Kapitel 32

8. Mai 7.30 Uhr irgendwo in der Arabische See

Die Schiffsroutine ging weiter. Marc hatte Frühstück gemacht. Kaffee, Tee, Obstsalat und belegte Brote. Dieses Mal bracht er jedem, der auf der Brücke war, seine Portion persönlich nach oben. Jeder bedankte sich bei ihm. Juris meinte noch: "He Marc, das musst du nicht tun. Ich kann mir mein Frühstück auch unten in der Kombüse holen." Alle nickten zustimmend. Da drehte der sich am Niedergang um und erklärte mit einer sehr lauten Stimme: "Freunde schaut in den Himmel. Grau verhangen. Schaut in euch alle rein. Alles grau in euch oder etwa nicht? Kollektive Depression macht sich offensichtlich gerade bei uns breit. Ist das der Zauber des Orients, das mystische Morgenland mit seinen erhellenden Geheimnissen? Was ist los? Hat uns der Piratenangriff etwas aus der Bahn geworfen oder sind wir alle einfach übermüdet?

Freunde, ich will euch einfach ein wenig aufmuntern, ein wenig Wohlgefühl produzieren. Probiert den Kaffee. Ich habe heute eine ganz besondere Sorte verwendet. Einen arabischen Harazi mit etwas Meersalz und Kardamom in homöopathischer  Dosis verfeinert. Oder genießt den Tee, einen echten, wirklich echten chinesischen Big Red Robe. Das soll der beste und teuerste Tee der Welt sein. Könnte stimmen, sein Duft ist rauchig und leicht süßlich. Ich habe ihn probiert. Für mich, einen Kaffeetrinker, ist dieser Tee ein Hochgenuss. Für jeden von Euch habe ich sein spezielles Brot gebacken. Dinkelbrot, Maisbrot, Weizenbrot - alles da. Die letzten Vorräte an frischem Obst habe ich heute Morgen verarbeitet. Ich war einfach der Meinung, nach all dem Stress der letzten Tage sollten wir uns was Gutes und Gesundes gönnen. Und warum ich euch das auch noch serviert habe? Ganz einfach. Weil ich Lust dazu hatte, mal wieder der kleine Kneipenwirt zu sein. Meine Gäste zu verwöhnen und in strahlende Gesichter blicken zu können. Freunde, ich fühle mich in der Kombüse so wohl und koche einfach gerne für euch. Mir ist eines klar geworden. Ich bin ein Pirat auf großer Fahrt auf einem außergewöhnliches Segelschiff mit interessanten Menschen auf einer aufregenden abenteuerlichen Weltumsegelungstour. Was kann man sich mehr wünschen? In meinem Alter"! Was?"  Dann schwieg er und blieb einfach stehen und schaute jeden an. Lars war der Erste, der aus der Erstarrung erwachte. Er stiefelte mit seinem etwas steifen Seemannsgang auf ihn zu und nahm ihn in den Arm. "Marc, du bist ein ganz toller Freund. Du hast recht und ich bin dir einfach dankbar. Wir sollten an Bord nicht aus der Routine unseres früheren Lebens heraus vergessen, dass wir zwar eine Abenteuertour machen. Aber dass diese ganze Geschichte viel mit Wohlfühlen zu tun haben sollte. Was für einen Sinn soll es denn sonst geben? Und wir sollten diese Gefühle auch aussprechen, wenn wir sie empfinden."

Das Wetter begann sich zu ändern. Zuerst etwas zögerlich. Dann verschwanden aber sehr schnell die Wolken und ein blauer Himmel ohne Wolken war bis zum Horizont zu sehen. John steuerte die Blauzahn auf die Küste von Oman bei Ras al-Hadd zu. Gegen Nachmittag waren es an Deck bereits sechsunddreißig Grad Celsius. Der Wind war günstig und sie konnten wieder unter Segel reisen. Kurz vor Sonnenuntergang ankerten sie fünfhundert Meter vor der Küste bei Ras al-Hadd. Die Behörden erlaubten ihnen keinen Landgang, aber sie durften ohne Kontrolle an ihrem Ankerplatz bleiben.

Das Meer war sehr ruhig und Marc konnte ungestört kochen. Um kurz vor 21.00 Uhr servierte er Reisauflauf mit Lammragout. Die fast drei Kilo Lamm, drei Kilo Reis sowie die fast zweieinhalb Kilo Zucchinigemüse verschwanden komplett vom Tisch. Dieses Mal hatte Marc den Wein herausgesucht und aus seinem eigenen Bestand ein paar Flaschen klassischen Bordeaux vom linken Ufer sowie einen Aglianico del Vulture aus Italien beigesteuert. Genuss war angesagt und so saßen sie bis weit nach Mitternacht zusammen. Ein paar Zigarren und die eine oder andere Pfeife wurde geraucht. Aber keiner hatte dem Wein so zugesprochen, dass jemand aus der Mannschaft auch nur ansatzweise betrunken war.

Otto und Pet hatten sich schon um 23.00 Uhr zurückgezogen und übernahmen dann die erste Wache, als Lars und Jan als letzte gegen 2.00 Uhr morgens zu Bett gingen.

Es war kühl an Deck im Vergleich zu den Temperaturen des Tages. Die waren auf neunzehn Grad Celsius gefallen. Der Wind hatte am Abend gedreht und eine leichte Brise wehte von Land. Gegen 4.00 Uhr morgens entdeckte Otto einen großen grauen Schatten auf dem Meer. Pet meinte, dass um diese Uhrzeit wohl alles grau aussehen würde, was man da draußen entdecken würde. Doch Otto schaltete das Radar an und tatsächlich konnte er erkennen, dass etwas Großes vor der Küste aufgetaucht war. Es bewegte sich sehr langsam von Ost nach West, um kurz vor dem Verschwinden vom Radar der Blauzahn umzukehren und im gleichen Abstand dann von West nach Ost zu fahren. Greg und Juris kamen um 7.00 Uhr an Deck und Otto zeigte ihnen den großen, grauen Schatten auf dem Meer. Juris holte sich ein Fernglas, um den Schatten genauer anzusehen. "Freunde, das ist ein Kriegsschiff. Ich nehme an ein Fregatte. Aber ich glaube nicht, dass Oman so ein Schiff besitzt. Die Nationalität kann ich nicht erkennen." Otto fragte ihn, was es da draußen wohl tun würde, denn es befand sich noch in den Hoheitsgewässern von Oman. Wenn dessen Marine kein solches Schiff besitzen würde, konnte das nur bedeuten, dass es sich um ein Schiff einer befreundeten Nation handelte. "Otto, schau mal auf dem Radar nach, da müssten noch weitere Schiffe zu finden sein." Otto gab ihm Recht. Wie aus dem Nichts waren zwei weitere Schiffe aufgetaucht. Alle drei schienen gestoppt zu haben, denn auf dem Radar war fast keine Bewegung der drei zu beobachten. "Wecken wir die anderen. Das gefällt mir nicht."  meinte Pet und stiefelte schon nach unten. Wecken musste er allerdings niemanden. Alle waren schon wach und entweder in der Kombüse oder in der Messe. Er informierte kurz darüber, was sie entdeckt hatten, was eine kleine Völkerwanderung der gesamte Mannschaft nach sich zog.    

Alle starten aufs Meer hinaus in Richtung der grauen Kästen. Die fünf Ferngläser, die der Blauzahn zur Verfügung standen, wanderten von Pirat zu Pirat. "Ich melde uns ab. Wir sollten unseren Kurs nach Muscat wieder aufnehmen." meinte Lars. John gab Jan und Gerrit Zeichen, den Anker zu lichten. Wilhelm ging zu seiner Maschine unter Deck, um sie beim Start zu beobachten. Sie machte seit ein paar Tagen beim Anspringen Schwierigkeiten. Aber dieses Mal gab es keine Probleme. Die Maschine lief sofort rund und gleichmäßig.

Nachdem der Anker gelichtet war, glitt die Blauzahn langsam aus der kleinen Ankerbucht etwa einhundert Meter aufs Meer hinaus, um dann den Kurs nach Muscat aufzunehmen. Juris und Otto beobachteten die drei grauen Kästen weiter, inzwischen sollten die bemerkt haben, dass die Blauzahn Fahrt aufgenommen hatte. Aber dort tat sich nichts. Um 8.00 Uhr wurden die Maschinen gestoppt und Segel gesetzt.

Unter Deck wurde inzwischen der gute Kaffee und der Tee, den Marc zum Frühstück serviert hatte, lobend diskutiert. Marc war das schon fast peinlich, weil ihn vor allem Alberto so lobte. Immer wieder sprach er davon, dass Beatrice ihn irgendwann mal probieren müsse. Das ging so weit, dass Jose ihn bremsen musste. "He Bruder, wir haben inzwischen alle verstanden, dass dir Beatrice fehlt. Bitte doch Marc, dir das Rezept zu geben und schick ihr das, dann weiss sie, wie sie dich locken kann." Aber Jose war heute nicht ganz so gut gelaunt wie sonst. Er forderte seinen Bruder mit einem sehr unhöflichen Ausdruck auf, seinen Mund zu halten. Greg bat Jose, ihm nach unten in seine Kajüte zu folgen.

"Hat dein Bruder solche Sehnsucht nach Beatrice oder was ist los mit ihm?" Jose überlegte kurz. "Er hat auf seine letzten Mails keine Antwort mehr erhalten. Marc hat schon bei seiner Frau angefragt, ob sie denn wüsste, was mit Beatrice los sei. Aber auch die hat sie seit über einer Woche nicht mehr gesehen und konnte sie auch nicht erreichen. Das macht ihn etwas nervös. Ich habe ihm gesagt, dass einige von uns nicht ständig Kontakt zu ihren Partnern oder auch Freunden haben und mancher auch schon mal eine Woche oder länger auf Antworten warten musste. Zudem haben wir seit über achtundvierzig Stunden keine Internetverbindung mehr. Er muss sich einfach gedulden." Greg konnte nur hilflos den Kopf schütteln. In so einer Situation war es schwer, Alberto zu helfen. Derzeit funktionierte nur der Funkverkehr, das wusste Greg. Warum, das wusste er nicht. Eine Zeitlang saßen sie sich schweigend gegenüber. Da kam über die Bordsprechanlage die Information von Jan, dass ihnen einer der grauen Kästen nun doch folgen würde. Die beiden beendeten ihr Gespräch und die Mannschaft traf sich auf der Brücke.

Otto hatte zudem vor 10 Minuten festgestellt, dass ein Schiff auf Parallelkurs lief und Jan hatte mit dem Fernglas den Verfolger, sofern es einer sein sollte, beobachtet und festgestellt, dass es wohl eines der drei grauen Kästen sei. Juris richtete seine Frage an alle. "Soll ich ihn anfunken und fragen, wer sie sind?" Alle nickten zustimmend und Juris machte sich daran, auf den bekannten Frequenzen das Schiff anzufunken. Die Antwort ließetwas auf sich warten. Jemand antwortete in schlechtem Englisch. Er konnte nur verstehen, dass es sich um ein Schiff der Marine Omans handeln würde und dass sie hier patrouillieren würden. Er hatte weder den Namen des Schiffes verstanden, noch konnte er verstehen, wohin sie fahren würden. Das ginge sie ja auch eigentlich nichts an, meinte er. Aber es war schon sehr ungewöhnlich, dass die Marine von Oman Funksprüche in miserablem Englisch absetzen würde. Entweder wollten sie nicht verstanden werden oder die Antwort war falsch. Weitere Anfragen von ihm blieben unbeantwortet. Dann setzte er noch einen Funkspruch ab. "Hier ist die Blauzahn, Heimathafen Nordstrand, Deutschland auf dem Weg nach Muscat." Als Antwort kam ein klar verständliches "Thank you for these informations." Dann brach der Funkverkehr wieder ab. Lars meinte nur. "Da können wir uns jetzt selbst was draus basteln, was wir darüber denken sollen."

In einem Abstand von zwei Kilometern hielt ihre Begleitung den Kurs bei. Muscat würden sie am frühen Nachmittag erreichen. Per Funk meldete sich Lars dort beim Hafenkapitän an. Umgehend wurde ihnen geantwortet, dass ein Lotse an Bord kommen würde und sie zu ihrem Liegeplatz leiten würde. Man soll sich fünf Kilometer vor der Hafeneinfahrt melden, damit sie dann in Empfang genommen werden konnten. "Ist das denn üblich?" frage Otto und Lars schüttelte nur den Kopf. 

Eine Stunde bevor sie Muscat erreichten, hatten sie wieder vollen Zugang zum Internet. Jeder der nicht auf Deck gebraucht wurde, ging "mal schnell Mails checken."

Fortsetzung folgt