Kapitel 30

... Vollkommen irritiert, dass nun offensichtlich sie angegriffen wurden, änderte der Kutter den Kurs, nachdem ihn eine der Leuchtraketen fast getroffen hatte. Dann schickte ihnen Ben Miller noch einen Abschiedsgruß nach. Eine Leuchtrakete, die mit einem Donnergrollen einige Meter über dem Kutter explodierte. Das war dann doch zu viel und der Kutter beschleunigte, um so schnell wie möglich aus der Reichweite dieser "Geheimwaffe" zu. Wilhelm stoppte seine Maschinen und sie ließen die Blauzahn noch einige hundert Meter treiben. Der Hubschrauber, der nun genau über ihnen flog, zeigte den vermeintlichen Piraten, dass mit den beiden Jachten nicht zu spaßen war und verschwand mit hoher Geschwindigkeit erst aus ihrem Blickfeld und dann vom Radar.

Höflich bedankten sie sich bei der Hubschrauberbesatzung, setzten die Segel und nahmen den alten Kurs wieder auf. Zur Freude oder gar zum Jubeln bestand sicherlich Grund genug, aber keinem war wirklich danach. Gerrit musste Wilhelm in seine Obhut nehmen, dessen Kreislauf nach dieser Aufregung etwas schlapp gemacht hatte. Eine Stunde später begegneten sie ihrem englischen Helfer auf hoher See, einer gewaltigen, grauen Marineblechdose. Sie wurden gebeten, ihren Kurs beizubehalten und ein Kommando des Kriegsschiffes kurz aufzunehmen. Zwei schnelle Boote, mit Soldaten besetzt, kamen auf sie zu. Lars und Alberto hatten die Gewehre inzwischen wieder unter Trevors Toilette versteckt. Nur eine Pistole und zwei Leuchtpistolen ließ man demonstrativ auf der Brücke zurück. Pet nahm Trevor an die Leine, der sich nun seinerseits sehr kampfbereit gab und die Besucher mit gefletschten Zähnen und einer Sabberfontäne am Maul begrüßte. Lars, Otto und Juris hießen das Enterkommando auf der Blauzahn willkommen. Pet fotografierte die Szene, wurde aber von einem der Marinesoldaten gebeten, ihre Gesichter nicht abzulichten. Lars informierte die Besucher kurz über die Geschehnisse und wie sie die Piraten vertrieben hatten, ohne aber die Gewehre zu erwähnen. Der Offizier meinte sehr höflich und mit einem Dauerkopfschütteln, dass das wohl sehr leichtsinnig gewesen sei, was sie da gemacht hätten. Aber einer der Seesoldaten kommentierte, dass die Idee doch gar nicht so schlecht gewesen sei, womit er sich einen strengen Blick seines Offiziers einhandelte. Dann wurde Lars noch ein Geschenk der britischen Marine überreicht. Eine Flasche Single Malt, Grüße von ihrem Fregattenkapitän. Da die Fregatte noch eine paar Stunden den gleichen Kurs wie die Blauzahn und die Ageli laufen würde, verlangsamte diese ihre Fahrt und sie hatten nun einen Kindergärtner, der sie ruhig in ihrem Planschbecken weitersegeln lassen würde. Juri, ganz Spezialist für Abhöraufgaben, hörte natürlich deren Funk ab, als das Enterkommando wieder in Richtung der Blechbüchse war.

" Die Blauzahn, Heimathafen Nordstrand an der Deutschen Nordseeküste. Zwölf alte Männer auf Abenteuertour. Das sind irgendwie alles Irre, aber verdammt mutig und einfallsreich waren sie auch. Und die Blauzahn ist ein tolles Boot. Modernste Segeltechnik, alles was das Herz begehrt. Und einen Hund haben die, der zerreißt einen Haifisch, wenn der an Bord kommen würde. Ich hatte Angst vor der Bestie. Tragen verrückte Klamotten.

Die Ageli, Heimathafen Liverpool. Fünfzehn Frauen und zwölf Männer. Da würde ich gerne anheuern. Nein ,nicht wegen der Frauen. Die Ageli ist eine Luxussegeljacht. Gut ausgestattet und ich glaube, da könnte ich mich auch wohlfühlen."

Dann war das Gespräch beendet, weil der Kapitän des Kriegsschiffes darum bat, doch bitte sachlich zu bleiben. Bericht erst an Bord und schriftlich. Ende.

6. Mai 2015 6.00 Uhr Ortszeit einhundert Kilometer vor der Küste von Oman

Vor zehn Stunden hat sich der graue Blechkasten von ihnen verabschiedet und war zu einem neuen Einsatz aufgebrochen. Die Ageli fuhr hinter der Blauzahn dreihundert Meter Backbords unter vollen Segeln. Die Strecke von zwölfhunderfünfzig Kilometer bis Muscat würden sie in etwa einhundert Stunden schaffen. Sie verabschiedeten sich per Funk von der Ageli und John, der die Brücke übernommen hatte, ließ nun alle Segel setzen und die Blauzahn nahm Fahrt auf. Nach einer Stunde war die Ageli aus dem Blickfeld verschwunden. Der Himmel war blau, ohne jegliche Wolken und der wenige Wind, der auf dem offenen Meer blies, musste mit allen Fetzen an Bord eingefangen werden. Bei nur sechs Knoten Fahrt würden sie doch mehr als einhundert Stunden benötigen. Südlich von ihnen sahen sie immer wieder große Schiffe Richtung Westen fahren. Meist würden es wohl Tanker sein, denen sie so begegneten.

Alberto und sein Bruder angelten. Kurz vor der Mittagszeit hatten sie Erfolg. Sie fingen hintereinander vier Barsche. Marc hatte nur darauf gewartet, was sie wohl fangen würden, um die Beilagen entsprechend dazu zu kochen. Mit Reis und viel Gemüse würden die Fische die Piraten satt machen müssen.

Um 14.00 Uhr war die See fast vollkommen ohne Wellen und der Wind war bis auf immer wiederkehrende leichte Lüftchen auch zum Erliegen gekommen. Alle Luken waren geöffnet worden, damit wenigstens der Durchzug die Kabinen belüften konnte. Die Klimaanlage hatten sie ausgemacht, das Stromaggregat war stark erhitzt und Wilhelm hatte es aus Sicherheitsgründen für ein paar Stunden abgeschaltet. Die Batterien lieferten für diese Zeit aber genügend Strom für Bordelektronik und Kühlraum. Nach dem Essen wurde John, Greg und Juris von Lars abgelöst, der gemeinsam mit Otto und Wilhelm die Brücke übernahm.

Obwohl das Wetter für ein sehr gemütliches unter-Segel-dahingleiten geeignet war, kam keine entspannte oder gar freudige Stimmung auf. Die Erlebnisse mit den Piraten und die Begegnung mit dem Kriegsschiff beschäftigte sie alle. Ihr Leben war nicht nur ein Abenteuer, bei dem man mit der Natur oder gar mit unwilligen Administratoren zu kämpfen hatte. Sie gehörten alle zu der Generation, die keinen Krieg auf ihrem Kontinent in der Mitte  Europas in ihrer direkten Nachbarschaft erleben mussten. Der Krieg mit all seinen Gefahren war immer ein paar hundert, wenn nicht gar ein paar tausend Kilometer entfernt von ihnen und bei den meisten immer nur ein Fernsehnachrichtenerlebnis gewesen. Fast jeder von ihnen hatte zwar Dinge in seinem Leben erfahren müssen, die mit Gewalt und Tod zu tun hatten, aber das heute war eine ganz andere Dimension. Und das beschäftigte jeden. Zuerst nur ganz tief innen drin, dann kroch es hoch. Es dauerte sehr lange, bis es einer aussprach, was jedem durch den Kopf ging. Das heutige bewusste Eingehen auf eine Gefahr, die jeden von ihnen das Leben hätte kosten können.    

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz

Liebes Tagebuch. Die Schlacht ist geschlagen, wir sind als Helden daraus hervorgegangen. Aber die Stimmung an Bord ist noch sehr nachdenklich. Ja klar, wir hätten auch geschlagen werden können. Aber so ist das Leben. Wir haben gesiegt, man sollte die Feste feiern wie sie fallen. Ich denke auch, dass das Gefühl bei uns in den nächsten Tagen durchschlagen wird. Wir haben alle ein komplettes Leben gelebt. Und leben jetzt ein zweites geschenktes Leben, wenn man es z.B. mit dem Leben unserer Urgroßväter vergleicht. Statistisch haben wir noch 20 Jahre vor uns. Bei vollem Verstand mit kleinen körperlichen Einschränkungen. Das hatten unsere Urgroßväter eben nicht. Die hatten meist nur ein einziges Leben mit kurzem Abgang. Die Altersforscherin Ursula Staudinger, Professorin in New York, schreibt dazu: "Je älter wir werden, desto geringer wird die Aussagekraft der Altersangabe, die in unserem Pass steht, für das, wer wir wirklich sind, was wir können und was wir aus unserem Leben machen wollen." Habe ich gestern im Internet gelesen. Und weiter schreibt sie: "Ich habe nicht den Eindruck, dass das Potenzial der zugewonnenen Zeit von den Menschen und von der Gesellschaft schon ausreichend genutzt wird." Wissen Sie, Frau Professor, genau deshalb sind wir wohl auf der Blauzahn, um unser Potenzial auszuloten. Aber wir wissen natürlich auch, dass das nicht für jeden eine Option ist. Auch da haben Sie recht, wenn Sie schreiben: "Schematische Rezepte für richtiges Altern halte ich für fragwürdig. Man spricht heute gerne von "personalisierter Medizin". Ich spreche gerne von "personalisiertem Altern", weil das Altern für mich der Inbegriff der Individualisierung ist." Mensch Frau Professor. Sie sprechen mir aus der Seele. Ihr Otto Kraz. Pirat.

Fortsetzung folgt

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