Kapitel 36

Galle  22.Mai 2015

Früh am Morgen kam der Bruder des Schwagers des freundlichen Lotsen mit einem etwas älteren, aber offensichtlich noch fahrtüchtigen Toyota Hiace Bus angefahren. Die rote Lackierung des Fahrzeugs hatte sich den Rostflecken angepasst und erst bei näheren Betrachten offenbarte sich Otto, Marc und Greg, worauf sie sich bei dieser Einkauftour wirklich eingelassen hatten. Nun war aber Arun - so stellte sich der junge Mann auf etwas wackligem Englisch vor - und seine Begleiterin Arti da und die drei bestiegen den Bus und verschwanden in einem Abgasnebel nie gekannten Ausmaßes. Otto erklärte ihrem Fahrer, was sie benötigten und Arun kutschierte sie durch die breiten überfüllten Straßen der Innenstadt von Galle.

Was er allerdings nicht verstand, war das Wort "Toilettenpapier". "Toilet tissue!" - "Whats that?" - "Papier-toilette!" Kopfschütteln. Otto packte sein iPad aus und versuchte über Google anzufragen, was Toilettenpapier auf.... "Was für eine Sprache sprechen die hier?" wandte sich Otto an seine zwei westeuropäischen Begleiter. "Frag das besser auch gleich bei Google nach, ich bin mir nicht sicher, ob die hier Singhalesisch oder Tamil sprechen," antwortete Greg. Arun drehte sich zu Otto um und lächelte freundlich. Otto meinte zu verstehen, was er zu ihm sagte. Es klang wie Tamil. Dann gab Otto das Gehörte ein und die Antwort war sehr aufschlussreich. Er zeigte sie Arun கழிப்பறைக் கடுதாசி. Der schaute sehr interessiert auf das Display,überfuhr dabei fast ein Huhn, nickte freundlich und machte Otto darauf aufmerksam, dass er das nicht lesen könne. Da kam eine perfekte englische Antwort von Arti, die eingeklemmt zwischen Marc und Greg saß. Toilettenpapier bekäme man nur im englischen Supermarkt und der würde etwas außerhalb der Stadt im Villenviertel liegen. Dort sei aber auch eine Bank, bei der sie das Bargeld abheben müssten, um einzukaufen. Die einheimischen Märkte lägen im Zentrum der Stadt und sie würde ihnen empfehlen, erst in den Außenbezirk zu fahren, da gegen Mittag der Straßenverkehr in diesem Bezirk zunehmen würde und sie dann sehr lange im Fahrzeug sitzen müssten. Ohne auf eine Antwort von Otto oder einem seiner beiden Begleiter zu warten, gab sie offensichtlich Arun schon die zu fahrende Fahrtroute bekannt. Das Team - 30 Jahre alten Bus und ein gleichaltrigen Fahrer - schaffte es immer wieder, canyonartige Schlaglöcher zu umfahren oder zu überspringen. Ein echtes Abenteuer.

Überführung in die Werft

Kurz vor 9.00 Uhr kam ein Lotse und ein Mitarbeiter der Werft an Bord, um die Blauzahn zu ihrem neuen Liegeplatz zu überführen. Lars ließ es sich nicht nehmen, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen und der Werftmitarbeiter versuchte wort- und gestenreich, Lars über die engen Wasserwege, die sie fahren mussten, zu führen. Nach einer halben Stunde erreichten sie eine schleusenartige Einfahrt. Die Blauzahn passte gerade so hindurch. Sie befanden  sich auf einem kleinen Binnensee. Etwa dreihundert Meter vor ihnen lagen einige Motorjachten. Der Werftmitarbeiter lotste Lars an einen freien Pier und die Blauzahn wurde hier festgemacht. Begrüßt wurden sie von einem Schotten, der sich als Geschäftsführer der Hotelanlage vorstellte und einem Mitarbeiter von MAN, der die Motoren zu warten hatte. Die Werft entpuppte sich als Jachthafen mit kleiner Werft, einer Golfanlage und einem sehr luxuriösem Hotel.  Nun verstanden sie auch, warum sie von einem Hotelmanager begrüßt wurden. Als sich alle auf dem Pier versammelten, um wenigstens von da aus die Parkanlage zu bestaunen, kamen mindestens zwanzig dienstbare Geister in Uniformen zu ihnen. Jedem Besatzungsmitglied wurde ein Butler zur Seite gestellt, der ihn zu seinem Hotelzimmer geleiten sollte. Die erstaunten Gesichter der Mannschaft wurden leider auf keine Art und Weise dokumentarisch verewigt. Dann ging es aber mit den Überraschungen gerade so weiter. Neben der Motoreninspektion sollte auch das Innere der Blauzahn gereinigt werden und der Hotelmanager bat die Mannschaft, ihre Wäsche in die ihnen überreichten Säcke zu stecken, damit auch diese gereinigt oder, wenn es denn sein müsste, auch "restauriert" werden könnten. Danach bat er um eine Aufstellung der zu erledigenden Aufgaben wie Vorratseinkauf oder auch eventuelle Arztbesuche. Lars klärte den Geschäftsführer auf, dass bereits drei der Piraten in der Stadt zum Einkaufen gefahren seien und er sie jetzt verständigen müsse, wo sie vor Anker gegangen wären, damit sie das Hotel finden konnten. Der Manager gab ihm die Adresse und per WhatsApp verständigte Lars Otto über ihren neuen Liegeplatz.

Wilhelm war inzwischen mit dem MAN Kundendienstmonteur und zwei weiteren Technikern bei den Maschinen. Er wollte niemanden unbeaufsichtigt dort unten arbeiten lassen.

Gegen Mittag wurde Lars vom Hotelpersonal darüber verständigt, dass sich ein Bus mit Personen, die nach ihm verlangten, vor dem Eingangstor stehen würden. Der Bus mit Arun wurde unter Begleitung vom Wachpersonal bis zum Liegeplatz der Blauzahn geleitet. Unter den Augen von Hotelpersonal und Gästen entluden die Piraten den Bus und verstauten die Vorräte in der Blauzahn. Dann entlohnte Otto Arun und Arti, gab noch reichlich Trinkgeld dazu und der Bus wurde wieder unter Bewachung zum Ausgang der Hotelanlage geleitet. Jose und Alberto hatten die drei inzwischen auch aufgeklärt, was hier für sie geplant war und nun gingen alle daran, ihr Gepäck zusammenzurichten und ins Hotel umzuziehen. Trevor hatte inzwischen den Golfrasen als Sportplatz für sich entdeckt und hatte tierische Freude daran, dem einen oder auch anderen Golfer das Patten zu versauen oder auch die Schoßhündchen anderer Gäste zu instinkthaften sportlichen Herausforderungen wie Fluchtverhalten zu verleiten. Das führte dazu, dass der Manager Pet bat, dem Untier doch ein etwas gepflegteres Verhalten beizubringen, das er aber mit einem Gesichtsausdruck  übermittelte, der eher den Schluss zuließ, dass ihm das eigentlich egal sei. Also wurde Trevor an die Leine genommen und gemeinsam mit der Gepäck-Karawane zum Hotel und in das Zimmer seines Herrn und Meisters geleitet. Der Hausdiener, der diese Aufgabe übernommen hatte, übergab die Leine nach nur zwei Schritten an Pet und machte sich davon. Trevor war wirklich außer Rand und Band, festen Boden unter den Pfoten, grüner Rasen und Jagdwild wie Golfbälle und Hündchen waren für ihn das Paradies nach den Wochen auf engen schwankenden Untergrund.

Die Piratenmannschaft hatte ein ganzes Stockwerk für sich. Wilhelm war der Letzte, der sein Zimmer bezog. Er hatte unbedingt alle Details mit den Technikern besprechen wollen, wie die Maschinen, seine Maschinen zu behandeln seien. Auch der Strom-Generator und die Klimaanlage wurden im Rahmen der Wartungsarbeiten überprüft und gewartet.

Um 19.00 Uhr sollte das Dinner stattfinden. Inzwischen hatten sich zwei Damen am Eingangstor gemeldet und wollten die Nordstrandpiraten besuchen. Beatrice Monte und Julia Piro standen schon in der Hotelhalle, als Alberto die Stufen herunter eilte und Beatrice in seine Arme schloss. Julia Piro stand etwas unbeholfen daneben, als die beiden Verliebten sich eng umschlungen festhielten und außer einem kleinen Schluchzen von Beatrice nichts mehr zu hören war. Als Beatrice drohte zu ersticken und sich sanft aus der Umarmung befreien konnte, wurde auch Julia von einer kurzen und kräftigen Umarmung Albertos bedacht. Alberto führte die Damen auf die Hotelterrasse, wo sie zu einem etwas abseits gelegenen Tisch geführt wurden. Nach und nach kamen auch die anderen Nordsträndler hinzu und die Begrüßung der Damen war laut und heftig. Die Jungs griffen sich Stühle und Tische aus ihre näheren Umgebung und bauten damit auf der Terrasse eine Tafel für sich auf. Dieses etwas barbarische Verhalten fand nicht unbedingt die ungeteilte Zustimmung der anderen Gäste, wurde aber auf Grund der Anwesenheit Trevors, der Bestie, und der doch recht männlichen Ausstrahlung der Piraten akzeptiert.

Wer auch immer es organisiert hatte, die Damen bekamen auch noch ein Zimmer und ihr Gepäck wurde aus ihrem Hotel abgeholt. Sie hatten natürlich die Möglichkeit, sich vor dem Essen umzukleiden. Den Herren, vor allem aber Alberto, stand nun ein sehr interessanter und vergnüglicher Abend bevor.  

Um 19 Uhr wurden die Mannschaft der Blauzahn mit den beiden Damen zum Dinner gebeten. Alle Herren hatten sich entsprechend ihrer Stimmung eingekleidet. Lars mal wieder in seiner Kapitänsuniform. Otto, Pet, Juris und Jan mit weißen Leinenanzügen, allerdings mit den unterschiedlichsten Westen aus der Otto Kollektion, alle anderen in gepflegtem zwanzigsten-Jahrhundert-Piratenoutfit. Bis auf Wilhelm, der doch tatsächlich in seinem Kleiderfundus einen schwarzen Smoking gefunden hatte und damit aussah wie ein Diplomat aus dem vorvorigen Jahrhundert. Soweit das möglich war, erschienen die Bartträger mit gepflegter Gesichtsbehaarung, die Kurzhaarfreunde mit glattrasierten Schädeln. Die restlichen, die noch mit einem einigermaßen brauchbaren Haarwuchs ausgestattet waren, beließen es bei den Versuchen, die Wolle gewaschen und geföhnt zu bändigen.

Die Küche des Hotels hatte sich redlich Mühe gegeben, alles an traditionellen einheimischen Gerichten aufzutischen. Die durstverursachenden Speisen erlaubten es nicht, dass man ohne erhebliche Flüssigkeitszufuhr auskommen konnte. Julia Piro versuchte zwar noch ihrem Job als Journalistin gerecht zu werden, ließ sich aber von der ausgelassenen Stimmung mitreißen und vergaß sehr schnell, was sie eigentlich vorhatte. Um 24 Uhr war die Feier zu Ende. Alberto und Beatrice waren schon lange verschwunden. Jose meinte, dass die beiden ganz sicher den wunderbaren Sternenhimmel anschauen wollten. Und Greg übernahm es, Julia Piro zu ihrem Zimmer zu geleiten. Er meinte, als Vertreter der Kirche und dem Zölibat verpflichtet, sei es am unverfänglichsten, wenn er diese schwere Aufgabe übernehmen würde. 

Pet konnte nicht einschlafen. Das üppige Essen, der ungeheure Luxus, der ihn umgab, die Abenteuer der letzten Wochen, all das schien ihm den Schlaf rauben zu wollen. Gedanken rasten in seinem Kopf hin und her. Vor allem aber schien ihr Sponsor sie mehr im Blickfeld zu haben, als er bisher vermutet hatte. Otto hatte Pet, kurz bevor er seine Sweet aufschloss, noch gebeten, ihn kräftig zu zwicken, weil er nicht glauben wollte, dass das alles real sei, was im Moment mit ihnen geschah. Dieser ungeheure Luxus war auch ihm auf den Magen geschlagen, aber er konnte offensichtlich gut schlafen. Pet sah von seinem Balkon aus, dass Otto, der das Zimmer neben ihm belegte, alle Lichter gelöscht hatte. Nur auf der anderen Seite, im Eckzimmer nebenan brannte noch Licht.

Pet stopfte sich eine Pfeife, goss sich ein Zitronenwasser ein und setzte sich auf den Balkon. Trevor legte sich neben ihn auf den etwas kühleren Steinboden. Die frische Luft und der Sternenhimmel über ihm wirkten etwas beruhigend. Als er das Streichholz für die Pfeife entzündete, kam ihm das zischende Geräusch, das das Entflammen des Zündholzkopfes verursachte, auf einmal sehr laut vor. Als der Tabak zu glimmen begann und er die ersten Züge genommen hatte, hörte er von nebenan eine Stimme. "Du kannst wohl auch nicht schlafen? Aber das macht nichts, wir haben morgen keine Programm, das unsere Aufmerksamkeit fordert." - "Jose bist du das? Komm rüber, ich lade dich auf ein Glas Wasser ein." Pet´s Aufforderung kam Jose gerne nach, stieg über die kleine Balkonbrüstung zu ihm rüber und setzte sich neben ihn. Ohne den Kopf zu heben begrüßte Trevor den Neuankömmling mit einem kurzen zufriedenen Knurren  "Nach Wasser ist mir heute nicht. Ich habe mir einen Fruchtsaft kommen lassen. Ich weiß nicht, was es ist, schmeckt aber lecker."

Eine Zeitlang saßen sie schweigend nebeneinander, bis Jose tief Luft holte und anfing zu reden. "Alberto und ich sind auf der Finka meines Vaters aufgewachsen. Er besaß einige Weinberge in Andalusien bei Malaga, dazu noch einen kleinen Olivenhain. Vater war Winzer mit Leib und Seele. Unser Wein war in den Hotels und Restaurants in und um Malaga gefragt und uns ging es gut. Meine Mutter fand, dass wir eine kleine Taverne aufmachen und dort unseren Wein mit einfachen Speisen selbst anbieten sollten. Alberto und ich waren gerade sieben Jahre alt und unsere Schwester Maria fünf, als die Taverne eröffnet wurde. Unsere Mutter war eine unheimlich schöne und starke Frau. Und weil nun viele ihrer ehemaligen und immer noch bestehenden Bewunderer einfach in die Taverne kommen konnten, um sie zu sehen, lief diese richtig gut. Mit der Zeit kamen auch Touristen zu uns und Vater ließ das Haus vergrößern. Drei seiner Schwestern und der Bruder unserer Mutter halfen mit. Vater war ganz und gar mit seinem Weinbau beschäftigt und es kümmerte ihn weniger, was dort geschah. Für uns Kinder war es eine wunderbare Zeit. Bald wurde unsere Taverne ein Insidertipp des Jachtklubs aus Malaga und es kamen immer mehr reiche Touristen zu uns. Mutter baute einen zweiten Bereich im Haus aus. Eine Dachterrasse für besondere Gäste. Inzwischen hatten wir schon drei weitere Hilfen eingestellt. Als wir gerade mal achtzehn waren, hatte Vater einen schweren Unfall, war zuerst gelähmt und starb dann ein halbes Jahr später. Das Lokal lief gut, aber die Weinberge und der Olivenhain mussten weiter bewirtschaftet werden. Alberto und ich übernahmen das. Anfangs war es noch sehr schwer für uns. Neben der Schule die Arbeit auf dem Hof. Nach dem Abitur aber hatten wir mehr Zeit. Auch Maria half, aber wir waren nicht wie unser Vater. Uns fehlte die Erfahrung und die Geduld. Zudem hatten wir zwei Jahre hintereinander schlechte Ernten, sodass der Weinbau nicht mehr so viel an Gewinn abwarf. In der Taverne wollte außer Maria keiner von uns helfen. Einer musste sich deshalb eine andere Arbeit suchen. Ich ging und meldete mich bei der Marineschule und erlernte das Handwerk des Seemannes. Nach fünf Jahren besaß ich das Patent als Steuermann und nebenbei noch das Patent als Kapitän für größere Segelschiffe. Die Sehnsucht nach Hause wurde aber immer größer und eines Tages heuerte ich von dem Kreuzfahrerschiff ab, auf dem ich damals arbeitete und ging zurück. Alberto war inzwischen verheiratet und hatte einen Sohn mit zwei Jahren und seine Frau erwartete schon das zweite Kind. Maria war mit einem Immobilienmakler verlobt. Die Taverne war immer noch ein sehr gut besuchtes Lokal, der Weinbau lief wieder, sodass man eigentlich hätte sagen können: Alles war in Ordnung. Aber in Wirklichkeit sah anders aus. Die Banken wollten schneller ihr Geld zurück haben, das Vater sich für den Umbau unseres Hauses geliehen hatte. Und Maria hatte sich nur auf die Verlobung und die bevorstehende Hochzeit mit dem Immobilienmakler eingelassen, weil sie hoffte, unsere Finka und die Taverne mit dem Geld ihres Zukünftigen halten zu können. Und dann war ich da und wollte natürlich retten, was es zu retten gab. Eines der Mädchen, die Tochter eines Kleinbauern, die seit Jahren bei uns in der Taverne arbeitete, war, seitdem ich weg war, zu einer warmherzigen Frau herangewachsen. Wir fanden ohne viele Worte zueinander. Nein wir waren am Anfang nicht unbedingt verliebt, aber es tat uns beiden gut, beieinander zu sein. Die Liebe wuchs im Laufe der Zeit. Wir heirateten und bekamen schon ein paar Wochen nach der Hochzeit eine Tochter. Albertos beide Kinder und unsere Tochter wuchsen wie Geschwister auf. Wirtschaftlich erholten wir uns langsam. Aber Albertos Ehe fing an zu kriseln, ein Jahr später ging er von zu Hause weg. Meine Abenteuer als Seemann hatten ihn immer fasziniert und so ging auch er zur See. Heuerte als ungelernter Matrose auf Küstenschiffen, Kreuzfahrschiffen und Motorjachten an, bis er wie ich das Patent für Segelschiffe hatte. Er kam erst nach sieben Jahren zurück. Seine Ehe war inzwischen am Ende. Seine Frau eine verhärmte Matrone geworden und die beiden begegneten sich gerade noch mit etwas Anstand, aber wenig Würde. Meine Frau war zu dem Zeitpunkt, als Alberto zurückkam, im achten Monat schwanger. Und unsere Schwester? Ihr Mann hatte sie mit einem Berg an Schulden sitzen lassen und war einfach verschwunden.

"Was für ein ungeheuer bewegtes Leben, mein Lieber," entfuhr es Pet, als Jose Luft holte.

 

"Dann kam der Tag, der alles nochmals dramatisch verändern sollte. Alberto und ich waren in den Weinbergen, als bei meiner Frau die Wehen fast vier Wochen zu früh einsetzten. Albertos Frau nahm den Wagen, um Maria ins Krankenhaus zu fahren. Und dann kam, was nie hätte passieren dürfen. Sie hatten einen fürchterlichen Unfall. Beide waren sofort tot und mit Maria auch das Kind. Bis heute ist es nicht geklärt, was zum Unfall geführt hatte. Zeugen behaupten, sie seien von der Fahrbahn abgedrängt worden. Sie sprachen von einem roten Sportwagen. Aber es wurde weder ein roter Sportwagen gefunden, noch meldeten sich Zeugen, die etwas genauer Auskunft geben konnten. Alberto gab sich die Schuld, weil ja seine Frau am Steuer gesessen hatte. Aber das ändert nichts daran, dass unsere Frauen tot waren und unsere Kinder keine Mütter mehr hatten. Danach mussten wir unser Leben neu gestalten. Eine Großmutter, eine Tante und zwei verzweifelte Väter kümmerten sich um drei Kinder. Maria arbeitete wie wir Tag und Nacht. Sie wollte wenigstens einen Teil der Schulden, die ihr Mann ihr hinterlassen hatte, tilgen. Sie hatte schon die Villa in Malaga, die auf ihren Namen eingetragen war, verkauft. Wir verkauften noch einen wertlosen Weinberg in der Nähe eines Neubaugebietes und Maria tilgte damit nochmals einen Teil der Schulden. Das alles schweißte uns so eng zusammen, dass wir nur miteinander glücklich sein konnten. Bis Marias Mann heimlich bei ihr auftauchte und Geld von ihr wollte. Sie konnte ihm nichts geben, aber er drohte ihr, unseren Kindern etwas anzutun, wenn sie ihn im Stich lassen würde. Alberto und ich spürten, dass sie etwas bedrückte. Aber sie sagte nichts. Eines Nacht schlich dieser Wahnsinnige wieder zu Maria. Unsere Mutter war mit Alberto und den Kindern für ein paar Tage ans Meer gefahren und ich war mit ihr alleine im Haus. Ich ging meist bei Tageseinbruch in die Weinberge und kam erst bei Dunkelheit nach Hause. Er muss das Haus und Maria beobachtet haben und da wir die Taverne für ein paar Tage geschlossen hatten, vermutete er, dass Maria alleine zu Hause war. Ich hörte es zuerst nicht, als er mit Maria stritt. Ich wachte erst auf, als Maria laut um Hilfe schrie. Ich rannte hinüber in ihr Zimmer. Was ich sah, erschütterte mich und machte mich zugleich rasend. Er lag auf ihr und war dabei, sie zu würgen. Ich packte ihn und riss ihn weg von meiner Schwester. Wir rangen miteinander bis er plötzlich unvermittelt schlaff wurde. Er keuchte ein oder auch zwei Mal und war danach ganz still. Seine Augen standen weit offen. Ich fühlte seinen Puls, da war aber nichts mehr. Verzweifelt versuchte ich es mit Herzmassage und Mund zu Mund Beatmung. Bis ich merkte, dass an der Stelle über dem Herzen, wo die Rippen sein sollten, ein Grube im Brustkorb war. Er musste sich die Rippen gebrochen haben und die hatte ich ihm wohl bei unserem Ringkampf ins Herz gedrückt. Ich hatte den Mann meiner Schwester getötet."

Pet holte tief Luft. "Notwehr würde ich sagen. Und echtes Pech für diesen Idioten. Was meinte die Polizei?"

"Gar nichts. Ich ließ seine Leiche verschwinden. Ich versenkte ihn mit einer Kiste billigem Fusel an den Beinen im Meer. Ich wollte vor allem unseren Kindern und Maria die Tortur polizeilicher Ermittlungen ersparen. Die Schuldgefühle kamen erst viel später. Aber sie waren da. Immerhin war ein Mensch durch mich ums Leben gekommen. Aber ich lebte mein Leben so wie Maria. Und wir hatten unsere Affären und suchten doch nur ein wenig Liebe. Alberto nicht. Seine Schuldgefühle waren anders. Er wollte nie wieder etwas mit einer Frau zu tun haben. Ernst und ohne jeglichen Funken an Lebensfreude arbeiteten wir zusammen und versorgten unsere Kinder. Nun sind sie erwachsen und aus dem Haus und wir haben damit unseren erdachten Lebenszweck verloren. Nun sind wir auf der Blauzahn und Alberto ist  verliebt und ich bin so glücklich, weil mein Bruder endlich auch wieder glücklich ist. Das ist es. Das war unsere Lebensgeschichte. Wer uns hierher auf die Blauzahn empfohlen hat, weiß ich nicht, aber ich möchte im Moment nirgends sonst sein. Nur hier bei den Piraten. Und irgendwann will ich die ganze Geschichte auch meiner Tochter erzählen können." Dann stand er auf, drückte fest die Hand von Pet, stieg wieder über die Balkonbrüstung und ging in sein Zimmer zurück.

3 Uhr morgens und so eine schwere Kost noch zu verdauen, das geht nicht im Sitzen. Pet stand auf und Trevor folgte ihm bei seinem Spaziergang durch den verlassenen Park. Aber Pet war nicht alleine mit seinem vierbeinigen Freund.


Fortsetzung folgt