Kapitel 29

4. Mai 2015  4.00 Uhr
Wilhelm war unter Deck und machte sich an seinen Maschinen zu schaffen. Trevor saß vor der Tür und lauschte gespannt, was hinter der dicken Polsterung zum Maschinenraum geschah. Immer wieder brachte er seine Schlappohren in Position, um besser hören zu können. Als dann kreischende Geräusche wie von einer Kreissäge nach draußen drangen, machte er sich in Richtung Kombüse davon. Marc war gerade dabei, frisches Maisfladenbrot zu machen. Ein Teil war schon fertig und mit Tomaten und Paprika belegt. Gut gesalzen und mit Olivenöl beträufelt passte es zwar nicht zum Frühstücksverhalten eines Europäers, aber für diese Breitengrade und für das, was auf die Piraten zukommen könnte, sicher das Richtige. 


Durch die Scheiben der Messe sah man, dass auch auf der Ageli schon einige wach waren. Sie lag knapp dreißig Meter weiter auf Backbord der Blauzahn und man konnte Ben Miller hören, wie er Anweisungen an seine Mannschaft gab.  
Nach dem Frühstück wurden noch einige Details abgesprochen, damit es in Momenten der Gefahr keine Missverständnisse geben konnte. Jeder kannte seinen Platz und um 6.00 Uhr wurden die Anker der Blauzahn und der Ageli gehoben und die Segel gesetzt.  
Wilhelm und Otto machten sich daran, nochmals die Lautsprecheranlage zu überprüfen. Auf der Brücke standen zwei weitere Megaphone bereit. 
Otto hatte die gesamte Mannschaft mit seinen selbstgeschneiderten wilden Westen ausgestattet. "Zieht sie an. Und zwar mit dem Neon-Futter nach außen. Dann sehen wir alle erkennbar von Weitem aus wie mit einer einheitlichen Uniform gekleidet. Das verwirrt garantiert jeden Angreifer." Er grinste breit. Jetzt war den anderen erst klar, für was sie diese Stoffe zuschneiden sollten, die Otto ihnen allen vor einigen Tagen in die Hand gedrückt hatte. Er hatte sie danach zu Westen zusammengenäht und ihnen an genau diesem Morgen überreicht. "Mein Urgroßvater hat übrigens vor 120 Jahren auch großartige Westen geschneidert. Ich glaube, er wäre jetzt sehr stolz auf mich," hatte er dazu lachend gemeint. 
Am Niedergang lagen die Gewehre und Harpunen mit der Munition bereit. Die Signalpistolen und die Pistolen waren auf der Brücke. Über Funk hatten sich Blauzahn und Ageli bei der Britischen Marine gemeldet, dass sie nun durch die Meerenge in den Golf von Aden fahren würden. Über einen Verschlüsselungscode gaben sie ihren Standort und ihren Kurs durch. Wenn jemand den Funk abhören sollte, erfuhr er nicht sofort alle Details. 
Unter vollen Segeln fuhren die beiden Boote in einem Abstand von knapp zweihundert Metern. Otto beobachtete das Radar sehr aufmerksam. Einige größere Schiffe befanden sich in der Nähe, aber fast alle waren auf Nordkurs. Nur ein Containerschiff, das sich etwa vier Kilometer vor ihnen befand, war auf südöstlichem Kurs. Ohne gestört zu werden, fuhren sie an Perim Island vorbei und drehten dann auf Kurs Süd-Ost auf den Golf von Aden zu. Auf der Höhe von Aden, etwa achtzig Kilometer vor der Küste des Jemen, bemerkte Otto auf dem Radar, dass sie begleitet wurden. Drei Kilometer entfernt lief auf Parallelkurs ein Schiff. Gegen 17.00 Uhr war es auf Sichtweite an die Blauzahn und Ageli herangekommen. Im Fernglas sah es aus wie ein größeres Fischerboot, aber dafür war es eigentlich viel zu schnell. Alle waren sich einig, dass da wohl jemand sehr neugierig war. Otto und Jan, die das unbekannte Boot nun mit den Ferngläsern beobachteten, zählten mehr als ein Dutzend Gestalten an Bord. Lars und Ben Miller verständigten sich darüber, dass sie in diesem Falle aktiv werden sollten, bevor das die Unbekannten tun würden. Die britische Marine wurde verständigt und diese versprachen, einen Hubschrauber zu schicken. Der würde allerdings über eine halbe Stunde bis zu ihrem derzeitigen Standort benötigen. Die Blauzahn begann ihre Wende und ließ die Ageli an ihrem Heck vorbei. Dann begann man mit dem verabredeten Szenario. Die Segel der Blauzahn wurden eingeholt und Kurs auf den vermeintlichen Fischkutter genommen. Otto meinte jubelnde Menschen auf dem Kutter zu erkennen.  
Dann setzte Wilhelm seine Maschinen in Gang. Er hatte die Schalldämpfer an den Auspuffanlagen ausgebaut und der Start der Diesel verursachte eine infernalisches Getöse und eine gewaltige Rauchfahne zog hinter der Jacht her. Der Rumpf der Blauzahn erzitterte, als die Schrauben in das Wasser griffen. Durch die Lautsprecheranlage wurde die Alarmhupe lautstark auf das Meer hinausposaunt. Englische, französische und arabische Befehle wurden ebenfalls in den Himmel hinausgerufen. Sichtbar bewaffnet liefen Wilhelm, Marc und Jan nach Steuerbord und legten die Gewehre an. Die neonfarbenen Westen erfüllten ebenfalls ihren Zweck. Da kam offensichtlich eine starke Mannschaft, keine Gruppe von einzelnen Individualisten. Die Ageli hatte inzwischen ebenfalls den Kurs geändert und lief auch auf den unbekannten Kutter zu. Dann wurden Leuchtraketen in deren Richtung abgeschossen... 
Aus dem Tagebuch des Otto Kra
Liebes Tagebuch. Dir kann ich es ja sagen. Also ich habe mir bei diesem Gefecht mit den vermeintlichen Piraten beinah ins Hemd gemacht. Aber es war verrückt für mich, zu spüren, wie eine entschlossene Mannschaft einem die Kraft geben kann, sich am Ende doch nicht ins Hemd zu machen. Und zu kämpfen. Den anderen ging es aber sicher auch nicht viel besser, würde ich einmal behaupten. Hätte man mir vor einen halben Jahr erzählt, ich wäre aktiv dabei, mit Leuchtraketen auf Angreifer zu schießen, ich hätte natürlich jedem den Vogel gezeigt. Also sag niemals nie. Man kann ungeheure Kräfte mobilisieren, wenn man für eine Sache brennt. Und klar brennen wir alle für unsere Weltumsegelung. Und wollen uns da auch nicht von irgendwelchen Freibeutern aufhalten lassen. Mal sehen, ob ich meine kleinen lästigen Ängstlichkeiten auf dieser Reise komplett ablegen kann. Wäre wunderbar. Im Moment fühle ich mich auf alle Fälle ganz schön stark. Pirat Otto Kraz. Unschlagbar. Schönes Gefühl. 
Fortsetzung folgt

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Kommentare: 7
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