass ihr nicht jemanden aus eurer Crew verloren habt." Otto bedankte sich und sicherte ihm zu, sich umgehend wieder bei ihm zu melden. "Eine Schwimmweste mit einem großen W auf der Rückseite, das kann nur die von Wilhelm sein. Vielleicht vermisst er sie schon? Wo ist der denn gerade?" Die Frage war an Lars gerichtet, der kurz vorher noch mit ihm, John, Alberto und Jose auf der Brücke war. Über die Bordsprechanlage rief Otto Wilhelm an, sich auf der Brücke zu melden, aber es kam keine Reaktion. Jeder Winkel auf der Blauzahn wurde durchsucht. Wilhelm war nicht zu finden. Otto funkte die Ageli nochmals an. " Außer der Rettungsweste habt ihr nichts gefunden? Und diese Blinkleuchte war an?" Ben Miller antwortete umgehend. "Also wir haben nur diese Weste aufgefischt. Und die Blinkleuchte war an. Wir haben ähnliche Rettungswesten. Sobald die mehr als zwanzig Sekunden im Wasser liegt, schaltet sich automatisch diese Blinkleuchte an und die Weste bläst sich auf. Wir haben sie etwa dreißig Meter an uns vorbeischwimmen gesehen und haben gewendet, um sie aufzufischen. Vermisst ihr jemanden?" Es tat Otto sichtlich weh, das eingestehen zu müssen. "Ja unser Maschinist Wilhelm ist verschwunden. Er sollte bei seinen Maschinen sein. Ist er aber nicht. Ihr sagt, dass das eine Rettungsweste mit Blinklicht ist. Die muss aus einem der Beiboote stammen, die sind dort in einer Seekiste verstaut. Wir haben nur an Deck Schwimmwesten an und sind bei schwerer See noch mit Halteleinen gesichert. Danke für die Informationen." Pet, Alberto und Greg gingen zum Heck der Blauzahn, um den Bestand an Rettungswesten zu überprüfen. Dort im Beiboot fanden sie Wilhelm. Blutend und ohnmächtig lag er auf dem Boden des Beibootes. Er war zwar noch durch die Sicherheitsleine gesichert, die war aber zu lang und hatte sich bei ihm um seine Füße gewickelt. Greg versuchte seinen Puls zu fühlen, konnte aber nichts ertasten. Warum er sich verletzt hatte, war im Moment egal. Sie holten Gerrit, der untersuchte ihn auf dem schwankenden Beiboot. Greg hatte inzwischen die Trage nach oben geholt. Es war ein sehr schwieriges Unterfangen, jemanden aus dem nur an den beiden Davits hängenden Beiboot mittels einer Trage zu bergen. Lars steuerte die Blauzahn in Richtung mit dem Wind, um das Kränken zu minimieren.

Unter Deck im Krankenrevier untersuchte Gerrit den immer noch stark blutenden Wilhelm. Er konnte den schwachen Puls fühlen. Fand die beiden Verletzungen an seinem Kopf am Hals und eine Prellung auf der rechten Bauchseite. Der Bauch war leicht gerötet und in der Mitte der Rötung sah er einen dunkelblauen Fleck. Gerrit reinige die Platzwunde auf der Stirn und an der rechten Augenbraue und nähte die beiden Wunden danach zu. Inzwischen kam Wilhelm wieder zu sich. Er öffnete die Augen und wollte sprechen, konnte aber nur unter großen Schmerzen etwas krächzende Laute von sich geben. Gerrit versuchte Wilhelm klar zu machen, dass er ihn befragen musste, da er ohne aufwendige technische Hilfsmittel nur oberflächlich eine Diagnose stellen könne. Gerrit stellte seine Fragen, die Wilhelm nur mit ja oder nein zu beantworten sollte. Wilhelm sollte für ein Ja Gerrits Hand zwei Mal drücken, bei einem Nein nur ein Mal.

Die Freiwache der Blauzahn wartete auf dem Gang, während Gerrit Wilhelm untersuchte. Greg assistierte ihm dabei. Nach einer Stunde kam er aus dem Krankenrevier heraus. "Er stirbt. Wir können nichts mehr für ihn tun. Er ist gerade ins Koma gefallen. Verabschiedet euch. Was passiert ist, wissen wir inzwischen. Ich glaube aber, das ist im Moment nebensächlich. Geht hinein." Marc war der Erste, der eintrat. Er nahm Wilhelms linke Hand in die seine und strich mit der anderen kurz über die bleichen eingefallenen Wangen seines sterbenden Piratenfreundes. Während die Mannschaft nun einer nach dem anderen Wilhelm einzeln mit ihrem ganz persönlichen Verabschiedungsritual ein Adieu zuflüsterten, saß Gerrit neben dem Bett des Sterbenden auf dem Boden, den Kopf in den Armen versenkt. John, Alberto und Pet gingen nach oben, sodass die Freunde, die bisher auf der Brücke waren, auch noch Abschied von ihrem Freund nehmen konnten. Lars hielt seine Hand, als Wilhelm nochmals erwachte, kurz die Augen öffnete und dann einfach für immer einschlief. Wilhelm starb am 29. Mai 2015 um 23.50 Uhr inmitten des Indischen Ozeans an Gehirnblutungen und einer Verletzung des Kehlkopfes.

Die ganze Zeit hatte Ben Miller versucht, jemanden auf der Blauzahn ans Funkgerät zu bekommen, aber keiner wollte jetzt auch noch Erklärungen abgeben. Bis zu dem Moment, als sie von einem Scheinwerfer erfasst wurden und jemand mit dem Megaphon zu ihnen sprach. "Hallo hier ist die Ageli. Warum geht keiner bei euch ans Funkgerät? Können wir euch helfen?" Alle erkannten Ben Millers Stimme. Sie klang wirklich sehr besorgst. Otto ging ans Funkgerät. "Hier ist die Blauzahn, Otto Kraz. Entschuldigt bitte, dass wir uns nicht gemeldet haben. Wir haben Wilhelm gefunden. Er ist tot. Er ist offensichtlich bei schwerem Seegang in Beiboot gestützt und hat sich so schwer verletzt, dass er an seinen Verletzungen gestorben ist. Unser Bordarzt konnte nichts mehr für ihn tun. Aber vielen Dank, dass ihr nach uns geschaut habt. Wir gehen jetzt wieder auf Kurs Singapur. Bleibt ihr bei uns in der Nähe, oder nehmt ihr einen anderen Kurs?" Ben Miller war jetzt am Funk und antwortete sofort. "Wir bleiben hinter euch. Braucht ihr Hilfe? Sollen wir jemanden zur Unterstützung rüberschicken?" Otto schaute sich um, Lars und Juris schüttelten den Kopf. "Danke nein, wir schaffen das so. Wir sind nur alle etwas von der Rolle, erschüttert und unsagbar traurig. Da müssen wir uns jetzt Zeit nehmen um uns wieder zu fangen. Ich gebe in ein paar Minuten unseren Kurs durch."

Jeder versuchte mit seinem Schmerz und seiner Trauer auf seine Weise umzugehen. Lars, John, Alberto und sein Bruder Jose waren auf der Brücke. Marc mit Otto in der Küche, Juris schaute sich die Weltkarte an, die im Gang zwischen John und Wilhelms Kajütentüren hing. Pet schrieb seinen Bericht an den Sponsor. Juris und Jan saßen in der Messe und sprachen sehr leise miteinander.

Im Morgengrauen sahen die Piraten die Ageli die etwa fünfhundert Meter hinter ihrem Bug  segelte.

Trevor ärgerte Pet so lange mit seiner Pfote bis der aufstand und ihm folgte. Trevor blieb vor dem Krankenrevier stehen und schien auf etwas zu warten. Pet öffnete die Tür, um ins Revier zu schauen. Eigentlich wollte er seinen vierfüßigen Freund nicht hineinlassen, aber Trevor drückte mit aller Kraft seinen Kopf durch den Türspalt. Er ging zum Bett, auf dem der Körper Wilhelms bedeckt mit einem Leintuch lag. Pet wollte ihn daran hindern, dass er an der Hand Wilhelms schnupperte, die nicht mit dem Leintuch bedeckt war. Da bemerkte er, dass jemand seine Hand von hinten auf seine Schulter legte. "Lass ihn, das gehört mit dazu." sagte Greg leise. Vorsichtig rieb Trevor seine Nase an den kalten Fingern des Toten. Dann legte er sich flach vor Gerrit, der noch immer in der Ecke auf dem Boden saß, den Kopf in den eigenen Armen geborgen. Langsam kriechend schob sich Trevor weiter zu Gerrit, hob den Kopf und legte den auf die gefalteten Hände des Arztes. Leise sprach Greg weiter. "Tiere trauern anders, aber auch sie trauern. Unterschätze nicht die für uns noch nicht sichtbare Welt der Gefühle von Tieren. Mit dem, was er da tut, hilft er Gerrit und sich selbst." Und dann bewegte sich Gerrit nach Stunden der Erstarrung - endlich. Er legte seine Hände auf den Kopf von Trevor, kraulte sein Fell mit seinen Fingern und dann erbebte sein ganzer Körper unter heftigem Schluchzen. Fast brutal ergriff er Trevors Körper und drückte ihn ganz fest an sich. Ohne sich zu wehren und mit fast geschlossenen Augen ließ der Hund diese Aktion über sich ergehen. Dann reckte er seinen  Kopf und begann Gerrit zuerst die Hände abzuschlecken, dann ging er weiter ins Gesicht und zum Schluss zu seinen Ohren. Immer wieder grunzte er dabei, als ob das seine Sprache für tröstende Worte seien.

Greg schob Pet aus dem Zimmer und verschloss die Tür. Von draußen hörten sie wie Gerrit laut weinte. Greg nickte Pet zu. "Das wird ihm etwas helfen und dein tierischer Freund wird ihm den Trost spenden, den er braucht. Zudem ist Trevor sehr verschwiegen und dem kann er alles anvertrauen, was ihn bewegt. Gehen wir weiter, ich will nicht, dass ihn jemand heimlich belauscht." In Pet´s Kajüte setzten sie sich. "Die Trauer wird uns noch lange Zeit gefangen halten. Jeder trauert so lange er will und muss. Ich mache mir Gedanken darüber, wie es weiter geht. Ich meinte damit, was Wilhelms letzter Wille war. Wie und wo sollen wir ihn bestatten? Wer verständigt seine Familie? Alles andere wird sich finden." Pet hatte sehr wohl verstanden, was Greg meinte. Sie hatten einen Freund verloren, sein Körper lag auf einer Bahre im Krankenrevier und sie befanden sich auf hoher See. Was tut man da, wenn so etwas auf hoher See passiert? Vor hundert Jahren hätte man Wilhelms Leichnam wahrscheinlich in Segeltuch eingenäht, der Kapitän hätte ein paar Worte aus der Bibel gelesen und dann hätte man Wilhelm der See übergeben. Das waren Pet´s kindlich romantische Gedanken. Aber heute in Zeiten der Vernetzung und der Bürokratie konnte niemand mehr einfach in Würde seine letzte Ruhestädte finden. Sie waren auf hoher See und eine Gemeinschaft zivilisierter Menschen und es gab sicher Regeln, an die sie sich halten mussten. Pet dachte dabei an den Tod von Friedrich. Wie die Verwaltung darauf bestanden hatte, seines toten Körpers habhaft zu werden, ihn zu sezieren, um auf den gleichen Gedanken zu kommen wie die Piraten. Friedrich war gestorben. An einer Krankheit und ohne Fremdeinwirkung. Wilhelm war durch einen Unfall ums Leben gekommen. Aber es war eben ein Unfall. Da stellte sich immer schnell dir Frage nach der Schuld. Wie würden die Verwaltungsmenschen mit Wilhelms Tod und mit der Trauer der Nordstrandpiraten wohl umgehen?

Fortsetzung folgt

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