Kapitel 28

30. April 2015 21.30 Uhr an Bord der Blauzahn

Juris war zurück und berichtete Ben Miller, dass er einen Virus auf dem Bordcomputer der Ageli gefunden habe. Der Virus würde den Standort über das Internet an eine spezielle eMail-Adresse versenden. Außerdem die Daten aus dem Bordbuch sowie alle Serverdaten des Schiffsnetzwerkes. Er wäre seit Oktober 2014 aktiv. Ben Miller war irritiert. An die Umstehenden gerichtet sagte er: "Die Ageli habe ich mir im September 2014 gekauft und da sie bereits sechs Jahre alt war, habe ich sie in einer Werft in England überholen lassen. Sie war nun mal gebraucht und einige Details wollte ich nach meinen Wünschen nachträglich einbauen lassen. Seit November ist die Mannschaft an Bord und seit Dezember sind wir unterwegs. Das bedeutet, dass man das Virenprogramm bei der Überholung der Ageli eingespielt hat. Damals hat man auch das defekte Radar ausgetauscht und ein komplett neues Netzwerk für die Kommunikation installiert. Warum will jemand mein Schiff überwachen oder besser gesagt mich oder einen aus der Mannschaft?"

Otto hatte sehr aufmerksam zugehört. Irgend eine Idee geisterte in seinem Kopf herum. "Wer war denn der Vorbesitzer der Jacht?" fragte er Ben Miller. Der musste kurz überlegen. "Den Namen kenne ich nicht. Ich habe ihn nicht erfahren. Aber ich weiß noch, dass er ein Holzhändler, Schreinereibesitzer und Möbelfabrikant aus Dänemark war. Daran kann ich mich noch erinnern. Eine ähnliche Vita wie die meine, außer der Geschichte mit den Zeitungen. Das Ganze wurde aber über einen Anwalt abgewickelt. Der Inhaber ist nie persönlich aufgetaucht." 

In Ottos Kopf schienen sich die Synapsen zu vernetzen und wild zu streiten. Welche Hirnhälfte fand schneller die Lösung des Rätsels? Aber er konnte nur spekulieren, es gab einfach nichts, was da zusammenpasste. Als Naturwissenschaftler liebte er die klaren Regeln, das befriedigte sein Bedürfnis nach Harmonie. Da war aber im Moment nur Chaos. Er schaute seinen Freund Pet an, der konnte auch nur mit den Schultern zucken. "Wir werden unsere Reise fortsetzen. Vielleicht findet sich im Laufe der Zeit des Rätsels Lösung." Für Pet war diese Sache vorläufig erledigt.

"Ja, wir sollten einfach unsere Reise fortsetzen. Was soll´s. Wahrscheinlich verwechselt uns da jemand. Wir haben nichts zu verbergen. Wir haben auch nicht vor, irgendjemand etwas zu tun oder etwas Ungesetzliches zu veranstalten." Jan hatte in der Tür zur Messe gestanden und meinte: "Soll doch derjenige, der was erfahren will, die NSA fragen. Dort bekommt er ohne großen Aufwand seine Antworten. Irgend ein weiterer Eduard Snowden wird schon Bescheid wissen." Otto lachte vergnügt.

Lars stand auf. "Ja Freunde, wir segeln weiter. Morgen früh ist die Nacht vorbei und wir wollen doch unsere Reise frisch und unbeschwert fortsetzen."

 

 

 

1. Mai 2015 9.30 Uhr

Ein Großaufgebot der ägyptische Hafenbehörde beobachtete das Ablegen der Blauzahn und der Ageli. John hatte das Ruder auf dem Piratenschiff übernommen. Die etwa dreizehnhundert Kilometer bis Jeddah in Saudi Arabien würden sie, wenn der Wind sie begünstigte, in vierzig Stunden oder etwas mehr schaffen. Und der Wind meinte es gut mit ihnen. Unter Segel liefen sie gemütliche acht Knoten. Um sich vor der sengenden Sonne zu schützen, hatten sich alle dick mit Sonnenschutzmitteln eingecremt, trugen Mützen oder Hüte und weite weiße Hosen und langärmlige leichte Hemden. Schon nach drei Stunden hatte die Ageli einen großen Abstand zur Blauzahn. Sie war etwas langsamer als das Piratenschiff und entschwand langsam den Blicken der Crew. Als ob sie Angst gehabt hätten, dass man sie hören könnte, hatte keiner von ihnen über den vergangenen Abend oder über ihre Besucher gesprochen. Erst jetzt, nachdem man die Ageli mehr sehen konnte, begann Greg: "War doch ein unterhaltsamer Abend. Glaubt ihr eigentlich alles, was uns da Ben Miller erzählt hat? Klang schon recht abenteuerlich, was er uns aufgetischt hat. Ein Millionär, der sich mit Banken anlegen will und dafür Zeitungen aufkauft. Weil er seine hochgesteckten Ziele aber nicht erreichen kann, kauft er sich mal schnell eine Segeljacht, um seinen Frust auf See loszuwerden." Jan drehte sich zu ihm um. "Ich habe heute Nacht noch ein wenig im Internet recherchiert. Das mit den Zeitungen stimmt. Ich habe auch ein paar Artikel, die in seinen Blättern über die Banken erschienen sind, gelesen. Alles ist unter dem Pseudonym Benjamin Mueller geschrieben. Sachliche Informationen mit sehr vielen zynischen Kommentaren versehen. Und seit einem Jahr erscheinen von ihm keine Artikel mehr. Dafür gibt es in den letzten Monaten einige Artikel im gleichem Stil, allerdings von einer Julia Piro. Der Name sagt uns auch was, oder?" Ottos Kommentar dazu.: "So klein ist die Welt und voller Zufälle. So viele Zufälle auf einem Haufen können aber schon kein Zufall mehr sein." Eine Weile schwiegen alle. Man sah den Männern an, dass sie diese Geschicht doch ziemlich beschäftigte. Sie waren selbst als Nordstrandpiraten losgesegelt, um mit dem, was sie im Leben erreicht hatten, etwas zu entwickeln, von dem sie zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht genau sagen konnten, was es war. Und Ben Miller war losgesegelt, um dem, was er im Leben erreicht hatte, zu entgehen. Lief er davon oder hatte er aufgegeben? Aber man konnte schlecht vergleichen. Der Mann lebte finanziell in einer ganz anderen Welt. Er war sehr reich und besaß damit hohe Entscheidungsfreiheit. Und sein persönliches Sorgenpaket war sicher ein vollkommen anderes als das der Blauzahnpiraten.

Gegen Mittag servierten Wilhelm, Marc und Juris ein leichtes Mahl. Obst, Salate und Wasser. Wirklichen Hunger hatte keiner, denn das opulente Essen vom Abend zuvor und die Hitze ließen keinen großen Hunger aufkommen.  Lars übernahm gemeinsam mit Jose und Alberto die Brücke. Alle anderen zogen sich zurück, ruhten sich aus oder gingen ihren Aufgaben nach - so wie Marc und Otto. Die  kümmerten sich um die Küche. Wilhelm und Pet waren mit der Wäsche beschäftigt. Sie hatten zum Trocknen der Wäschestücke ein paar Leinen gespannt. Und bald sah die Blauzahn aus wie eine Wäscherei-Schiff. Überall flatterte Unterwäsche, Hemden, T-Shirts und Hosen im Wind. "Verrückt. Ich hätte mir nie im Leben vorstellen können, die Unterhosen von anderen Männern gewaschen an die Leine zu hängen. Vor ein paar Wochen war mir noch unwohl, wenn ich die Schmutzwäsche der anderen in die Waschmaschine gepackt habe. Und jetzt macht mir das alles schon gar nichts mehr aus. Nur gut, dass wir nicht bügeln müssen. Das klappt bei mir nämlich nicht. Da würden die Hosen mindestens drei Bügelfalten bekommen." Wilhelm und Pet hatten sich auf dem Vorschiff in den Schatten des Beibootes gesetzt. Wilhelm war in Plauderlaune und sprach weiter. "Es hat sich schon sehr viel verändert, seit wir aufgebrochen sind. Zuerst haben wir uns alle mit viel Distanz behandelt. Klar, wir kannten uns ja wirklich nicht. Irgendwann kam das Du. Was uns aber alle näher gebracht hat, war der Tod von Friedrich. Der hat uns gezeigt, wie verletzlich wir sind. Und doch wissen wir immer noch wenig voneinander. Das Hier und Jetzt von jedem kennen wir, aber welche Altlasten jeder mit sich herumträgt, das wissen wir nicht. Stört dich das eigentlich, Pet?" Pet, der Trevor nebenbei mit einer Bürste traktierte, unterbrach seine Tätigkeit. "Ja und nein, Wilhelm. Manchmal wünsche ich mir schon, etwas mehr zu wissen. Aber würde das etwas ändern? Würden wir uns dann mit anderen Augen sehen? Manchmal spinne ich so vor mich hin und erdichte mir ein Legende von dem einen oder anderen. Von einigen weiß ich schon ein wenig mehr, weil sie mir etwas erzählt haben. Das hat aber nicht mein Verhältnis zu ihnen verändert. Ich denke mir sowieso, dass jeder von uns mindestens einen heftigen Break in seinem Leben zu bewältigen hat. Jeder von uns hat etwas Nachhaltiges durchlebt, was sein Jetzt beeinflusst. Ohne mindestens ein großes Päckchen, das jeder mit sich herumträgt, wären wir nicht hier." Wilhelm stand auf und im Weggehen sagte er noch: "Ich glaube, damit könntest du recht haben.".

Nachdem sie den Golf von Suez verlassen hatten, segelten sie etwa zehn Kilometer vor der Küste von Saudi Arabien in Richtung Süden. Die Mitte des Roten Meeres gehörte den Tankern und Containerschiffen. Lars hatte allen klar gemacht, dass es besser wäre, wenn sie in möglichst großem Abstand von der Küste des Sudan oder von Eritrea segelten. Alle wussten, dass ihnen demnächst eine noch größere Gefahr drohte. In zwei Tagen würden sie die Meerenge zwischen Sudan, Dschibuti und dem Jemen durchfahren und der Küste dieser drei Länder sehr nahe kommen. Wirklich sicher waren sie erst wieder, wenn sie den Golf von Aden verlassen hatten. Greg und Lars hatten sich auch schon erkundigt, zu welchem Zeitpunkt es am sichersten war, diese Meerenge zu durchfahren. Ein britisches und ein deutsches Kriegsschiff befand sich dort in der Nähe und sie hofften, diesen Teil ihrer Segeltour unter deren Schutz unbeschadet durchführen zu können. 

Alberto feixte, als das Gespräch auf die Piraten vor der Küste am Horn von Afrika kam. "Piraten müssen vor Piraten geschützt werden? Das ist doch widersinnig. Wir sollten den Jolly Roger hissen, uns ein paar alte Fetzen um den Kopf wickeln und unsere wildesten Gesichter aufsetzen." Gerrit fand das gar nicht spaßig. "Was ist denn bitte ein Jolly Roger?" fragte er. "Das ist die schwarze Piratenflagge mit dem Totenschädel und den gekreuzten Knochen darunter," meinte Otto. "Und, meine Freunde, wir könnten zur Abschreckung ja auch noch die gelbe Pestflagge setzen. Sofern die das verstehen. Aber mal im Ernst: Weiß denn jemand, wie das andere Segelschiffe machen, wenn sie hier durchfahren?" Greg hatte wenigstens eine kleine beruhigende Antwort parat. "Wir haben mit den Deutschen und Briten bereits Kontakt. Insgesamt sind derzeit vier Kriegsschiffe in dem gefährdeten Gebiet unterwegs. Ansonsten gab´s mindestens drei E-Mailseiten guter Ratschläge von der deutschen Marinebasis in Kiel und von den Briten kam eine Funkfrequenz für Notfälle. Die Franzosen meinten noch, wir sollen auf eine Jacht warten, die auch mit demselben Kurs durch die Meerenge fährt. Im Konvoi sei es sicherer. Sie konnten uns aber keinen Namen einer Jacht geben. Wir sollten eventuell etwas langsamer an das gefährdete Gebiet heranfahren und uns dann mit anderen zusammentun und wirklich im Konvoi durchfahren."  

Ohne weitere Probleme segeltedie Blauzahn in ruhigen Gewässern ihrem nächsten Ziel entgegen.

 

3. Mai 2015 11.00 Uhr irgendwo im Roten Meer 

Lars, Wilhelm, Jan und Juris kontrollierten die Waffen und die Signalpistolen. John war mit Alberto und Jose wieder auf der Brücke. Der Wind stand günstig und mit dreizehn Knoten segelten sie auf die Meerenge zu. Über Funk hatten sie gehört, das ein holländischer Frachter drei Schnellboote von vermeintlichen Piraten mit dünnflüssiger Schmierseife beschossen und sie damit abgewehrt hatte. Leider war einer der Matrosen durch die Geschosse eines Schnellfeuergewehres verletzt worden. Dafür hatten sie aber eine Panzerabwehrrakete der Angreifer vom Frachter aus durch den konzentrierten Beschuss von Leuchtraketen total in die Irre geleitet worden.   

Gerrit, ganz Arzt, überprüfte seinen Bestand an Verbandsmaterial und sein OP Besteck. Alles bereitete sich auf ein Seegefecht vor. Außer Jan, Wilhelm und Marc hatte keiner eine militärische Ausbildung genossen, aber alle waren sich einig, dass sie sich nicht einfach so kapern lassen wollten. Seit einem Tag hatte keiner einen Schluck Alkohol getrunken. Wilhelm erklärte Pet, Otto und Jose, wie man die Signalpistolen abschoss und wie man damit auch einen gezielten Schuss abgeben konnte. Sehr argwöhnisch und besorgt beobachtete Greg das ganze Treiben. Immer wieder murmelte er zwei Worte. "Keine Gewalt!". Alle anderen gaben sich aber eher kämpferisch.

Alberto stand am Bug und suchte mit dem Fernglas den Horizont ab. Um 14.00 Uhr entdeckte Otto auf dem Radar und in Sicht hinter ihnen ein Segelboot, das sich langsam näherte. Erst um 16.30 Uhr sahen die Piraten, dass es sich um die Ageli handelte. Um 18.30 Uhr drehten sie bei und warteten auf das Schiff. Lars, Juris und Jan fuhren mit dem Beiboot hinüber, um die Lage zu besprechen. Während die drei auf der anderen Jacht waren, besprachen sich Otto und Pet. Beide ärgerten sich darüber, dass sie sich nie vorher Gedanken darüber gemacht hatten, wie gefährlich die Situation hier am Horn von Afrika für sie werden konnte. Über vieles hatten sie nachgedacht. Sturm, Havarie, Ärger mit Behörden und vieles mehr war schon das des öfteren von ihnen thematisiert worden, aber das hier leider nicht. Vielleicht waren sie ja einfach auch nur etwas hysterisch und bewerteten die Situation falsch.

Nach über einer Stunde kamen die drei zurück. Um 21.00 Uhr wurde in der Messe gegessen und danach erklärten sie den anderen die Pläne für die unterschiedlichsten Szenarien, die auf sie zukommen könnten. Alle bis auf Greg stimmten ohne weitere Diskussion zu. Und Greg enthielt sich auch nur der Stimme. Am nächsten Morgen, also am 4. Mai, würden sie um 5.00 Uhr in die Meerenge einfahren. Die Ageli würde etwa zweihundert Meter hinter ihnen auf der Backbordseite segeln. Dadurch waren sie nahe genug beieinander und würden sich keinen Wind aus den Segeln nehmen. Greg  würde mit Lars zusammen auf der Brücke sein. Otto bekam die Aufgabe, das Radar zu beobachten. Marc und Wilhelm legten ihre Bewaffnung unter Deck bereit. 

Und dann ruhten sie sich entweder an Deck oder in der Messe aus. Keiner ging in seine Kabine, selbst Trevor blieb an Deck in seiner Kiste auf der Brücke.

 

Fortsetzung folgt

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