Kapitel 41

Aus dem persönlichen Tagebuch des Pet Baer 26. Mai 2015

Piratengefühl und Endlichkeit

Nun reisen wir schon einige Monate als Nordstrandpiraten auf den Weltmeeren umher und erleben ein Abenteuer nach dem anderen. Nicht immer spürt man bei sich selbst die Veränderungen. Was hat sich wirklich getan, was hat sich verändert bei einem selbst oder bei den anderen? Vieles kann man gar nicht so einfach beschreiben. Das Wort "endlich" ist aus dem Wortschatz verschwunden. Die Besatzung der Blauzahn plant und lebt eine Zukunft, die zeitlich nicht begrenzt ist. Das Gefühl für jung oder auch alt musste einem Empfinden weichen, das einfach zeitlos ist. Die Piraten leben in einer Mixtur aus jugendlichem Leichtsinn gepaart mit einer Menge an Lebenserfahrung. Lernbegierig und routiniert durchleben sie in kürzester Frist immer wieder gelassene Stimmungen und aufgeregte Zustände. Die sogenannten Routine des Alltags der Familien - und Arbeitswelt musste einer ständigen Suche nach Neuem und Unbekanntem weichen.

Die mentale und emotionale Leistung, die die Piraten vom Nordstrand tagtäglich erbringen müssen, spornt sie an und gibt ihnen neue Kraft. War das eines der Ziele, die sie erreichen sollten? Das Verschwinden-lassen der Endlichkeit. Ja, vielleicht war es genau dies.

Selbst erlebt man leider zu oft, dass man die Endlichkeit von anderen serviert bekommt. Sätze wie "in deinem Alter" ... "es wird Zeit für dich, abzutreten" ... "das solltest du nicht mehr machen" ... oder ... "sei doch froh, dass du schon so alt bist" ... "in deinem Alter kannst du das nicht mehr"...  zeigen doch, dass man für manche nun schon zum Fallobst gehört, das andere auflesen müssen, damit man wenigstens noch zum Saften taugt. Die das sagen, entlassen keinen aus diesem Dilemma des Alterns. Das muss man offensichtlich selbst machen und sich den Respekt wieder erarbeiten, den das Älterwerden in der Zeit der sinnlosen Geschwindigkeit und Dynamik als Gesellschaftsmüll ausrangiert hat. 

Aber eines ist immer noch in den Piraten verankert: Jeder hat eine Vergangenheit, die ihn  geprägt hat, die ihn ausmacht und diese Vergangenheit ist ein Fundament des ICHS. Jeder von ihnen hat aber inzwischen eine Erkenntnis hinzugenommen. Nicht die Summe der guten Erlebnisse hat sie nachhaltig geprägt, sondern die Summe an negativen Ereignissen, die sie erleben mussten. Dies gilt es zu verändern. Die dunklen Erlebnisse wie einen Lernstoff zu betrachten. Als Botschaft, es anders zu machen. Und die hellen Zeiten als Genussmomente, die es zu wiederholen gilt. Meist sind diese Momente keine Begebenheiten, die man still und einsam genießen kann, sondern Phasen, in denen die Einsamkeit keinen Bestand hat. 

Und was sind die weiteren Ziele? Keiner kennt sie, aber sie werden sich ergeben. Ergeben aus dem, was noch geschehen wird. Denn eines haben die Piraten reichlich.....Zeit. "

Hotelzimmer 26. Mai 2015 3.30 Uhr

Lars saß in seinem Zimmer bei einem Glas einer ihm unbekannten Whiskymarke. Die starken Tropfen waren gut, aber sie konnten die bösen Geister in seinem Kopf nicht vertreiben. Bis vor ein paar Tagen waren die Träume und die Wut über seine Frau, die ihn so schmählich verlassen hatte, verschwunden. Seit er aber diese Begegnung mit dem betrügenden Dandy samt seiner Londoner Lady hatte, brachen Wut und Selbstzweifel wieder auf. Und damit konnte er nicht umgehen, geschweige denn schlafen. Im Kampf gegen dieses unglaubliche Gefühl der Hilflosigkeit half ihm der Whisky ein wenig. Er wusste aber, wenn der Nebel weg war, hatte er wieder frei Sicht auf die Vergangenheit.

Marc schlief tief und fest. Er war zufrieden mit der Welt und mit sich selbst. In den letzten Tagen hatte er sich oft in der Hotelküche aufgehalten, Rezepte studiert und tagelang gemeinsam mit dem Küchenchef über die Möglichkeiten von Kartoffeln und Reis als Basiselement der Ernährung philosophiert. In seinem Kopf entstand ein neues Rezeptbuch für die Piraten.

John war kein Langschläfer, aber er konnte doch etwas mehr Schlaf einfangen als das für ihn sonst üblich war. Die Ereignisse der letzten Tage hatten ihm einfach Spaß gemacht. Diesem verhinderten Heiratsschwindler eins auszuwischen und dann noch den Diebstahl an Ottos Westenidee zu verhindern. Das entsprach seinem Verständnis für Gerechtigkeit. Den Gaunern dieser Welt immer wieder in die Parade zu fahren. Und das ohne zu reden. Einfach handeln zu dürfen, das machte ihn zufrieden. Und es machte ihn unsagbar glücklich, seinen Freunden zu helfen.

Gerrit lag noch wach in seinem Bett. Erst vor einer Stunde war er in sein Zimmer gegangen. Lange saß er mit dem Hotelarzt zusammen. Sie hatten sich über die unterschiedlichen medizinischen Methoden unterhalten. Die Ideen der klassische Schulmedizin, deren Verfechter er über Jahre war, kamen nach jedem Gespräch mit diesem Hotelarzt ein wenig  mehr ins Wanken. Elektronik, Skalpell und Chemie waren über Jahre seine Heilungswerkzeuge. Und nun dieser Mensch, der mit seinen Augen, mit seinen Händen und mit seiner Erfahrung analysierte und mit Methoden heilte, die Gerrit bisher als nicht zielführend betrachtet hatte. Und dann hat ihn dieser Hotelarzt auch noch mit Nadeln und einem Kräutersud behandelt. Die Schmerzen in seinem fast blinden Auge waren weg und er hatte das Gefühl, dass sich sogar seine Sehfähigkeit ein klein wenig verbessert hatte. Die Hoffnung auf eine Gesundung seines Auges ließen ihn nicht einschlafen.

Alberto war schon kurz nach 23.00 Uhr in den Armen von Beatrice eingeschlafen. Das Fieber war weg und er fühlte sich gut. Nur der feurige Südländer in ihm war noch etwas müde. Beatrice und er waren glücklich, wenn sie sich aneinander festhalten konnten. In dieser Nacht träumte er sogar von Kindern. Von Beatrice und ihm.

Jose schlief nun die zweite Nacht wie schon lange nicht mehr. Die anklagenden Träume waren nicht mehr so aufwühlend wie sonst. Er träumte auch von den Weinbergen und den Olivenhainen seiner kleinen Heimatstadt. Diese Reise hatte ihn seinem Ziel näher gebracht als alles, was er seit der Zeit nach seinem Ausbruch aus dem Elternhaus bisher versucht hatte, um diesem Gespenst der Schuld zu entkommen.

Juris hatte gelernt, seine Gedanken zu sortieren und er meinte, wenn es notwendig wäre, könnte er sie auch einfach aus seinem Kopf verbannen. Er hatte wohl Albträume, aber er konnte sich am nächsten Morgen nie daran erinnern. Also gab es keine Träume für ihn. Ihm fiel auf, dass er morgens erfrischter aufwachte als früher. Er fühlte sich erholter nach dem Schlaf. War es die frische Luft auf See, war es der neue Lebenswandel? Er wusste es nicht. Eines war sicher: Die Gedanken an seine Verfehlungen, die er unter dem Befehl der alten Machthaber begangen hatte, waren noch in ihm. Manchmal holten sie ihn als Tagträume ein. Und es war auch sicher, dass er sie los haben wollte. Diese Tagträume. Diese Verbindung zu seinem alten Leben.

Greg hatte zurückgefunden zur Meditation und zum Gebet. Er fühlte sich nicht mehr als Mönch, aber er fühlte sich so seinem Gott näher als früher. Weit weg von den Mauern des Klosters, weit weg von den Zwängen der Riten der Benediktiner war er nun für sich in dem Leben angekommen, das er sich wünschte. Keine Suche mehr nach was auch immer. Das Hier und Jetzt zwischen den Piraten war das, was er wollte. Er schlief vollkommen ruhig und zufrieden und er lächelte im Schlaf.  

Wilhelm war lange aufgeblieben und hatte die neuen Pläne für den Einbau der Ersatzteile für die Motoren studiert. Um 10 Uhr wollten die Monteure kommen und dann wäre  die Blauzahn bald wieder fahrbereit. Diese Eskapade mit seinem verhinderten Schwiegersohn hatte ihn weniger aufgewühlt als gedacht. Gedanklich machte er einen Haken dahinter. Die Blauzahn, die Motoren und die Nordstrandpiraten waren nun der Mittelpunkt seines Lebens. Zuhause war ein schöner, angenehmer Gedanke. Aber eben nur noch ein Gedanke. Mit Motorengeräuschen in seinen Träumen konnte er gut schlafen.

Jan hatte seit zwei Tagen keinen Schluck Alkohol mehr getrunken und er nahm auch keine Tabletten mehr. Diese Tabletten, die er manches Mal benötigte, um der Traurigkeit und den Weltschmerz vergessen zu machen. Kurz dachte er, als die Geschichte mit Wilhelms verhindertem Schwiegersohn aufkam und er die Londonlady sah, dass er seiner Wut nicht Herr werden würde. Die Frau des Mannes, der ihn fast seine ganze Existenz gekostet hätte. Aber die Freunde hatten für ihn entschieden, ohne etwas davon zu wissen und Greg hatte ihn dorthin geholt, wo er sein sollte. Ins Leben und das ohne Rachegelüste. Er schlief mit vielen Unterbrechungen, aber er schlief.

Otto war lange wach geblieben. Er wollte die Schneidemuster sortiert haben, damit er diese per Kurier nach Hause schicken konnte. Sein Zimmer war unordentlich, weil überall die Kartons mit den Muster-Westen herumlagen. Das Hotelmanagement hatte ihm versprochen, am Morgen eine Hilfskraft zu schicken, damit er alles versandfertig machen konnte. Die Kollektion sollte nach Deutschland geschickt werden. Diese Westen sollten ihm eine erste Basis für sein neues Leben nach der Blauzahn sein. Er sah sich dabei nicht auf einer Stufe mit Lagerfeld oder Dior. Er wollte sich die Lust am Schneidern nicht durch das Streben nach Bekanntheit und Geld verderben lassen. Nein er träumte einfach davon, dass es einmal Menschen gab, die seine wilden Westen tragen würden. Das Logo "voll kraz" fett vorne drauf und sich wohl darin fühlten. Dieses Gedanke machte ihn sehr zufrieden, obwohl er gar nicht sagen konnte, warum das so war. Und nun schlief er zwischen all den geschneiderten Ideen.

Beatrice und Julia hatten wenig miteinander gesprochen. Beiden waren sie in ihren intimen Gedanken versunken und dachten an morgen und übermorgen. Was könnte da noch auf sie zukommen? Im Schlaf hatten sich ihre Hände gefunden und sie hielten sich gegenseitig fest.

Trevor lag zufrieden auf seiner Decke. In seinen Träume jagte er hinter bunten Bällen her und wenn er einen gefangen hatte, bekam er eine tolle fressbare Belohnung von Siri, die er in seine Träume schon fest eingebaut hat. Im Schlaf strampelte er immer wieder mit den Pfoten und gab knurrende Geräusche von sich. Bis er von den geträumten Leckereien so satt war, dass er sich zufrieden auf den Rücken rollte und traumlos weiterschlief. Auch ein Hundekopf braucht mal Pause.

Frühstück 25.5.2015 9.00 Uhr

Alle waren  zum Frühstück erschienen. Die beiden Kranken hatten sich erholt und waren bereit, die verpassten Kalorien nachzuholen. Nur Trevor war nicht mit dabei, Siri hatte ihn sehr früh abgeholt und wollte ihn noch einmal mit einem großen Spaziergang und einer nachfolgenden bio-ergonomischen Massage für die Weiterreise auf der Blauzahn fit machen. Dass sie sich ein Reitpferd besorgt hatte und Trevor nun als Begleithund fungieren sollte, wusste Pet nicht.

Wilhelm war nicht recht bei der Sache oder besser gesagt bei der Marmelade. Er bekleckerte sich ein paar Mal, war wortkarg und trank seinen Tee sehr hastig. Dann machte sich sein Tablet bemerkbar. Er öffnete die eingehende E-Mail, las den Text und schüttelte den Kopf. Er las die E-Mail nochmals und schüttelte nochmals den Kopf. Der Text blieb der gleiche, trotz der heftigen Kopfbewegungen. An Otto gewandt sagte er mit leiser Stimme. "Da hat mir jemand zwanzigtausend Euro als Wiedergutmachung überwiesen. Aber nicht mein verhinderter Schwiegersohn. Meine Frau schreibt mir das gerade. Sie weiß nur, dass es von unserem Anwalt überwiesen wurde und er ihr mitgeteilt hat, dass das Geld von einem Gönner kommt. Mehr weiß sie nicht. Ich bin doch sehr erstaunt und freue mich trotzdem unheimlich darüber. Das ist der Schuldenberg, den meine Tochter noch abzutragen hätte. Ich würde nur zu gerne wissen, wem ich dafür danken soll. Meinst du, ich sollte das allen sagen oder soll ich das für mich behalten?" Otto schüttelte den Kopf. "Sag es in der Runde - am besten heute Abend. Lass es erst einmal auf dich wirken und heute Abend können wir das dann feiern. Ist doch wunderbar für dich und deine Familie."

Ein paar Minuten später trafen die Monteure ein und Wilhelm musste zu seinen Maschinen. Oder - wie er schon ein paar Mal sagte - zu seinen Adoptivkindern.

Otto bekam seine Hilfe und machte sich daran, seine Kollektion zum Versand bereit zu machen. Lars, Alberto, Jose, John und Juris studierten Wetterkarten und erarbeiteten die Route. Marc überprüfte die Vorräte und veranlasste die letzten Besorgungen. Jan besichtigte die Werftanlage und beschaffte für die Blauzahn ein neues Sonnensegel. Gerrit hatte nochmals ein Besprechung mit dem Hotelarzt. Greg war neugierig und begleitete ihn. Pet schrieb seinen letzten Bericht aus der Hotelanlage, denn es war geplant, dass sie am 27. Mai 2015 die Werft und damit auch Sri Lanka verlassen würden. Für den 26. Mai war geplant, dass sie abschließend die Route besprechen wollten. Ansonsten würden sie mit Packen beschäftigt sein. Denn bereits in der Nacht vom 26. auf den 27. wollten sie wieder an Bord übernachten.

Trevor lag inzwischen auf Pet´s Zimmer, allerdings so ruhig und friedlich, dass Pet sich Sorgen machte, weil sich sein tierischer Freund nur sehr selten regte. Siri, die ihn um 12 Uhr besuchte, berichtete ihm, dass sie einen sehr langen Ausritt hinter sich hatten und Trevor danach die Massage bereits im Halbschlaf über sich ergehen ließ. Sie erkundigte sich noch, wann sie den abreisen würden und verschwand danach etwas traurig aus dem Zimmer.

Der Aufenthalt auf Sri Lanka war lang gewesen, aber nicht lang genug, um sich die Sehenswürdigkeiten der Insel anzuschauen. War das ein Versäumnis oder war das gewollt? Sie waren einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt, dass keiner das Bedürfnis verspürt hatte. 

 Fortsetzung folgt

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