Kapitel 37

Im Park 23. Mai 2015 3.00 Uhr

Otto saß mit Beatrice auf dem Pier bei der Blauzahn. Sie hatten sich beim nächtlichen Spaziergang getroffen. Beatrice konnte wie Otto einfach nicht schlafen. Otto fragte sie, wie sie denn die Mannschaft gefunden habe und wie sie zu ihrer Zimmerreservierung hier in diesem Luxushotel gekommen sei. Sie konnte aber keine genaue Auskunft geben. Als sie nach ihrer Suche im Hafen, in dem sie die Blauzahn vermuteten, in ihr Hotel zurückgekommen sind, hätten sie eine Nachricht vorgefunden, wo sie die Piraten finden würden. Auch ein Taxi stand schon für sie bereit. Wer das alles für sie organisiert hatte, wusste sie nicht. Und als sie dann hier ihr Gepäck, das ihnen gebracht wurde, auspackten, lagen darin noch die beiden Abendkleider mit dabei. Sie hätten sich beide natürlich gewundert, aber darüber hinaus hatten sie sich trotzdem keine Gedanken gemacht.

Für Otto war klar, dass entweder jemand die Blauzahn minutiös beobachtete und dieser Jemand das dann alles veranlasst hatte. Oder einer aus der Mannschaft, der natürlich immer Bescheid wusste, war der Initiator des Ganzen. Aber wer? Beatrice wusste nur eines: Alberto war das nicht, denn er hätte garantiert nicht das Zimmer buchen können. Für Otto stand fest, dass es jemand war, der dafür sorgen wollte, dass Alberto und Beatrice sich sehen konnten. Oder hing es mit Julia Piro's Story zusammen? Das glaubte Otto weniger. Also war es jemand, der Alberto nahe stand und damit war der Kreis der Verdächtigen kleiner. Entweder der Anwalt, der aber nur auf Anweisung arbeitete oder jemand aus dem Kreis der Nordstrandpiraten, der die Fäden ziehen konnte.

Die beiden drehten sich erschrocken um, als Trevor hinter ihnen auftauchte und sie mit seiner Liebe bedachte. Und dann tauchte auch noch Pet auf. "He, ihr beiden Turteltäubchen, braucht ihr frische Luft?" rief er schon von weitem. Im Mondschein konnte er sie nicht deutlich gesehen haben und offensichtlich hatte er nur Beatrice Stimme gehört. "Oh, Otto, du hier mit Beatrice!" Man merkte, dass es ihm peinlich war, denn mit Otto hatte er hier um diese Uhrzeit nicht gerechnet. Immer wenn Otto etwas sehr ernst war, und das war oft so, bekam Pet sofort eine sachliche Antwort. "Vergiss, was dir deine Phantasie gerade vorgaukelt. Wir konnten beide nicht schlafen und haben uns hier im Park beim Spaziergang getroffen. Du läufst ja auch hier vor dem Morgengrauen rum. Oder war es Trevor Verdauung, die dich raus getrieben hat?"

Keiner bemerkte, dass sich keine zwanzig Meter weiter jemand, der sich hinter einem Baum versteckt hatte, leise davonschlich. Pet entschuldigte sich und wollte sich sogleich wieder verabschieden, aber Otto bat ihn, hier zu bleiben. Und dann erzählte er, was Beatrice ihm berichtet hatte.

Lange musste Pet nachdenken, um zu begreifen, was Otto ihm als seine Schlussfolgerung gerade dargelegt hatte. "Ja Otto, du könntest recht haben, aber wer sollte das aus unserer Mannschaft denn bitte sein? Hast du eine Idee?" Das Wort Verdacht wollte Pet in diesem Zusammenhang nicht gebrauchen. "Wir können nur ausschließen, wer es ganz sicher nicht sein kann. Wir beiden, die beiden Brüder Jose und Alberto, dann noch Marc, Greg und Juris. Es bleiben also Lars, John, Wilhelm, Jan und Gerrit übrig." Pet überlegte, ob er Otto sagen sollte, das er auch Lars ausschließen konnte, da der sich ihm ja schon mit seiner Lebensbeichte offenbart hatte. "Wir können auch Lars ausschließen. Ich weiß, dass seine finanzielle Situation das nicht zulassen würde." Otto nickte und antwortete schon etwas müde. "Gut, dann bleiben die vier anderen übrig. Und was machen wir mit dieser oberflächlichen Analyse?" Pet überlegte kurz, da sie unhöflicherweise gerade Deutsch gesprochen hatten. Beatrice verstand das nicht, aber er wollte das Thema auch nicht in ihrer Anwesenheit weiter vertiefen und antwortete kurz: "Nichts machen wir damit. Abwarten und weiter beobachten. Sonst sehen wir irgendwann mal Gespenster und der Zusammenhalt auf der Blauzahn gerät in Gefahr. Und Beatrice sollte sich unbedarft weiter mit Alberto treffen können und ihr Glück einfach nur genießen."

Otto wandte sich deshalb an Beatrice und erklärte ihr, dass der Sponsor wirklich sehr spendabel, umsichtig und auf ihr aller Glück bedacht solche Überraschungen mit eingeplant habe. Beatrice nickte nur noch, denn auch bei ihr machte sich die Müdigkeit bemerkbar und alle machten sich auf den Weg zurück ins Hotel.

Da Otto und Pet nicht unbedingt die Langschläfer waren, erschienen sie auch mit den anderen um 9.00 Uhr zum Frühstück. Nur Alberto und Beatrice kamen etwas später.

Der Tag war angefüllt mit Annehmlichkeiten. Derjenige, der wollte, konnte sich die Haare in Form schneiden lassen, Massagen wurden angeboten, Schwimmen im wohltemperierten Pool oder einfach nur auf einer der Liegen auf der Sonnenterrasse ausruhen. Gerrit versuchte sich im Golfen und für Trevor gab es einen besonderen Service. Einen Hundepool und nachfolgend eine Fellpflege mit physiotherapeutischen Dehnübungen. Das war sicher etwas für ein dekadentes Schoßhündchen, aber nichts für einen Piratenhund. Dachte Pet. Aber Trevor genoss das Schwimmen und Spielen im Pool, auch die Fellpflege mit wohlriechenden Essenzen war ihm willkommen. Bei den physiotherapeutischen Dehnüberungen zeigte er sich allerdings nicht mehr sehr kooperativ. Der junge Mann, der diese Aufgabe zu bewältigen hatte, war einfach mit der geballten unwilligen Kraft eines Piratenhundes überfordert. Erst der Einfluss einer jungen weiblichen Hand ließ auch seine Kräfte dahinschwinden und wenn er gekonnt hätte, hätte er geschnurrt. Als er um 14.00 Uhr seinem Herrn übergeben wurde, war Trevor nicht mehr der Alte oder gar an seinem Geruch zu erkennen. Man hatte ihm in sein Fell ein paar Rasta-Löckchen eingeflochten und die auch noch mit bunten Perlen verziert. Zudem wirkte er vollkommen erschöpft. Lars schnupperte an Trevor herum und meinte nur: "Der hat was geraucht und ich glaube, der ist noch nicht ganz da." Lars hatte nicht ganz unrecht. Trevor hatte zwar nichts geraucht, war aber mit Essenzen aus Hanföl behandelt worden. Zudem berichtete die junge Dame, die den Piratenhund zurück zu seiner Mannschaft brachte, dass Trevor es sehr genossen hätte und die Entspannungsphase sicher noch einige Zeit bei ihm andauern würde. Er hätte auch schon sein Futter bekommen. Hühnerklein und Basmatireis mit etwas Kokosöl verfeinert. "Der wird jetzt gut angefüttert, damit ihn die Chinesen besser vertragen, wenn sie ihn kochen." Jans Humor kannte langsam keine Grenzen mehr. "Ja Freunde, war blöd, dieses Klischeedenken. Ich nehme es zurück. Ihr könnt mich jetzt auslachen, aber ich hänge inzwischen an ihm. Er gehört einfach dazu." Dann schaute er zu Trevor und rief mit dem Ausdruck kindlicher Begeisterung:  "Komm her mein kleiner Parfümwedel, komm zu Jan." Und Trevor kam tatsächlich zu ihm.

Den Lunch nahmen sie auf der Terrasse ein. Julia Piro wurde neben Otto platziert, denn der Pressesprecher war nun in dieser Funktion gefordert. Julia hatte sich inzwischen von den Beschwerlichkeiten der Abends gut erholt und war nun voller journalistischem Wissensdurst. Und Otto verstand es wie immer ganz gut, allen Fragen konkret auszuweichen, die er nicht beantworten wollte und lenkte das Gespräch immer wieder in die von ihm gewünschte Richtung. Aus Mücken, die Julia zu Elefanten gemacht hatte, bastelte er wunderschöne Schmetterlinge. Pet wartete nur noch darauf, dass er sich eine Gitarre besorgen würde, um die Antworten singend vorzutragen. Sein Freund war ein Meister der gutbürgerlichen Diplomatie. "Jetzt wird er sicher bald auch noch anfangen, Julia als Kunde für seine Westen-Kollektion zu gewinnen" dachte Pet schmunzelnd vor sich hin. Und als er gerade diesen Gedanken wegpacken wollte, wandte sich Otto an ihn: "Pet morgen früh haben wir einen Termin bei einem Schneider in Galle. Ich habe eine paar Schnittmuster fertig und würde die Westen hier produzieren lassen." An Julia gewandt sprach er mit dem Ausdruck eines Lehrers, der einem Schüler sagen wollte, was das Beste für ihn wäre. "Ach ja, auch für euch Damen habe ich inzwischen einen Schnitt für eine spezielle Handtaschenweste entwickelt. Welche Konfektionsgröße darf es denn sein?" Julia war ziemlich überrascht, denn das war etwas, womit sie nun gar nicht gerechnet hatte. Dass unter den Nordstrandpiraten auch noch einer war, der sich Westendesigner nannte. "Aber ganz neu im Geschäft. Ich muss mir erst noch einen Namen machen. Wilde Westen. Merk dir mal dieses Label." meinte Otto und grinste breit. "Also, was für eine Größe? Ist ein Werbegeschenk von mir. Pressearbeit." "Verrückt irgendwie, aber stark" dachte sie bei sich. "Größe sechsunddreißig. Reicht das als Angabe?" "Ja klar, meine Westen sind sowieso eher weit geschnitten. Und ich führe nur Größen wie bei T-Shirts. Also S, M, L, Xl, fertig. Also einmal S für Frau Piro."

Am nächsten Morgen wurden Otto und Pet von einem Chauffeur zu der Schneiderei gefahren, die man Otto empfohlen hatte. Während der Fahrt unterrichtete Otto Pet darüber, was er über ihren Sponsor in Erfahrung bringen konnte. Er hatte sich noch am Abend vorher mit dem Hotelmanager unterhalten. Er gab vor, wissen zu wollen, wie denn die Abrechnung dieses Aufenthaltes abgewickelt werden sollte. Er bekam zur Auskunft, dass er bereits einen Vorschuss erhalten habe und der Rest über ein Konto einer hiesigen Bank laufen würde. Sein Auftraggeber und der Kontoinhaber war ihr Anwalt. Damit musste Otto zugeben, dass er nichts Konkretes herausgefunden hatte.

Die kleine Schneiderei war ein Werkstatt mit gut zwanzig Mitarbeiterinnen. Sie befand sich im Innenhof einer alten Fabrikhalle und war mit Sonnensegeln vor der Hitze geschützt. Wenn es zu kalt war oder wenn es regnete, konnten die Nähmaschinen und Schneidetische in die Fabrikhalle geschoben werden. Alles schien ordentlich und sauber zu sein. Otto und Pet konnten sich mit den Rahmenbedingungen, unter denen die Näherinnen arbeiten konnten, gut anfreunden. Dass kaum fünfzig Meter weiter in einer anderen alten Fabrikhalle fast dreihundert Näherinnen auf engstem Raum zusammengepfercht arbeiten mussten, wussten die beiden nicht. Sie wurden nur durch den Vorzeigebetrieb geführt. Otto übergab dem Produktionsleiter sein Schnittmuster. Gemeinsam suchten sie die Stoffe heraus, die verarbeitet werden sollten. Der Anwalt hatte bereits die entsprechenden Verträge angefertigt und deshalb konnte sich Otto ganz und gar seiner Leidenschaft widmen. Man versprach ihm, dass zwanzig Probewesten für Herren und zehn für Damen in drei Tagen zur Abholung bereitliegen würden. Da diese Firma für einige namhafte Modeunternehmen arbeitete, machte sich Otto noch etwas Gedanken darüber, wie sein Design geschützt werden würde. Pet machte ihn auf ein Passage in den Verträgen aufmerksam, die ihn wenigstens rechtlich soweit absichern würden, dass seine Ideen nicht ohne weiteres von anderen verwendet werden durften.

Aber was bedeuten schon Verträge", dachte Pet bei sich.

Zurück in der Hotelanlage warteten bereits zwei schlechte Nachrichten auf sie. Die erste war, dass sie noch bis zum 29. Mai hier bleiben mussten, da ein wichtiges Ersatzteil für einen der Motoren nicht verfügbar war und erst eingeflogen werden musste. Die zweite schlechte Nachricht war, dass es zum Dinner heute ein sehr scharfes Reisgericht mit Lamm geben sollte, aber das Hotel leider kein Bier mehr hatte und die neue Lieferung erst am kommenden Tag erwartet wurde. Die Welt würde aber auch dieses Mal nicht untergehen.

Pet machte sich daran, per Mail den Anwalt zu informieren. Er dachte an die Kosten, die dieser verlängerte Aufenthalt verursachen würde. Als Antwort kam aber nur, dass das so in Ordnung gehen würde und sie sich gut erholen sollten. Während alle bis auf zwei sehr  Glückliche und Pet Mittagsschlaf hielten, verfasste Pet seinen Bericht. Er hatte es versäumt und musste die letzten drei Tage nacharbeiten. Als er fertig war und sich auch noch ein wenig ausruhen wollte, klopfte es an seine Tür. Er öffnete und draußen stand die junge Mitarbeiterin, die Trevor so hervorragend gepflegt und gestylt hatte. Sie wollte ihn zu einem Spaziergang abholen. Pet fragte verdutzt, ob das zum Service gehörte. Die junge Dame verneinte das. Sie fand es einfach schön, mit diesem Hund zu spielen und ihn auch ein wenig zu verwöhnen. Trevor folgte ihr freiwillig. Als Pet die Tür schloss, sah er auf seinem Balkon Jose in einem der Sessel sitzen. "Was machst du hier?" fragte er Jose mehr erstaunt als erbost. "Als ich zu dir kommen wollte, stand da eine bildhübsche junge Frau vor deiner Tür. Ich wollte nicht stören und bin wieder gegangen. Aber die Neugierde war so groß, was du da machst, dass ich einfach wieder über das Geländer gestiegen bin und da musste ich feststellen, die meinte nicht dich mit ihrem Besuch, sondern deinen Trevor. Kann ich verstehen, der hat mehr Haare." Dann schüttelte er seinen Kopf. "Natürlich Quatsch. Gelogen. Ich hatte gerufen, ob ich zu dir herübersteigen darf und hörte ein - "ja bitte". Bis ich gemerkt habe, dass du nicht mich, sondern die junge Dame gemeint hast, war ich schon hier und bin dann einfach da geblieben. Ich wollte dir danken, dass du mir in der letzten Nacht zugehört hast. Es hat mir gut getan und ich fühle mich zum ersten Mal seit Jahren befreit von einer Last, die ich nicht mehr hätte lange tragen können. Ich weiß, ich bin kein Mörder. Es war ein Unfall, aber es hat mich sehr belastet. Meine Feigheit, es nicht der Polizei zu melden und vieles mehr, jetzt ruht es. Danke!" Pet nickte und setzte sich neben Jose. Nach keinen zwei Minuten schlief er fest und hörte nicht mehr wie Jose wieder über die Balkonbrüstung zurück auf seinen Balkon stieg. Er spürte auch nicht, wie er von einem Insekt in den linken Oberarm gestochen wurde. Er schlief zusammengesunken im Sessel. 

Fortsetzung folgt

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