Kapitel 27

20.00 Uhr an Bord der Blauzahn 30. April 2015

Ben Miller und Melanie Stirner saßen in kleiner Runde mit Otto, John und Wilhelm in der Messe zusammen. Otto hatte wie versprochen noch ein paar Flaschen guten Weißwein aus seinem Weinkeller geholt. Die blieben aber erst einmal verschlossen, da eigentlich alle lieber kaltes Wasser oder Fruchtsaft trinken wollten. Otto hatte das Gespräch bisher gekonnt so gelenkt, dass die Piraten nun etwas mehr von Ben Miller und seiner Mannschaft erfuhren. Ben Miller war ein Unternehmer, der im Besitz unterschiedlichster Firmen war. Sein Vater hatte als Sägewerksbesitzer in Kanada angefangen. Dann begann er, Holzhäuser zu bauen, danach noch die passenden Holzmöbel und daraus entstand ein auf Holz aufgebautes Firmenimperium. Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts kaufte er sich noch eine Papierfabrik. Ben selbst sah aber in der Papierproduktion nicht die Zukunft des Unternehmens. Und seine eigene Zukunft sah er auch eher nicht der Holzbranche.

Zuerst studierte er Politikwissenschaften, dann beschäftigte er sich mit Journalismus. Einige Artikel über sein damaliges Spezialgebiet, über die Macht der Banken, konnte er einige Male in regionalen Zeitungen veröffentlichen. Aber seine doch sehr kritische Betrachtung über das Bankenwesen und die Macht dieser Institute wurde den Verleger schnell zu gefährlich, sodass er bald keine Artikel mehr veröffentlichen durfte. Aus lauter Wut über die Ängstlichkeit dieser Zeitungsmacher kaufte er sich einfach in eine kleine regionale Zeitung ein, um dort seine Artikel zu veröffentlichen. Geld besaß er ja genügend. Der Erfolg seiner Artikel bescherte der kleinen Zeitung in kürzester Zeit eine überregionale Bedeutung. Beflügelt von dem öffentlichen Interesse suchte er sich weitere systemkritische Zeitungen, um sich dort finanziell zu beteiligen. Vor allem in Europa wurde er fündig. Hier gab es in seinen Augen noch Zeitungen, die bereit waren, auch gegenüber Banken standfest und kritisch zu bleiben. Sein eigener Schreibstil, die Dinge mit sehr viel zynischem Humor zu erklären, fand bei der Leserschaft aus dem Mittelstand großen Anklang. Leser in Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich waren bald fast süchtig nach seinen Artikeln. In Deutschland konnte er nie Fuß fassen. Seinen Zuhörern auf der Blauzahn erklärte er das mit Augenzwinkern so. "Die Euphorie nach der Wiedervereinigung und dem durch ungeheure Staatsverschuldungen und Plünderungen der Sozialkassen finanzierten Aufschwung machten deutsche Leser blind für solche Artikel. Die Politikergläubigkeit hatte einen Grad erreicht, dass Kanzler oder nun auch  Kanzlerin schon fast eine dynastische Verehrung erfuhren. Die Parteien und ihre Führungspersönlichkeiten hatten den Status von Herrscherhäusern erreicht. Wer wollte da schon Kritik hören oder lesen, das gab´s nur im Kabarett, die Realität war doch wunderbar."

Ben Miller hatte mit diesen Sprüchen die Lacher auf seiner Seite. Vor allem Melanie Stirner hing an seinen Lippen, als ob jedes Wort von ihm ihre Lebensgeister in himmlische Höhen schwingen ließ. Sie verehrte ihn offensichtlich. Otto fragte nach einer kurzen Pause. "Und was ist mit England? Der Presse in Großbritannien sagt man ja nach, dass sie wesentlich härter zur Sache geht als im restlichen Europa. Sind Sie dort auch vertreten?" Ben Miller schaute erstaunt auf, als Ottos Frage bei ihm angekommen war. Man sah ihm an, dass es ihm schwer fiel, hier eine Antwort zu geben. "England? Die Außenstelle der USA in der EU. Nein, hier bekam ich keine Chance, mich irgendwo einzukaufen. Ich hätte eine neue eigene Zeitung gründen müssen. Das finanzielle Risiko wollte ich nicht eingehen. Und dabei hätte ich nur verlieren können. Zwei Themen muss man in England mit viel Vorsicht angehen. Das eine ist das Königshaus und das andere ist das Bankenwesen. Sie können in England den Premierminister in der Badehose ablichten, kein Problem. Aber greifen sie mal ein englisches Bankhaus an, weil es einige kontinentale Unternehmen gegen die Wand hat laufen lassen. Das wäre das Gleiche, als ob sie behaupten würden, Elisabeth I hätte drei Kinder zur Welt gebracht. Sie wären journalistisch sofort tot. Kein Märtyrertod, nein, man würde sie hinrichten. England hat seine eigene Schreiberkultur. So wie Deutschland immer im journalistischen Weichspülgang arbeitet und sich selbstzerstörerisch kritisiert, so ist es in England eher umgekehrt. Die einstige Weltmacht geistert dort noch in allen Köpfen herum. Nein, das ist für mich kein Land, wo ich Erfolg haben könnte. Und um ehrlich zu sein, meine Energie ging mir im Laufe der letzten auch etwas Jahre verloren. Habe ich etwas bewirkt mit meinen Artikeln? Nein, die Bankenkrise gab mir zwar recht. Aber es nützt nichts, recht zu haben. Auf einen Klugscheißer mehr oder weniger kommt es doch nicht an, also lasse ich es und überlasse es nun anderen, meine Arbeit weiter zu führen."

Auf einmal wirkte er müde und sein Gesichtsausdruck war nicht mehr so gewinnend wie noch vor ein paar Minuten. "Ich bin reich geworden durch und mit Holz und nicht durch dieses Abenteuer Zeitung. Diese Beschäftigung, nennen wir sie einfach Hobby, hat mich oft genug frustriert. Nun will ich noch ein wenig meinen Reichtum genießen. Deshalb habe ich mir dieses Schiff gekauft, um die Welt zu umsegeln. Als ich von der Blauzahn und den Nordstrandpiraten gehört habe, fand ich das faszinierend. Und als ich dann wirklich durch Zufall euren Kurs gekreuzt habe, dachte ich mir, da hänge ich mich dran. Obwohl ich immer noch nicht weiß, was eigentlich euer Ziel ist? Weltumsegelung einiger älterer Herren, die ein Abenteuer suchen, um es dann zu Hause erzählen zu können?"

Draußen an Deck hatte Pet inzwischen seine Pfeife gestopft und den Tabak angezündet. Genüsslich inhalierte er die ersten zwei Züge. Es hat sich immer noch nichts getan. Greg hielt die Augen geschlossen und schwieg, Lars schaute fast schon gelangweilt über das Panorama des Hafens und Sophia hatte nicht aufgehört, Pet anzuschauen. Ihr Blick sagte ganz klar eines: Ich will wissen, warum ihr hier seid und was ihr vorhabt? "Aus dem Ding komme ich wohl nicht raus", dachte Pet bei sich.

"Ich fange am besten mit den Nordstrandpiraten selbst an. Du hast uns ja bereits kennengelernt und ich muss jetzt nicht jeden von uns namentlich nennen. Otto und ich sind die Ideengeber dieser Tour. Wir kennen uns schon Jahrzehnte und in den letzten Jahren haben wir uns immer wieder darüber unterhalten, was wir wohl machen werden, wenn wir den beruflichen Abflug machen. Eine Idee, die wir angehen wollten, setzte sich bei uns fest. Eine Weltreise, egal wie, ob mit dem Auto, dem Fahrrad oder zu Fuß. Am Ende kamen wir dann auf die Zeitgeist-Idee mit dem Segelboot. Segeln liegt doch einfach im Trend. Zehn bis fünfzehn Männer, alle im rentenfähigen Alter ab sechzig, sollten sich zusammenfinden, um diese Reise gemeinsam zu unternehmen. Keine lange Zeit, sich kennen zu lernen. Keine lange Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Das war vielleicht der Schlüssel. Die Idee war, sich vorzustellen, zu planen und dann: Leinen los. Wie finden Männer aus unterschiedlichsten Ländern und mit unterschiedlichen Berufen, Lebensphilosophien und Plänen zusammen? Was entwickeln sie und was können sie noch erreichen? Eigentlich war am Anfang alles nur echte Träumerei. Offensichtlich wurden wir bei einem unserer wilden Gespräche auf Nordstrand im Urlaub belauscht. Ein Anwalt sprach uns dann als Mittelsmann eines Sponsors an, ob wir uns in seinem Auftrag und mit seinem Geld so eine Segel-Tour auch wirklich vorstellen könnten. Wir hatten bisher ja alles nur theoretisch in unseren Köpfen entstehen lassen. An eine Realisierung hatten wir noch nicht konkret nachgedacht. Es war ja immerhin auch eine echte Geldfrage. Und nun waren wir plötzlich aufgefordert, unsere Phantasien in die Realität umzusetzen.

Die Zusammenstellung der Mannschaft kürze ich etwas ab. Otto und ich bekamen von unserem unbekannten Sponsor eine Auswahlliste von möglichen Kandidaten, aus der wir zwei Crewmitglieder aussuchen sollten. Unsere Informationen über die Kandidaten bestanden nur aus einem Bild, dem Vornamen und der Kenntnis der Fähigkeiten, die der Kandidat mitbringen würde. Wir entschieden uns bei dieser ersten Liste für Lars und Friedrich. Friedrich ist ja nun leider inzwischen verstorben. Wir vier bekamen dann eine neue Liste und wir filterten daraus den Rest der Mannschaft. Wir sollten eine Mannschaft von mindestens zehn bis maximal fünfzehn Personen zusammenbringen. Am Anfang waren wir zu zehnt. Otto und ich haben dabei die Aufgabe, alles in schriftlicher Form festzuhalten. So eine Art Tagebordbuch sollen wir führen und täglich an den Sponsor senden, den wir nicht kennen. Da steht alles drin, was wir erlebt haben, aber auch was wir dabei empfunden haben und wie es uns damit geht."

Ohne dass Pet oder auch die anderen es bemerkt hatten, waren Ben Miller, Melanie Stirner, Otto und Wilhelm auch nach draußen gekommen und hörten Pet zu. "Jeder weiß vom anderen nur, was in den sogenannten Auswahlunterlagen steht. Oder das, was jeder bisher bereit war, von sich zu erzählen. Nicht mehr. Stimmt nicht ganz, wir kennen noch unsere Familiennamen. Ohne die Vergangenheit des anderen genau zu kennen, lernten wir uns immer mehr zu vertrauen und uns aufeinander zu verlassen." Dann bemerkte Pet, dass die anderen fünf ihm ebenfalls zuhörten. "Da Otto unser offizieller Pressesprecher ist, würde ich jetzt gerne an ihn übergeben und ihn bitten, weiter zu erzählen."

Otto nickte, setzte sich in die Runde, bat die anderen, sich ebenfalls zu ihnen zu gesellen und erzählte. "Unser Sponsor hat uns dieses Schiff hier zur Verfügung gestellt. Unser Kontakt zu ihm geht über seinen Anwalt. Uns wird eine monatliches finanzielles Budget zur Verfügung gestellt. Davon müssen wir alles bezahlen. Unsere Unterhaltskosten für das Schiff, unseren Lebensunterhalt wie Essen, Trinken, Kleidung, Hafengebühren, Passagekosten, Energie und und und. Nur außergewöhnliche Kosten wie den Umbau übernimmt der Sponsor. Ob wir nun zu zehnt sind oder ob wir die Mannschaft auf fünfzehn Personen bringen, das Budget bleibt gleich. Keiner von uns erhält ein Gehalt oder sonstige zusätzliche Zuwendungen. Wir sollen dabei keine eigenen Geldmittel einbringen. Da jeder von uns gewisse individuelle Wünsche hat, haben wir beschlossen, dass jeder von uns noch ein Taschengeld bekommt, um diese eigenen Vorstellungen umsetzen zu können. Allerdings ist dieses Taschengeld sehr gering, reicht aber sicher für Pet, damit er sich seinen Tabak für die Pfeife leisten kann oder Lars mal für ein paar Zigarren. Selbst den Stoff für die Westen haben wir aus unserem Budget bezahlt. Da wir am Anfang etwas zu großzügig mit den Geldmitteln umgegangen sind, haben wir einige Zeit kürzer treten müssen und sind im Mittelmeer länger geblieben als gewollt. Die Passage durch den Suezkanal, aber auch teilweise das Fahren mit den Dieselmotoren haben das Budget sehr belastet. Wir haben jetzt Rücklagen gebildet und können nun unbeschwert weiterfahren. Das mussten wir lernen, hier gut hauszuhalten." Ben Miller war aber nicht zufrieden und fragte nach. "Was hat der Sponsor davon, euch das zu finanzieren und was wollt ihr erreichen? Das Ganze kann niemand so ohne weiteres aus seiner Portokasse bezahlen. Ich gehe davon aus, dass der Sponsor genügend Geldmittel besitzt, aber warum setzt er das ein und was ist das Ziel des Ganzen? Spielt ihr die Laborraten für jemanden?" Otto und Pet waren etwas erstaunt über diese Frage. Bisher hatten sie sich bei dem, was sie gesagt hatten, an die offizielle Version, der allgemeinen Pressemitteilung gehalten. Otto war bei der Erarbeitung der Meinung, dass das an Information ausreichen sollte. An solche Fragen hatte bisher keiner gedacht.

Otto schlüpfte nun ganz in die Rolle eines Pressesprechers. "Wenn unser Sponsor das veröffentlicht habe will, warum er das tut, dann wird er das tun. Warum wir hier sind, dafür gibt es ein paar Punkte, über die wir uns einig sind, dass wir die öffentlich machen können. Dazu gehört, dass wir alle über sechzig Jahre alt sind und alle aus unserer Arbeitswelt ausgeschieden sind. Der eine oder andere freiwillig, der eine oder andere weniger freiwillig. Wir haben eine geniale Chance für ein geniales Experiment bekommen, das mit dem Segeln selbst nur als Basisstation zu tun hat. Aber das wirkliche Warum, das können wir euch erst am Ende unserer Weltumsegelung erzählen. Denn dieses Warum ist nicht greifbar wie eine Zielvereinbarung. Das muss leider im Moment genügen. Aber eines sollte ich noch bemerken: Wir fühlen uns nicht wie in einem Versuchslabor. Denn jeder hat die Freiheit auszuscheiden." Otto machte eine kurze Pause, um bei den Gästen die Wirkung seiner Worte beobachten zu können. Und ja, er hatte ihre volle Aufmerksamkeit bekommen.

"Jeder von uns besitzt Fähigkeiten, die er einbringt. Ich beschreibe es einmal bildlich: Auf der Blauzahn sind rund 700 Jahre Lebenserfahrung in Person von elf Männern aus verschiedensten Ländern in ein hochmodernes Boot gepackt. Diese Lebenserfahrung ist wie die Hefe bei einem Teig. Warten wir es ab, was für ein Brot daraus wird. Allein schon das Entwickeln lassen macht Sinn.

Eines ist für uns jetzt schon klar: Die Reduktion eines Menschen auf seinen Beruf ist veralteter Bullshit. Die Zukunft wird ganz andere Ansätze favorisieren müssen. Damit es langfristig nicht mehr solch idiotisch angezettelten Bankenkrisen geben wird wie 2008.

Aber übrigens, darf ich doch einmal zurückfragen: Was ist denn der tiefere Sinn eures  eigenen Segelabenteuers mit der Agelli? Gibt es den oder segelt ihr nur ganz weit weg von scheinbaren Allmacht der Banken?"

 

Fortsetzung folgt.

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