Kapitel 40

25. Mai 2015 9.00 Uhr Hotelhalle

Der vermeintliche Ex-Verlobte von Wilhelms Tochter stand mit seiner Partnerin am Empfang.  Julia Piro beobachtete, wie sie ihre Kreditkarte auf den Tresen legte, um die Hotelrechnungen zu bezahlen. Sie fand, dass das für ihre Aktion genau der richtige Zeitpunkt war. Wilhelm, Lars, Marc und Jan hielten sich noch zurück, als Julia losstürmte und sagte: "Herr Wim Graf oder soll ich Sie als Benjamin DeKerke ansprechen? Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?" Ohne auf seine Antwort zu warten, plapperte Julia Piro einfach weiter drauflos "Ich habe von der Sache mit ihrer Ex-Verlobten gehört. Wie fühlt man sich denn, wenn man vom Geld anderer Menschen lebt, diese ausnützt und sie dann pleite und unglücklich zurücklässt?" Die Partnerin von Wim Graf hatte sich umgedreht. "Was will die Frau von dir, Johann? Warum spricht sie dich mit Namen an, die mir nichts sagen?" Wim Graf war mehr als nur verdutzt und momentan nicht in der Lage, auf diese vielen Fragen zu antworten. "Was für einen Namen tragen sie denn jetzt? Johann? Ihr Name ist laut Aussagen der Polizei doch Wim Graf.

Ihr früherer Beinah-Schwiegervater hat sie erkannt. Dort hinten steht er und wartet auf eine Erklärung." Julia war so spontan und schnell, dass sie die beiden überrumpelte. Als Wim sich dorthin umdrehte, wo Wilhelm mit den Nordstrandpiraten stand, wurde er leichenblass. Nun wurde ihm klar, dass er schnell handeln musste. "Hör zu meine Liebe, das ist sicher eine Verwechslung. Ich kenne die Dame hier nicht und einen Wilhelm schon gar nicht. Ich war noch nie verlobt und von fremdem Geld habe ich noch nie gelebt." Aber da stand schon Wilhelm vor ihm, begleitet von Lars, Marc und Jan. Hinter Wim und der Lady hatten sich Jan, Jose, Gerrit, Greg und Juris aufgebaut. Gerrit sprach ihn auf Holländisch an. "Warum bist du hier? Schon wieder auf Frauenfang und Abzocke? Wir haben dich im Visier, aus der Geschichte kommst du nicht raus." An die Lady wandte sich Gerrit höflich und zuvorkommend. "Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Doktor Gerrit Brom und ich bin der Schiffsarzt der Blauzahn. Von unserem Freund und dem ersten Maschinenoffizier unserer Jacht, Wilhelm Bossmann, haben wir erfahren, was dieser Mann seiner Tochter angetan hat. Unser Kapitän zur See, Herr Lars Larsen, hat inzwischen schon einige Erkundigungen über Wim Graf eingezogen und wir sind sicher, dass dies der verschwundene Ex-Verlobte von Wilhelm Bossmanns Tochter ist. Die Journalistin Frau Julia Piro, sie arbeitet für einige Londoner Tageszeitungen, hat sich zur Aufgabe gemacht, das Treiben solcher Heiratsschwindler journalistisch aufzuarbeiten. Der Zufall wollte es, dass wir hier zusammentrafen. Frau Piro will einige Bilder machen, der Artikel  soll demnächst in den Londoner Tageszeitungen erscheinen." Das war wohl zu viel für die Londoner Lady. Sie drehte sich um, leistete die Unterschriften für die Bezahlung der Hotelrechnungen, packte schweigend ihre Kreditkarte ein. Rannte zum Taxi und ließ den Fahrer die Koffer von Wim Graf auspacken. Dann zerriss sie demonstrativ das Flugticket für Wim und verschwand mit dem Taxi vom Gelände des Hotels. Da stand er nun, der Übeltäter. Die Koffer vor dem Hoteleingang, vor aller Augen gedemütigt und blamiert und ohne Geld und Flugschein. "Reicht das?" fragte Julia Piro in die Runde. "Oder sollen wir weitermachen?" - "Genug." sagte Wilhelm. "Was sollte das aber mit den Titeln für uns, die du der Dame hier untergejubelt hast?" fragte er Gerrit. "Das macht Eindruck, das erhöht auch die Glaubwürdigkeit. Wenn es hätte sein müssen, hätte ich Juris noch zum Ex-Geheimdienstchef der lettischen Regierung gemacht. Und Greg zum apostolischen Nuntius des Heiligen Stuhls in Malaysia ernannt. Was der Wim kann, können wir doppelt gut. Blenden und dabei noch verdammt ehrlich aussehen." Obwohl die Sache sehr ernst war und alle sich darüber bewusst waren, dass sie gerade die Existenz Wims in Gefahr gebracht hatten, konnte keiner das Lachen unterdrücken. An Julia gewandt meinte er abschließend. "Aber das mit den Artikeln in der Londoner Presse, kannst du das veranlassen? Die Londonlady braucht auch einen Dämpfer." Julia überlegte kurz bevor sie antwortete. "Bilder habe ich ja von den beiden, aber was bringt es?" Da mischte sich Jan ein. "Sorry, aber der Mann der Lady ist nicht gerade derjenige, der sanft und korrekt mit seinen Geschäftspartnern umgeht. So ein wenig Gehörntes schadet ihm nicht." Greg schüttelte den Kopf. "Ich finde, wenn wir hier anfangen, Moralapostel zu spielen und alle Sünder, denen wir begegnen und denen wir zürnen, eins auswischen wollen, dann haben wir uns etwas zur Aufgabe gemacht, das nicht zu uns passt. Auf dieses Niveau lassen wir uns bitte nicht ein." Ohne weitere Diskussion nickten alle bis auf Julia zustimmend. "Entschuldige Greg, das bringt mein Job so mit sich, solche Geschichten zu entdecken, zu recherchieren und - falls man daraus eine Story machen kann - diese auch zu veröffentlichen. Aber leider hast du recht. Das ist keine Sache, die der Öffentlichkeit dient. Also zur Meinungsbildung beiträgt. Sie befriedigt tatsächlich nur den Voyeurismus. Aber ich behalte das Material bei mir. Wenn es mal passt, dann veröffentliche es." Sie senkte den Kopf, dann kam der Nachsatz. "Oder besser doch nicht."

Jan hatte genau zugehört und war nicht zufrieden. "Wieder eine Möglichkeit vertan, einen geldgeilen Typen zu bestrafen. Fangen wir jetzt an, den Moralwalzer zu tanzen? Erst fordern wir zum Rock'n Roll auf und dann tanzen wir einen Wiener Walzer auf einem Wohltätigkeitsball. Schön anzusehen, gesellschaftsfähig und voller Gutmenschbotschaften. Mal wieder nur den Finger erhoben, ohne weiterzumachen." Jan behielt seine Gedanken für sich.

Die Westenproduktion

Otto war mit John und Beatrice unterwegs zur Schneiderei. Sie hatten sich schon sehr früh einen Mietwagen mit Chauffeur bestellt. Beatrice hatte sich Otto angeschlossen, da ihre Neugierde auf seine Westenkollektion sehr groß war und sie  - wie John - noch etwas anderes sehen wollte als die Hotelanlage. Die Fahrt zu der Schneiderei war lange und sehr anstrengend. Immer wieder war der Wagen zwischen Esel- und Handkarren sowie Uralt-Lastkraftwagen eingeklemmt. Die Straßen quollen über von Menschen, Maschinen und Tieren, die die kurzen trocknen Phasen zwischen den Monsunregengüssen ausnutzen wollten. Der Wagen war neu und die Klimaanlage konnte die feuchtwarme Luft, die von draußen hereinkriechen wollte, gut ausgleichen. Als sie endlich die Schneiderei erreichten, waren sie alle trotz der Klimatisierung komplett durchgeschwitzt. Otto eilte voraus in das Bürogebäude, um dem einsetzenden Monsunregen schnellstens zu entkommen. Der Inhaber, er nannte sich "chief executive officer", empfing seine drei Besucher mit überschwänglicher Höflichkeit. Im Vorzimmer seines Büros lagen einige der geschneiderten Westen. Nach dem angebotenen Tee und kurzem Small-Talk wurden die Teile von seinen Mitarbeitern vorgeführt. Die kleine Modenschau hatte etwas Belustigendes an sich, da alle vermeintlichen Models doch viel zu schlank und klein für die benötigten Größen und vorgeführten Westen waren. Otto kam sich mit seinen gerade mal Einmeterzweiundsiebzig schon sehr groß vor unter all den Mitarbeitern der Schneiderei.  Aber die Westen waren gut gearbeitet, die Knopfzeilen an den richtigen Plätzen angebracht und die Taschen für die Westen, die man an den Knopfzeilen anbringen konnte, waren bestens verarbeitet. "Vor allem die Damenwesten sind genial", meinte Beatrice. Sie hatte sich sofort eine der Westen gegriffen und anprobiert. Sie fand es großartig, dass man an die Westen doch tatsächlich bis zu fünf unterschiedliche Taschen anbringen konnte. Ihre Begeisterung steigerte sich noch, als sie eine sackartige Tasche im Hüftbereich der Weste mit Hilfe von drei Knöpfen anbrachte. "Voll Kraz" rief sie vergnügt und hatte damit für Ottos Produktionslinie einen wichtigen Werbeslogan erfunden.

Die Auswahl an Taschen und Möglichkeiten, die Westen zu gestalten, waren enorm. Otto war zufrieden mit sich, mit der Schneiderei und mit der Welt. Er ließ alles einpacken. Die Westen mit den Taschen sollten am kommenden Tag ins Hotel geliefert werden. Die Bezahlung war  auch geregelt und Otto hätte zufrieden mit seinen beiden Begleitern abfahren können, wenn es bezüglich der Schnittmuster nicht zu Komplikationen gekommen wäre. Die wurden nicht sofort aufgefunden. Otto wollte sie aber wieder haben. Es waren zwar keine Unikate - er hatte sich davon Kopien gemacht. Aber das Geschäft mit dem Schneider war abgeschlossen und die Westen- und Taschenbaupläne waren sein Eigentum und das wollte er wieder haben.  Der "chief executive officer" wurde sichtlich nervös, als Otto ungehalten wurde, weil er die Schnittmuster nicht sofort ausgehändigt bekam. Er bat um etwas Geduld, bis man die Zeichnungen bringen würde. Es wurde nochmals Tee gereicht, aber John war sehr ungehalten und glaubte nicht daran, dass die Vorlagen verlegt waren. Unvermittelt öffnete er die Tür, die in das Zimmer der Sekretärinnen führte und musste feststellen, dass die Damen gerade dabei waren, die Pläne zu kopieren. Die Fotokopierer spuckten die Duplikate aus. John konnte nur knurren, aber das reichte schon, um die Damen von den Maschinen wegzutreiben. Er packte alles, was er zu den Kraz'schen Westen an Papieren finden konnte, unter seinen Arm und stampfte immer noch knurrend zurück ins Büro des "chief executive officer". Dort knallte er lautstark den Packen Papier auf den Schreibtisch, schaute dem Inhaber in die Augen und packte alles wieder zusammen. Mit einer unmissverständlichen Geste wies er Otto und Beatrice, sowie zwei der Mitarbeiterinnen an, alles einzupacken und sofort nach unten zum wartenden Mietwagen zu bringen. Ohne auch nur den kleinsten Widerstand zu leisten, wurde seiner schweigenden Anweisung Folge geleistet.

Als der Mietwagen vor dem Hotel ankam, mussten die Insassen zuerst von den Kartonagen befreit werden, die sie unter den Füßen, auf dem Schoss und zwischen sich gestapelt hatten. Der Kofferraum war auch gut bestückt, sie hatten einfach alles mitgenommen, was Otto gehörte. 

Beim Abendessern musste Otto ausführlich erzählen und Beatrice ließ sich mit ihrem neuen modischen Kleidungstück bewundern. Nach dem Essen bekam Julia Piro ihre Kraz'sche Weste. Sie hatte lange genug neidisch das Teil bei Beatrice betrachten müssen. Und nun besaß sie selbst eines. Otto hatte bei allen Westen das Nordstrandpiratenlogo und den Namen Kraz einsticken lassen und das zeigte Beatrice mit Stolz in die Runde. Sie meinte offensichtlich, mit dieser Weste sei sie nun aufgenommen worden in die Runde der Piraten. Otto grübelte die halbe Nacht darüber, wie er dies richtig stellen konnte, ohne Julia zu verletzen.

Pet war wie Alberto sehr früh zu Bett gegangen. Ganz genesen fühlten sich beide noch nicht. Schlafen konnte er aber auch nicht. Lange lag er wach auf seinem Bett, während Trevor immer wieder im Schlaf fiepste oder auch ab und zu ein grunzendes Geräusch von sich gab. Immer wieder geisterten in seinem Kopf die Ereignisse der letzten Wochen herum und auch dieser Fieberwahn, der ihm den verrückten Albtraum beschert hatte.

Dann stand er auf, um seine Gedanken in seinem Tagebuch festzuhalten. Er versuchte sich vorzustellen, wie er ein heimlicher Beobachter der Mannschaft wäre und doch mittendrin. Aus dieser Sicht begann er zu beschreiben, was er empfand.

Fortsetzung folgt.

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Kommentare: 1
  • #1

    Veronesse (Samstag, 07 November 2015 22:13)

    Verzeihe euch alles...
    Und ab wann gibt's die Handtaschenweste zum Trost?????????