Kapitel 23

24. April 2015 12.00 Uhr Hafen von Limassol

Da die Blauzahn für den Jachthafen zu groß war, musste sie an der ersten Mole bei der Einfahrt festmachen. Otto und Lars erledigten den administrativen Teil mit dem Hafenkapitän. Wilhelm und Marc übernahmen die Einkäufe. Da die Liste sehr lang war, mieteten sie sich einen Van und fuhren damit in die Stadt. Alberto nahm sich eine Auszeit, um sich mit Beatrice in einem Hotel zu treffen. Allerdings bekam er von den anderen zehn Mitstreitern die Order, nicht ohne sie zum Abendessen um 19.00 Uhr zurück zu sein.

Die 23° C und der Sonnenschein veranlasste Pet, Jose und Trevor, den Hafen zu erkunden. Sie mussten zuerst die gut einhundertfünfzig Meter lange Mole in Richtung Stadt gehen. Dann rechts weiter zur Uferpromenade. Sonst war weit und breit kein grüner Flecken zu finden. Jose hatte gestern schon auf See gesagt, dass er das ewige Blau der Wassers manchmal sehr nervig finden würde. Er wolle jetzt einfach etwas Grünes sehen und unter seinen Füßen fühlen. In Trevor hatte er da ganz bestimmt einen großen Freund und Mitstreiter gefunden. Die Promenade entpuppte sich allerdings nur als schmaler Asphaltstreifen mit etwas Grünem in der Mitte. Zum Meer hin zugepflastert mit Bars und der Mole. Auf der anderen Seite lag unüberhörbar eine breite Straße. Also nur ein schmaler Streifen Naherholungsgebiet. Trevor war deshalb auch nicht alleine. Die Zunft der Beinchenheber hatte einige Vertreter der unbekannten Rassen der Citystreetmixterriers entsandt. Trevor übernahm umgehend die Vorherrschaft im Revier und die Masse an gelangweilten zypriotischen Vierbeinern trollte sich wieder in ihre Verstecke bei den Mülleimern oder in der Nähe der wenigen Bäume. Immerhin konnte er nun die gesamte Breite der etwa dreißig Meter grünen Promenade für sich ausnutzen, ohne beschnüffelt zu werden.

Nachdem Trevor alles untersucht hatte, langweilten sich auch Jose und Pet. Sie gingen zurück in Richtung Hafen. Im Kaffee Nero genossen sie einen Espresso und ein eisgekühltes Zitronenwasser.

Jose und Pet sahen sie fast gleichzeitig im Café auf der Terrasse sitzen: Ben Miller und Melanie Stirner - händchenhaltend und für alles, was um sie herum geschah, nicht aufnahmefähig. Wie kamen die hierher, fragten sich Pet und Jose? Weder die Ageli noch die Neon waren im Hafen gesehen worden. Sie zahlten und unbemerkt von den beiden offensichtlich Verliebten schlichen sie sich nach draußen, den Kai entlang zurück zur Anlegestelle der Blauzahn. Lars und Otto waren an Deck, denen sie umgehend berichteten. Lars bat Jan und Greg, doch nochmals zurück zu gehen, um die beiden zu beobachten. Jan und Greg waren diejenigen, die den Mannschaften der Ageli und der Neon wahrscheinlich nicht bekannt waren. Greg hatte sich einen Bart wachsen lassen und trug nun weiße Leinenkleidung und Jan war meist unter Deck, wenn sie den beiden begegnet waren.

Nach einer Stunde kamen sie zurück. "Sie waren noch da, allerdings war das mit dem  Verliebtsein schon vorbei, als wir ins Café kamen. Zwei weitere Frauen saßen bei ihnen. Die eine wurde mit Sophia angesprochen, die andere mit Isabell. Isabell war mit einer Kamera und Filmausrüstung ausgestattet, die teilweise auf dem Tisch lag. So wie wir das verstehen konnten, haben sie im Hafen Aufnahmen gemacht. Konkreteres war leider nicht zu verstehen. Nach einer Weile sind sie dann aufgestanden und alle zusammen weggegangen. Jan hat sie bis zu einem Parkplatz an der Promenade verfolgt. Dort sind sie in einen Van eingestiegen und weggefahren. Das Auto hatte ein Mietwagenkennzeichen." Greg lächelte dabei. "Hab´s gegoogelt. Wohin sie dann gefahren sind, weiß ich nicht. Ich vermute in Richtung Larnaca. "

Lars bat alle in die Messe. Marc und Wilhelm berichteten von ihrem Einkauf. Otto von den administrativen Abläufen und dass am kommenden Morgen Frischwasser und Treibstoff geliefert werden würde. Pet hatte vom Anwalt eine Nachricht erhalten. Ebenfalls am kommenden Morgen würde ein Hard- und Softwarespezialist kommen, um ihr System nochmals zu überprüfen. Er sollte bis Port Said an Bord bleiben, um alles im Live Betrieb zu untersuchen. Otto sollte sich dann noch für gewisse Testläufe von ihm einarbeiten lassen. Der E-Mail war ein Bild und das Kennwort beigefügt, mit dem sich der Besucher identifizieren sollte. Er hieß Juris Redliehs, kam aus Lettland und war bei der Polizei verantwortlich für die Bekämpfung der IT- und Internetkriminalität. Da man dort mit sehr einfachen Mitteln gegen die hochgerüsteten Verbrechensorganisationen kämpfen musste, war er es offensichtlich gewohnt, auch durch unkonventionelle Arbeitsmethoden ans Ziel zu kommen.

"Ach ja Freunde, der Mann ist mit dem heutigen Tag sechzig Jahre alt." Pet hatte das etwas zu laut und mit einem Grinsen in den Raum gerufen, sodass jeder wusste, was er damit sagen wollte. Eventuell war er ein weiteres Mitglied der Crew, allerdings noch im Testmodus. "Wo treiben die diese Leute so schnell auf? Oder hat unser Sponsor noch einige in der Rückhand? Oder nimmt er an, dass in unserem Alter die Morbiditätsrate so hoch ist, dass er für schnellen Nachschub sorgen muss!" Einige der Männer schauten etwas erschrocken drein. "Hallo, das mit der Morbiditätsrate war ein Scherz. So was kann ich auch." Dann sagte er allen, was er sich wirklich gedacht hatte. "Ich sehe das so: Das System Blauzahn ist wie ein sich entwickelnder Organismus. Wie so eine ungewöhnliche Reise verlaufen soll und was man an Ausstattung und natürlich auch an passenden Menschen dazu benötigt, das kann sich laufend verändern. Aber, so einfach ist es sicher nicht, sich in eine eingeschworene Crew, wie wir es inzwischen sind, hineinzufinden. Oder was denkst du, Greg? Wie war denn dein Anfang hier bei uns?"

Greg hatte bei den letzten Sätzen von Otto sehr genau zugehört. Er überlegte lange, bevor er antwortete. "Es ist für jemand, der in so ein Abenteuer hineingeworfen wird, sicher nicht leicht, sich in eine schon funktionierende Mannschaft einzubringen. Man hat natürlich Bedenken, so wie ich,. Aber man ist freiwillig hier. Wer nicht will, muss nicht. Das macht sehr viel aus. Und ich wurde frei und sehr offen empfangen. Von allen, ohne Ausnahme. Ich glaube, dass wir hier alle stark und tolerant genug sind, jeden aufzunehmen, der sich persönlich einbringen will. Der auch etwas Wichtiges besitzt: Soziale Kompetenz, Lebenserfahrung und eine gehörige Portion an Leidensfähigkeit."

Alle hatten bemerkt, dass Trevor aufgestanden und nach unten aufs Hauptdeck gelaufen war, wo sich Alberto und Beatrice die Füße vertraten. Trevor hatte sie begrüßt, doch die beiden wollten die Diskussion nicht stören. Deshalb hatten sie am Niedergang gewartet, bis Greg seine Ausführungen beendete. Beatrice wurde von den Männern herzlich begrüßt. Es war bereits nach 19.00 Uhr. Aber Marc hatte schon alles vorbereitet und so wurde schnell der Tisch gedeckt und das Essen aufgetragen. Otto übernahm wieder die Rolle des Kellermeisters. Zu dem Schweinesalzbraten mit gegrillten Kartoffeln und der Gemüseplatte empfahl er einen Roten Chateauneuf-du-Pape aus Frankreich oder einen Barolo aus Italien. Die Genussfreuden hoben die allgemeine Stimmung.



25. April 1.00 Uhr

Alle, bis auf Lars, Greg, Jan und Pet, waren schlafen gegangen. Die vier saßen noch auf dem Zwischendeck und rauchten Pfeife oder Zigarre. Lars hatte eine Flasche The Balvenie Double Wood 12, einen Schottischen Whisky, spendiert. Er servierte ihn stilecht. Ein Drittel eisgekühltes Wasser und zwei Drittel Whisky. Lars meinte, jetzt sei für ihn die Welt in Ordnung. Mit Freunden am Meer zu sitzen, auf einer der schönsten Segeljachten, die er je gesehen hatte und ein Abenteuer vor sich, das spannender nicht sein könne. Das sei unbezahlbar.  "Greg, ist das eigentlich für einen Mönch erlaubt, was du da gerade machst?  Alkohol, Rauchen, Schlemmen. Ich gönne es dir, aber es irritiert mich doch etwas." - "Ja und nein, lieber Freund." entgegnete der. "Ich habe vor Tagen meinem Abt geschrieben und ihn gebeten, mich ganz aus dem Orden zu entlassen. Es ist ein sicher sehr schwieriger Prozess, aber er unterstützt mich dabei. Es wird wohl noch einige Zeit vergehen, bis man meinem Gesuch zustimmt, aber ich hoffe doch, dass das bald geschehen wird." Greg war froh, dass er das sagen konnte. Die Situation hatte ihn belastet, das spürten alle. "Die Zeit im Orden war für mich wichtig und ich bereue nichts, habe auch nichts vermisst, während ich im Kloster war. Aber nun ist es Zeit für mich, noch etwas anderes zu tun. Ich will nicht behaupten, dass wir hier auch in einer klosterähnliches Gemeinschaft zusammen leben, aber dieses weltliche Zusammenfinden ist für mich wunderbar. Eine sehr schöne Erfahrung, die ich gerade machen darf. Gott hat ja prinzipiell nichts gegen eine guten Whisky einzuwenden. Ich bin und bleibe deshalb trotzdem Christ und das mit Leib und Seele." Alle nickten. Sie hatten verstanden, was ihn bewegte.

Jeder holte sich eine Decke und sie schliefen in dieser Nacht - oder das was noch von ihr übrig war - an Deck.

Die Sonne war schon längst aufgegangen, als sie von einem herrlichen Duft aus der Kombüse geweckt wurden. Kaffee, Rührei mit Speck und frisch gebackenes Brot. "Zähneputzen oder mit Whisky den furchtbaren Geschmack aus dem Mund spülen? Ich bin noch unschlüssig." murmelte Jan vor sich hin. Die Antwort von Lars kam prompt. "Beides. Erst Zähne putzen, dann mit Whisky nachspülen, dann frühstücken." - "Ne, das schaffe ich nicht. Nur Zähneputzen das reicht mir heute Morgen. Kein Whisky." Pet schüttelte sich, als er an den Balvenie Double Wood 12 dachte. Pet ging mit Trevor kurz über die Mole und als er nach ein paar Minuten zurückkam, stand ein Taxi vor der Brücke zur Blauzahn, aus dem gerade ein Mann ausstieg. Er hatte einen Seesack und einen großen Aluminiumkoffer dabei. Pet sprach ihn an. "Juris?" Trevor beschnupperte den Neuankömmling und dann wurden die beiden Packstücke genau untersucht. "Keine Angst, das ist kein ausgebildeter Drogenhund. Er spürt nur gute Wurst und Fleisch auf." Der Neuankömmling schüttelte den Kopf und Pet wiederholte alles auf Englisch.

"Ja, ich bin Juris." Und dann nannte der Neuankömmling noch das Kennwort, das vereinbart worden war. In gebrochenem Deutsch meinte er: "Ich spreche nicht sehr gut Deutsch, besser Englisch und Russisch und Lettisch natürlich."

In der Messe wurde Juris von allen begrüßt und sofort zum Frühstück eingeladen. Bevor er sich setzte, begrüßte er aber jeden persönlich mit Handschlag. "Wir haben hier vereinbart, dass wir uns nur auf Englisch oder Deutsch unterhalten, das versteht jeder von uns. Nur fluchen darf man in seiner Muttersprache." Lars, mal wieder ganz Kapitän, hatte sofort Regel Nummer eins an den Mann gebracht und erklärte dann weiter: "Wir sprechen uns alle mit Vornamen an und das Du ist selbstverständlich."  Juris nickte lachend und dann wurde erst einmal gefrühstückt.

Später stellte er sich vor. "Wie alt ich bin, wisst ihr ja alle schon. Ich wurde in Riga geboren, habe in Russland Elektrotechnik studiert und war lange Jahre bei der russische Marine auf einem Kreuzer und später dann auf einem Spionageschiff. Aber ein paar Jahre vor der Unabhängigkeit von Russland wurde ich ausgemustert und ging 1992 zur Polizei nach Lettland. Dort war ich in einem Kommissariat für die gesamte Kommunikationstechnik zuständig und ab 2006 wurde ich zuständig für den Bereich Internetkriminalität. Aus dieser Zeit kenne ich euren Anwalt, der damals bei einem Dänischen Holzimporteur gearbeitet hatte. Wir haben durch einen Fall von Datendiebstahl bei seinem damaligen Arbeitgeber Kontakt zueinander bekommen und der blieb bis heute erhalten. Ich war verheiratet und habe zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Meine Frau hat mich vor ein paar Jahren verlassen, weil ich zu wenig zu Hause war und sie damit einfach nicht zurechtkam. Mehr gibt's nicht von mir zu berichten. Ach ja, ich kenne euer Problem und soll versuchen, es zu lösen."  Otto hob seinen Kaffeebecher hoch und rief. "Dann nochmals herzlich willkommen auf der Blauzahn." 

Man zeigte Juris seine Kabine, die Nummer sechs, damit er sich dort einrichten konnte.

Um 10.00 Uhr wurde der Testlauf mit dem Mast geprobt. Wilhelm hatte recht, er konnte wirklich problemlos eingefahren werden.

Um 14.00 Uhr lief die Blauzahn aus. Am Kai stand Beatrice - alleine - und man sah ihr an, dass ihr der Abschied sehr schwer fiel.

Juris und Otto verstanden sich auf Anhieb sehr gut und machten sich daran, zuerst alle Handys zu überprüfen und danach die Funkanlage der Blauzahn. Juris wollte die Zeit von rund 48 Stunden bis Port Said nutzen, um alles nochmals genau zu überprüfen. Um 20.00 Uhr wurden die beiden fündig. Unter dem Bildschirm der Radaranlage. Ein kleinen Sender, der laut Juris eine Kennung und den Kurs der Blauzahn verschlüsselt sendete. Er konnte von außen aktiviert und auch wieder abgestellt werden. Juris meinte, die Reichweite des Senders sei maximal zwanzig Meilen. "Da waren Profis am Werk. Zudem speichert das Gerät noch den Kurs und die Korrekturen. Ich kann jetzt noch nicht feststellen, wie groß die Speicherkapazität ist, aber ich denke, so um die 48 Stunden könnten es schon sein. Abklemmen, ausbauen oder was meint ihr, was ich mit dem Gerät machen soll?" Die einhellige Meinung: Ausbauen und ab ins Meer damit.

Nur eines war nun auch klar: Die Mechaniker, die im Hafen von Mallorca an der Elektrik und Elektronik gearbeitet hatten, waren ja definitiv nicht an der Radaranlage gewesen. Von wem stammte also das Gerät? 


Fortsetzung folgt


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