Kapitel 25

28. April Port Said 4.00 Uhr morgens

Otto hatte die Aufgabe übernommen, alle zu wecken. Wobei er feststellen musste, dass das bis auf Greg nicht notwendig gewesen wäre. Alle waren wach und bereit, an Deck zu gehen. Vor der Einfahrt in den Suezkanal mussten sie noch den Masten einfahren und Diesel sowie Frischwasser übernehmen. Mit vollen Tanks lagen sie dann auch tief genug, um wirklich bei der Durchfahrt unter der Brücke keine Schwierigkeiten zu bekommen. Um 6.10 Uhr waren sie auf der ihnen zugewiesene Position im Konvoi. Fünf Containerschiffe und ein Kreuzfahrer waren vor ihnen. Hinter ihnen war die Ageli und fünf andere Luxusjachten. Den Abschluss machte ein weiteres Kreuzfahrtschiff. Auf jedem der großen Schiffe war mindestens ein Lotse. Ein Lotsenboot gab das Geleit, das die Jachten seitlich in der Mitte begleitete. Die großen Schiffe fuhren im Abstand von etwa zwanzig Minuten in den Kanal ein, die Jachten in einem Abstand von fünf Minuten. Sie mussten ein Minimum von dreihundert Metern Abstand voneinander einhalten. Der Abstand von zweitausend Metern zum Kreuzfahrer vor der Blauzahn war vorgegeben. Der Abstand hinter der letzten Jacht zum Kreuzfahrtschiff betrug dreitausend Meter. Vorgegeben war eine Geschwindigkeit von zwölf Knoten.

Pet`s persönliches Tagebuch

Seit 6.00 Uhr gleiten wir nun auf einer Wasserstraße durch die Wüste. Es ist einfach ein Erlebnis, das man schwer beschreiben kann. Da wir nicht die Höhe eines Kreuzfahrtschiffes haben, war unsere Brücke nur so hoch wie der höchste Punkt der Uferbefestigung. Entweder war es die Hitze der Sonne oder der Zauber des Orients, dass wir alle etwas am Träumen waren. Lars, der das Steuer übernommen hatte, hatte uns gebeten, eine Persenning über die offene Brücke zu spannen. Die Sonne brannte zu heftig aufs Deck. Trevor, Gerrit und Marc hatten sich unter Deck in Sicherheit gebracht. Um 12.00 Uhr schien es mir, als habe die Hitze zusätzliche Bleigewichte an unseren Gliedern befestigt. Um 14.00 Uhr musste John Lars ablösen, dem die Hitze sehr zu schaffen machte. Wir mussten ihn unter Deck bringen. Die Klimaanlage der Blauzahn brachte es auf erträgliche 26 ©° unter Deck und Lars erholte sich mit Hilfe von ein paar Gläsern kaltem Tee sehr schnell.

Der Schlafmangel, die Hitze und die Eintönigkeit der Fahrt setzte uns allen zu. Mit jeder Stunde, die wir durch diesen Kanal fuhren, hatte ich das Gefühl, dass mein Verstand verdampfte. Die grandiose Schönheit der Natur um uns herum, die ich bereits auf Bildern im Internet gesehen hatte, interessierte mich irgendwann im Laufe des Tages nicht mehr. Durch einen uns nicht bekannten Grund verzögerte sich die Durchfahrt im Great Bitter Lake um drei Stunden und wir erreichten unseren Liegeplatz im Hafen von Suez um 1.30 Uhr am 29. April 2015.

Um 2.30 Uhr waren alle in ihren Kojen. Ich habe noch meinen Bericht an den Anwalt und den Sponsor verfasst und eigentlich wollte ich dann auch schlafen gehen. Trevor war leider zu unruhig und spazierte den Gang auf und ab. Mit seinen Pfoten machte er auf dem Holzboden durch seine Krallen merkwürdige Geräusche. Also raus mit ihm an Land. Außer den Geräuschen durch das Wasser, das an die Bordwände der Jachten schlug und dem Klirren von Metallteilen, war auf dieser Hafenseite wenig zu hören.

 

Auf der Hafenmole von Suez 3.00 Uhr

Trevor schnupperte herum, ohne dass irgendetwas sein Interesse geweckt hätte. Der Übergang vom Schwanken der Blauzahn auf das Festland machte ihm keine Probleme mehr, wie am Anfang der Reise. Die Hitze des Tages und der erträglichen Temperaturen der Nacht hatte aus der Crew eine nachtaktive Spezies gemacht.

Die Ageli lag knapp zehn Meter hinter der Blauzahn. Bis auf ein Positionslicht am Aufgang war wie auch bei den Nordstrandpiraten alles dunkel und still. Verwunderlich war allerdings, dass dort die Gangway unten war und somit das Schiff frei zugänglich.

Pet sah eine kurzes Aufglimmen im Dunkeln. Im Schatten der Ageli saß, wie er später dann feststellen konnte, jemand auf einem Poller und rauchte. Offensichtlich hatte Trevor den unbekannten Raucher zuerst entdeckt und war schon dort, als er in die Richtung des Glimmens ging. Das Glimmen flog in einem Bogen zwischen Bordwand und Kai. Dann sah Pet, wer da geraucht hatte und um wen sich Trevor gerade schnuppernd kümmerte. Sophia Merion stand auf und ging auf Pet zu. "Können Sie nicht schlafen oder treibt das Verdauungssystem Ihres Hundes Sie zu so früher Stunde hier auf den Kai?" fragte sie Pet. "Das mit dem Verdauungssystem habe ich ihn noch nicht gefragt und das mit der Schlaflosigkeit ist leider nichts Neues für mich. Und Sie? Dürfen Sie auf den Planken der Ageli nicht rauchen?" Pet war weder neugierig noch daran interessiert, den wahren Grund für das Rauchen auf dem Poller zu erfahren. Die Antwort von Sophia Merion befreite ihn von den gerade gestarteten Gedanken. "Smalltalk um 3.00 Uhr morgens auf dem Kai bei Suez. Beteiligt sind zwei Deutsche, die offensichtlich nicht schlafen können. Kürzen wir´s ab, bevor wir beide wegen Langweile einschlafen. Ich will mit dem Rauchen seit dem 1. Mai aufhören und habe das Bedürfnis oder besser gesagt die Sucht schon von dreißig Zigaretten auf fünf pro Tag reduziert. Nur heute Nacht bin ich aufgewacht und war einfach so unruhig, dass ich ein paar Schritte gehen wollte und dabei eine geraucht habe. Gut erwischt; es ist die zweite Zigarette. Die erste habe ich bei dem Gang zur Laterne da vorne geraucht. Auf dem Boot ist generelles Rauchverbot. Das hat der Kapitän eingeführt, weil er auch mit dem Rauchen aufhören will. Und was treibt Sie hier heraus?"  Pet stand nun auf Armlänge vor ihr und roch den leichten Alkoholgehalt ihres Atems. "Ich musste raus. Trevor war unruhig und ich wollte nicht, dass er jemand durch sein Getrappel weckt. Zudem kann ich auch nicht schlafen." Trevor hatte sich zwischen die beiden gelegt und da standen sie nun. Die Unterhaltung war eigentlich beendet, aber keiner wollte das erlösende "Gute Nacht" sagen.  Mit dem Finger deutete sie auf Trevor und begann von neuem die Unterhaltung aufzunehmen. "Eigentlich bin ich ein Katzenmensch. Will sagen, ich mag Katzen mehr als Hunde. Wir haben einen Kater an Bord. Der schläft bei mir in der Kajüte, wenn er mal schläft. Die Hitze macht ihm genauso zu schaffen wie uns allen. Ja, schlafen. Das sollte ich jetzt auch. Wir sehen uns später. Ich begleite den Kapitän, wenn wir zu euch rüberkommen, zum Essen. Dann bis später." Dann wollte sie sich umdrehen, blieb aber mitten in der Bewegung stehen. "Ach, noch was. Ich heiße Sophia." Sie reichte Pet die Hand. Der nahm sie und sagte kurz. "Pet. Du hast recht, es wird Zeit zum Schlafen."

Beim Zurückgehen dachte Pet noch kurz darüber nach, ob es richtig war, das Du anzunehmen. Ändert das etwas?

Als er auf die Blauzahn kam, sah er jemanden oben auf der Brücke sitzen. Er sah allerdings nur einen Haarschopf und konnte nicht erkennen, wer es war. Trevor hatte das ebenfalls  bemerkt und sprang den Niedergang hoch. Dann hörte er Lars Stimme, wie er mit Trevor redete und sich offensichtlich freute, ihn zu begrüßen. "Du warst noch spazieren? Hast du jemanden getroffen? Ich konnte eure Schatten sehen. War das jemand von der Ageli?" Pet setzte sich neben Lars, der ihm einen Whisky anbot und den er gerne annahm. "Prost Kapitän. Ja, das war Sophia Merion. Die saß auf einem Poller und rauchte eine Zigarette. Auf der Ageli herrscht Rauchverbot. Das hat Ben Miller erlassen, weil er sich das Rauchen abgewöhnen will. Das unterscheidet uns wohl schon mal von der Mannschaft dort. Hier entscheiden wir solche Dinge gemeinsam, dort entscheidet der Kapitän. Würde dir das besser gefallen, wenn du manche Entscheidung auch so treffen könntest? So ganz ohne den Rest der Piraten zu fragen." Lars schaute Pet fragend an. "In seemännischen Sachen muss einer Entscheidungen treffen. So etwas wie Rauchen betrifft aber unsere Gemeinschaft. Es ist gut so, wie wir das geregelt haben."

Eine Zeitlang saßen sie sich schweigend gegenüber, bis Lars wieder anfing zu reden. "Das mit der Macht, also mit der Macht einer Führungskraft, wie der eines Kapitäns, das ist so eine Sache. Du kennst das doch auch. Führen, leiten und Kraft deines Amtes oder deiner Funktion über andere zu bestimmen. Das gibt einem, ohne dass man das bewusst will, ganz schön Antrieb. Ja klar, es macht Spaß, Verantwortung zu tragen. Sich auch manchmal in Szene zu setzen. Privilegiert zu sein. Macht macht sexy, sagt man. Ich rede gerade mehr von meinem früheren Leben. Denn jetzt, was ist jetzt? Einer unter vielen und trotzdem ist jeder von uns etwas Besonderes. Das konnte ich mir nie vorstellen. Als meine Frau mich verlassen hat, dachte ich auch manchmal, dass es daran lag, dass ich nicht mehr dieser wichtige Kapitän war. Ich war plötzlich einfach Ehemann - dafür mit sehr viel Zeit ausgestattet. Heute bin ich mir sicher, dass das mit ein Grund für ihre Entscheidung war. Sie hat sich immer darin gesonnt, dass ich Kapitän eines der großen Tanker war. Ich war schon etwas Besonderes. Mit meinem endgültigen Landgang war das für sie vorbei." Pet kannte das Gefühl, das Gefühl des Bedeutungsverlustes. Menschen werden gerne über  Funktionen oder über ein Amt definiert oder bestimmen sich dadurch auch selbst. So wie es Leute gibt, die selbst in den freundschaftlichsten Momenten einen nicht vergessen lassen, dass sie akademische Titel oder sogar Adelsprädikate besitzen. Nur hier auf dem Schiff, auf der Blauzahn war das alles hinfällig und unnötig. Hier gab es nur Lars, Pet, Otto, Marc und so weiter. Alle empfanden sich als gleich wichtig oder auch unwichtig.  

Für alle war die Nacht um 7.00 Uhr vorbei. Irgend ein Wahnsinniger überflog das Hafengebiet im Tiefflug und die Triebwerksgeräusche klangen nicht gerade freundlich, sodass alle aus ihren Kojen sprangen, um in ihrer Nachtwäsche oder was man dafür halten sollte, an Deck rannten. Nur Trevor war wie immer gut angezogen. "Was war denn das?"  fragte Marc im Halbschlaf.  "Das war Luke Skywalker und hinten saß Yoda, der war schon ganz grün." Alle waren überrascht wie präzise Jan hier sofort eine Antwort für den Krach hatte. "Ja und unser Chewbacca bellt nach seinem Kumpel Han Solo." Mit dieser Antwort sendete Marc ein Kompetenzsignal an alle, wie gut er sich bei Star Wars auskannte. "Und nun R2 D2 machen wir Frühstück." Lars hakte sich bei Marc unter und schob ihn in Richtung Kombüse.

Ab 11.00  Uhr machte sich Marc, Otto und Greg daran das Mittagsmahl für die Besucher der Ageli zu richten. Jan hatte bei der Ageli angefragt, mit wie vielen Gästen sie den rechnen dürften. "Sie kommen zu viert. Der Kapitän Ben Miller, Melanie Stirner, Sophia Merion und eine Betti Black. Ob die uns mit der großen Anzahl an weiblichen Besuchern etwas weicher stimmen wollen?" eröffnete Jan den Arbeitsreigen um das Gastessen.

Dann begann Jan den Tisch zu decken und zu dekorieren. Er hatte sich erst bei den dreien in der Kombüse über die Speisefolge erkundigt, dann legte er gemeinsam mit Otto die Folge der Getränke fest. Der Tisch in der Messe wurde zur Tafel. Jan schien ein gutes Händchen für Tischdekoration zu haben. Selbst der Fressplatz für Trevor wurde umgestaltet. Seine Blechschüsseln wurden gegen Porzelanschüsseln ausgetauscht. "Hallo Jan, du deckst den Tisch für siebzehn Leute. Wir sind aber nur sechzehn. Erwarten wir noch einen speziellen Gast?" fragte ihn Pet, als alle das Tisch Arrangement bewunderten. "Nein, ein Platz bleibt frei. Für Friedrich dachte ich. Der wäre sicher gerne auch dabei gewesen." Kein Widerspruch, keine weiteren Fragen wurden gestellt. Alle nickten nur traurig. Nein, keiner hatte Friedrich vergessen, selbst die Neuen waren beeindruckt von dieser feinfühligen Handlung.

Während John, Alberto und Jose die Blauzahn putzen und alles auf Hochglanz, bearbeitete Wilhelm mit Juris die Maschinen. Auch der Maschinenraum und die Motoren wurden gesäubert und gereinigt.

Lars, Gerrit und Pet saßen währenddessen zusammen und bastelten an einem Fragenkatalog den sie für ihr Gespräch mit Ben Miller und den Agelis dann heranziehen wollten. Um 13.00 Uhr war soweit alles fertig und die Piraten machten sich daran, sich selbst auf Vordermann zu bringen. Eine Stunde für zwölf Mann bei nur drei Duschen war selbst für eine eingespielte Mannschaft wie die der Blauzahn eine Herausforderung. Jeder hatte maximal zehn Minuten Zeit fürs Rasieren, eventuelles Haartrimmen und Duschen. Sie hatten sich darauf geeinigt, leichte Segelbusinesskleidung anzulegen. Weiße Leinenhosen, Hemden und jeder hatte inzwischen eine von Ottos Wilden Westen bekommen. Darin unterschieden sie sich, denn jede Weste war ein Unikat. Schuhwerk entweder Leinenschuhe oder barfuß.

Um 13.30 Uhr rannten deshalb unter Deck nackte oder halbnackte Männer lachend und kreischend vor Vergnügen hin und her. Im Gang und am Niedergang roch es gewaltig nach Seife oder Eau de Toilette.

Lars stand schon ab 13.45 Uhr mit John und Grag an der Gangway bereit, falls die Gäste,  etwas früher kommen würden. Um 13.55 Uhr waren alle geschniegelt und für den Empfang bereit auf Deck. Und dann trafen die Besucher ein.

Als die vier die Gangway hochkamen, setzte John seine Bootsmannspfeife an, um zuerst einen kurzen tiefen Ton und dann einen langen hellen Ton zur Begrüßung zu pfeifen. Diese Tonfolge entsprach zwar keiner seemännischen Tradition, aber es gab schon etwas von maritimem Brauchtum her. Alle vier stoppten beeindruckt für kurze Zeit, als sie das Deck der Blauzahn betreten wollten. 

Fortsetzung folgt

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