Kapitel 22

Aus dem persönlichen Tagebuch des Pet Bär

Greg hat mir heute einen großen Teil seiner Lebensgeschichte erzählt. Seine Geschichte war drei Zigarrenlängen und sechs Glas Primitivo lang. Ich hätte nie vermutet, dass sein Leben bisher mit so vielen Höhen aber auch Tiefen verlaufen ist.

Sein Vater war ein ehemaliger irischer Offizier in Britischen Diensten und seine Mutter eine Hamburger Reederstochter. Aufgewachsen in Hamburg und Irland. Internatsschüler in Deutschland, Abitur und dann Studium der Nautik. Karriere in Unternehmen des Großvaters. Als der stirbt, übernahm sein Vater das Unternehmen. Er war der Kronprinz der Reederei. Alles war vorbestimmt, sein Leben war durchgeplant bis ins kleinste Detail. Selbst die Ehe, die sich anbahnte, war von seinem Vater und von seinem zukünftigen Schwiegervater arrangiert. Er war es gewohnt, den Plänen und Anweisungen seines Vaters Folge zu leisten. Als Lohn dafür hatte er ein sorgenfreies Leben in der Highsociety Hamburgs geführt.

Dann starben seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz - zusammen mit seiner Braut und dem zukünftigen Schwiegervater. Ohne die leitende Hand seines Vaters und der Liebe seiner Mutter stand er, reich aber hilflos, vor einem Scherbenhaufen. Was er mir dann erzählte, hörte sich an wie eine Tragikomödie. Er verkaufte die Firma und machte sich daran, die alten Fesseln des Vaters vergessen zu machen. Reiste durch die Welt, bis er in Südostasien - weit ab von allen ihm sich bietenden Vergnügungen - auf den Inseln Indonesiens zum ersten Mal mit der Armut und dem Fleiß der Inselbewohner konfrontiert wurde. Auf einer kleinen Insel blieb er und wurde sesshaft. Er ließ sich ein kleines Haus bauen und dann eine Schule. Er bezahlte die Lehrkräfte und das Dorf entwickelte sich langsam zu einem kleinen Wirtschaftszentrum auf der Insel. Er beriet die Fischer und die Küstenkapitäne, wie sie effizienter arbeiten konnten und hatte Erfolg damit. Dann gründete er eine Beratungsfirma, um die Seefahrt zwischen den Inseln ungefährlicher und strukturierter zu gestalten. Gesponsert wurde seine Firma von Hilfsorganisationen. Dann brach auf der Insel eine Seuche aus. Eine katholisch Hilfsorganisation schickte Ärzte und Hilfskräfte. Ein paar Nonnen bauten in seinem Haus eine Krankenstation auf. Eine der Nonnen arbeitete mit ihm etwas intensiver zusammen, als es eigentlich notwendig war. Greg hat sie als starke und wunderschöne Frau beschrieben. Er verliebte sich in sie. Stoff für einen Roman. Die Seuche wurde besiegt und die Nonne blieb. Sein Haus war schon ein kleines Hospital und er zog in ein anderes Haus und überließ ihr alles. Was er mir dann erzählte ist etwas, was eigentlich nie geschehen durfte und eigentlich auch nie passierte. Sie verliebte sich auch in ihn und in der Nacht, als sie sich zum ersten Mal liebten, passierte etwas, was eigentlich nur in Romanen möglich ist. Sie starb auf dem kurzen Weg von seiner Hütte in das Hospital durch einen Unbekannten, der sie niedergestochen hatte. Ermordet, als Greg duschte. Zum zweiten Mal verlor er sein Selbstvertrauen und seine Stärke, die er so mühevoll für sich aufgebaut hatte. Ihren Tod beschrieb er mir so sachlich, dass in mir der Gedanke aufkeimte, er erzählte mir eine erdachte Geschichte. Dann schwieg er sehr lange, trank auf einen Zug ein ganzes Glas Primitivo, als ob er die Zeit des Trinkens dazu benötigte, die Fortsetzung der Geschichte gerade zusammen zu dichten. Er erzählte weiter:  "Dann wurde ich Mönch bei den Benediktinern und führte ihre Arbeit fort. Begleitet wurde ich von zwei anderen Mönchen. Nach einem Jahr übergab ich ihnen das Haus und die Krankenstation und ging in ein Kloster nach Europa. Ich hoffte dort ... ja was erhoffte ich mir eigentlich? Ich weiß es nicht mehr.

Wir bekamen immer wieder Gäste im Kloster, die eine intensive  Auszeit benötigten. Ich war für das Gästehaus und die Organisation zuständig.  Den Anwalt der Blauzahn habe ich bei einer Klausur im Kloster kennen gelernt, als der einige Wochen Auszeit benötigte. Und dann wurde ich von ihm vor ein paar Monaten angesprochen. Und nun bin ich hier."

Mit diesem Satz beendete er seinen Lebensbericht und ging schlafen.

23.April 4.00 Uhr an Deck der Blauzahn

Lars steuerte die Blauzahn, die wieder unter Segel lief. Greg und Otto waren mit ihm an Deck. Der Wind war frisch und die Jacht kränkte immer wieder stark nach Backbord. Um 5.00 Uhr waren alle wach. Zum Frühstück gab es Obst, Kaffee, Tee und Sandwiches, mehr war nicht möglich.

Immer wieder musste die Blauzahn Fischerbooten ausweichen, die sich in den internationalen Fahrtrouten bewegten. Mit dem Fernglas kontrollierte Greg das nahe Umfeld und Otto beobachtete das Radar.  Im Dunst verschwand langsam die nahe Küste Kretas und Lars berechnete den Kurs neu. Sie waren in der Nacht durch die Ausweichmanöver vom geplanten Kurs abgekommen und konnten jetzt erst die Korrektur vornehmen. Sie würden erst um Mitternacht in Limassol auf Zypern ankommen.

Gegen 7.00 Uhr entdeckte Greg etwas. "Hinter uns auf gleichem Kurs wie wir, schaust du mal auf dem Radar, Otto. Ist das Schiff schon lange hinter uns?" War es nicht, erst seit sie die Südostspitze von Kreta umrundet hatten, war das Schiff aufgetaucht. Otto war es zumindest nicht aufgefallen, da der Schiffsverkehr sehr dicht war und er keine einzelnen Schiffe beobachtet hatte. Nun aber schenkte er dem unbekannten Boot seine ganze Aufmerksamkeit. Nach einer halben Stunde stand fest: Sie lief auf gleichem Kurs wie die Blauzahn und behielt den Abstand immer bei. Jan nahm ebenfalls ein Fernglas und richtete es auf das Schiff. "Die Ageli? Ist sie das?" fragte er Greg. Ja, sie war es. Etwa achthundert Meter segelte sie unter vollen Segeln hinter ihnen. Ihr Verfolger war wieder da. "Verdammt noch mal, das Mittelmeer ist riesig groß, wie konnten die uns finden? Das ist doch nicht möglich." Er fiel leicht vom Wind ab, um die Geschwindigkeit zu verringern. Zuerst holte die Ageli leicht auf, aber dann fiel auch sie zurück und behielt den Abstand von achthundert bis tausend Meter. "Und sieht jemand die Neon? Ist die auch dabei? Hinter ihr ist ein zweites Schiff auf dem Radar. Hält den Abstand zu ihr ständig ein." Otto hatte das Radar nun seit über einer Stunde genau im Auge behalten. "Das wird sie wohl sein." meinte er abschließend. Lars ließ das Hauptsegel bergen und so fuhren sie nur noch mit dem Vorsegel und verlangsamten immer mehr ihre Geschwindigkeit. Die Verfolger änderten leicht ihren Kurs nach Süden, um den Abstand weiter einzuhalten. "Und was machen wir? Einfach so hinnehmen oder wollen wir spielen?"  fragte Lars in die Runde. Einhellige Meinung: Man wollte spielen. Also änderte Lars den Kurs, setzte alle Fetzen und wollte damit den Kurs der Ageli kreuzen. Dieses Mal hatte er allerdings den Kurswechsel angekündigt und Marc schaffte es gerade noch, sämtliche losen Küchengeräte zu sichern. Bis auf John waren alle vorbereitet. Der war gerade dabei, sich zu rasieren. Deshalb schnitzte er sich mit der Rasierklinge eine ordentlich Schmarre in die Wange. Stumme können nicht schreien, aber seinen Unwillen bekam Lars ein paar Minuten später zu sehen. Mit einem wütenden Blick und einem blutigen Handtuch, das er sich auf die Wange drückte, klopfte er Lars heftig auf die Schulter und zeigte ihm dann den Vogel. "Ja John, das Piratenleben geht nicht ohne Blutvergießen. Aber so eine Narbe, wenn es dann eine gibt, kann dich nur noch schöner machen. Frauen stehen auf so was." meinte Lars an John gewandt.

Gerrit war da etwas anderer Meinung. Für einen Arzt war der ungewollte Blutfluss Arbeit. "Nähen muss ich nicht, aber gehen wir nach unten, ich behandle das mal."

Die Blauzahn nahm an Fahrt auf und bis die Mannschaft der Ageli merkte, was da auf sie zukam, waren die Nordstrandpiraten auch schon auf dreihundert Meter heran. Wilhelm hatte sich etwas Wunderbares einfallen lassen. Er schloss das Megaphon, das für Notfälle am Mast installiert war, an einen CD Player an und ließ nun Verdis - Aida Triumph-Marsch - abspielen. Unter den Klängen des Chores rauschte die Blauzahn etwa zwanzig Meter hinter der Ageli vorbei. Trotz Wind und Wellen beschallten sie die Verfolger mit dieser Wunderwaffe der klassischen Musik. Kurz nahmen sie der Ageli den Wind aus ihren Segeln und dann waren sie auch schon vorbei.

Man sah selbst aus der Entfernung, dass die Mannschaft der Ageli zuerst etwas erstaunt war, dann mussten auch sie über diesen jugendlichen Scherz lachen. Das Spiel war eröffnet und nichts war mehr geheimnisvoll. - "Fang mich" hieß die Aktion und die Blauzahn nahm immer mehr Fahrt auf. So schnell konnte die Ageli nicht beschleunigen, deshalb wurde sie im Blickfeld der Nordstrandpiraten auch immer kleiner. Lars zeigte einmal mehr, wie gut er segeln konnte. Die See wurde durchpflügt und kein Fleckchen auf Deck blieb bei diesem Ritt trocken. Trevor saß in seiner Decksloge, angeleint und mit Schwimmweste ausgestattet. Seine Augen wurden schmal und die langen Ohren flogen im Wind. Immer wieder bellte er freudig und man hatte das Gefühl, er wollte damit die Jacht zu noch mehr Geschwindigkeit antreiben. Ageli und Neon waren hinter der Blauzahn nun gleich auf. Otto beobachtete das Radar weiter und stellt fest, dass die beiden nicht aufholen konnten. Der Abstand vergrößerte sich. Nach einer Stunde änderte Lars nochmals den Kurs von Süd-Ost auf Ost-Süd-Ost. Und wieder eine Stunde später änderte er nochmals den Kurs auf Nord-Ost. Sie steuerten damit genau auf Akamas zu. Sein Plan war, sich dort in der Bucht auf der Ostseite zu verstecken. Am späten Nachmittag ankerten sie an der Küste Zyperns in der besagten Bucht. Sie waren sich sicher, dass sie aus der Sicht und dem Radar der Ageli und der Neon verschwunden waren.

Um 22.00 Uhr saßen alle auf dem Zwischendeck im Freien. "Woher wissen die immer wieder, wo wir sind und welches Ziel wir haben? Oder verfolgt die Neon die Ageli und die uns? Wer weiß denn außer uns noch, welches Ziel wir ansteuern?" Otto stellte diese Fragen an alle. Lars überlegte kurz und antwortete. "Pet schickt per Mail die Zielorte und den angedachten Kurs an unseren Sponsor beziehungsweise an den Anwalt. Und jeder gibt sie  noch an seine Angehörigen. Aber wir haben das System prüfen lassen. Kein Trojaner beziehungsweise keine schädliche Software ist auf unserem System. Und alle haben wir neue Handys oder Smartphones. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da ein Leck gibt. Also wie erfahren die von unseren Zielen und dem Kurs?" Alle saßen auf ihren Plätzen und dachten nach. "Bei aller Freude an diesem Spiel, mir passt es nicht, dass wir eventuell immer noch ausspioniert werden." Man spürte, dass Lars wütend war. Alberto stand auf und meinte. " Das ist so nicht ganz richtig. Ich habe mein altes Smartphone behalten. Mit dem telefoniere ich nur mit Beatrice und schicke ihr per WhatsApp unsere Zielorte. Aber das trage ich ständig bei mir und ich bin mit dem Gerät nicht per W-Lan in unserem System. Im alten System war ich noch per W-Lan drin, jetzt aber nicht mehr." Alle Blicke waren schlagartig auf Alberto gerichtet. "Nein Freunde. Beatrice würde das nie weitergeben. Da bin ich mir sicher."  "Gibst du mir mal dein Smartphone?" Zum Zeichen, dass er es haben wollte, winkte Otto ihm noch zu. Er hatte sich im Laufe der Piratentour auch der Pflege des Systems angenommen und hatte diesbezüglich schon einiges an Wissen angesammelt. Alberto überreichte ihm das Gerät und Otto verschwand unter Deck.

Nach einer halben Stunde kam er wieder nach oben. "Ich habe mich mit unserem Anwalt in Verbindung gesetzt. Der hat mich mit einem DV Fachmann verbunden und wir haben das Gerät geprüft. Das Ding ist infiziert. Alle Aktivitäten werden weitergeleitet. Da liest einer mit und, sorry blöd für dich Alberto, hört alles mit. Eventuell ist auch das Smartphone oder das Handy von Beatrice infiziert. Da hat sich einer sehr viel Mühe gemacht, uns weiter beobachten zu können. Schalte es ab. Schmeiß die Batterie raus. Im nächsten Hafen schicken wir das Gerät an den Anwalt. Der wird es überprüfen lassen. Vielleicht bekommen wir da eine Spur, wer uns verfolgt oder ausspähen will." Jose stand auf und klopfte seinem Bruder auf die Schulter. "Ja, Liebe macht blind und manchmal auch...ne lassen wir das."

Da stand er nun, der arme Sündenbock Alberto. Entschuldigend zuckte er ein paar Mal mit der Schulter. "Beatrice erwartet mich morgen in Limassol." -  "Uns, mein lieber Bruder, uns alle." Verständnisvoll nickte auch Lars. "Vielleicht kann uns das auch was nützen, dass wir das nun wissen. Lasst uns mal darüber nachdenken, wie wir das Wissen für uns ausnützen können."  Wenn die uns über das Handy orten können, dann wissen sie ja, wo wir jetzt sind, oder?" Pet war, was IT Fragen betraf, nicht so mit Wissen zugeschüttet, deshalb stellte er die Frage an Otto. "Ja das können sie. Solange das Gerät eingeschaltet ist, kann es geortet werden. Nicht auf dem Meer. Da telefonierst du ja nicht mit diesem Smartphone, oder? Da dürftest du keinen Empfang haben? Aber ehrlich, da bin ich nun wirklich etwas überfordert." 

John war nur mit halbem Ohr bei der Diskussion dabei, weil er gerade mit ihrer weiteren Reiseroute beschäftigt war. Alle schreckten auf, als er mit der Faust auf den Tisch schlug. Er winkte Lars und Greg zu sich und deutete auf die Karte die er vor sich liegen hatte. Er deutete auf eine Punkt im Suezkanal, den sie bald durchfahren wollten. "Greg fragte. "Was meinst du damit? Das ist eine Brücke, na und? Das ist die Friedensbrücke bei El Quantara." John malte ein paar Zahlen auf ein Blatt Papier. Lars verstand sofort, um was es da ging. "Da kommen wir nicht durch. Unser Mast ist zu hoch, auch wenn wir ihn einfahren. Die Brücke hat eine lichte Höhe über Wasser von siebzig Metern. Auch wenn wir den Mast einfahren, mit der Antenne sind wir immer noch fünf Meter zu hoch."

Wilhelm kratzte sich am schütteren Haupt. "Nein es wird gehen. Wenn wir nur den Mast einfahren, wird es nicht gehen, aber wir können ihn noch drei Meter weiter in den Schiffsrumpf einfahren. Das ist vorgesehen, damit man die Getriebe für den Segelmechanismus warten und reparieren kann. Die Antenne kann ganz in den Masten versenkt werden. Dann haben wir genau achtundsechzig Meter von der Wasserlinie bis zur Mastspitze. Wir müssen nur tief genug im Wasser liegen. Steht alles im Handbuch für den Mastbetrieb. Sollten wir im Hafen mal ausprobieren. Nicht dass wir da im Suezkanal rumschippern und den Mast legen müssen. Das geht auch, aber das dauert Stunden. Wenn der Masten die drei Meter ins Boot eingefahren wird, können wir natürlich nicht unter Segel fahren." Bewundernder Beifall brandete auf. Lars war dankbar dafür, dass sich Wilhelm mit dem Problem schon beschäftigt hatte. Er sah sich schon schwitzend im Suezkanal den Masten umlegen. 

Greg schenkte sich einen Schluck Pinot Gigio nach und stand auf. "Dann müssen wir uns noch Gedanken über unsere Freunde von der Ageli und der Neon machen".


Fortsetzung folgt

 

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