Kapitel 21

Jose und Alberto starrten den Kaftan oder was es auch immer an Kleidungsstück sein sollte an. Ein Kleidungsstück in einem Plastiksack zusammengebunden mit anderen Kleidungsstücken. Was sollte denn das? Alberto schüttelte den Kopf. Das bringt uns nur Ärger. Über Bord damit. Jose nahm den Bootshaken und angelte sich das Tuch. Ab damit. Und schleuderte den Kaftan über Bord. Wenn den jemand vermisst, wird er ihn weiter vermissen müssen. Bis wir auf den 4,3 Millionen Quadratkilometern des Mittelmeeres den Besitzer finden, können Jahrhunderte vergehen. Und irgendwie haftet an dem Stoff ein schlimmes Omen. Erstaunt sah Alberto seinen Bruder an. Sag mal, ich wusste nicht, dass du abergläubisch bist. Jose grinste schelmisch. Nein bin ich nicht, ich fand ihn nur einfach hässlich. Gehen wir mal schauen, was uns Marc zu bieten hat. Ich habe Hunger. 

Auf dem Radarschirm waren viele Schiffsbewegungen zu sehen. Lars erkannte, dass vor ihnen mindestens drei größere Schiffe auf Kurs Ost Süd Ost fuhren. Der Wind kam von Südwest. Also mussten sie immer etwas kreuzen, um unter Segel fahren zu können. John bediente die Motoren, um die Segel auszufahren und sie in Position zu bringen, dann schaltete er die beiden Diesel ab. Unverhofft legte sich die Blauzahn kurz nach Backbord. Der Wind war nicht kräftig und trotzdem begann die Blauzahn gut Fahrt aufzunehmen.  Von unten hörte Lars einige sehr laute Flüche von Marc. Dem hatte man vergessen zu sagen, dass man unter Segel fahren wollte und nun war er beim Hantieren in der Kombüse von der Neigung nach Backbord überrascht worden. Irgendetwas war wohl aus der Pfanne gesprungen. Aber bei solch einem Manöver gab es immer auch einen Gewinner. Trevor hatte zwei frische Rühreiportionen erwischt.

Die achtzehnhundert Kilometer bis Limassol auf Zypern werden wir wohl in zweieinhalb Tagen schaffen. Wenn der Wettergott uns weiterhin so gnädig gesinnt ist. Lars drehte sich zu Greg um, der soeben auf die Brücke hochgekommen war. Was meinst du, Greg? Oder muss ich mich da an jemand anderen wenden? Greg schüttelte nur den Kopf. Er war für viele Späße zu haben, aber manches Mal nervte es ihn, wenn man ihn zu sehr in die Priesterecke schob und ihn damit etwas provozieren wollte. Lass gut sein Lars, wenn ich das Ruder übernehme, sind wir sicher, dass einer der vielen Götter wirklich bei uns ist. Also ab nach unten. Du kannst die Sauerei, die du mit deinen Segelkünsten angerichtet hast, helfen aufzuräumen. Schuldbewusst - oder wenigstens startete Lars den Versuch schuldbewusst dreinzuschauen - übergab er Greg das Ruder und trollte sich nach unten. Trevor hatte zwar schon mit seinen Zähnen und der Zunge die kaubaren Sachen beseitigt, aber der Kaffee schwappte noch auf dem Kombüseboden herum. Marc stand in der Ecke und drückte sich ein Tuch auf den rechten Oberschenkel. Verdammt Lars, der Kaffee war frisch und heiß. Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt, dass ihr auf Regattakurs gehen wollt. Fluchend humpelte Marc aufs Unterdeck. Im Krankenrevier verarztete Gerrit seine Verbrennungen und schickte ihn danach in seine Kajüte.

Gerrit gab später in der Messe ein ärztliches Bulletin zu Marcs Zustand ab. Verbrennung nullkommafünften Grades. Also, er hat nur einen heißen Schenkel und wurde Opfer seines lauwarmen Kaffees. Ich mache uns neuen und zwar richtig heißen.  Wenn Holländer etwas können, dann ist es einen Kaffee machen, der aus jeder Ohnmacht einen Aufwach-Albtraum werden lässt, dachte Jan bei sich und murmelte vor sich hin. Lieber Tee, dann kann mein Magen und ich gemeinsam noch eine unbeschwerte Jugend miteinander verbringen.  

 

21. April 2015  15.00 Uhr Mittelmeer

Der Wind frischte inzwischen auf. Ein großes Containerschiff lief auf Parallelkurs zur Blauzahn etwa siebenhundert Meter an Backbord. John hatte inzwischen die Brücke übernommen, Alberto und Jose standen neben ihm.  Auf dem Radar sahen sie, dass der Schiffsverkehr in diesen Breiten sehr groß war. Alberto meinte, um 14.45 Uhr die Ageli mit dem Fernglas steuerbords gesehen zu haben, war sich aber nicht sicher. Die Sicht war nicht gut genug, um sie genau auszumachen und er versuchte den Kurs noch auf dem Radar zu verfolgen, verlor sie aber dann fünf Minuten später ganz auf dem Bildschirm.

Um 19.00 Uhr übernahm Greg das Steuer - zusammen mit Otto und Wilhelm stand er oben auf der Brücke. Der Wind trieb sie auf den Peloponnes zu. Greg verlangsamte die Fahrt. Sie wollten das Meer zwischen dem Griechischen Festland und Kreta bei Tageslicht durchfahren. Alle wollten dieses Naturschauspiel gemeinsam erleben. Um 23.00 Uhr flaute der Wind so ab, dass Greg die Segel bergen ließ und mit Motorkraft weiterfuhr. Um 0.00 Uhr übernahm dann Lars das Steuer. Alberto, Pet und Trevor waren mit ihm auf der Brücke. Rund um die Blauzahn leuchteten die Positionslichter der anderen Schiffe. Zwei Mal wurden sie von der griechischen Küstenwache per Funk angefragt, wer sie seien und wohin sie wollten. Offensichtlich konnte keiner aus der Mannschaft richtig schlafen. Immer wieder kam einer auf Deck, blieb ein paar Minuten oben und ging dann wieder. Marc brachte um 3.00 Uhr einen heißen Tee. Schweigend saß er sehr lange neben Trevor´s Kisten und streichelte ihn. Irgendwann schlief er ein und hielt Trevor´s Kopf in seinen Armen fest.

Otto brachte bei Morgengrauen ein paar Schlemmer-Kraz  auf die Brücke. Ein gefülltes Brot, das er selbst gebacken hatte. Und natürlich auch erfunden. Dankbar nahmen die drei das Frühstücksabendmitternachtsmahl entgegen. Selbst für Trevor hatte Otto einen Schlemmerkrazhundespezial fertig gemacht. Ein Uraltbrötchen gefüllt mit Käse und Met. Marc war kurz aufgewacht als Trevor seinen Kopf aus seiner Umarmung befreite, um den Kraz entgegenzunehmen. Er murmelte kurz, dass das eigentlich sein Job sei und schlief weiter.

Ein paar Minuten nachdem Otto seine Spezialität verteilt hatte, kam der Rest der Crew nach oben. Jeder hatte seinen speziellen Kraz in der Hand. Gerrit hatte Kannen mit Kaffee und Tee zubereiten und nach oben gebracht. Schweigend standen sie alle auf der Brücke und betrachteten die zerklüftete Küste Griechenlands. Felsen, einsame Bäume, ein paar scheinbar müde Möwen, die die Blauzahn überflogen. Dann sahen sie im Osten, wie die Sonne hinter den Bergen aufging. Die Stimmung dieses Momentes hielt alle gefangen.

Jan sagte in die Stille hinein. Meine Herren, eine Katastrophe bahnt sich an. Mit dem Wort Katastrophe hatte er sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit aller. Uns geht das Toilettenpapier aus. Wir haben nur noch zwei Rollen von dem samtweichen.  Prustendes Lachen. Marc äußerte sich noch etwas schläfrig zu diesem Thema. Dann gibt es bis Limasoll nichts mehr zu Essen. Das könnte uns retten.

Greg, der sich von der euphorisch lustigen Stimmung hatte anstecken lassen, stellte sich Backbords an die Reling und begann.

Theodor Fontane hatte dazu bereits 1885 ein Gedicht geschrieben, das heute leider vollkommen falsch zitiert wird. John Maynard.

John Maynard war unser Steuermann, aus hielt er, bis er das Ufer gewann, er hat uns gerettet, er trägt die Kron, eine Rolle Toilettenpapier war sein Lohn.

Die Blauzahn fliegt über die griechische See, Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee. Von Siracusa fliegt sie nach Limasoll, die Herzen sind frei und finden es toll.  Passagiere ganz ohne Kinder und Fraun, am frühen Morgen zum Ufer schaun. Und plaudernd an John Maynard heran - tritt alles: "wie weit noch Steuermann?" - Der schaut nach vorn, der schaut in die Rund "noch dreißig Minuten, halbe Stund" - Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei, da klingt´s aus dem Schiffsraum her wie ein Schrei. "Wo ist das Papier, das uns nun fehlt?" so der Klang - und schon der Geruch aus der Luke drang."

Prustendes Lachen rund um Greg herum.

"So und nun höre ich auf, das gute deutsche Kulturgut zu verderben, das ich unter Zwang in einem deutschen Internat lernen musste. Nein ich habe das nicht neu gedichtet, das hat ein Schulfreund einst zusammengebastelt. Klar, ist alles ein wenig pubertär, aber auch mich übermannt es von Zeit zu Zeit. Manchmal will ich einfach nur lachen. Nicht alle hatten das auf Deutsch vorgetragene recht alberne Gedicht verstanden, aber das Lachen steckte zumindest alle an. Irgendwie hatten der eine oder andere das Gefühl, Greg schämte sich deswegen, weil er gerade für seine Verhältnisse hemmungslos lustig war.

Pet fragte in die Runde. Haben wir jetzt wirklich damit ein Problem? Wilhelm schüttelte den Kopf. Ne Jungs, zur Not haben wir noch mindestens fünfzig Packen Papiertaschentücher unten. Also keine Panik, wir werden nicht in einem katastrophalen Zustand in Limasoll ankommen. Aber wir müssen uns wirklich etwas intensiver mit unserer Vorratshaltung beschäftigen. Was wir an Land sofort und ohne Probleme korrigieren können, das geht auf See nicht so schnell. Vor allem, wenn wir nun in Gefilde reisen, wo nicht alles und jederzeit verfügbar ist und gekauft werden kann. Brainstorming ist angesagt. Jeder sollte für sich eine Liste von Gebrauchs und Verbrauchsdingen zusammenstellen, die er benötigt. Bisher zehren wir noch von den Vorräten, die wir am Anfang von Nordstrand aus mitgenommen oder die wir unterwegs in den Häfen zwecks Hunger eingekauft haben. Am besten machen wir das in einer Excel Datei, dann gleichen wir Doppelnennungen ab und haben danach eine gemeinsame  und natürlich noch eine individuelle Bedarfsliste. Am besten wäre es, wenn wir das alles bis Limasoll zusammen hätten. Das ist der letzte Stop in Europa. Ich glaube zwar nicht, dass wir den Rest nicht auch in den anderen Häfen bekämen, aber wir sollten vorsorglich alles einkaufen, was wir benötigen. Alle nickten zustimmend.

22. April 19.00  Uhr unter Deck

Alle hatten ihre Hausaufgaben gemacht und eine Liste von Dingen erstellt, die sie täglich benötigten oder noch haben wollten. Otto und Wilhelm versuchten sich  an einer kompletten Liste. Doppelnennungen wurden eliminiert. Individuelles separiert und daraus eine Aufstellung gemacht. Außer Toilettenpapier gab es doch noch einiges, was man vorher vergessen hatte. Streichhölzer und Feuerzeuge, Wasserfilter, Waschmittel und vor allem Seife und Zahnpasta. Der Vorrat an Duschgel und Seife war bereits auf ein Minimum zusammengeschrumpft.

Gerrit überprüfte nochmals seinen Bestand an Verbandsmaterialien und Medikamenten auf medizinischen Bedarf für den Aufenthalt in den Tropen. Salben und Tinkturen für Insektenstiche fehlten komplett.

Marc und Alberto überprüften die Lebensmittel und Getränkevorräte. Vor allem wollten sie Lebensmittel einlagern die lange haltbar und für ihre Ernährung in extremen klimatischen Zonen wichtig wären. Ihre Liste verglichen sie mit der von Otto und Wilhelm und fanden auch hier noch zusätzlichen Bedarf. Speiseöle und Zitronensaft fehlte. Bisher konnten sie überall in den Häfen problemlos einkaufen und die Waren an Bord nehmen, das würde nun bald nicht mehr so leicht sein. Deshalb ermittelte Marc noch einen eventuellen Bedarf an Lebensmittel für mindestens zwanzig Tage.

Greg, Jan und Jose steuerten um die östliche Landmarke von Kreta herum und gingen auf Kurs OstSüd-Ost in Richtung Zypern.

Pet saß in seiner Kajüte und verfasste seinen Tagesbericht für den Sponsor. Dabei genoss er eine Pfeife und einen guten Primitivo aus Süditalien. Greg klopfte an seine Kabinentür. Pet blickte kurz auf und winkte in schweigend zu sich herein. Greg musste Trevor übersteigen, der im Türrahmen lag und schlief. Auch einen Schluck? fragte Pet seinen Gast. Ohne auf die Antwort zu warten, griff er in seinen Schrank und angelte sich dort eine  Weinglas heraus, stellte die Flasche neben das Glas, deutete darauf und sagte nur. Bitte, bediene dich.

Greg nahm sich einen Hocker und setzte sich neben Pet  und schenkte sich ein. Er riecht, der Tabak. Der leichte Nebel durchzieht hier das ganze Unterdeck. Ich habe früher auch geraucht. Meist Zigarren oder auch mal ein Zigarillo. Mit dem Eintritt ins Klosterleben habe ich das aber aufgegeben. Meiner Vorstellung nach passte es nicht zu einem Dasein als Mönch. Dann probierte er den Primitivo. Nahm einen kleinen Schluck, schlürfte ihn und nickte zustimmend, als er ihn die Kehle hinunter laufen ließ. Pet schaltete sein Laptop aus und wandte sich Greg zu. Und mundet er dir? Einer aus Otto´s Schatzkammer. Bisschen kräftig, der hilft mir aber gut beim Einschlafen. Möchtest du eine Zigarre? Ich habe noch ein paar gute Torcedores aus Nicaragua.  Greg schüttelte den Kopf. Besser nicht, ich will mir das Rauchen nicht wieder angewöhnen, aber danke für das Angebot.

Dann saßen die beiden schweigend da und schauten sich an, bis Greg die Ruhe nicht mehr ertragen konnte. Leidest du unter Einschlafstörungen oder so etwas? Pet nickte. Ja, manchmal. Eher aber an dem Elend, dass ich nicht durchschlafen kann. Man gewöhnt sich dran, glaube ich auf jeden Fall. Alkohol behebt das Problem genauso wenig wie Sport, Meditation oder sonst etwas. Es ist einfach so. Pet zelebrierte nun das erneute Stopfen seiner Pfeife und das wiederholte Anzünden des Tabaks.

Ich fühle mich wohl hier. Seit Jahren kann ich mal wieder tief durchatmen. Liegt nicht nur an der Seeluft, ich fühle mich einfach befreit. Greg machte eine kurze Pause und trank nochmals einen Schluck Rotwein. Die Veränderung damals vom hektischen Berufsleben in das Leben eines Klosters waren schwer durchzustehen. Das war wie ein Sturz aus einhundert Meter Höhe und ein brutaler Aufschlag auf dem Boden. Allerdings ohne körperliche Verletzung und doch sehr schmerzhaft. Diese Ruhe im Orden, die immer gleichen Handlungen, die strengen Regeln die man zu befolgen hatte. Ich dachte damals, mein Kopf würde dadurch frei werden. Wurde er aber nicht.

Pet nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte und sie prosteten sich zu. Das was du über deine Vorfahren in der Taverne beim Abendessen in Siracusa erzählt hast, war das ernst gemeint? Diese genetische Vorbelastung, Bürgerlich, Soldat, Winzer, Seefahrer. Das hat mich nachdenklich gemacht. Und wieder nickte Pet, trank einen kleinen Schluck Primitivo und sortierte kurz seine Gedanken, bevor er Greg antwortete. Ja ich glaube daran. Das was wir genetisch an Informationen mitbekommen, kann doch nicht alleine unsere Körperlichkeit betreffen. Ich denke, dass wir da mehr an Informationen bekommen und die beinhaltet auch das, was unsere Vorfahren mal waren, was sie erlebt haben, was sie geprägt hat. Du als Benediktiner Mönch müsstest das doch gut verstehen. Oder wie erklärt man sonst die Erbsünde. Entschuldige bitte, das mit der Erbsünde war nicht ganz so ernst gemeint. Das ist auch sicher ein sehr schwieriges Terrain, auf dem wir uns da bewegen würden. Greg schaute Pet nur an, gab ihm aber darauf keine Antwort.

Steht dein Angebot mit der Zigarre noch? fragte er unverhofft. Pet öffnete eine Schranktür, griff hinein und holte eine Holzkiste heraus. Darin lagen ein paar Zigarren, ein Spitzenschneider und Zündhölzer. Bediene dich.

Greg schnitt die Spitze ab, befeuchtete die Tabakrolle, zündete die Zigarre an und begann zu erzählen.

Fortsetzung folgt

   

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