Kapitel 34

16. Mai 2015      6 Uhr      Indischer Ozean

Seit Tagen segelten sie unter einem Himmel, der ihnen mitteilen wollte, dass das Unwetter gleich über sie hereinbrechen würde. Doch noch blieb die See ruhig. Alle hatten wenig geschlafen und Nervosität machte sich bei der Mannschaft bemerkbar. In südöstlicher Richtung sahen sie seit Stunden Blitze vom Himmel auf die See niedergehen und manchmal hörten sie auch ein Donnergrollen. Greg, Juris und Otto hatten die Brücke seit 4 Uhr übernommen und seit 5 Uhr liefen sie ihren Kurs wieder unter vollen Segeln. Gesprochen wurde seit Stunden nicht mehr. Alle waren damit beschäftigt, die Natur zu belauschen und den Himmel zu beobachten.

Sie fuhren mit zwölf Knoten, also mit rund einundzwanzig Kilometern pro Stunde. Die Blauzahn wurde aber immer schneller, da sie genau vor dem Wind fahren konnten. Gegen 9 Uhr hatten sie bereits die vierzehn Knoten erreicht, da Wind und Wellenrichtung es gut mit ihnen meinten. Trevor hatte man in seiner Deckslonge festgebunden und seit einiger Zeit hatte er seine Nase in den Wind gestreckt. Niemandem war das aufgefallen bis er laut und über die Windgeräusche vernehmlich knurrte und sofort danach anfing, fast hysterisch zu bellen. Ohne dass jemand Anzeichen einer Gefahr erkannte, entschied Greg, dass sie die Segel einholen sollten, um mit Motorkraft weiterzufahren. Der Mast wurde eingefahren und der Kiel ganz ausgefahren. Und genau da traf sie erste Bö und drückte die Blauzahn nach Steuerbord. Die Wellen überspülten das Schanzkleid auf der Seite und alle überprüften hektisch den Sitz ihrer Schwimmwesten. Pet brachte den immer noch wütend bellenden Trevor unter Deck und verschloss hinter sich die Türen am Niedergang. Kurz danach brach ein Regenguss über die Blauzahn herein und der Wind drehte innerhalb weniger Minuten auf Nordost. Die Wellen bauten sich auf und erreichten teilweise eine Höhe von über zwei Meter. Wilhelm war bei seinen Maschinen und hatte sich dort angeschnallt, sodass er nicht bei einem der immer heftig werdenden Schiffsbewegungen gegen einen der Motoren gedrückt werden konnte. Ottos Messungen ergaben, dass sie innerhalb einer halben Stunde von Windstärke vier nun mit Windstärke sieben bis acht zu kämpfen hatten.

Seit Tagen hatten die Nordstrandpiraten auf das Unwetter gewartet und nun war es da. Trotzdem waren sie alle von der Schnelligkeit, mit der es über sie gekommen war, überrascht.

Um 12 Uhr übernahm Lars gemeinsam mit John und Alberto die Brücke. Greg, Juris und Otto waren ausgelaugt. Müde und erschöpft arbeiteten sie sich zum Niedergang und unter Deck.  Marc und Pet versorgten die drei mit heißem Tee und belegten Broten. Gierig schlangen sie die Brote hinunter und hangelten sich dann zu ihren Kajüten. Pet und Otto stützen Greg, damit der nicht stürzte. Sie mussten ihm sogar beim Entkleiden helfen, da er nicht mehr in der Lage war, seine nassen Kleider alleine auszuziehen. So erschöpft war er. Er schlief umgehend ein.

Pet rutschte bei einer der heftigsten Bewegungen der Blauzahn aus und verstauchte sich dabei die linke Hand. Das Handgelenk schwoll innerhalb von kürzester Zeit an. Nachdem auch Otto in seiner Koje lag, arbeitete sich Pet einhändig ins Krankenrevier nach hinten. Kurz vor der Kajütentür rutsche er auch noch aus und knallte mit der Stirn gegen einen Handlauf. Sofort rann Blut über sein linkes Auge. Etwas benommen schaffte er es, die Tür zu der Kajüte zu öffnen. Dort lag Gerrit auf dem Boden. Er hatte sich kurz vorher übergeben müssen. Trotz der ungeheuren Wind und Wellengeräusche musste Jose sein lautes "verdammte Scheisse" gehört haben und stand kurze Zeit später im Gang. Er half Pet auf die Krankenliege, schnallte ihn fest, damit er nicht herunterrollen konnte, fühlte den Puls von Gerrit und half auch ihm auf eine Liege. Dann holte er Marc und Jan, die ihm helfen sollten, die beiden zu versorgen. Gerrit war seekrank. Das konnte er gerade noch sagen, bevor er in eine Art Dämmerschlaf versank. Jan drückte Pet einen Packen Mullbinden in die Hand, damit er diese auf seine Wunde pressen konnte. Dann besorgte er eine Eiskompresse für das dick angeschwollene Armgelenk. Danach weckte er den immer noch komplett erschöpften Greg,  der gerade mal eine Stunde geschlafen hatte, aber der laut eigener Aussage gute Kenntnisse bei der Versorgung von Verletzungen während seiner Zeit in Asien angesammelt hatte. Es musste einfach sein.

..................

Gegen 18.00 Uhr erreichte die Blauzahn eine indische Inselgruppe, die Aminidiven. Sie fanden dort bei einer Insel eine Bucht, in der sie ankern konnten. Das Meer hatte sich inzwischen etwas beruhigt.

..............

Benommen betrachtet Gerrit seinen Arm. Jemand hatte ihm einen Zugang gelegt und er hing an einem Tropf. "Welcher Dilettant hat mir das angetan? Ich sehe mindestens fünf Einstichlöcher und nur einen Zugang." Sein Gemecker weckte Greg, der neben ihm auf dem Boden liegend geschlafen hatte und sich an der Liege haltend zu ihm hoch hievte. Gerrit lächelte Greg schwach an und schlief wieder ein. "Ok, der ist offensichtlich überm Berg." sagte der Mönch eher zu sich selbst und schaute nach Pet. "He du alter Graureiher, alles ok mit dir?" Pet´s linkes Auge war leicht angeschwollen und aus dem anderen grinste er ihn an. "Ich glaube, deine Stelle als Assistenzarzt bist du los. Danke für deine Hilfe. Wie sieht es denn mit dem Loch an meinem Kopf aus?" Pet war zwar auch noch etwas benommen, aber wach. "Ich habe die Wunde gesäubert und zugepflastert. Nähen wollte ich bei dem Seegang nicht. Du hast doch gerade gehört, was ich Gerrit angetan habe. Hast du Kopfschmerzen?" Pet durchforstete seinen Körper und stellte fest, dass nur die Stelle, wo er sich gestoßen hatte, schmerzte. Sonst aber schien der Kopf und auch der Verstand unbeschadet zu sein. Als er sich ganz zu Greg drehen wollte, spürte er einen stechenden Schmerz am linken Handgelenk. "Ahhh, da ist also nochmal was kaputt gegangen." - "Ja dein Handgelenk" meinte Greg. "Ich habe es, soweit es ging, untersucht, als du etwas weggetreten warst. Ich denke nicht, dass da was gebrochen ist. Verstaucht oder so. Hoffe ich auf jeden Fall. Wenn die Schwellung zurückgegangen ist, kann ich mir´s genauer anschauen. Willst du was gegen die Schmerzen nehmen?" Ohne auf die Antwort von Pet zu warten, reichte ihm Greg eine Tablette  und dazu einen Becher Wasser.

Durch das Bullauge im Krankenrevier drang etwas Sonnenlicht. Auf der Wanduhr konnte Pet erkennen, dass es 9.15 Uhr war. "Ist es Morgen oder Abend?" fragte er Greg. "Guten Morgen meine Freund. Ich sage den anderen Bescheid, dass ihr beide wieder einsatzfähig seid, wegen Faulheit aber noch eine Weile chillen wollt." Pet dreht sich um und entdeckte auf der dritten Liege Marc, der tief und fest schlief.

Otto hatte inzwischen Kaffee gemacht und dankbar tranken alle das Gebräu. Keiner wagte  ihm zu sagen, dass er den miserabelsten Kaffee gemacht hatte, den sie jemals getrunken hatten. Es war auch einfach vollkommen egal, Hauptsache sie hatten etwas Warmes im Magen.

Lars informierte die Mannschaft darüber, dass die Blauzahn den Sturm besser überstanden hätte wie die Männer selbst. Kein Schaden am Schiff. "Wo ist eigentlich Wilhelm? Hat den heute schon jemand gesehen?" fragte Alberto in die Runde. Jan und Juris rannten schon los zum Maschinenraum. Dort fanden sie ihn eingerollt in einer Decke - tief und fest schlafend. Er hielt einen achtundzwanziger Schraubenschlüssel wie eine Puppe fest im Arm. Auch er musste den heißen furchtbaren Kaffee trinken. "Schmeißt den über Bord, der die Kaffeebohnen so misshandelt hat. Mein Gott tut das gut." Mehr an Worten war dann für Stunden nicht mehr aus ihm herauszubekommen.

Jose und John waren diejenigen, die noch am fitesten waren. Sie übernahmen die Wache. Alle anderen legten sich schlafen. Erst am späten Nachmittag, als alle Hunger verspürten, trafen sie sich bis auf Gerrit in der Messe. Die beruhigte See erlaubte es, dass sie kochen konnten. Marc und Otto machten Putengeschnetzeltes in einer Currysoße mit Reis. Mehr gab es nicht. Und nur Wasser und Fruchtsaft dazu, keinem war nach Wein oder Bier zumute.

Jan wollte wissen, wo sie eigentlich waren. Lars hatte inzwischen ihre Position bestimmen können und klärte alle auf. Die Nordstrandpiraten waren sich einig darüber, dass sie nun wohl mindestens noch achtundvierzig Stunden Ruhe benötigen würden, um einigermaßen erholt und sicher die Weiterreise antreten zu können.

Abends trafen sich Greg, Lars und Pet an Deck. Trevor lag in seiner Longe und genoss die abendliche frische Prise. Vor allem aber das ruhige Schaukeln der Blauzahn. War er doch bei seinen Rundgängen unter Deck trotz seiner vier Pfoten immer wieder weggerutscht und gegen die Wände und Türen geprallt.

Lars spendierte Pet und Greg Zigarren und sie saßen lange Zeit schweigend nebeneinander. "Hätte und Trevor uns nicht gewarnt und hätten wir die Segel nicht schnell genug geborgen, wäre das nicht gut ausgegangen. Unser felliger Matrose hat sich da eigentlich eine dicke Belohnung verdient." Greg tätschelte dankbar Trevors Kopf. "Hat er schon bekommen." Otto hat ihm zwei Putenschnitzel gemacht und mit Haferflocken serviert. Etwas pervers, die Mischung, aber unserer Supernase hat es geschmeckt. Na ja, wer so einen Kaffee brauen kann, muss auch für Hunde was Leckeres machen können." Lars grinste dabei breit vor sich hin. "Lass gut sein Lars, ich war froh, dass überhaupt jemand in der Lage war, Kaffee zu machen." meinte Pet und Lars nickte. Und wieder schwiegen die drei und genossen die Zigarren.  

"Hätte nicht gedacht, dass ich oder besser gesagt wir in unserem Alter noch so eine Tortur durchstehen können. Ich bin zwar müde, fühle mich aber trotzdem unheimlich stark und irgendwie kommt in mir so ein Wohlgefühl hoch. Merkwürdig. Irgendwann vor ein paar Jahren kam mich mir vor wie ein Neutrum. Netter älterer Herr mit den Attributen des leicht vertrottelten und doch weisen Mannes, körperlich erschlafft und gut behütet in der Oldtimergarage abgestellt. Und jetzt nach den Strapazen, die wir da durchgemacht und vor allem auch mehr oder weniger unbeschadet überstanden haben, fühle ich mich einfach toll. Gerrit würde jetzt sicher irgendeinen medizinischen Fachausdruck für dieses euphorische Gefühl auf Lager haben." Lars wollte weiter referieren, stoppte aber und sah zu Greg hinüber. Der hatte seine Zigarre zur Seite gelegt, kniete vor der Loge von Trevor und hatte dessen Kopf in seine Hände genommen. "Greg was ist los?" wollte Pet besorgt wissen. "Nichts mein Freund. Ich hatte auf einmal einfach das Bedürfnis, mich nochmals bei ihm zu bedanken, weil er so aufmerksam war. Und wie mir scheint, kann er das auch genießen. Ihr könnt jetzt lachen, aber wir sind nicht mehr zwölf Piraten und ein Hund, sondern wir sind dreizehn Nordstrandpiraten." Pet schüttelte den Kopf. "Und das aus dem Mund eines ehemaligen Mönches. Kommst du bei solchen Gedanken nicht mit der christlichen Lehre in Konflikt?" Ohne sich von Trevor abzuwenden antwortete Greg. "Vielleicht bin ich gerade dabei, mich zu reformieren. Mehr Achtung vor der Natur und allen Geschöpfen Gottes zu haben und die menschliche Arroganz in mir zurückzudrängen". Da befreite sich Trevor aus den Händen Greg´s und streckte seine Nase gegen den Himmel. Dann schaute er in Richtung Ufer und fing an zu knurren. Die drei sahen ein Licht auf die Blauzahn zukommen. Es war schwach, eher eine Laterne und kein Scheinwerfer, aber man konnte den näherkommenden Lichtpunkt gut erkennen.

Fortsetzung folgt                 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0