Kapitel 35

17. Mai 20.00 Uhr Indische Inselgruppe Aminidiven

Greg stand auf und gab über die Bordsprechanlage bekannt, dass sie Besuch bekommen würden. Er ging zum Suchscheinwerfer und schaltete ihn an, um die Bucht auszuleuchten. Der Lichtstrahl erfasste ein Motorboot, das sehr langsam auf sie zufuhr. Greg erkannte, dass sich auf dem Boot Uniformierte befanden und korrigierte sofort den Scheinwerfer. Er wollte nicht, dass die Menschen auf diesem Boot von dem starken Scheinwerferlicht geblendet wurden. Kaum hatte er das getan, hörten sie alle eine Stimme, die offensichtlich über ein Megaphon verstärkt wurde. In gut verständlichem Englisch kündigte der Sprecher das Kommen der Inselpolizei zur Kontrolle der Blauzahn an.

Otto brachte schon die Kassette mit ihren Pässen und den Schiffspapieren an Deck. Das gut zwanzig Meter lange Boot ging längsseits. Alberto und Jose übernahmen das Festmachen. Dann kamen drei Uniformierte an Bord. Pet sah noch, dass auf diesem Boot drei Maschinenpistolen auf sie gerichtet waren. Dann wurden alle Lichter auf dem Polizeiboot gelöscht. Höflich begrüßte Lars und Otto die Ankömmlinge. Einer der Uniformierten, offensichtlich ein Offizier, erwiderte die Begrüßung mit einer sehr arroganten und autoritären Stimme und wollte sofort den Kapitän sprechen. Lars stellte sich vor und wurde von den beiden anderen Uniformierten in die Mitte genommen. Juris, der sich im Hintergrund gehalten hatte, winkte Pet und Wilhelm zu sich. "Ich glaube nicht, dass die wirklich zur Polizei oder Marine gehören. Kein Hoheitszeichen am Boot und die Bewegung der drei ist nicht militärisch. Das Antippen an die Mütze bei dem Offizier war vollkommen falsch. Und die Waffen, die sie tragen, sind eher aus dem vorigen Jahrhundert. Die Maschinenpistolen bei den Dreien auf dem Boot da drüben sind russische Kalaschnikows. Diese Waffen verwendet weder die Indische Polizei noch das Militär. Und warum haben die das Licht auf dem Boot ausgemacht? Ich denke, wir stellen uns auf  Verteidigung ein. Und Pet, lass Trevor richtig bellen. Sie schauen alle sehr ängstlich zu ihm rüber." Dann verschwand er mit Wilhelm unter Deck. Otto händigte die Schiffspapiere aus. Der Offizier schien sie genau zu studieren. Lars meinte spontan: "Wie Sie sehen, ist das ein Forschungsschiff der Deutschen Regierung. Wir sind bei dem Sturm vom Kurs abgekommen und haben hier Schutz gesucht." Der Offizier nickte verständnisvoll und sagte nur, dass er es sehr wohl gelesen habe, dass das hier ein deutsches Forschungsschiff sei. Auf Deutsch sagte Lars zu Otto: "Der kann gar nicht lesen und ist ganz sicher auch kein Regierungsbeamter oder gar ein Offizier. Mich beeindrucken nur die blöden MPs, die da auf uns gerichtet sind. Ist Gerrit noch unter Deck? Gehe runter und sag ihm, wenn wir zu ihm reinkommen, soll er stöhnen und aussehen, als ob er die Pest hätte." Auf Englisch befahl er  Otto nach unten zu gehen und sich um den Kranken zu kümmern. Der Inder reagierte sofort sehr aufmerksam. Er fragte, welche Krankheit es denn sei, die sie da an Bord hätten. Lars meinte fast schon gelangweilt, das wüsste er nicht, der Mann habe komische Flecken im Gesicht und müsste sich ständig übergeben. Die drei Besucher beschlossen trotzdem, das Schiff zu untersuchen. Lars führte sie direkt ins Unterdeck zum Krankenlager. Dort lag Greg noch auf seinem Lager und stöhnte ordentlich. Otto tupfte ihm sorgenvoll die Stirn ab, während Gerrit immer wieder übelste Würgelaute von sich gab. Inzwischen legte sich auch Alberto dekorativ in den Gang und wimmerte vor sich hin. Der vermeintliche Offizier gab seinen Leuten kurz einen Befehl und die drei stürmten an Deck und gingen zurück auf ihr Schiff. Sie starteten ihren Motor, ohne dass sie die Leinen lösten. Bevor etwas Schlimmeres passieren konnte, befreite Jose und Jan die Blauzahn vom Boot der Flüchtenden. Otto stellte das Radar an und verfolgte deren Kurs auf dem Bildschirm. Nach etwa zwanzig Minuten waren sie vom Schirm verschwunden. 

"Lichten wir die Anker und segeln weiter." Es war Otto, der diesen Vorschlag machte. "Ich glaube zwar nicht, dass die zurückkommen, aber ich habe hier kein gutes Gefühl und wirklich ausruhen können wir uns hier nicht mehr." Um 1 Uhr am 18. Mai 2015 war die Blauzahn wieder im Indischen Ozean in Richtung Festland unterwegs. Der Sturm hatte sich gelegt und auch der Regen hatte nun ganz aufgehört. Am Himmel zeigten sich die Sterne und die Temperaturen stiegen wieder leicht an.

Alle waren an Deck und natürlich ging es bei den Unterhaltungen um die falschen Polizisten. Greg fragte Juris und Lars, ob sie der Meinung seien, dass sie direkt in Gefahr gewesen wären. "Na ja, die waren zu unruhig, sogar feige vielleicht und deshalb glaube ich, das hätte schief gehen können. Das waren auf gar keinen Fall Profis. Profis wären wesentlich geplanter vorgegangen. Die drei auf dem Boot mit ihren Maschinenpistolen hätten aus welchem Grund auch immer einfach losgeballert. Wie die schon da standen. Ohne festen Halt auf dem schwankenden Schiff. Freunde, ich bin froh, dass wir da weg sind." Juris hatte das wohl alles sehr genau beobachtet und seine Erklärungen klangen für alle überzeugend. Für Greg allerdings war das nicht so einfach zu begreifen und vor allem die eventuelle bewaffnete Auseinandersetzung zu akzeptieren. "Geht so was wirklich nur mit Waffengewalt?" fragte er in die Runde. "Ne, mit einem Eimer voll Erbrochenem kann man sich auch wunderbar wehren," meinte Gerrit grinsend, der unten am Niedergang stand und sich gerade hocharbeitete. "Wir sind hier in Gewässern unterwegs, wo an den Ufern viel Armut herrscht. Unsere Blauzahn weckt da sicher Begehrlichkeiten bei den Verzweifelten und bei Leuten mit kriminellen Energie. Wir haben es hier mit den unterschiedlichsten Eventualitäten zu tun. Wir fallen auf mit unserer Jacht - durch ihre gewaltigen Ausmaße und wir fahren nicht nur die Luxushäfen mit sehr sicheren Systemen an. Wir sind wie Forschungsreisende überall, auch dort, wo wir nicht sein sollten. Aber wir haben wieder, wie Odysseus, unsere Gegner listenreich ausgetrickst. Die Waffen im Hintergrund, aber wir haben uns mit äußerst trickreichem Verhalten aus der Affäre gezogen." So lange hatte Jan noch nie referiert, aber alle mussten ihm zustimmen. Ja, sie hatten sich mit einer der Situation angepassten Reaktion aus der Affäre ziehen können. Sie waren nun mal ein eingespieltes Team und die Summe an Lebenserfahrung hatte ihnen erfolgreich geholfen, diese sehr unangenehme Situation zu meistern.

Pet hatte sich unter Deck in seine Kajüte verzogen. Das Handgelenk schmerzte noch etwas und der immer wiederkehrende pochende Schmerz am Kopf war auch nicht unbedingt dienlich, um sich sicher an Deck zu bewegen. Gerrit lag in seiner Kajüte und fluchte, dass sein Magen und das Gleichgewichtssystem ihn offensichtlich ärgern wollten. Was ihn aber am meisten irritierte, war das Gefühl zwischen Hunger und "ich kann nichts essen", das sich im Minutentakt abwechselte. Der Ingwertee mit viel Zitrone und etwas Honig hatten seinen  Magen beruhigt, aber das Hungergefühl war noch nicht stark genug für ein kräftigendes Essen.

Mit fast 25 Kilometer die Stunde unter vollen Segeln erreichten sie die Indische Küste bei Fort Kochi um 10.30 Uhr. Sie segelten bei mäßigem Wind im Abstand von zehn Kilometern in Richtung Süden. Lars war klar, dass sie Galle am 21. Mai gegen Mittag erreichen würden, sofern der Wind und die Wellen das zuließen. Der Wind kam von Nordost und sie mussten kreuzen, um die Windkraft ausnutzen zu können. Inzwischen waren bis auf Pet, Marc, Otto und Gerrit alle erfahren genug, um diesen etwas ungünstigen Wind als Antrieb nützen zu können. Die Monsunzeit, die noch nicht voll begonnen hatte, pausierte und die Sonne schien immer mal wieder durch die sonst dichte Wolkendecke. Die Luftfeuchtigkeit war enorm und die Temperaturen stiegen bis 12 Uhr auf 34°C. Trotz der Seeluft spürten alle, dass dieses schwül-warme Wetter an ihren Kräften zehrte. Marc versorgte um 13 Uhr alle mit einem Indischen Reissalat mit Huhn. Er hatte aus Eigelb, Senf, Rohrzucker, Meersalz, Zitronen, Curry und Sesamöl eine Marinade für das Hühnerklein gemacht. Geraspelter Ingwer, den er kandiert hatte und Mandarinen - beides war gut gekühlt über den noch lauwarmen Reis gegeben worden - servierte er jedem seinen Salat in einer Schüssel. Dazu gab es entweder nur wunderbar kühles Wasser oder eine Art Limonade, die er auch selbst gemacht hatte. Dazu hatte er Zitronen- und Limonensaft über Eiswürfel gegossen und dann mit leicht gesüßtem schwarzem Tee verfeinert. Dieses warm-kalte Getränk, mag es nun stilecht oder nicht dazu passend gewesen sein, macht alle wieder munter. Die Mannschaft verlangte, nachdem sie bereits sechzehn Liter dieser Limonade getrunken hatte, nach mehr. Leider war aber auf der Blauzahn keine Zitrone oder Limone mehr zu finden. Also servierte Marc nun alkoholfreies Bier.

Marc, Otto und Pet machten sich am Nachmittag daran, eine Bestandsaufnahme ihrer Bestände an Lebensmitteln und anderen Bedarfsartikeln zu machen. Einer der Frischwassertanks war während der Nacht verunreinigt worden, weil der Einfüllstutzen sich geöffnet hatte und Meerwasser eingedrungen war. Das musste bei der hektischen Loslösung vom Boot ihrer bewaffneten Besucher passiert sein. Also mussten sie mindestens einen Frischwassertank von den dreien, die die Blauzahn hatte, befüllen lassen. Diesel musste ebenfalls getankt werden. Weizen, Dinkel, Reis und Maismehl war noch genug vorhanden. Aber der Kartoffelvorrat musste aufgefüllt werden. Ein Sack Kartoffeln keimte bereits so stark, dass er nicht mehr verwertbar war und Marc beschloss, damit die Fische zu füttern. Fleisch war noch genug im Kühlraum, Dosenwurst aus der europäischen Heimat war ebenfalls noch genug vorhanden. Was fehlte war Fisch, Pflanzenöl, Reis und Mais. Obst und Gemüse wollte sie ebenfalls in Galle einkaufen. Und was nun wirklich fast auf Nullbestand war, war mal wieder Toilettenpapier und Waschmittel für die Maschinenwäsche. "An was man nicht alles denken muss, wenn man von zu Hause aus der gewohnten Umgebung weg ist. Supermärkte auf hoher See sind nicht so oft zu finden. Das wäre aber eine verdammt gute Geschäftsidee. Ich segle mal kurz zum Drogeriehafen. Oder das Metzgereiponton liegt genau auf dem Äquatorring, kommen Sie vorbei, wir haben halbe Schweine vom dreiundzwanzigsten Breitengrad im Angebot. Wie ich immer sage, das Geld liegt nicht auf der Straße, sondern im Meer begraben. Und meine Westen verkaufe ich dann im Mode- und Outlet-Zentrum Marianengraben. Ideen muss man haben." murmelte Otto beim Zählen der Dosenvorräte vor sich hin.

Sie erreichten Galle am 21. Mai 2015 um 16 Uhr. Kurz vor dem Hafen hatten sie einen Lotsen an Bord genommen, der sie sicher in einen etwas abseits gelegenen Hafenbereich lenkte. Vor ihnen und hinter ihnen lagen Motorjachten an der Mole. Nur wenige Segler waren zu sehen. Die meisten Schiffe fuhren unter britischer oder indischer Flagge, nur eine größere Jacht trug die Flagge Sri Lankas. Otto befragte den Lotsen, wo sie denn einkaufen könnten. Der bot ihnen an, dass der Bruder seines Schwagers sie am kommenden Morgen gerne zum Einkaufen begleiten würde. Für eine geringe Aufwandsentschädigung natürlich. Als der Lotse die Blauzahn verlassen hatte, tauchten auch schon drei weitere Offizielle an der Mole auf und baten darum, die Blauzahn betreten zu dürfen. Es waren drei in einwandfreien Uniformen gekleidete Männer, die sich als Zollbeamte vorstellten und darum baten, die Pässe und die Schiffsdokumente einzusehen. Otto hatte die Dokumente schon in weiser Voraussicht bereit gelegt und übergab sie dem Sprecher der Staatsbediensteten. Zuerst unterhielten sie sich auf Englisch miteinander, bis einer der Beamten Otto in perfektem Schwäbisch ansprach. Der Mann erzählte, dass er in Konstanz, Ludwigsburg und Stuttgart studiert habe und erst seit drei Jahren wieder in seiner Heimat sei. Otto fragte ihn, warum er denn wieder auf die Insel zurückgekehrt sei und ob es ihm denn in Stuttgart gar nicht gefallen hätte. "Doch, doch, des war scho schee en Schduagard, abr do hots mir zu viele Ausländer." Er lachte prustend los. Dann erklärte er wieder auf Englisch, dass er hier in seiner Heimat gerne Karriere machen wolle. "Pet komm her, da ist ein echter Schwabe." rief Otto in die Bordsprechanlage. Pet kam den Niedergang herauf und die Herren stellten sich nochmals vor. Sie wurden in die Messe gebeten, wo man ihnen etwas zum Trinken anbot. Der schwäbische Ceylonese nahm das Angebot gerne an, ein Dinkelacker Export zu genießen. Die beiden anderen wollten nur ein Glas Wasser. Pet fragte, ob er denn als Beamter überhaupt Alkohol im Dienst trinken dürfe. " Jo i scho. Woisch, mei Familie isch hier sehr ogseh und mai Chef do däd mi net verpfeife wella, sonscht kriegt der Ärger mit maim Vadder. Der isch em Innaminischterium ond ko scho dem Buo do aufs Mitzle spucka."  Otto sprach noch das Thema der Begleitung an, die man ihnen für den kommenden Tag angeboten hatte. Der Schwabe versprach, das abzuklären, damit sie ordentlich behandelt werden würden und dass man sie auch wirklich dorthin führte, wo sie ohne Probleme  einkaufen konnten. Aber er sprach sie auch darauf an, dass sie Bargeld benötigen würden. Sie konnten in den größeren Einkaufszentren mit Dollar oder Sri Lanka Rupien bezahlen.

Und danach wurde der Offizier wieder dienstlich. Morgen früh um 9 Uhr würden sie in die Werft überführt werden, sie sollten sich bitte bereit halten. Zudem dürften sie erst morgen vormittag das Hafengelände verlassen. Und der Hafenkapitän ließ ihnen ausrichten, dass zwei Damen sich schon nach der Blauzahn erkundigt hätten. Allerdings kannte er nicht deren Namen und wusste auch nicht, in welchem Hotel sie abgestiegen waren. Als sie sich dann gegen 19 Uhr verabschiedeten, war der Schwabenceylonese ziemlich angeheitert.

Als Otto beim Abendessen bekannt gab, dass zwei Damen auf sie warten würden, meinte Jan: "Nur zwei? Wir sind aber doch mehr und für Trevor wäre eine hübsche einheimische Hundedame auch mal was. Unabhängig davon, meine Herren, ein Friseur-Besuch wäre bei uns auch mal wieder dran. Bis auf die Herrschaften mit der Sparfrisur." Lars meinte dazu nur.: "Sag mal, hast du eine Dose Humor aufgemacht und in einem Bissen runter gewürgt?"

Lars hatte recht, Jan war in den letzten Tagen immer entspannter geworden und sein Sprachwitz überfiel ihn immer öfters.    


Fortsetzung folgt

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