Kapitel 20

24. April 2015 1.30 Uhr Hafen von Siracusa

Als Pet sich der Hafenmole näherte, an der die Blauzahn festgemacht hatte, sah er von weitem, dass dort ein Auto stand. Die Scheinwerfer waren noch an und man hörte das sonore Brummen eines Sportmotors. Als er näher kam, wurden die Scheinwerfer und der Motor ausgemacht. Im Licht der Laternen sah er, dass es sich um eine rote Alfa Guliette Cabrio handelte. Baujahr Mitte sechziger Jahre. Trevor und Pet warteten im Abstand von zehn Metern hinter dem Auto auf das, was nun wohl passieren würde.  Dem Fahrzeug entstieg eine Frau und ging bis zur Gangway. Dort schien sie auf etwas zu warten. Pet und Trevor liefen auf sie zu. Trevor hechelte so laut, dass die Frau auf die beiden aufmerksam wurde. Gulia Piro stand vor der Gangway. Guten Abend! Oder wie begrüßt man sich eigentlich, wenn man sich um diese Uhrzeit begegnet? fragte Pet. Eine Nacht voller Überraschungen, dachte er nebenbei.

Hallo. Ich konnte noch nicht schlafen und wollte mir bei Mondschein ihre wunderbare Segeljacht anschauen. Dass das nicht der wahre Grund für diesen Besuch war, hörte Pet schon, wie sie das aussprach. Und warum sind sie wirklich da? Seine Stimmlage war etwas zu aggressiv und Gulia Pira schaute betroffen auf den Boden. Sind das jetzt auch Ihre Vorfahren, die sie so aufbrausen lassen?" Diese Antwort machte ihn nun doch verlegen und er überlegte sich schnell, wie er die Spannung, die er wohl erzeugt hatte, beenden konnte. "Ja klar, mein Urgroßvater mütterlicherseits steckt da sicher dahinter. Aber das ist doch kein Gesprächsthema für diese Uhrzeit auf einer Hafenmole mit einer Frau. Kann ich etwas für Sie tun? Ein Lachen war der Ansatz zu einer Antwort. Ja, laden Sie mich noch auf einen Schluck Wein auf Ihre Jacht ein?" Das war keine Frage, das war eine klare Aufforderung. Pet nickte und ließ Trevor von der Leine. Der sprang zuerst auf Gulia Piro zu, beschnupperte sie, während sie etwas ängstlich dreinschaute, das Cabrio wurde noch kurz in Augenschein genommen  und dann ging´s über die Gangway auf die Blauzahn. Gulia Piro und Pet folgten ihm. In der Messe saß noch der Kapitän und rauchte eine Pfeife. Ein Glas Rotwein stand vor ihm. Ein Gast zu so später Stunde? stellte Lars - Gulia begrüßend - fest. Nehmen Sie Platz. Rotwein oder etwas anderes? Trevor unterbrach die gerade entstehende Stille, weil er lautstark seine leere Wasserschüssel bearbeitete. Entschuldigt mich bitte kurz, aber die Flasche ist leer und ich muss in den Weinkeller. Pet´s Aussage sorgten bei Gulia Piro für einen heftigen Lachanfall. Und sie hatte wirklich ein wunderbares Lachen.

Unten traf Pet noch auf Otto, der sich eine Flasche Wasser holen wollte. Komm nach oben, wir trinken noch einen Schluck Wein und.wir haben Besuch. Otto überlegte kurz und meinte dann. Was wollen wir trinken, Rot oder Weiß. Lass mal, ich entscheide. Ich bin für Rot, Frankreich, Bordeaux. Ich suche nach einem guten Tropfen und komme dann nach oben.  Pet ging noch in seine Kajüte und holte sich auch eine Pfeife und Tabak. Als er oben in der Messe ankam, öffnete Otto gerade die Weinflasche. Er übernahm auch die Gesprächsführung, da Lars und Pet sich mit Tabakfragen beschäftigten und die Zeremonie des Pfeifestopfens und das Entzünden des Tabaks doch ein gewisses harmonisches Schweigen erforderte.

Als die beiden dem Gespräch wieder konzentriert folgen konnten, war Julia Piro gerade dabei, ihre Aufgaben als Tourismusmanagerin zu erklären. Wie Lars und Pet fanden, war es offensichtlich sehr spannend, in Italien ein solches Amt inne zu haben. Der Spagat, der hier gefordert war, zwischen dem, was die Touristen erwarteten, was das Tourismusgewerbe erwartete und was die Administration für Erwartungen hatte, war nicht leicht zu bewerkstelligen. Dann gab es  noch Gewerbetreibende, die gerne nur die Sahne vom dem Tourismuskuchen gegessen hätten. Sie sprach nicht offiziell von der Mafia, aber die spielte hier offensichtlich auch eine Rolle.

Inzwischen war es weit nach 4.00  Uhr geworden und nach der vierten Flasche Rotwein waren alle recht müde. Lars bot an, Gulia - man war inzwischen beim Du angekommen - ein Taxi zu rufen. Sie lachte laut. Um diese Uhrzeit hierher ein Taxi zu bekommen ist unmöglich. Ich werde die fünf Kilometer laufen müssen. Fahren geht auf keinen Fall mehr. Wenn mich einer der Herren begleiten würde? Otto schüttelte stellvertretend für die beiden anderen den Kopf. Das wäre ja prinzipiell sehr schön, so eine Nachtwanderung, aber bitte, wir können dir unser Gästezimmer anbieten. Wir haben hier alles, was man benötigt, sogar neue Zahnbürsten und einen frischen Bademantel, den wir dir gerne ausleihen würden. Leider haben wir keine separate Damentoilette. Otto verneigte sich nach seinen Ausführungen und deutete zu Niedergang. Wenn du willst? Sie nickte müde und folgte ihm. Lars brummte nur vor sich hin. Wenn das bloß nicht zu viel Aufregung gibt. Ich hoffe, er quartiert sie in der Kabine zwischen der Kabine von Greg und dem WC ein. In der anderen freien Kajüte habe ich meinen Whisky stehen. Habe ganz vergessen, den in den Vorratsraum umzupacken. Pet grinste in sich hinein.

Um 7.00 Uhr wurde Marc, der gerade in der Kombüse hantierte, von Trevor darauf aufmerksam gebellt, dass jemand versuchte, aufs Schiff zu kommen. Unten an der Gangway stand ein Bäckersjunge mit ein paar Tüten. Die waren voll mit frischem Gebäck, italienischem  Kaffee und einem großen Obstkorb. Marc nahm das gerne entgegen. Der junge Lieferant meinte Mit Empfehlung von Monsignore Cartone und hier ist noch ein Brief von ihm.  Marc öffnete ihn, konnte aber nicht lesen, was darin stand. Er gab ihn an den Jungen zurück. Kannst du das lesen? Der verstand aber sein bretonisch gefärbtes Französisch nicht und Englisch konnte er auch nicht. Also schnappte sich Marc die Tüten und den Brief und wanderte damit zurück in sein Reich, die Kombüse. Dann wollte er zu Greg, weil er meinte, Monsignore müsste sicher etwas mit Greg zu tun haben. Er fand ihn vor der Dusche neben der freien Kajüte. Sag mal, wer duscht denn da so lange? Oder ist da jemand unter der Dusche eingeschlafen? Marc schüttelte nur den Kopf. Keine Ahnung, wer das sein könnte, aber ich glaube, ich habe da eine Nachricht für dich. Von einem Monsignore Sowieso. Der hat uns einige feine Sachen zum Frühstück geschickt. Greg nahm den Brief entgegen und begann laut zu lesen und stoppte nach den ersten fünf Wörtern. He, das ist gälisch. Ich übersetze es gleich mal. 'Hallo liebe Mannschaft der Blauzahn. Ich möchte mich für den schönen und sehr interessanten Abend mit Ihnen bedanken. Ich möchte Ihnen mit diesen Zeilen meine Bewunderung darüber aussprechen, dass Sie sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu bereisen, um sich selbst und andere neu kennenzulernen. Offen gestanden würde ich sie gerne einen Teil ihres Weges begleiten. Leider erlauben es mir meine Aufgaben nicht, mir die Zeit dafür zu nehmen, aber es würde mich freuen, wenn ich schriftlich oder per Bildnachricht immer wieder etwas von ihnen lesen oder sehen könnte. Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein paar Frühstücksleckereien zukommen zu lassen. Gott schütze Sie auf Ihrer Reise. Ihr Monsignore Cartone  Greg schaute kurz auf, um dann abzuschließen. Unten steht noch seine eMail-Adresse und seine postalische Anschrift. Freundlich von ihm, oder?

Plötzlich öffnete sich die Türe zur Dusche und heraus kam Gulia Piro in einem weißen Bademantel, der ihr viel zu groß war und den sie zu locker festgebunden hatte. Guten Morgen, meine Herren grüßte sie höflich und verschwand in der eigentlich freien Kabine. Meinte der Monsignore das mit Frühstücksleckerei? fragte Greg mit einem sehr ernsten Gesicht. Nein, die hat gerade einer in Tüten gebracht. Die Dame war aber in keiner der Tüten drin. Sie muss schon länger da sein! Marc grinste, ließ Greg stehen und ging zurück in seine Kombüse. Verwirrt ging Greg in die nun freie Dusche. 

Als sich alle zum Frühstück in der Messe versammelt hatten, erklärte ihnen Lars, wer ihr Gast war und warum Frau Gulia Piro hier an Bord übernachtet hatte. Als sie selbst danach in der Messe auftauchte und sie von Otto, Lars und Pet mit "guten Morgen Gulia" begrüßt wurde, war der Rest der Mannschaft doch etwas irritiert. Nein Freunde, vergesst es. Diese Gedanken, die ihr eventuell gerade habt, sind falsch rief Otto in die Runde. John´s Mund stand weit auf. Da er nichts sagen konnte, schluckte er schwer an dem, was gerade in ihm an Gedanken hochkam. Gulia Piro nahm neben Greg Platz, bekam von Marc einen Kaffeebecher hingestellt, als ob er das schon lange so gewohnt war. Erst danach war der Rest der Mannschaft in der Lage, sie zu begrüßen. Die kurze Nacht und der Alkohol hatte Spuren auf den Gesichtern der Männer hinterlassen und ein Teil der Mannschaft ärgerte sich nun darüber, dass sie doch etwas ungepflegt zum Frühstück erschienen waren. Aber immerhin waren alle recht ordentlich angezogen.

Nach dem Frühstück verabschiedete sich Gulia mit einer solchen Herzlichkeit, dass sie dem einen oder anderem doch noch die pubertäre Röte ins Gesicht trieb. 

Nun erzählte Pet, wen er bei seinem nachmitternächtlichen Spaziergang getroffen hatte und dass die Neon und Ageli auch hier vor Anker lagen. Wilhelm machte den Vorschlag, man sollte doch den beiden Kapitänen mitteilen, wo ihr nächstes Ziel lag, damit sie die Blauzahn nicht suchen müssten, wenn sie aus deren Radar mal verschwunden sei. Ein allgemeines Kopfschütteln zeigte Wilhelm, dass die Idee nicht gut angekommen war.

Um 12.30 Uhr meldete sich Lars beim Hafenkapitän ab und die Blauzahn segelte los. Man wollte noch das Tageslicht ausnutzen, um auf die Festlandsseite von Italien wechseln. Ziel war ein Jachthafen in Kalabrien Marina Marlin Bianco. Die einhundertsechzig Kilometer würde man in etwa 7 Stunden schaffen.  Durch die vielen Flüchtlingsboote war die Küstenwache sehr aufmerksam und es war auch für eine Jacht wie die Blauzahn besser, in einem Hafen zu ankern. Zudem sollte eine Lieferung an Material, das Otto und Pet für ihre Reise bestellt hatten, dort bereitliegen. Otto hatte sich Stoff für seine Westenkollektion bestellt und Pet wollte mit Wilhelm zusammen eine zusätzliche Dämmung für den Motorraum installieren. Die Bauteile dafür hatte man im Internet zufällig bei einer Werft in der Nähe des kleinen Jachthafens gefunden.

Tatsächlich kam die Blauzahn um 19.00  Uhr im Hafen an. Die Überfahrt war unspektakulär verlaufen, aber die Küstenwache wollte die Blauzahn sofort nach dem Anlegen kontrollieren. Ein Fünfzehnmannteam der Guardia Costiera kam an Bord. Die Herren wirkten sehr nervös und als Trevor sich laut bellend darüber beschwerte, dass Fremde sein Schiff betreten, zog einer der Beamten seine Waffe. Lars laute und sehr bestimmend wirkende Stimme deeskalierte die Situation sofort. Trevor legte sich heftig knurrend vor den Beamten, der dann seine Waffe wieder einsteckte. Der Offizier, der das Enterkommando führte, entschuldigte sich sofort bei Lars für dieses Missverständnis, wie er sich ausdrückte. Alle Pässe wurden kontrolliert und die Blauzahn von unten bis oben untersucht. Der Offizier erklärte diese Aktion damit, dass Tage zuvor eine maltesische Jacht zwölf Schiffbrüchige an Land gebracht hatte, ohne den Hafenmeister oder die Küstenwache darüber zu informieren. Die Schiffbrüchigen hatten sie unterwegs von Malta kommend aufgefischt und wollten durch diese Aktion langen Befragungen durch die Behörden entgehen. Man habe bisher nur drei der Schiffbrüchigen gefunden und zwei davon hatten Pocken.

Nichts, was die Küstenwache hätte ärgern können, wurde auf der Blauzahn gefunden. Die Waffen waren unter Trevor´s Toilette versteckt und die wollte keiner untersuchen. Damit war der Besuch der Bewaffneten abgeschlossen. Die beiden Kartons, die man erwartete, lagen beim Hafenmeister und sollten am kommenden Morgen geliefert werden.

Der Offizier bat die Mannschaft, das Schiff nicht zu verlassen. Auf der Mole patrouillierten Karabinieri. Nur Pet durfte mit Trevor dreißig Meter von der Gangway einen kleinen Spaziergang machen. Er wurde dabei aber argwöhnisch von den Männern in der blauen Uniform beobachtet.

Am nächsten Morgen wurden die beiden Pakete geliefert. Pet und Wilhelm machten sich sofort an den Einbau der Dämmung am Schott zum Maschinenraum. Seit dem Tuning der Triebwerke waren die Motorengeräusche etwas stärker geworden und man hörte das Brummen des Generators und der Motoren verstärkt im Unterdeck.

25. April  2015  

Lars meldete sich um 10.00 Uhr beim Hafenkapitän ab. Um 10.15 Uhr machten Otto und Alberto die Leinen los und die Blauzahn lief mit Motorkraft aus dem Hafen. Lars war am Steuerrad und John stand neben ihm. Jose untersuchte noch die Zurrgurte des Beiboots an Deck und wollte gerade das Beiboot am Heck kontrollieren, als er einen großen Gegenstand Backbord´s der Jacht vorbeitreiben sah. Er holte einen Bootshaken und versuchte damit den Gegenstand zu greifen. Erst nach dem dritten Versuch gelang es ihm. Er rief seinen Bruder, ihm zu helfen und zu zweit konnten sie das Treibgut erreichen. 

Sie zogen einen Gegenstand an die Bordwand heran, das aussah wie ein Plastiksack - gefüllt mit etwas Unbekanntem. Kurz bevor sie es zu sich an die Bordwand bewegt hatten, riss die Plastikfolie auf und sie konnten kurz sehen, dass es sich um Tücher oder Kleidungsstücke handelte. Der Sack füllte sich schnell mit Wasser und wurde so schwer, dass sie ihn nicht mehr halten konnten. Er sank vor ihren Augen ab. Sie konnten nur einen einzigen Fetzen Tuch, der sich im Haken verfangen hatte, an Bord ziehen. Als sie diesen dann ausbreiteten, erinnerte er an einen Kaftan.

 

Fortsetzung folgt    

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Kommentare: 1
  • #1

    veronika (Donnerstag, 09 Juli 2015 06:46)

    Die Geschichte ist nie langatmik sind tolle Ideen darin und immer wieder spannend. Weiter soooooo