Kapitel 38

Hotelzimmer Nr. 22 - 16.30 Uhr

Wilhelm lag auf seinem Bett. Die Monteure hatten vor drei Stunden die Arbeit eingestellt und mit ihm über die weiteren Details der Inspektion und der Reparatur gesprochen. Es würde mindestens drei Tage dauern, bis das Ersatzteil kommen würde. Erst dann konnten sie weiterarbeiten. Er hatte mit Lars noch darüber gesprochen, dass es etwas länger dauern würde, aber das schien kein Problem zu sein. Verheimlicht hatte er allerdings, dass er Veränderungen an den Turboladern vornehmen würde, um damit noch ein paar PS mehr aus den Maschinen zu locken. Der Motorentechniker meinte, das sei kein Problem und hatte die notwendigen Umbauteile gleich mit bestellt. Spätestens wenn die Rechnungen kamen, würde man sehen, dass er da etwas mehr als eine Inspektion veranlasst hatte. Ein klein wenig schlechtes Gewissen plagte ihn jetzt schon. Wenn es passte, würde er das heute Abend beim Dinner beichten. Was ihn allerdings mehr beschäftigte war einer der Gäste. Ein etwa fünfunddreißigjährigen Mann, den er in der Hotelhalle gesehen hatte. Er meinte ihn zu kennen. Immer wieder versuchte er sich Bilder aus der Vergangenheit vorzustellen. Der Mann sprach wie der Ex-Verlobte seiner jüngsten Tochter und er bewegte sich auch so. Als er ihn zum letzten Mal vor fünf Jahren gesehen hatte, war sein Haar lang und voll und er trug noch keinen Bart. Und nun hatte der Kerl kurze Haare und trug einen Dreitagebart. Wilhelm war sich nicht ganz sicher, ob es wirklich der Mann war, der seine kleine Antje so unglücklich gemacht hatte.

Er hatte die Bilder der Verlobungsfeier noch genau vor sich. Seine Tochter war so glücklich und keine acht Wochen später gestand er ihr, dass er eine andere kennen gelernt hätte und sie verlassen würde. Verzweifelt war seine Tochter zu ihrem Vater gekommen und hatte drei Tage bei ihm übernachtet und nur geweint. Dann sind sie zu dritt -Julschen, seine Frau, Antje und er - zu ihrer Wohnung gefahren. Die war komplett leergeräumt, bis auf Antjes Kleidung. Wilhelm hatte sofort die Bank kontaktiert, bei der seine Tochter mit ihrem Verlobten gemeinsame Konten hatte. Alles leergeräumt, das ganze Ersparte war weg. Sie gingen zur Polizei, setzten zuerst eine Vermisstenmeldung auf und zeigten dann diesen Menschen an. Er wurde aber nie gefunden. War untergetaucht. Seine Spur endete beim letzten Gespräch mit Antje. Und nun meinte Wilhelm, diesen Mann hier wieder zu sehen. Julschen war damals fast daran zerbrochen, sie mochte Antjes Verlobten sehr. Charmant, zuvorkommend und mit einem Sprachwitz ausgestattet, der selbst die etwas unterkühlte Julschen immer wieder zum Lachen brachte.

Je mehr er darüber nachdachte, um so sicherer war er sich, dass dieser Kerl im Hotel der gesuchte Ex Verlobte seiner Tochter war. Sollte er sich diesem Menschen zu erkennen geben? Nein, es war besser, zuerst jemand anderen zu Rate zu ziehen. Aber wen? Lars, Otto oder Pet - zu denen hatte er bisher den besten Kontakt. Mit denen konnte man auch einmal etwas sehr Persönliches besprechen, ohne dass das zu Missverständnissen führte. Dass er sich für diesen Weg entschlossen hatte, gab ihm seine Ruhe zurück.

Hotelzimmer Nr. 26 - 17.10

Pet wurde durch ein heftiges Klopfen an seiner Zimmertür geweckt. Sein schneller werdender Puls puschte ihn hoch. Er eilte zur Tür und öffnete, ohne nachzufragen, wer denn etwas von ihm wollte. Trevor stürmte durch die geöffnete Tür - ihm Türrahmen blieb die junge Hotelmitarbeiterin mit der Leine stehen. Pet bat sie herein, aber sie blieb einfach stehen und erzählte ihm, was sie und Trevor alles unternommen hatten. Zuerst waren sie ausgiebig auf dem Gelände spazieren gewesen. Wobei Trevor, das betonte sie, sich nur von ihr anfassen lassen wollte und alle anderen Personen sehr argwöhnisch betrachtete. Dann waren sie nochmals schwimmen. Zuerst im Meer und dann im Hundepool. Und nun sei er wohl müde und sie müsse zurück zu ihrer Arbeit. Sie überreichte Pet die Leine und wollte gehen. Er bat sie kurz zu warten und holte einen Geldschein aus seiner Tasche. Otto und er hatten sich im Hotel Geld wechseln lassen, um etwas Bargeld für ihre Fahrt zur Schneiderei in der Tasche zu haben. Neben den indischen und den Dollarscheinen hatte sich noch ein zehn Euroschein in seiner Hosentasche verirrt. Sie wollte den aber nicht annehmen und entschuldigte sich fast dafür, dass er wohl die Meinung gewonnen hätte, dass sie das nur für Geld getan hätte. Nein, meinte sie, sie würde Trevor einfach mögen, nur deshalb hätte sie angeboten, mit Trevor spazieren zu gehen. Pet überlegte, wie er seine Dankbarkeit trotzdem zeigen konnte, ohne die junge Frau zu beleidigen. Er holte nochmals einen Geldschein aus seiner Tasche, drückte ihn mit sanfter Gewalt in ihre Hand und sagte, sie sollte für Trevor bitte einhundert Gramm Lammfleisch besorgen und das Wechselgeld sei dann ihres. Mit diesem Handel konnte die junge Dame leben und verabschiedete sich zufrieden. Pet war begeistert von dem, wie er bisher die Einheimischen erlebt hatte. Bescheidenheit, Stolz und Freundlichkeit waren das, was die einfachen Menschen hier offensichtlich auszeichnete.

Dinner

Beim Dinner sprach Wilhelm Otto, Pet und Lars an, um sich kurz nur mit ihnen allein unterhalten zu können. Er erzählte, was mit seiner Tochter geschehen war und was er hier im Hotel beobachtet hatte. Otto fragte, wie sie ihm helfen könnten oder was er von ihnen erwartete. Wilhelm überlegte kurz. Er war nicht sicher, ob er sich rächen oder ob er Gerechtigkeit haben wollte. Was war es, das ihn da antrieb? Dass er hier auf Sri Lanka keine juristischen Schritte einleiten konnte, war ihm klar. Fast pubertär antwortete er. "Ich denke erst einmal, eine kleine Abreibung würde ihm gut tun. Nicht unbedingt körperlich. Vielleicht reicht es, ihn einfach ordentlich zu blamieren. Die Frau die bei ihm ist, ist nicht seine Ehefrau, das habe ich schon herausbekommen." Dann musste er nochmals nachdenken. "Ehrlich, ich bin einfach wütend, diesen Menschen hier zu sehen. Ich weiß es nicht, wie ich meine Wut bekämpfen soll. Mein Sinn für Gerechtigkeit ist damals ordentlich ins Wanken geraten. Da kommen noch ein paar andere Faktoren dazu, diese Sache war aber der Gipfel dessen, was ich ertragen konnte." Dann zuckte er nur mit den Schultern. Alle hatten verstanden, dass es ihn einfach zutiefst getroffen hatte, dass er dem Mann, der seine Tochter verlassen und ausgeraubt hatte, hier in einer teuren Hotelanlage auf Sri Lanka mit einer anderen Frau glücklich und zufrieden wieder begegnete. Otto schob ihn in Richtung Speisesaal und sagte an alle gerichtet. "Lasst uns erst mal was essen und etwas entspannen. Wir sind noch ein paar Tage hier, da wird sich sicher etwas finden, um deiner Wut echten Raum zu geben.

Der Ex-Verlobte

Mit Wilhelms Erlaubnis hatte Otto Julia Piro und die anderen Nordstrandpiraten darüber informiert, was Wilhelms Tochter vor Jahren passiert war und dass Wilhelm vermutete, dass der Ex-Verlobte sich hier im Hotel aufhielt. Johns und Jans Augen glänzten. Bei beiden hatte sich schon seit einiger Zeit ein gewisses Suchtverhalten nach Abenteuern entwickelt und sie waren sofort Feuer und Flamme, als Otto davon sprach, dass sie doch gerne Wilhelm helfen würden, diese Altlast aus der Heimat zu bereinigen. Julia begann bereits während des Dinners mit ihren Recherchen. Wilhelm hatte ihr alle Informationen dazu gegeben, die er in Bezug auf diesen Kerl hatte und den er als Wim Graf kannte. Zwei Stunden später bekam sie von einem Amsterdamer Zeitungskollegen die erste Information. Wim Graf, alias Benjamin DeKerke, zweiunddreißig Jahre alt, ehemaliger Polizist der NRI, einer eigenständige Abteilung der Polizei der Niederlande, die sich mit Sammeln von Informationen und Recherchen beschäftigte. Und hier war er Spezialist für IT. Unehrenhaft entlassen, weil er sich in Computersysteme von Banken, anderen staatliche Dienststellen und Logistikunternehmen eingehackt hatte und versucht haben soll, Mitarbeiter oder Unternehmen zu erpressen. Selbst seinen Lebenslauf hat er bei allen öffentlichen Einrichtungen korrigiert. Die Verfahren gegen ihn wurden alle eingestellt, da man sich nicht öffentlich dazu bekennen wollte, dass einem Mitarbeiter einer Behörde diese Manipulationen und Erpressungsversuche gelungen war. Gegen 23 Uhr, als gerade der Nachtisch serviert wurde, kam dann noch ein Bild von Wim Graf. Wilhelm erkannte ihn sofort. Julia hatte bereits von einem sehr zugänglichen Hotelmitarbeiter erfahren können, dass Benjamin DeKerke hier mit einer englischen Lady abgestiegen sein. Sie hatten Einzelzimmer gebucht. Julia überprüfte noch die Identität der Dame in Begleitung DeKerkes. Es stellte sich heraus, dass sie die Gattin eines erfolgreichen britischen Investmentbankers war. Otto fragte in die Runde, was man jetzt mit diesen Informationen machen wolle. Und Julia im Speziellen fragte er, ob diese Informationen denn alle frei zugänglich wären? Außer, dass DeKerke sich Daten verschafft hatte, die er sich nicht hätte beschaffen sollen und dürfen. Ein klares Ja war ihre Antwort. Sie habe nur ihre eigenen Quellen genutzt, um schneller und komprimiert an diese Informationen zu kommen. Nichts, was sie hier an Wissen gesagt habe, war auf ungesetzliche Weise beschafft worden. Und lächelnd fügte sie noch hinzu. "Außer den Lottozahlen von morgen und einer wirklich guten Wettervorhersage findet man fast alles im Netz. Man muss nur wissen, wo man was finden kann. Ist vielleicht etwas übertrieben, aber das Wissen, das es inzwischen auf elektronischem Wege zu erkunden gibt, ist gigantisch. Schaut einfach mal unter den Suchwörtern Blauzahn und Nordstrandpiraten nach, was ihr da schon alles lesen könnt." An Wilhelm gewandt meinte sie. "Was willst du erreichen? Strafrechtlich glaube ich kaum, dass wir hier etwas bewirken können. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ihr ihn in eine dunkle Ecke zerren wollt, um ihm dann eine Abreibung zu verpassen. Ihr könnt ihn bloß stellen, öffentlich sogar demütigen. Außer den ungeheuren emotionalen Schmerzen, die er deiner Familie zugefügt hat - was fehlt euch? Monetär?" Wilhelm überlegte kurz, ob er das preisgeben sollte. Und entschied sich dann dafür, weil er ja schon so weit gegangen war und den letzten Schritt auch noch gehen wollte. "Der Anteil an der Wohnungseinrichtung war etwa zwölftausend Euro und auf den Konten noch zweitausend Euro. Das war für meine Tochter und auch für mich sehr viel Geld. Sie hatte ihren Anteil an der Einrichtung vom Erspartem bezahlt und auf dem Konto war ein Monatsgehalt. Sie musste dann noch zwei Monatsmieten für die leer geräumte Wohnung bezahlen und ich habe ihr geholfen, dass sie sich nach ein paar Monaten eine kleine Wohnung leisten konnte. Und ich habe damals meinen Rentenfond aufgelöst und ihr davon die Einrichtung bezahlt. Ich lasse keines meiner Kinder im Stich. Ihre Geschwister haben auch noch einiges beigesteuert. Ich habe drei Jahre länger gearbeitet, als ich ursprünglich wollte und war froh, dass das so einfach ging."

Otto dachte bei sich, dass nun wohl auch Wilhelm als der unbekannte Sponsor ausfallen würde. Was Wilhelms Familie wegen eines solchen Strolches durchmachen musste. Otto war nicht unbedingt ein Freund von derben Worten, aber was er dachte war: "So ein elendes Schwein! Der muss eine Quittung bekommen, die lange genug in ihm brennt.  Aber wie?"

Der Stich

Jan, der neben Pet saß, tippte ihn an der Schulter an. "Was hast du denn da am Oberarm? Hat dich was gestochen?" Pet schaute nach und befühlte die Stelle. Der Einstich war heiß und es hatte sich ein fast drei Zentimeter großer roter Ring um die Einstichstelle gebildet. "Oh, ich habe das zwar vorhin bemerkt, da war es noch einfach ein kleiner juckender Punkt auf meiner Haut. Gerrit kannst du dir das bitte nachher mal anschauen?" Gerrit schaute von gegenüber zu Pet und seinem roten Feuerring. "Nein, mein Freund, nicht nachher, das machen wir gleich. Komm wir gehen auf dein Zimmer." Da das Dinner schon geendet hatte, war es kein Problem, dass sie gingen. Gerrit untersuchte den Stich und stellte fest, dass Pet schon leichtes Fieber hatte. Er selbst hatte das nicht bemerkt, da er meinte, die Klimaanlage sei so eingestellt und dass er deshalb fröstelte. Gerrit ging zum Nachtportier, um ihn nach einer Apotheke zu fragen. Der konnte ihm nicht helfen, bot ihm aber an, den Hotelarzt vorbei zu schicken, da dieser eher entsprechende Medikamente besorgen könnte. Der Arzt kam sehr schnell, untersuchte Pet und besprach seine Diagnose mit Gerrit. Gerrit schüttelte den Kopf, deutet auf Pet und sagte in seinem besten Englisch. "Do it!"  Dann packte der Hotelarzt ein Skalpell aus, legte es auf ein Tuch, reinigte seine Hände mit Wasser und danach mit einer Salbe. Er holte Salben, Tiegel und Verbandsmaterial aus der Tasche und legte sie offensichtlich in einer bestimmten Reihenfolge nebeneinander. Dann entzündete er eine Art Kerze und Pet musste den starken Rauch, der aufstieg, einatmen. Er entschwand umgehend  ins Land der Träume und dann bearbeitete der Hotelarzt seine Insektenstichwunde. Zuerst ritzte er die Haut leicht rund um die gerötete und angeschwollene Einstichstelle und nur so tief, dass ein klein wenig Blut austrat. Dann wurden diese Hautritze mit einer Salbe eingerieben und mit einer feuchten Bandage abgedeckt. Danach legte der Arzt einen Verband an und Pet bekam abschließend noch einmal die Wunderkerze unter die Nase gehalten. Mit einem leichten Leinentuch bedeckt flog er zurück in seine Traumwelt.

Als Gerrit und der Hotelarzt gerade gehen wollten, klopfte es heftig an die Türe. Jose stand davor und bat die beiden Medizinmänner zu Alberto ins Zimmer. Der war offensichtlich auch von einem Insekt gestochen worden und lag schon fiebrig auf seinem Bett. Der Hotelarzt bat darum, dass jemand regelmäßig nach Pet schauen sollte und machte sich dann daran, auch Alberto zu behandeln. Während Alberto nun auch ins Traumland auswanderte und von Beatrice weiter versorgt wurde, machte sich Gerrit daran, jemanden zu finden, der sich um Pet kümmern konnte. Als er aus dem Hotelzimmer Albertos kam, stand Julia gerade an der Türe zu Pet´s Zimmer und wollte dort anklopfen. Gerrit erzählte ihr von der Behandlung und um was der Hotelarzt gebeten hatte. Julia überlegt kurz und meinte dann. "Beatrice ist heute Nacht beschäftigt, dann muss ich wohl bei Pet im Zimmer schlafen und nach ihm schauen. Ich glaube, dass eine einfühlsame weibliche Pflegerin mehr Gutes ausrichten kann, als ihr mit euren schwieligen Händen. Und ich schau mal, ob uns das Hotelmanagement morgen früh diese junge Dame schicken kann, damit auch Trevor versorgt ist. Ich hole nur kurz meinen Nachtgewand. Wenn ich schon einmal die Gelegenheit habe, bei einem Mann zu übernachten, dann sollte ich das doch wenigstens einigermaßen vernünftig gekleidet tun." Sie grinste, zwinkerte Gerrit zu und verschwand. Gerrit zögerte kurz, kam aber dann zu dem Schluss, dass es wohl wirklich besser wäre, Julia diesen Job zu überlassen und keinem der etwas angeheiterten Piraten-Kollegen. Der nächste Morgen würde zeigen, wie es Pet bekommen würde. Total zugedröhnt und hilflos zu schlafen und von eine gut aussehenden  Frau bewacht zu werden.  

Fortsetzung folgt

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