Kapitel 24

26. April 2015 4.30 Uhr irgendwo zwischen Zypern und Ägypten.

Eine Stunde, nachdem Juris den schwarzen Kasten hinter dem Bildschirm des Radargerätes entdeckt hatte, fiel die gesamte Bordelektronik aus. Nur die Beleuchtungsanlage und die Stromversorgung für die Kombüse waren noch gesichert. Alles andere machte keinen Mucks mehr - kein Strom. Die Segel mussten per Hand eingeholt werden, da auch hier die gesamte Elektrik ausgefallen und eine Steuerung der Segel nicht mehr möglich war. Selbst die Ruderanlage war nicht mehr einsatzbereit. Lars steuerte das Boot mit den Dieselmotoren und schlich vorsichtig über das Mittelmeer. Selbst der Funk war ausgefallen.

Wilhelm, Juris und Jan untersuchten alle Sicherungen und Leitungen. Sie fanden kein sichtbaren Problem, das man beheben konnte. Da die Funkanlage und damit auch die Telefonanlage ausgefallen war, konnte man auch nicht um Hilfe rufen. Juris baute den Kasten bei der Radaranlage aus. Er hatte noch einen Laptop dabei, der nicht mit dem Netzwerk der Blauzahn verbunden war und schloss dies an den schwarzen Kasten an. Untersuchte, was für eine Funktion das Gerät denn wirklich haben sollte. Das Gerät war wie eine Blackbox bei Flugzeugen. Es sendete ein Signal und hatte einen Speicher für die Daten der Radaraufzeichnungen von etwa 48 Stunden. Aber es hatte auch, was nicht zu dem System passen sollte, einen Sender, der diese Daten laufend senden konnte. Aber das Gerät sendete nur, wenn es von außen aktiviert wurde. Und da das Radar auch mit dem Schiffsnetzwerk verbunden war, hatte das Empfängermodul direkten Zugang zum System. Juris vermutete, dass hier ein Virus eingespeist worden war, der das System lahmgelegt hatte. Es fehlten ihm aber die Möglichkeiten, das genauer zu untersuchen. Also klemmte er die Blackbox ab, fuhr das gesamte System herunter und danach wurde er zum IT-Künstler. Er konnte nach weiteren Stunden an Arbeit das gesamte System wieder zum Laufen bringen.  

Lars machte zuerst eine Ortsbestimmung. Sie waren fast neunzig Meilen von ihrem Kurs in Richtung Westen abgetrieben. Da die Elektronik der Segelanlage noch nicht funktionierte, fuhren sie erst einmal mit Motorkraft weiter. Um 4.30 Uhr wurde es langsam hell und die aufgeregte Stimmung auf der Blauzahn verflog mit jedem Lux, das das Deck mehr erhellte. 

Pet verfasste an den Anwalt eine Zusammenfassung dessen, was auf der Blauzahn in den letzten Stunden passiert war. Marc kümmerte sich in der Zwischenzeit um das leibliche Wohl. Heißer Kaffee und Tee, Obst und Sandwiches wurden verteilt. Um 7.00 Uhr war die Blauzahn wieder voll einsatzfähig und lief dann auch unter Segel. Inzwischen hat John das Steuerübernommen und Lars ruhte sich aus.

Um 9.45 Uhr bekam Pet vom Anwalt eine sehr überraschende Antwort auf seinen Bericht. Pet musste die Antwort zwei Mal durchlesen, bevor er begriff, welche Brisanz das Schreiben enthielt. Er eilte nach oben auf Deck und rief die Crew zusammen und las dann die Mail vor.

- Liebe Nordstrandpiraten. Der Einbau der Blackbox wurde vom Eigner der Blauzahn, eurem Sponsor, veranlasst. Da kurz vor der eurer Übernahme keine neue passende Blackbox vorhanden war, besorgte der Schiffsausrüster eine gebrauchte und ließ diese einbauen. Ich habe sofort recherchiert, woher die Blackbox kam. Sie war vorher auf einer anderen Jacht eingebaut worden, wo sie aber nicht mit den Systemen zusammen funktionierte und deshalb ausgetauscht wurde. Sie wurde von einem seriösen Unternehmen überarbeitet und stand dann als voll funktionsfähig zum Kauf bereit. Sie war vorher in der Ageli eingebaut. Eigner und Kapitän der Ageli ist Ben Miller. Das Unternehmen, das die Blackbox repariert oder auch aufbereitet hat, gehört einem Internationalen Konzern, der sich mit der Produktion und Handel von Kommunikationsgeräten und Navigationsgeräten für die Luft- und Seefahrt einen Namen gemacht hat. Diesem Unternehmen gehört unter anderem die Neon, die als Testfahrzeug für diese Produkte dient. Verwirrt meine Herren? Ich bin es auf jeden Fall. Und nun noch eine weitere Information, die die Situation noch etwas komplexer erscheinen lässt. Ben Miller ist Mitinhaber der Zeitung für die Julia Piro arbeitet. Er ist aber über eine Holding an dieser Zeitung beteiligt und deshalb ist es dort nicht bekannt, dass er finanzielle Interessen an der Zeitung hat. Ich habe übrigens keine Informationen darüber, ob Julia Piro einen Auftrag hatte, Sie auszufragen. Die Entscheidung, wie Sie weiter verfahren, muss ich Ihnen überlassen.

Mit freundlichen Grüßen - Anwaltskanzlei K & P.

Jan ließ sich spontan zu einem etwas vulgären Ausruf verleiten. "Was ist das denn für eine Scheiße?" Und das gleich auf Deutsch und dann noch auf Englisch, damit auch jeder verstehen sollte, wie aufgebracht er war. Otto stellte sich in die Mitte der versammelten Mannschaft. "Ich denke, wir müssen nun selbst aktiv werden. Sollten wir nochmals der Ageli begegnen, müssen wir unbedingt versuchen, uns mit Ben Miller zu treffen, um mit ihm selbst zu sprechen. Wir sollten ihn mit unserem Wissen konfrontieren und ihn auf die Konsequenzen aufmerksam machen, die ihn treffen könnten, wenn wir unser Wissen publik machen sollten. Wir sind hier im Mittelmeer und unsere Reise geht nun in Regionen, wo uns das europäische Recht nicht gut schützen wird. Wir haben nur drei Möglichkeiten. Erstens, wir brechen ab und fahren nach Hause. Zweitens, wir stellen uns der Herausforderung und versuchen zu klären, warum wir attackiert werden. Drittens, wir segeln einfach weiter und warten ab, was noch passiert." John stampfte laut auf und machte auf sich aufmerksam, dann hob er die rechte Hand und zeigte zwei Finger. Zweite Möglichkeit ist die Lösung, sollte das heißen.

"Ich habe schon zu oft nachgegeben und musste dadurch einen irren Schlingerkurs in meiner Lebensautobahn fahren. Nein, ich bin auch für den zweiten genannten Weg. Wir haben uns etwas vorgenommen und ich will es zu Ende bringen." So leidenschaftlich hatten sie Wilhelm noch nie erlebt.

Dann trat Lars in die Runde. "Vielleicht gibt es auch eine Erklärung für das alles und der Kapitän der Ageli kann sie uns geben. Wir haben ihn noch nicht dazu befragt. Wir sollten es tun. Aufgeben kommt für mich auch nicht in Frage."

Jose nahm Alberto an die Hand und gemeinsam stellten sie sich in die Mitte. "Ich bin mit meinem Bruder hier, weil wir noch etwas machen wollen. Und wir werden es tun. Wir stellen uns der Konfrontation mit der Crew der Ageli und wenn sich das als harmlose Geschichte herausstellt, dann suchen wir weiter, wer uns da ärgern will."

Gerrit blieb stehen und hob nur die Hand, um anzudeuten, dass er etwas zu sagen hatte: "Wir machen weiter. Egal, ob wir die Ageli nochmals treffen oder nicht."

Jan schloss sich Gerrit an und wollte nicht mehr sagen. Aber ihm war anzusehen, dass er sehr wütend war.

Marc rief einfach in die Runde. "Weitermachen! Ich bin dabei!"

Greg hob kurz die Hand, schüttelte den Kopf und sagte nur. "Nicht mit uns, so nicht. Deshalb sollten wir weitersegeln."

Pet dachte nach, was er sagen wollte. Es dauerte lange, bis er in den Kreis trat, um seine Meinung bekannt zu geben. "Ich stimme Wilhelm zu. Ich habe auch das eine oder andere Mal einem faulen Kompromiss nachgegeben, um einer Situation, die bedrohlich erschien, aus dem Wege zu gehen. Ich will nicht mehr aufgeben. Wir haben keinen Anlass dazu, uns hier klein zu machen. Otto hatte mit seinen drei Möglichkeiten recht. Und für mich kommt auch nur die zweite in Betracht. Weitermachen."

Dann schauten alle auf Juris und wollten seine Meinung dazu hören. Der schüttelte aber den Kopf. "Ich bin hier, weil ich die Elektronik der Blauzahnüberprüfen und eventuell reparieren soll. Ich bin kein Nordstrandpirat. Ich kann das nur als Außenstehender sehen. Aber wenn ihr meine Meinung hören wollt: Macht weiter, lasst euch nicht einschüchtern. Ich war in meinem Leben sehr lange einer Situation ausgesetzt, wo persönliche Entscheidungen für mich durch andere getroffen wurden. Auch ich würde mich heute nicht mehr so ohne weiteres von meinem Weg, den ich eingeschlagen habe, abbringen lassen. Wo ich herkomme, ist die Freiheit noch sehr jung und entwickelt sich erst. In meiner Heimat ist keiner, der das hier aufgeben würde. Was ihr tut, darf niemand stören. Kämpft dafür."

Gerrit trat auf Juris zu und fragte in die Runde. "Wie wäre es denn, wenn Juris bei uns bleibt? Er könnte ein Mitglied der Mannschaft werden?" Und direkt an ihn gerichtet. "Hast du nicht Lust? Willst du nicht einfach mitfahren?"

Und keiner störte sich daran, dass Gerrit das ohne Rücksprache mit den anderen direkt gefragt hatte. "Wollt ihr das nicht vorher noch besprechen, ob ich bleiben soll. Ihr kennt mich kaum." Juris Stimme klang bei diesen Fragen eher etwas schüchtern, wenn nicht gar verzweifelt.

Otto stellte sich zu Gerrit und Juris in die Mitte. "Wir gehen hier sehr offen miteinander um. Ja, Gerrit hat gerade etwas getan, was wir so nicht besprochen hatten. Deshalb nun die Frage in die Runde. Wollen wir Juris bei uns haben." Als alle nickten, fragte ihn Otto direkt.  "Willst du mit uns weiterreisen?" Juris nickte leicht mit dem Kopf und alle sahen ein freudiges Lächeln in seinem Gesicht. "Gut Freunde, dann ist das auch erledigt. Segeln wir unseren Kurs weiter. Wenn wir die Ageli sehen, dann spielen wir Piraten und entern sie mit unseren Fragen." Otto war früher eigentlich nicht der Typ, der solche Aktionen spontan und ohne Planung durchgeführt hätte. Aber er hatte sich an Bord verändert.

Das Leben auf See, in dieser Gemeinschaft, gepaart mit der ungeheuren Menge an gesammelter Lebenserfahrung, brachte es mit sich, dass sich alle langsam veränderten. Sie waren stark geworden. Im mentalen Bereich. Aber auch die körperliche Herausforderung zeigte ihre Wirkung. Kein bleiches schlaffes Fleisch mehr an ihren Körpern. Mit der vom Wetter gegerbten Haut und den wachen Augen wäre keiner so ohne weiteres in einem Altersheim untergekommen. Dazu waren sie alle viel zu jung geworden.

Mit vollen Segeln ging es nun in Richtung Port Said. Angemeldet waren sie für die Durchfahrt durch den Suezkanal für den Nord Süd Konvoi für den 28. April 7.00 Uhr.

Am 27. April um 20.00 Uhr erreichten sie Port Said und meldeten sich bei der Kanalbehörde per Funk. Ihnen wurde ein Warteplatz in einem Hafenbereich für große Jachten zugewiesen. Eine kurze Kontrolle durch die ägyptischen Behörden verlief ohne Beanstandung. Kaum dreißig Meter von ihnen entfernt lag die Ageli.  "Hier ist Kapitän Larsen von der Blauzahn. Kann ich Ihren Kapitän Ben Miller sprechen!" rief Lars zur Ageli hinüber. Keine zwei Minuten später stand Ben Miller an Deck der anderen Jacht. " Hier ist Ben Miller von der Ageli. Was wollten Sie Kapitän Larsen?" "Mit Ihnen reden." rief Lars zurück. Ben Miller setzte, soweit man das von der Blauzahn aus sehen konnte, ein Grinsen auf. "Dann reden Sie, ich höre Sie gut. Um was geht es?" Lars wurde etwas ungehalten, weil er eigentlich eine andere Antwort erwartet hatte. "Nicht so, Kapitän Miller. Ich würde vorschlagen, dass wir uns entweder bei Ihnen oder bei uns auf dem Schiff zusammensetzen und uns in aller Ruhe unterhalten. Fahren Sie auch durch den Suezkanal?"  "Ja, morgen mit dem 7.00  Uhr Konvoi!"  "Ok, dann würde ich sagen, dass wir uns am 30. April um 14.00 Uhr im Jachthafen von Suez treffen. Sind Sie Weintrinker?" Lars war sicher sehr deutlich auf der Ageli zu hören. Kurz musste Ben Miller stutzen. "Ja, das bin ich." "Gut dann bei uns hier auf der Blauzahn!" Mit dem Satz dreht sich Lars um und ging, ohne auf irgendeine weitere Antwort oder Frage zu warten, nach unten.

Fortsetzung folgt.

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