Kapitel 31

6. Mai 21.00 - irgendwo in der Arabischen See

Bisher waren die Gespräche auf die lautstarke Meisterleistung von Wilhelm beim Angriff der Piraten beschränkt geblieben. Erst nach dem Abendessen - nach ein oder auch zwei Schluck Wein aus Ottos Weinkeller - wollte Juris wissen, wie sie alle inzwischen dazu standen, sich mit Waffengewalt eines Angriffs erwehren zu wollen. Begründungen gab es keine, aber alle gaben zu, dass sie es weiterhin so angehen wollten. Selbst der friedvolle Mönch Greg meinte, dass es wohl der richtige Weg gewesen sei, den sie hätten gehen müssen. Das Warum konnte auch er nicht beantworten.

Lag es daran, dass sie nun auf hoher See das mystische Morgenland erreicht hatten oder lag es daran, dass sie sich etwas bewiesen hatten. Ihnen allen war klar, dass sie begannen, sich zu verändern. Zu ihrer Lebenserfahrung kam noch eine neues, für einige vollkommen unbekanntes Bewusstsein hinzu. Ein körperliches Selbstbewusstsein, entstanden aus den Monaten auf See, den täglichen Anstrengungen und den wechselnden Schichten an Deck. Das hatte sie auch körperlich verändert und sie spürten sich wohl gerne dabei, weil sie Kräfte in sich entdeckten, die bisher eher versteckt waren.

Die Nacht war sternenklar und die See begann sich zu regen. Wellen bis zu zwei Metern Höhe rollten an der Bordwand entlang und überspülten auch den Bug der Blauzahn. Otto musste seine begonnenen Näharbeiten an der nächsten Kollektion der Piratenwesten einstellen. Die Jacht bewegte sich zu stark. Pet, Greg und Gerrit sicherten mit verkrampften Händen den Inhalt ihrer Whiskygläser und Trevor versuchte, in einem Wellental ein paar Tropfen loszuwerden, ohne sich den Pelz zu benetzen. Lars, Jose und Alberto waren auf der Brücke und hielten den Kurs.

Lars rief um 24.00 Uhr Juris zu sich auf die Brücke. Seit ein paar Minuten empfingen sie auf dem Notrufkanal Stimmen, die sehr aufgeregt klangen. Leider kannte keiner die Sprache, die hier offensichtlich um Beistand bat. Juris nahm die Stimmen auf und versuchte mit Hilfe eines Spracherkennungsprogramms auf seinem Laptop zu übersetzen. Er sendete eine Antwort auf Englisch und Französisch. Doch die Antwort, die er erhielt, verstand er nicht. Um 0.25 Uhr endete der aufgeregte Sender abrupt. Dafür meldete nun jemand auf Englisch, dass man versuchen würde, die angegeben Position zu erreichen. Juris fragte per Funk nach, ob man helfen könne und wie denn der Kurs der vermeintlichen Hilfesuchenden sei. Die Antwort war kurz und knapp. Es sei keine Hilfe notwendig. Dann verstummte auch dieser Funkverkehr. Auf dem Radar war auch nichts zu erkennen, deshalb ging Juris wieder zu Bett. Wachwechsel war erst ab 4.00 Uhr angesagt und er wollte noch ein wenig schlafen.

Durch den beginnenden Monsun musste die Blauzahn kreuzen, denn der Wind kam immer stärker aus Richtung Nordost. Zum Wachwechsel um 4.00 Uhr gab es nur eine Tasse Tee und ein paar belegte Brote. An guten Schlaf war gar nicht zu denken, deshalb war ab 5.00  Uhr auch der Rest der Mannschaft wach. Im Morgengrauen erkannten sie im Osten eine Rauchsäule.  Juris überprüfte alle Funkfrequenzen, aber hier waren keine Anhaltspunkte zu hören, die auf eine Schiffshavarie schließen ließ.

Die Schiffsroutine ging weiter. Außer den hohen Wellen gab es nichts Außergewöhnliches zu vermerken.

Um 7.00 Uhr gab Juris bekannt, dass sie stark vom Kurs abgekommen waren. Die errechneten Zeiten und der Kurs waren nicht zu halten. In den vergangenen zwölf Stunden hatten sie von den zwölfhundertfünfzig Kilometern gerade mal vierhundert Kilometer zurückgelegt. Lars konnte sich das nicht erklären. Deshalb überprüften sie mit dem Sextanten ihren Standort. Die Abweichung zwischen der elektronischen Messung und der Messung mit dem Sextanten war eklatant. Die Elektronik hatte mal wieder versagt. Juris und Lars arbeiteten ein paar Stunden daran, das Problem zu beheben. Sie waren nun fast vierhundert Kilometer von der Küste des Oman entfernt. Das Wetter wurde immer schlechter. Es regnete  und der Wind frischte immer mehr auf. Trevor wurde unter Deck eingesperrt und auf der Brücke trugen alle die altbekannten Südwester. Gelbe Regenklamotten mit roten Schwimmwesten waren nun die Standardkleidung. Wilhelm begann, die Maschinen startklar zu machen. Um auf den richtigen Kurs zu kommen, mussten sie die Segel einholen und mit Maschinenkraft weiterfahren. Erst gegen Abend des 7. Mai ließ der Wind nach und sie schafften es nun, wieder den Kurs nach Muscat zu halten. Sie waren trotz Motorkraft sehr weit nach Südosten abgetrieben.

Lars fluchte auf der Brücke laut vor sich hin. "Die Elektronik versagt und den Zeitplan können wir auch nicht einhalten. Verflucht noch mal. Irgendwie klebt eine ganz gehörige Portion an Unglücksmist an unseren Schuhen oder besser gesagt an unserem Kiel." Um 21.00 Uhr war es dunkel. Wolken verdeckten den Himmel und man sah weder Sterne noch waren Positionslichter anderer Schiffe am Horizont zu erkennen. Selbst auf dem Radar sah man kein einziges kein Schiff. Sie waren vollkommen alleine. Das kannten sie nicht. Bisher waren in ihrem Umfeld immer wieder Schiffe zu sehen oder sie hatten wenigstens den Funkverkehr anderer Schiffe empfangen, aber nun waren sie wirklich alleine.

Dieses merkwürdige Gefühl beschlich alle. Selbst ein erfahrener Seemann wie Lars konnte sich davon nicht befreien. Was für eine Stimmung war das hier auf hoher See, das sie alle umfing. Der Wind sang ein lautes Lied in den Takelagen, die Wellen schlugen in einem unregelmäßigen Takt an die Bordwand und der Regen, der mal da war und wieder verschwand, ergänzte die Instrumente der Naturgewalten. Um sicher zu sein, dass man sie sah, schaltete man die Scheinwerfer zusätzlich zu den Positionslichtern an und beschien damit die See vor der Blauzahn. 

Die Wasserwüste um sie herum hatte ihre eigenen Gesetze und trotz der Sicherheit, die ihnen die moderne Technik bot, fühlten sie sich der Natur ausgeliefert.

Außer Trevor, dem diese Urängste nichts anhaben konnte, schlief keiner in dieser Nacht.

8. Mai 5.00 Uhr

John, Gerrit und Jan waren noch so fit, dass sie die Wache alleine übernahmen und alle anderen in der inzwischen ruhiger werdenden See schlafen gehen konnten. Das Morgengrauen schob die Dunkelheit bei Seite. Diese Nacht hatte nicht nur in den Körpern der Mannschaft Spuren hinterlassen, auch in ihren Köpfen hatte sie kleine gedankliche Schürfwunden hinterlassen. War das das Mysterium des Morgenlandes? 

 

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz

Liebes Tagebuch. Wie verrückt. Was war ich doch früher für ein Angsthase in allen Bereichen. Wasserscheu als Kind, schüchtern bis zum Abwinken und nach einem halben Jahr Seefahrt nicke ich als friedliebender Zeitgenosse ohne Zögern, wenn es darum geht, unser Leben mit Waffengewalt zu verteidigen. "Wann ist denn Mann ein Mann?" fällt mir da gerade der Text von Grönemeyer ein. Muss das alles so sein? Kann man sich Ängstlichkeit tatsächlich noch im hohen Alter abtrainieren? So wie den Schwimmring um den Bauch? Der zumindest ist ganz schön zusammengeschmolzen. Gutes Gefühl. Sixpack mit 64. Warum nicht? Wer weiß, welche Herausforderungen noch auf uns zukommen. Meine Westen kann man natürlich auch ohne Bauch tragen. Obwohl sie eigentlich für Bauchträger konzipiert sind. Wilde Westen. Die Drüberhänger. Die Bauchverstecker. Die Handtaschen für den Mann. Mit den variablen Taschen. Vielleicht sollte ich doch schon jetzt von Bord aus meinen Onlineshop eröffnen. Eine echte Herausforderung für einen ehemaligen Beamten. So ein Markt wartet nicht auf dich wie deine Schüler, die das ja müssen. "Den Markt musst du dir selbst erobern" meint Pet. Er muss es ja wissen. Habe keine Ahnung, wo uns die Blauzahn noch überall hintreiben lassen wird. Aber ich habe inzwischen das sichere Gefühl, dass wir irgendwie unsinkbar geworden sind. Piraten mit Leuchtraketen in die Flucht schlagen. Wind und Wetter trotzen. In einer Welt segeln, die alles andere als einfach zu verstehen ist. Werden wir Flüchtlingen helfen müssen? Werden wir Kurs halten können? Halten wir gesundheitlich durch? Egal, ich lebe den Tag. Und habe meinen Weinkeller mit an Bord. :-)

Fortsetzung folgt